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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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Ein Tag in der Heimat

Als Wally über den Steg zurückging, schwindelte ihr. Jetzt erst fühlte sie, wie ihr das Blut im Kopf war. Die mildere Luft hier unten erschien ihr gegen die dünne Eisluft auf dem Ferner schwer und beklemmend, der Vogel, der sich bei der Bewegung des Gehens wackelnd auf ihrer Schulter festkrallte, alles war ihr quälend, unleidlich. So kam sie endlich in ihrem heimischen Dorfe an. Sie mußte es durchschreiten, um zum letzten Haus, zum Höchsthof, zu gelangen. Alle Dörfler, die gerade mit dem Untermahl fertig waren, steckten die Köpfe zum Fenster heraus und zeigten mit den Fingern nach ihr. »Da schaut's, die Geier-Wally! Hast endli 'runter dürft? Und dein' Geier hast au wieder mitbracht, seid's nit miteinander derfroren? Dei Alter hat di schön zappeln lass'n da droben!« »Zeig, wie schaust aus? No, braun und schiech bist wor'n wie a Schnalser Hirt!« »Etsch, etsch! Gelt, jetzt bist zahm wor'n da droben – ja, ja, so geht's, wann mer sein'n Vatern nit folgt!«

So regnete es schadenfrohe Redensarten um sie her, daß sie die Augen zu Boden senkte, und eine brennende Röte der Scham und Bitterkeit bedeckte ihre Stirn. Beschimpft, verhöhnt – so zog das stolze Kind des Höchstbauern wieder in die Heimat ein. Und das alles – warum? Ein unversöhnlicher Haß wucherte in ihr auf, und das war schlimmer als Zorn, denn der Zorn kann sich beruhigen, aber der echte, aus verbittertem, mißhandeltem Herzen erwachsene Haß schlägt seine Wurzeln durch das ganze Sein, er ist eine stille fortgesetzte Tat ohnmächtiger Rache.

Schweigend stieg Wally die Anhöhe hinter dem Dorfe hinan, von der der Höchsthof stolz herniedersah.

Niemand bemerkte ihre Ankunft als der taube Klettenmaier, der unter dem Holzschuppen im Hofe Brennholz für den Wintervorrat spaltete; die anderen waren auf dem Feld.

»Grüaß di Gott!« sagte er und lüftete vor seinem Herrenkind das Käppchen.

Sie setzte ihre Bürde, den schweren Hansel, zur Erde und gab dem Alten die Hand.

»Aber gelt? Die Luckard!« sagte er.

Wally nickte.

»Ja, ja«, fuhr er fort, ohne jedoch mit der Arbeit innezuhalten, »wenn der Vinzenz 'n Haß auf eins hat, da ruht er nit, bis er's 'naus g'schunden hat! Mich hätt er au gern weg, weil er scho g'merkt hat, daß i zur Luckard g'halten hab, und er moant halt, wann koaner mehr auf 'm Hof wär, der dir hilft, nachher wärst nit so trotzig. Und weil er mir sonst nix anhab'n kann, so laßt er mi die härt'ste Arbeit tuan. Jetzt muaß i alle Tag 'n Wagen voll Holz kloan machen. I kann scho bald nimmer. Weißt, i bin sechsnsiebzg Jahr alt, und heut is der dritte Tag. Aber des gerad möcht er, daß er nacher 'n Stromminger sagen könnt, i sei zu nix mehr z' brauchen, oder daß i von selber gingt, wann i 's nimmer aushalten könnt. Aber wo soll i no hin in mei'm Alter? I muaß es aushalten!«

Wally hatte der Rede des Alten mit düsterem Blick zugehört. Jetzt ging sie rasch ins Haus, um für den alten Mann Brot und Wein zu holen. Aber die Vorratskammer war verschlossen, ebenso der Keller. Wally ging in die Küche. Das Herz tat ihr weh – hier war die eigentliche Heimat der Luckard gewesen, sie meinte, die Alte müsse ihr entgegenkommen und fragen: »Wie is dir's gange – was möcht'st – was kann i dir z'lieb tun?« Aber das war vorbei. Eine fremde, robuste Magd saß am Herd und schälte Kartoffeln.

»Wo sind die Schlüssel?« fragte Wally.

