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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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Das Kind Murzolls

Fünf Stunden war Wally gestiegen, bald über ganze Felder duftiger Alpenkräuter, bald über fußtiefe Schneefelder und breite Moränen hin. Die durchwachte Nacht lag ihr lähmend in den Gliedern, und fast verzagte sie, das Ziel ihrer »Fahrt« zu erreichen. Hände und Füße zitterten ihr, denn fünf Stunden mit solch einem tückischen Berg um sein Leben kämpfen ist eine harte Arbeit. Schwere Tropfen perlten auf Wallys Stirn – da plötzlich wie mit einem Zauberschlage stand sie vor einer Wolkenwand. Sie war um eine Felsenecke gebogen, die sich vor die Sonne geschoben hatte, und nun umfing sie dichter Nebel, und ein eisiger Hauch trocknete ihr den Schweiß von der Stirn. Ihre Füße rutschten bei jedem Schritte, so spiegelglatt war hier der Boden. Sie stand auf Eis. Sie hatte den Murzollgletscher betreten, die höchste Zacke des Hochjochkamms. Hier wuchs nur noch dürftiges Berggras zwischen Geröll und Schnee hervor, ringsum bläulich schimmerndes Eisgeklüft, reine, dies Jahr noch von keinem Menschen- oder Tierfuß beschmutzte Schneeflächen, tiefer Winter. Fröstelnd schauderte Wally zusammen. Dies war der Vorhof zur Eisburg Murzolls, von der im Ötztal so viele Sagen gehen, wo die »saligen« (seligen) Fräulein hausen, von denen die Luckard der kleinen Wally an langen Winterabenden erzählte, wenn der Schneesturm um das Haus heulte. Es wehte sie fast gespenstig an aus diesen öden Eismauern, Höhlen und Verliesen, wie alte Schauer der Kindheit, als wohne hier wirklich der finstere Gletschergeist, mit dem die Luckard sie so oft zu Bett geschreckt, wenn sie eigensinnig war.

Lautlos schritt sie weiter. Endlich machte der taube Führer halt bei einer niederen Hütte, von Steinen erbaut, mit weit überhängendem Dach, einer starken Tür von rohem Holz und kleinen Luken statt der Fenster. Darin waren ein paar geschwärzte Steine als Herd und eine Lagerstätte aus altem verfaulten Stroh. Das war die Hütte des Schnalser Hirten, der sonst hier gehütet hatte, und die nun Wally bewohnen sollte. Wally verzog keine Miene, als sie die trostlose Behausung sah, es war eben eine schlechte Alphütte, wie es viele gab, und sie war ja hart gewöhnt. Solche Dinge waren es nicht, die ihren trotzigen Mut erschütterten. Aber sie war erschöpft zum Umsinken, sie hatte seit gestern mehr durchgemacht, als selbst ihre ungewöhnliche Kraft ertragen konnte. Mechanisch half sie dem Tauben, dem Luckard eine Menge Nötiges und Gutes für Wally aufgepackt, eine bessere Lagerstätte bereiten, sich in der öden Hütte etwas wohnlicher einzurichten. Mechanisch aß sie mit ihm von dem, was Luckard ihr mitgegeben. Der Mann sah, daß sie blaß war, und sagte mitleidig: »So, jetzt wär's 'gessen, jetzt leg dich a bissel nieder und schlaf, du hast's nötig. I will dir von da drunten derweil Holz 'rauftragen für die nächsten Tag; nachher muß i aber wieder umkehren, sonst komm i nimmer bei Tag heim, und dei Vater hat's streng befohlen, daß i heut wieder z'ruckkomm.« Er schüttelte ihr einen guten Laubsack auf, den er mitgeschleppt, und sie sank mit halbgeschlossenen Augen darauf nieder und reichte ihm dankbar die Hand.

»I will dich nit wecken«, sagte er. »Wann's d' etwa noch schlafen tät'st, wann i ging, sag i dir jetzt glei Adjes! Bleib g'sund und fürcht dich nit. – Du dauerst mich – da oben so allein – aber – warum hast dein'n Vater nit g'folgt!«

