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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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Die Luckard

Als nach etwa acht Tagen der Hirtenbub mit dem Vieh heraufkam, erschrak er fast vor Wally, so verstört sah sie aus; aber als er ihr sagte: »Der Vater läßt dich fragen, ob du's jetzt g'nug hätt'st da oben und dei Schuldigkeit tun wollt'st?« da biß sie die Zähne zusammen und antwortete: »Sag dem Vater, eher ließ i mich da oben stückweis vom Geier fressen, als dem, der mich da 'rauf g'jagt hat, noch was zulieb zu tun!«

Das war vorderhand die letzte Botschaft, die zwischen ihr und ihrem Vater ausgetauscht ward.

Als Wally ihre kleine Herde um sich hatte, die nur aus Schafen und Ziegen bestand, denn größeres Vieh fand in dieser Höhe nicht Nahrung genug, da kam ihr der alte Mut wieder, und die Bergwildnis verlor ihre Schrecken für sie. Sie war ja nun inmitten ihrer Schützlinge nicht mehr einsam, sie hatte wieder etwas zu arbeiten, für etwas zu sorgen. Denn war ihr auch der Geier ein treuer Gefährte gewesen, er konnte doch die Untätigkeit nicht bannen, die sie fast zur Verzweiflung brachte und alle finsteren Gedanken über sie Herr werden ließ.

So gewöhnte sie sich allmählich an die Einsamkeit, und sie wurde ihr lieb und traut. Das Leben mit seinen täglichen regelmäßigen Anforderungen beengt und beschränkt jede große Natur; hier oben konnte Wallys unbändiger Sinn uneingeschränkt auswuchern, hier oben war für sie volle Freiheit; kein Mensch war da, ihr zu widersprechen, kein fremder Wille stellte sich ihr entgegen, und als das einzige denkende Wesen weit und breit fühlte sie sich allmählich eine Königin auf ihrem einsamen hohen Throne, eine Herrscherin in dem unermeßlichen, stillen Reich, das ihr Auge überschaute. Und sie blickte endlich mit einer mitleidigen Verachtung von ihrer Höhe auf das armselige Geschlecht herab, das da unten im Brodem der Erde lüstete und gierte, feilschte und rechnete, und ein heimlicher Abscheu trat an die Stelle des Heimwehs. Dort unten war der Kampf und die Qual und die Schuld. Murzoll hatte wahrgesprochen in ihrem Traum – hier oben in dem reinen Element von Eis und Schnee, in der reinen Luft, die kein Rauch und kein Pesthauch zerstörten Lebens verdichtete, war der Friede, die Unschuld, hier zwischen den gewaltigen, ruhigen Formen der Gebirge, die sie anfangs erschreckt hatten, war die Ahnung des Erhabenen aufgegangen, und ihr Sinn hatte sich daran emporgehoben weit über das gewöhnliche Maß hinaus. Nur einer von allen den niedrigen Erdenbewohnern dort unten blieb ihr lieb, schön und groß nach wie vor. Es war Joseph, der Bärentöter, der Sankt Georg ihres Traumes. Lebte er doch auch wie sie mehr auf den Höhen als in der Tiefe, hatte er doch alle himmelanragenden Spitzen bestiegen, auf die sich kein anderer wagte, holte er doch die Gemse vom steilsten Felsen herab, und gab es für ihn weder in der Höhe noch in der Tiefe ein Schrecknis. Er war der stärkste, der mutigste Mann, wie sie die stärkste, mutigste Dirn! In ganz Tirol war ihm kein Mädel ebenbürtig wie sie – in ganz Tirol war kein Mann ihr ebenbürtig wie er. Sie gehörten zueinander, sie waren zwei Bergriesen – mit dem kleinen Geschlecht in der Tiefe hatten sie nichts gemein.

So lebte sie in ihrer Einsamkeit nur für ihn und wartete des Tages, wo sich die Verheißung erfüllen werde. Kommen mußte dieser Tag – und da sie dessen gewiß war, verlor sie die Geduld nicht.