»Was für Schlüssel?«

»Zur Speis'kammer und zum Keller!«

Die Magd sah Wally frech an: »Hoho, nur staad – wer bist dann du?«

»Das wirst dir wohl denken können«, sagte Wally stolz, »i bin die Haustochter!«

»Haha!« lachte die Magd – »da mach nur, daß d' aus der Kuchel kommst. Der Stromminger hat verboten, daß d' ihm's Haus betrittst; 'nüber g'hörst in d' Tenna, da is dei Kammer, verstehst mi?«

Wally wurde bleich wie der Tod. Also so – so sollte es ihr in ihres Vaters Hause gehen? Die Walburga Strommingerin sollte unter die letzte Magd ihres eigenen Erbhofes gestellt sein? Es war nicht nur, um sie aus der Nähe des Vaters zu verbannen, es war darauf abgesehen, sie durch entehrende Behandlung zu beugen? Und das der Wally – der Geier-Wally, von der ihr Vater einst stolz gesagt hatte, ein Mädel, wie sie, sei mehr wert als zehn Buben! –

»Gib mir die Schlüssel!« befahl sie mit starker Stimme.

»Haha – das war noch schöner. Der Stromminger hat g'sagt, wir soll'n dich halten wie a Futtermagd – und von die Schlüssel is gar kei Red, i hab die Aufsicht im Haus und geb nix her, als was der Bauer erlaubt.«

»Die Schlüssel!« schrie Wally in ausbrechendem Zorn, »i befehl dir's!«

»Du hast mir gar nit z'befehlen – weißt? I bin beim Stromminger in Dienst und nit bei dir. Und in der Küchel bin i Herr, verstehst? So will's der Stromminger! Und wenn der Stromminger sei eignes Kind schlechter haltet als uns Mägd – so wird er scho wissen, warum!«

Wally trat dicht vor die Dirne hin, ihre Augen flammten, um ihren Mund zuckte es – der Dirne wurde es unheimlich. Aber nur einen Augenblick kämpfte Wally, dann siegte ihr Stolz – mit der elenden Magd hatte sie nichts zu schaffen. – Sie ging hinaus. Ihre Pulse hämmerten, es flimmerte ihr vor den Augen, ihre Brust hob und senkte sich keuchend – es war zuviel, was heute über sie hereinbrach. Wie eine Nachtwandlerin schritt sie über den Hof, nahm dem alten Mann, der vor Anstrengung zitterte, das Holzbeil aus der Hand und führte ihn zu einer Bank, daß er sich ausruhe. Der Klettenmaier wehrte sich rechtschaffen, er durfte ja die Arbeit nicht aussetzen, aber Wally sagte, sie wolle für ihn arbeiten.

»So segn dir's Gott, du hast a gut's Herz!« sagte der Mann und setzte sich müde auf die Bank. Wally trat unter den Schuppen und spaltete mit wuchtigen Streichen die schweren Scheiter. So zornig schwang sie das Beil, daß es sich bei jedem Streich durch das Holz tief in den Hackklotz eintrieb. Der Klettenmaier sah ihr verwundert zu, wie ihr's von Händen ging, besser als einem Knecht. Und er freute sich daran, er hatte ja das Kind auch seit seiner Geburt so aufwachsen sehen und hatte es gern in seiner Art. Da sah Wally von weitem die verhaßte Gestalt des Vinzenz kommen und hielt unwillkürlich mit der Arbeit inne. Vinzenz sah sie nicht. Er kam hinter dem Klettenmaier her und stand plötzlich dicht vor dem Erschrockenen. Wally beobachtete ihn drin im Schuppen. Er packte den Knecht beim Wams und riß ihn in die Höhe: »Holla!« schrie er ihm ins Ohr, »is des g'arbeit't? Du fauler Troddel du – so oft i komm, sitz'st 'rum und tust nix – jetzt hab i 's g'nug! I will dir Füaß mach'n!« Und er gab ihm mit dem Knie einen Stoß, daß der zittrige alte Mann weithin auf das Straßenpflaster des Hofes fiel.

»O Bauer, helft mir auf«, bat der Knecht; aber Vinzenz hatte einen Prügel ergriffen und holte aus: »Wart nur – du sollst glei sehen, wie ma fauli Knecht aufhilft!« In diesem Augenblick spürte Vinzenz einen Schlag auf den Kopf, daß er laut aufschrie und zurücktaumelte. »Jesus, was is des!« lallte er und sank auf die Bank.