Wally hörte die letzten Worte nur noch wie im Traum. Der Taube verließ die Hütte mitleidig kopfschüttelnd; das Mädchen schlief bereits fest. Bang und schwer hob und senkte sich ihre Brust, denn auch im Schlummer drückt erfahrenes Leid wie ein Alp. Und sie träumte von ihrem Vater, er schleife sie an den Haaren in die Kirche. Und sie dachte immer, wenn sie nur ein Messer hätte, daß sie die Haare abschneiden könnte, dann wäre sie frei. Da plötzlich stand Joseph neben ihr und hieb mit einem Streich die Zöpfe durch, daß der Vater sie in der Hand behielt, und Wally lief fort, und während der Joseph mit dem Vater rang, stieg Wally die Anhöhe der Sonneplatten hinan, um sich in die Ache hinabzustürzen. Aber ihr grauste doch vor der Untiefe, und sie besann sich. Da hörte sie wieder ihren Vater dicht hinter sich, Verzweiflung faßte sie, und nun tat sie den Sprung. Sie fiel und fiel – aber sie konnte nicht zur Tiefe kommen, und da war es plötzlich, als stemme sich ihr von unten ein Luftdruck entgegen, der sie nicht hinunterließe, sondern sie höbe und emportrüge. So schwebte sie auf, immer kämpfend um das Gleichgewicht, das sie beständig zu verlieren fürchtete, bis zu dem Gipfel Murzolls. Aber sie konnte nicht Fuß fassen auf dem Felsen, wie ein Schiff, das nicht anlegen kann. Ein furchtbarer Wirbelwind hatte sie erfaßt, und sie mühte sich vergebens, sich an der nackten Wand anzuklammern. Schwarze Gewitterwolken ballten sich um sie zusammen, durch die gespenstisch bleich der schneeige Scheitel des Berges hindurchragte. Feurige Schlangen durchfuhren die schwarze Masse um sie her, ein Donnerschlag krachte, daß der Berg erdröhnte, und sie wurde wirbelnd zwischen diesen Gewalten hin und her geschleudert. Sie hatte nur immer die Angst, daß der Sturm sie umkehre, denn sie fühlte, daß, wenn sie mit dem Kopf nach unten käme, sie in die Tiefe stürzen müsse. Und sie bog sich und wand sich wie ein Schifflein auf den schaukelnden Luftwellen und mühte sich ab, den Kopf oben zu behalten. Aber da hob es ihr die Füße auf, und sie fühlte, wie die Schwere des Kopfes abwärts wuchtete. Sie wollte in den Sturm und den Donner und die schwarze Wolkennacht hinein um Hilfe schreien, aber sie brachte keinen Ton heraus, das Entsetzen schnürte ihr den Hals zu. Da plötzlich ward sie gehalten, sie fühlte festen Grund, sie lag in einer Bergschlucht, wie sie meinte, aber es war keine Schlucht – es waren riesige steinerne Arme, die sie umfingen; und siehe, aus dem gelichteten Gewölk heraus bog sich ein mächtiges Antlitz von Steinen über sie. Es war das greise Antlitz Murzolls. Seine Haare waren beschneite Fichten, seine Augen Eis, sein Bart war Moos, und die Brauen waren Edelweiß. Auf seiner Stirn stand als Diadem die Mondessichel und ergoß ihren milden Schein über das weiße Angesicht, und die großen Augen von Eis leuchteten geisterhaft in dem bläulichen Licht. Und er schaute das Mädchen an mit diesen kalten, durchsichtigen und doch unergründlichen Augen, und unter diesem Blick gefroren ihr die Tropfen des Angstschweißes auf der Stirn, und die Tränen auf der Wange fielen leise klirrend wie Kristallperlen herab. Und er drückte die steinernen Lippen auf die ihren, und unter dem langen Kuß wuchsen Alpenrosen um seinen Mund, der warm und taufeucht geworden, und als er Wally wieder anschaute, da rannen Gletscherbäche aus seinen eisigen Augen in den Moosbart hinein. Die schwarzen Wolken hatten sich verzogen, und ein Frühlingswehen ging durch die Nacht. Und nun regte Murzoll die aufgetauten Lippen, und es klang wie das dumpfe Rollen ins Tal stürzender Lawinen: »Dein Vater hat dich verstoßen – ich nehme dich auf an Kindesstatt, denn das kalte Gestein fühlt eher ein Rühren als ein verhärtetes Menschenherz. Du gefällst mir, du bist von meiner Art; es ist etwas von dem Stoff in dir, aus dem die Felsen geworden. Willst du mein Kind sein?«

»Ja!« sagte Wally und schmiegte sich an das steinerne Herz des neuen Vaters.

»So bleib bei mir und kehre nicht wieder zurück zu den Menschen, denn bei ihnen ist der Kampf – bei mir nur ist Friede!«