So ging der Sommer herum, und der Winter stieg zu Tale, und sie sollte nun bald mit seinen wilden Vorboten, dem Sturm und dem Schnee, hinabziehen in die entfremdete Heimat. – Ihr bangte vor dem Gedanken. Sie hätte sich lieber hier oben in die tiefste Eisspalte verkrochen und ihr Dasein gefristet wie die wilde Bärin, als wieder hinabzusteigen in den Qualm und das Geplärr der niederen Spinnstube und mit dem grollenden Vater, dem verabscheuten Freier und dem schadenfrohen Gesinde eingekeilt zu sein in die engen Räume des Hauses, gefangen hinter fußhohen Wällen von Schnee, aus denen oft wochenlang kein Entkommen möglich war.

Je näher die Zeit rückte, desto schwerer wurde ihr ums Herz, desto verzweiflungsvoller lehnte sie sich gegen den Gedanken dieser Gefangenschaft auf. Aber die Zeit verstrich, ohne daß jemand sie zu holen kam. Es schien, als habe man sie da drunten vergessen. Immer kälter und winterlicher wurde es da oben, die Tage immer kürzer, die Nächte immer länger, zwei Schafe kamen im Schneesturm um; die Tiere fanden bald keine Nahrung mehr, und die Zeit, wo das Vieh sonst heimzieht, war vorüber. »Sie lassen uns da oben verhungern«, sagte Wally zu dem Geier, indem sie das letzte Stück Käse mit ihm teilte, und ein heimliches Grauen wandelte sie an; das junge, gesunde Leben sträubte sich in ihr gegen den schrecklichen Gedanken. Was sollte sie tun? Die Herde im Stich lassen und allein den Heimweg suchen, daß die unschuldigen Tiere elend zugrunde gingen? Nein, das tat die Wally nicht, die stand und fiel wie ein guter Feldherr mit ihrer Truppe! Oder sollte sie sich mitsamt der Herde aufmachen und, des Weges unkundig wie sie war, auf dem überschneiten Ferner herumirren, um endlich die Tiere eins nach dem andern im Schnee und Eis »verlahmen« oder in Felsspalten stürzen zu sehen? Auch das war unmöglich. Sie konnte nichts tun als warten!

Da endlich – an einem düsteren Herbstmorgen, wo man vor Nebel die Hand vor den Augen nicht sah, die kleine Herde zitternd vor Frost sich in ihrem Pferch zusammendrängte und Wally starr vor Kälte am Herdfeuer saß – da erschien der Handbub, der Wally heimholen sollte. Und wie ihr auch gegraut hatte bei dem Gedanken, hier oben langsam mit ihren Tieren zu verhungern, so wandelte sie jetzt doch wieder das ganze unverhehlte Entsetzen vor der Heimkehr an – und sie wußte nicht, welches Übel das größere sei: bei ihrem rauhen Vater Murzoll zugrunde zu gehen oder zu ihrem wirklichen Vater zurückkehren zu müssen.

Da unterbrach der Handbub das Schweigen: »Der Vater laßt dir sagen, du dürf'st ihm nur vor d' Augen komme, wann'st d' tun wollt'st, was er verlangt, wenn'st aber noch kei Vernunft annehme wollt'st, so müßtest bei die Kuhmägd bleiben im Stall, ins Haus dürf'st nit eini, das hab er g'schworen!« »Um so besser!« sagte Wally aufatmend, und der Bub sah sie verwundert an.

Jetzt ging sie leichten Herzens hinunter, sie war nun des Zusammenseins mit dem verhaßten Menschen überhoben und konnte für sich in Scheune und Stall leben – was ihr Vater ihr zur Strafe aussann, wurde ihr zur Wohltat. Nun konnte sie ganz ungestört ihren Gedanken nachhängen, und wenn es sie nach Zuspruch verlangte, hatte sie ja die Luckard, die es so gut mit ihr meinte. Ja, sie hatte erst in der Einsamkeit da oben einsehen gelernt, was solch ein treues Herz wert war, und das konnte ihr der Vater nicht nehmen.

Fast heiter ging sie jetzt ans Werk, um sich zur Heimfahrt zu rüsten. Seit ihr die Angst vor dem widrigen Zusammenleben mit ihrem Vater genommen war, dachte sie mit stiller Freude an den Jubel der Alten, wenn ihr Pflegekind wieder zurückkäme. Es war doch jemand, der sich auf sie freute dort unten, und das tat ihr wohl.

»Komm, Hansel«, sagte sie, nachdem sie alles zusammengepackt, zum Geier, der mit aufgeblasenen Federn verdrossen am Herd saß – »jetzt geht's abi zur Luckard!«

»Die Luckard is aber nimmer z'Haus«, sagte der Handbub.