»Des is die Geier-Wally!« antwortete ihm eine vor Grimm bebende Stimme, und Wally stand vor ihm, das Holzbeil in der Hand, mit bleichen Lippen und stieren Augen, nach Luft ringend, als ersticke sie der Schlag ihres wildpochenden Herzens. »Hast's g'spürt?« stieß sie mit langen Unterbrechungen atemlos heraus – »hast's g'spürt, wie's tut, wenn ma Schläg kriegt? I will dich lehren, mein'n alten, treuen Knecht schinden. Die Luckard hast mir scho untern Boden 'bracht und jetzt willst's mit dem armen Klettenmaier au so machen? Nein, eh i so 'n Unfug leid, steck i mei eigen's Erbgut in Brand und räuchr dich 'naus, wie ma d' Fuchs ausbrennt!« Sie hatte währenddessen dem Klettenmaier aufgeholfen und führte ihn zur Scheuer: »Geh nein, Klettenmaier, und erhol dich«, befahl sie ihm, »i will's!«

Klettenmaier gehorchte, er fühlte, daß sie in diesem Augenblick Herr war. Aber unter der Tür machte er sich von ihr los und sagte kopfschüttelnd: »Geh, Wally – das hätt'st nit tun soll'n – geh, schau nach 'm Vinzenz, i mein, du hast'n schwer 'troffen.«

Sie ließ den Alten und trat wieder hinaus. Vinzenz war ganz still. Sie warf einen scheuen Blick auf ihn. Er hatte das Bewußtsein verloren und lag ausgestreckt auf der Bank; das Blut tropfte ihm vom Kopf herab in den Sand. Rasch entschlossen ging Wally in die Küche und rief der Magd zu: »Komm 'raus, bring Essig und a Tüchel und hilf mir.«

»Hast scho wied'r was z' kommedier'n?« lachte die Dirn laut auf, ohne sich vom Fleck zu rühren.

»'s nit für mich«, sagte Wally mit einem unheimlich bösen Blick und nahm selbst die Essigflasche vom Sims – »der Vinzenz liegt draußen – i hab ihn g'schlagen.«

»Jesus Maria!« kreischte die Magd auf – und statt dem Vinzenz zu Hilfe zu eilen, rannte sie in Haus und Hof herum und schrie: »Zu Hilf, die Wally hat'n Vinzenz derschlag'n!«

Von allen Seiten hallte der Schreckensruf wider und klang weiter bis ins Dorf, und alles lief zusammen.

Wally hatte indessen den Klettenmaier zum Beistand geholt und wusch den Ohnmächtigen mit Essig und Wasser. Sie begriff nicht, wie die Wunde so schlimm sein konnte. Sie hatte nicht mit der Schärfe, nur mit der Rückseite des Beils geschlagen, aber der Streich war mit einer Kraft geführt, von der sie selbst nichts wußte. Der so lang verhaltene Grimm in ihr hatte sich in dem einen Schlag entladen, daß es schmetterte wie vorher beim Holzspalten.

»Was is da g'schehn?« dröhnte eine Stimme Wally ins Ohr, bei der ihr das Blut stockte – ihr Vater hatte sich am Krückstock herausgeschleppt. »Was hat's da 'geb'n?« tönte es aus zwanzig, dreißig Kehlen nacheinander, und der Hof füllte sich mit Menschen.

Wally schwieg.

Ein dumpfes Summen entstand um sie her, alles drängte sich heran, betastete, beschaute den Leblosen. »Is er tot? – Muß er sterben?«

»Wie is des gange?«

»Hat's die Wally 'tan?« scholl es herüber und hinüber.

Sie stand da, als höre und sehe sie nicht, und legte dem Verwundeten einen Verband an.

»Kannst nit reden mehr?« donnerte sie jetzt ihr Vater an. »Wally, was hast g'macht?«

»Ihr seht's ja!« war die kurze Antwort.

»Sie g'steht's ein!« schrien alle wild durcheinander, »Jesus, die Frechheit!«

»Du Galgenbrut du!« schrie Stromminger. »So kommst von da droben 'runter ins Vaterhaus?«

Wally lachte bei dem Wort »Vaterhaus« laut auf und sah ihn mit einem durchbohrenden Blick an.