»Was, wo ist sie?« fragte Wally erschrocken.

»Der Höchstbauer hat s' fortg'jagt.«

»Fortg'jagt – die Luckard!« schrie Wally auf. »Was hat's da geb'n?«

»Sie hat sich halt nit vertragen mit 'n Gellner-Vinzenz, und der gilt jetzt alles bei'n Höchstbauern«, berichtete gleichgültig der Bub und huckelte pfeifend die Kraxen mit Wallys Sachen auf. Wally war blaß geworden: »Und wo ist sie jetzt?«

»Bei der alten Annemiedel in Winterstall.«

»Wann is des g'schehn?«

»Oh, so vor a Wochener zehne. – Die hat amal g'schrauen! Und fast gar nit laufen hat s' könnt, so is ihr der Schrocken in d' Knie g'fahren. Der Klettenmaier und der Nazzi haben s' halten g'müßt, daß s' nit umg'fallen is. 's ganze Dorf is rum g'standen und hat zug'schaut, wie sie's nausg'führt haben.«

Wally hatte regungslos zugehört, das braune Gesicht war fahl geworden, und ihre Brust arbeitete heftig. Als der Bub geendet hatte, riß sie den Hirtenstab von der Wand, schwang sich den Geier auf die Schulter und schritt hinaus.

»Mach vorwärts!« herrschte sie mit rauher Stimme den Buben an, und schnell war die kleine Herde gesammelt, das Milchgeschirr aufgepackt, und der Zug setzte sich in Bewegung. Wally sprach kein Wort. Eine furchtbare Spannung war in ihren Zügen. Die Lippen zusammengepreßt, eine drohende Falte, die an ihren Vater erinnerte, zwischen den dichten Brauen, so zog sie mit mächtigen Schritten der Herde voran, und ihr fester Fuß drückte tiefe Spuren in den Schnee. Immer schneller ging sie, je weiter sie hinabstieg, so daß der Bub mit der Herde kaum nachkam, und wo es zu steil war, stieß sie die eiserne Spitze ihres Stabes ins Gestein und schwang sich mit gewaltigen Sprüngen hinab, daß nur der Geier in der Luft ihr über Klüfte und Felsspalten weg folgen konnte. Hirt und Herde verschwanden oft im Nebel hinter ihr. Dann blieb sie stehen und wartete einen Augenblick, bis sie wieder sichtbar wurden und der Bub ihr die Richtung des Weges angab, und weiter ging's ohne Rast und Ruhe, als handle sich's um ein Menschenleben.

Endlich war die Schneeregion überschritten, und Vent lag zu Wallys Füßen wie vor sechs Monden, wo sie heraufgestiegen, aber diesmal nicht im Glanz der Maisonne, sondern trübe, herbstlich tot und kalt. Der Handbub erklärte, in Vent müßte gerastet werden. Wally weigerte sich, aber der Handbub meinte, das hieße Mensch und Vieh schinden, wenn man nicht eine halbe Stunde ruhe. »Wegen meiner«, sagte Wally, »so bleib – i geh voraus. Jetzt kann i ja 'n Weg nimmer fehlen. Wenn sie dich fragen, wo i sei, wenn d' heimkommst, so sag nur, zur Luckard sei i gange!« Und weiter schritt sie, umrauscht von den Flügelschlägen des treuen Hansel, der nun fliegen konnte, wie er wollte, denn Wally beschnitt ihm die Schwingen nicht mehr. Jetzt war sie an der Stelle, wo die alte Luckard ihr bei der »Auffahrt« Lebewohl gesagt und umgekehrt war. »Die alte Luckard!« Wally sah sie noch ganz deutlich, wie sie dahinging und in die Schürze weinte, und sie sah ihre braunen, knochigen Arme, wie sie ihr noch einmal zuwinkten, und sah die silbernen Locken, die ihr immer aus der Haube hervorhingen, im Winde flatterten. Sie war in Ehren und Treuen grau geworden im Strommingerschen Haus, und nun Schande auf dies weiße Haupt! Und Wally hatte sich so leicht von ihr getrennt und ihr das Weinen verboten und sich ungeduldig losgerissen, da die Alte sie in ihrem Schmerz nicht aus den Armen lassen wollte, und keine Ahnung hatte ihr gesagt, welchem Schicksal sie die schutzlose Magd entgegensandte mit dem kargen Abschiedsgruß, und daß Luckard Schimpf und Schmach erleiden würde um ihretwillen! Wally lief und lief, als könne sie die Luckard, wie sie vor sechs Monden hier ging, noch einholen, und trotz des Herbstfrostes stand ihr der Schweiß auf der Stirn, der Schweiß beflügelter Eile, eine schwere Schuld der Dankbarkeit abzutragen – und eine heiße Träne perlte ihr im Auge, das immer die Alte mit ihrem stillen Weinen vor sich herschreiten sah. Sie ging so langsam, die Luckard, und Wally so schnell, und doch blieben sie immer gleich weit auseinander, und Wally konnte sie nicht einholen.

Einen Augenblick mußte Wally Atem schöpfen und ausruhen. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und die Tränen aus den Augen; dann trieb es sie wieder unerbittlich weiter. »Wart nur, Luckard – wart nur, i komm!« murmelte sie atemlos vor sich hin, wie zu ihrer eigenen Beruhigung.

Endlich tauchte der Kirchturm von Heiligkreuz vor ihr auf, und von da führte ein schwindelnder Steg hoch über die Ache nach einer einsamen Häusergruppe auf der anderen Seite der Schlucht. Es war das Örtchen »Winterstall«, wo die Luckard zu Hause war. Hinter den Häusern von Heiligkreuz bog Wally ab und überschritt die leichte Brücke, unter der die wilde Ache brauste und schäumte, als wollte sie ihren zornigen Gischt hinaufspritzen bis zu dem trotzigen Mädchen, das so unbekümmert in die schauerliche Tiefe niederblickte, als gäbe es keine Gefahr und keinen Schwindel auf der Welt. Die Brücke war überschritten, noch ein steiles Stück Weg aufwärts und da – endlich war es erreicht, das Ziel, nach dem sie mit pochendem Herzen gestrebt, sie war in Winterstall – und dort gleich links am Wege lag die Hütte der alten Annemiedel, der Base Luckards, mit kleinen, unter dem überhängenden Strohdach versteckten Fenstern. Dahinter saß die Alte gewiß und spann, wie immer zur Winterszeit, und Wally tat einen tiefen Atemzug aus erleichtertem Herzen. Sie hatte die Hütte erreicht, und ehe sie hereintrat, schaute sie lächelnd durch das blinde, niedere Fenster nach Luckard. Doch es war niemand in der Stube, es sah öde und unbewohnlich aus, und ein abgezogenes Bett stand unordentlich aufgeschichtet da. Ein rauchgeschwärzter, hölzerner Christus spannte am Kreuz seine Arme darüber aus, ein Stückchen Trauerflor und ein verstaubter Rautenkranz hing daran. Es war ein unbehaglicher Anblick, und Wally war dabei auf einmal alle Freude vergangen. Sie setzte den Geier auf ein Geländer, klinkte die Tür auf und trat in den engen Flur. An dessen Ende stand die kleine Küche offen, wo ein knisterndes Reisigfeuer auf dem Herde qualmte. Es wirtschaftete jemand in der Küche herum. Das war gewiß die Luckard, und klopfenden Herzens trat Wally hinein.

Die Bas stand am Herd und schnitt sich Brot zur Suppe ein; weiter war niemand da.

»Ach, mei Gott, die Stromminger-Wally!« schrie die Alte und ließ vor Staunen das Messer in die Schüssel fallen – »o mein Gott – wie schad!«

»Wo ist die Luckard?« fragte Wally.

»O mein Gott und Vater, wärst nur drei Tag früher komme – gestern hab'n mer 's begraben!« klagte die Bas.

Wally lehnte sich mit geschlossenen Augen stumm an den Türpfosten, kein Laut verriet, was in ihr vorging.