»Lach au noch!« schrie Stromminger. »I hab g'meint, du sollst dich bessern do droben und jetzt bist kaum a Viertelstund z' Haus, jetzt stellst schon wieder Unheil an?«

»Jetzt regt er sich«, rief eins der Weiber, »er lebt noch!«

»Tragt ihn ins Haus und legt ihn auf mei Bett!« befahl Stromminger und machte Platz an der Küchentür, wo er lehnte. Zwei Männer hoben Vinzenz auf und trugen ihn hinein.

»Wenn mer nur'n Doktor hätten!« jammerten die Weiber und folgten dem Kranken in die Stube nach.

»Hätten mer nur die Luckard noch, da brauchten mer koan'n Doktor«, meinten ein paar Männer, »die hat für alles was g'wußt.«

»So soll ma sie holen«, befahl Stromminger – »auf der Stell soll sie kommen!«

Wieder schlug Wally eine Lache auf: »Ja, die Luckard, gelt, Stromminger, jetzt möcht'st sie wieder haben? Jetzt holt sie Euch aufm Gott'sacker!«

Die Leute schauten sie betroffen an – »Is sie tot?« fragte Stromminger.

»Ja, vor drei Tagen is sie g'storb'n; das Herzeleid hat sie um'bracht, das Ihr ihr an'tan habt. Siehst, Stromminger, das g'schieht dir recht – und wenn der da drin stirbt, weil niemand da is, der 'was vom Kurieren versteht, so g'schieht's ihm au recht – des hat er an der Luckard verdient!«

Jetzt erhob sich ein Tumult – es war zu arg! »Nach so einer Übeltat au noch so reden und sagen, 's geschäh ihm recht, statt daß sie's reuen sollt! Da is ja koa Mensch seines Lebens mehr sicher! Und der Stromminger steht dabei und laßt sie reden und sagt kei Wort? Des is a schöner Vater!« So ging es hin und her, während Wally mit untergeschlagenen Armen trotzig unter der Küchentür stand und auf Stromminger blickte, der von ihrem Vorwurf unwillkürlich betroffen war. Jetzt aber kam ihm die Wut doppelt und sich auf seinen Krückstock aufrichtend, rief er in die Menge: »I will euch zeigen, was i für a Vater bin. Packt sie und bindet sie.«

»Ja, ja«, schrien die Leute durcheinander, »bindet sie, so eine gehört hinter Schloß und Riegel – aufs G'richt muß sie – die Mörderin!«

Wally stieß einen dumpfen Schrei aus bei dem Wort »Mörderin« und wich in die Küche zurück.

»Nein!« schrie Stromminger, »aufs G'richt laß i mei Tochter nit schleppen – meint ihr, i will die Schmach erleben, daß dem Höchstbauer sein Kind ins Zuchthaus kommt? Kennt's ihr den Stromminger nimmer? Brauch i 'n Gerichtshof, um a ung'ratenes Kind zu züchtigen? Der Stromminger is sich selber Manns g'nug, und auf mei'm Grund und Boden bin i mei eigene G'richtsbarkeit! I will euch scho zeigen, wer der Stromminger is, wenn i au lahm bin. In'n Keller sperr i sie und laß sie nit eher raus, als bis ihr der Trotz 'brochen is und sie mir vor euch allen auf die Knie nachrutscht! Ihr habt's alle g'hört, und wenn i nit Wort halt, so könnt's mich 'n Hundsfott heißen!«

»Heiliger Gott, hast denn kein Einsehen mehr?« schrie Wally auf. »Nein, nein, Vater, nit einsperren! Um Gottes willen, nit einsperren! – Jagt's mich fort, schickt's mich 'nauf auf'n Murzoll und laßt mich droben einschneien! – Verhungern will i, derfrieren will i – aber unter freiem Himmel. Wann's mich einsperrt 's, gibt's a Unglück!«

»Aha, möcht'st wieder 'naus, a Landstreicherin wer'n, des g'fiel dir besser? Nix da! I war bis jetzt nur z' schwach gegen dich: Du bleibst hinter Schloß und Riegel, bis d' mich und den Vinzenz auf die Knie um Verzeihung bitt'st.«

»Vater, des hilft bei mir nix – eh i des tät, eher wollt i im Keller vermodern, des könntet's scho selber wissen. Laßt's mich fort, Vater, oder – i sag's Euch noch amal, 's gibt a Unglück.«

»Jetzt is g'nug g'schwätzt – wie steht's ihr da? Was b'sinnt's euch? Soll i ihr selber nachspringe mit mei'm lahme Fuaß? Packt sie – aber fest – denn was a Strommingerbluat is, des zwingt noch euer zehne! Halt's euch dran!«

Die Burschen, gereizt durch diesen Spott, drangen in die Küche ein: »Die woll'n mer glei hab'n!« höhnten sie.