»Ach, des is schad«, fuhr die Alte redselig fort, »die Luckard hat g'meint, sie könnt nit sterben, wenn sie dich nit noch g'sehen hätt – und du bist au in die Karten immer daher g'standen, und Tag und Nacht hat s' gehorcht, ob d' nit kimmst. Und wie s' nachher 'n Tod g'spürt hat, da hat s' g'sagt: ›Jetzt muß i doch sterb'n und hab das Kind nimmer g'seh'n!‹ Und da hab i ihr noch amol ihre Karten geb'n müss'n, und da hat s' noch im Todeskampf die Karten für dich leg'n wollen, aber 's is nimmer 'gange, die Hand hab'n ihr zittert auf der Bettdecken, über amol sagt s': ›I siech nix mehr‹ – und streckt sich und hat ausg'schnauft.«

Wally schlug die Hände vors Gesicht – aber noch immer kam kein Wort über ihre Lippen. »Kumm eini in 'd Stuben«, sagte die Alte gutmütig. »I hab gar nimmer 'nein mög'n, seits mir die Luckard 'naustragen hab'n. I bin au immer so alleinig, und da war i froh, wie die Bas kimma is und hat g'sagt, sie wollt jetzt bei mir bleib'n. I hab's bald g'merkt, daß s' die Schand nit lang überlebt. Sie hat's alleweil aufm Magen g'habt und fast gar nix mehr essen könnt, und die ganze Nächt hab i s' weine g'hört – da is sie halt immer schwächer und kränker wor'n – bis s' g'storben is.«

Die Alte hatte das Zimmer geöffnet, in das Wally vorher geblickt, und sie traten ein. Ein Schwarm herbstmatter Fliegen summte verstört auf. In der Ecke stand Luckards altes Spinnrädchen steif und still, und das leere abgezogene Bett schaute sie so traurig an.

Aus einem Wandkästchen, auf dem die schwarze Muttergottes von Altenötting gemalt war, nahm die Bas ein vergriffenes Spiel deutscher Karten. »Da, schau, das G'spiel hab i dir aufg'hoben, i hab ja g'wußt, daß d'kimmst, 's hat alleweil in die Karten g'standen. Das san wahre Hexenkarten, und so an G'spiel, wo der Todesschweiß von a G'storbenen d'ran hangt, des is doppelt guat. I woaß nit, was dir für a Ung'mach g'schicht, aber die Luckard hat alleweil 'n Kopf g'schüttelt und gar derschrocken d'reing'schaut. G'sagt hat 's mir nit, was s' g'sehen hat, aber Guat's muß 's nix g'wesen sein.«

Sie gab Wally die Karten, diese nahm sie still und steckte sie in die Tasche. Die Bas wunderte sich, daß ihr der Tod Luckards so wenig nahe ging, daß sie so ruhig war und nicht einmal eine Träne vergoß. »I muß 'naus. I hab mei Bannadelsuppen am Feuer«, sagte sie; »gelt, du machst bei mir Mittag?«

»Ja, ja«, sagte Wally dumpf, »geht nur, Bas, und laßt mich a bissel ausruhn, i bin gar g'sprunge vom Hochjoch 'runter.«

Die Alte ging kopfschüttelnd hinaus: »Wenn die Luckard des g'wußt hätt, was des für a hartherzig's Ding is!«

Kaum war Wally allein, da verriegelte sie hinter der Bas die Tür und sank vor dem leeren Bett auf die Knie. Sie zog die Karten aus der Tasche, legte sie vor sich hin und faltete die Hände darüber wie über einer Reliquie. »Oh, oh«, schrie sie nun plötzlich in ausbrechendem Schmerz, »du hast sterben müssen, und i war nit bei dir! Und du hast mir dei Lebtag nix als Lieb's und Gut's 'tan – und i – i hab dir's nie g'lohnt. Luckard, alte liebe Luckard – hörst denn nit? Jetzt bin i ja da – und jetzt is 's z'spät! Sie hab'n mich aber au droben g'laßt, so lang wie mer koan'n Viehbuab'n droben laßt – aus Bosheit, daß i no recht frieren und mürb werden sollt. Und zwoa Stückeln Vieh hat's mich scho kost, und dich au derzu, du arme, brave Magd!«

Plötzlich sprang sie auf, und die rotgeweinten Augen leuchteten fieberhaft; sie ballte krampfhaft die braunen Fäuste: »Aber wartet nur, ihr da drüben – ihr Schinder, wann i komm! I will euch lehren, unschuldige, hilflose Leut von Haus und Hof jagen. So wahr Gott lebt, Luckard, du sollst's hören in dei Grab 'nein, wie i für dich einsteh!«

Ihr Auge fiel auf den Christus über dem Bett der Toten. »Und du, laßt auch alles gehn wie's geht – und hilfst kein'm, wenn er sich nit selber hilft«, grollte sie im Ungestüm ihres Schmerzes zu dem stillen, geduldigen Gott empor, den sie nimmer verstehen konnte. Sie war furchtbar in ihrem gerechten Zorn. Alles, was von der unbeugsamen Natur des Vaters in ihr lag, hatte sich dort oben in der Wildnis fessellos entfaltet, und das edle, große Herz, das nur die reinsten Impulse kannte, trieb, ohne es zu ahnen, verderblich siedendes Blut durch ihre Adern.

Sie raffte ihre Heiligtümer zusammen, die Karten, worauf der Finger der Sterbenden mit Todesschweiß die letzte Liebesbotschaft geschrieben; dann trat sie hinaus und ging in die Küche zur Bas.

»Ich will jetzt wieder weitergehn, Bas«, sagte sie gefaßter. »I bitt Euch nur, sagt mir, wie denn alles ganga is mit der Luckard und dem Höchstbauer« – sie nannte ihn nicht mehr ›Vater‹.

Die Bas hatte eben die Suppe in einer hölzernen Schüssel angerichtet und nötigte Wally, mitzuessen. »Weißt«, sagte sie, während Wally aß, »der Vinzenz, der versteht's gar guat mit deim Vater'n und hat 'm völli 's Neujahr abg'wonne. Der Stromminger hat seit dem Sommer 'n offenen Fuaß und kann nit laufen. Da hockt der Vinzenz alle Abend bei 'm und vertreibt 'm die Zeit mit Kartenspielen und laßt 'n alleweil g'winne – er denkt, er kriegt's doch amol wieder, wann er dich kriegt! Der Alte kann schier gar nimmer leben ohne den Vinzenz, und so hat er ihm halt z'nach und z'nach die ganze Aufsicht übergeb'n, weil er mit sei'm kranken Fuaß nimmer selber nachgehn kann. Jetzt moant der Vinzenz, der Höchsthof g'hört ihm scho halber, und wirtschaft't d'rauf rum, wie er mag. Da san halt die Händel mit der Luckard an'gange, denn die Luckard, die hat halt immer nach 'm Rechten sehen woll'n, wie sie's g'wohnt war, und der Vinzenz hat ihr alles aus die Händ g'nomme, und sie hat gar nix mehr sag'n dürft. Nachher wie er g'seh'n hat, daß sich die Luckard gar abhärmt, da hat er amol zu ihr g'sagt, er woll sie scho wirtschaften lassen, wie wenn sie die Bäuerin wär, und er woll au a Aug zudrücken, wenn s' sich auf d'Seit brächt, so viel s' möcht, wenn sie 'm nur helfen wollt, daß er dich kriegt, denn er wiss' scho, daß s' alles über dich vermöcht. – Und da is halt die Luckard grob wor'n: Sie hab ihr Lebtag nix g'stohlen, sagt 's, und werd's au jetzt auf ihre alten Täg nit anfange – sie woll nix, als was s' sich ehrlich verdienet, und an Mann, der ihr so was Schlecht's nachsehen tat, den tät sie der Wally scho gar nit rekometieren, hat 's g'sagt. Was tuet der Ruach? Geht hin zum Stromminger und verklagt die Bas. Er hab sich jetzt überzeugt, sagt er, daß 's nur die Luckard sei, die dich gegen ihn und dein Vatern aufg'stift hätt. Und sie sei schuld an dei'm Ungehorsam, hat er g'sagt, weil sie's Heft in der Hand b'halten wollt! Und so is 's halt kimme. Und weißt, des hat ihr 's Herz brochen, daß ma so was von ihr 'glaubt hat, wo doch kei wahr's Wort dran war, des tuet ei'm weh, wenn ei'm so Unrecht g'schieht. Gelt – sie hat nie was zu dir g'sagt, du sollst dei'm Vater nit folgen?«

»Nie, nie – im Gegenteil, sie war a demütige, b'scheidene Magd und hat in nix drein g'red't, was sie nix an'gange hat«, sagte Wally, und wieder wurden ihr die brennenden Augen feucht. Sie wandte das Gesicht ab und stand auf. »B'hüet Gott, Bas, i kimm scho amol wieder!« Sie nahm ihren Stab und Hut, rief ihren Geier und schritt rasch der Heimat zu.

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