Aber Wally sprang mit einem Satz an den Herd und riß brennende Scheite aus dem Feuer: »Dem ersten, der mich anrührt, verseng i Haut und Haar!« schrie sie und stand da wie der Erzengel mit dem Flammenschwert.

Alle wichen zurück.

»Schamt's euch!« schrie Stromminger, »ihr alle miteinander werd't doch das eine Madel zwinge? Schlagt's ihr die Bränd mit Stecken aus der Hand«, befahl er fiebernd vor Zorn, denn jetzt war es Ehrensache für ihn, vor dem ganzen Dorf seiner Tochter Herr zu werden. Einige liefen und holten Stöcke – es war eine Jagd wie auf ein reißendes Tier, und zum reißenden Tier war auch Wally geworden. Die Augen blutunterlaufen, der Angstschweiß auf der Stirn, die weißen Zähne zusammenknirschend, so wehrte sie sich gegen die Meute, wehrte sich, ohne zu denken und zu überlegen, wie die Tiere der Wildnis, um ihre Freiheit – ihr Lebenselement. Jetzt schlugen sie mit Stöcken nach den Bränden in ihrer Hand – ihrer einzigen Waffe – da schleuderte sie die Brände in die Menge hinein, daß diese schreiend auseinanderwich, und immer neue riß sie aus dem Herd und warf sie wie feurige Geschosse den Angreifern an den Kopf. Der Aufruhr wuchs.

»Wasser her!« schrie Stromminger, »holt doch Wasser, löscht ihr's Feuer aus!«

Das war das letzte; geschah dies, so war Wally verloren. Ein Augenblick, und das Wasser war da – Verzweiflung faßte das Mädchen. Da kam ihr ein Gedanke – ein furchtbarer, verzweifelter Gedanke – aber da war keine Zeit zum Erwägen, der Gedanke war Tat, eh er ausgedacht – und ein brennendes Scheit in der Hand schwingend, stürzte sie sich pfeilschnell durch die Meute hinaus auf den Hof und schleuderte den Brand mit gewaltigem Wurf auf den offenen Heuboden mitten in das Heu und Stroh hinein.

Ein Schrei des Entsetzens!

»Jetzt löscht!« schrie Wally und flog über den Hof und zum Tore hinaus und weiter und weiter, indessen alles auf dem Hof heulend und tobend zum Löschen eilte, denn schon schlug die Lohe wirbelnd durch das Dach.

Mit der aufsteigenden Rauchsäule hob sich kreischend ein dunkler Gegenstand vom Dach empor, wie aus den Flammen geboren, kreiste ein paarmal hoch in der Luft darüber hin und flog dann der Richtung zu, die Wally genommen.

Wally hörte Geräusch hinter sich – sie glaubte, es seien die Verfolger, sie lief blindlings weiter. Es war Nacht geworden, aber es wollte nicht dunkel werden – ein heller Schein zitterte um sie her, daß man sie weithin sehen mußte. Sie stieg eine schroffe Felskante hinan, von der sie den Weg überblicken konnte – aber nun sah sie, daß ihr Verfolger durch die Luft kam. – Sie hatte erreicht, was sie gewollt, niemand dachte mehr daran, ihr nachzulaufen; den Hof zu retten war dringendere Arbeit, und alle Hände halfen dabei. Jetzt hatte der Geier sie eingeholt und prallte im Schuß an sie, daß er sie fast vom Felsen stieß. Sie drückte das Tier an die Brust und sank erschöpft zu Boden. Mit verschwommenem Blick schaute sie in den Feuerschein, der fern aufleuchtete und von den dunkeln Bergeshäuptern ringsum widerstrahlte. Mit glutrotem, zornigem Angesicht schaute ihre Tat sie an, drohend, überwältigend. Von allen Kirchtürmen aus den Ortschaften klang dumpfes Sturmgeläut herüber, und die Glocken summten ganz deutlich: »Mordbrenner! Mordbrenner!« Aber das furchtbare Lied sang ihr Bewußtsein in Schlaf – eine Ohnmacht breitete wohltätige Schleier über die gehetzte Seele aus.

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