»Aber der Joseph, den i gern hab«, sagte Wally, »soll i 'n niemals haben?«

»Laß ihn«, sagte der Alte, »du darfst ihn nicht lieben; er ist ein Gemsjäger, und meine Töchter haben ihm den Untergang geschworen. Komm, ich bringe dich zu ihnen, daß sie dir das Herz abtöten, sonst kannst du nicht leben in unserm ewigen Frieden!« Und er trug sie durch weite, weite Hallen und endlose Gänge von Eis hindurch, und sie kamen in einen großen Saal, der war ganz durchsichtig wie von Kristall, und die Sonnenstrahlen fielen herein und brachen sich in Millionen Funken, und durch die Wände schimmerten bunt ineinander verschwommen und seltsam verschoben Himmel und Erde. Da spielten weiße, schneeglitzernde Mädchengestalten in wallendem Nebelschleier mit einer Herde Gemsen, und es war lustig anzusehen, wie sie sich neckten mit den schnellfüßigen Tieren, sich mit ihnen haschten und huschten hierhin und dorthin. Das waren die Töchter Murzolls, die »seligen Fräulein« des Ötztals. Und sie scharten sich neugierig um Wally, als Murzoll sie auf den glatten Spiegel des Bodens niederließ. Sie waren schön wie die Engel, sie hatten Gesichter wie Milch und Blut; aber als Wally sie näher betrachtete, sah sie mit leisem Grauen, daß sie alle Augen von Eis hatten, wie ihr Vater, und das Rot, das ihre Wangen und Lippen färbte, war kein Blut – sondern nur Alpenrosensaft, und sie waren kalt wie gefrorener Schnee.

»«Wollt ihr die behalten?« sagte Murzoll. »Ich habe sie lieb, sie ist stark und fest wie Stein. Sie soll eure Schwester sein.«

»Sie ist schön«, sagten die Fräulein, »sie hat Gemsenaugen. Aber sie hat warmes Blut und liebt einen Gemsjäger – wir wissen's!«

»So legt ihr die Hände aufs Herz, daß es einfriert mit all ihrer Liebe und sie selig sei wie ihr«, befahl Murzoll.

Da eilten die Fräulein auf sie zu, daß es sie anwehte wie ein Schneesturm, und streckten die kalten, weißen Hände nach ihrem Herzen aus; sie fühlte schon, wie sich das zusammenzog und langsamer pochte. Da wehrte sie mit beiden Armen die seligen Fräulein von sich ab und rief: »Nein, laßt mich – i will nit selig sein, i will den Joseph!«

»Wenn du wieder unter die Menschen gehst, so zerschmettern wir den Joseph und werfen dich mit ihm in den Abgrund«, drohten die seligen Fräulein, »denn keiner darf unter den Menschen leben, der uns gesehen.«

»So werft mich in 'n Abgrund, aber laßt mir mei Lieb im Herzen – alles, alles will i erleiden, aber von meiner Lieb laß i nit!« Und mit der Kraft der Verzweiflung faßte Wally eines der seligen Fräulein um den Leib und rang mit ihr, und siehe, da zerbrach ihr die zarte Gestalt in den Armen, und sie behielt nur rieselnden Schnee in der Hand. Das Tageslicht erlosch, plötzlich war alles in graue Dämmerung gehüllt; sie stand auf nacktem Fels, ein scharfer Wind peitschte ihr Eisnadeln ins Gesicht, und statt der seligen Fräulein wirbelten weiße Nebel in wildem Tanz um sie her. Hoch über ihr blickte das bleiche Gesicht Murzolls finster durch die Wolken, und er donnerte sie an: »Du lehnst dich auf wider Menschen und Götter – Himmel und Erde werden dir feind sein! – Weh dir!« Und verschwunden war alles – Wally erwachte. Kalt pfiff der Abendwind durch die Luken über Wally hin. Sie rieb sich die Augen, noch zitterte ihr das Herz in der Brust von dem unheimlichen Traum, sie brauchte lang, bis sie wußte, wo sie sei, bis sich das Traumbild und die Wirklichkeit voneinander schieden. Ein unerklärliches Grauen war in ihr zurückgeblieben und teilte sich auch der Wirklichkeit mit. Sie stand von ihrem Lager auf und rief unwillkürlich nach dem Knecht. Sie trat vor die Hütte hinaus, ihn zu suchen. Es war ein schöner, heller Abend geworden, die Nebel hatten sich zerstreut, aber die Sonne war im Sinken, und scharf wehte die Luft der Höhe. Wally eilte hierhin und dorthin nach dem Tauben – sie fand nichts als einen aufgeschichteten Stoß von Fichtenholz, den er für sie zusammengetragen. Da fiel ihr ein, daß er gesagt, er werde fortgehen, wenn sie noch schliefe. Es war so, er hatte ihr Erwachen nicht abgewartet. Es war nicht recht von ihm, sie im Schlaf zu verlassen! So aufwachen und niemand mehr finden – das war doch hart. Es war so still um sie her – so öde und leer! Es mochte sechs Uhr sein und Zeit zum Melken. Jetzt schauten wohl die vertrauten Tiere zu Haus nach der Stalltür, ob die Herrin nicht käme und Brot und Salz brächte – sie aber legte hier oben die Hände in den Schoß, und um sie her regte sich nichts weit und breit. Oh, die Totenstille und die Untätigkeit! – Sie wußte nicht, wie ihr zumute war – so einsam, so schrecklich einsam! Sie stieg weiter hinauf auf einen überragenden Vorsprung, um hinabzusehen auf die weite Welt. Ein nie geschautes, unermeßliches Bild bot sich ihrem Blick im Purpur der untergehenden Sonne. Da lagen sie offen vor ihr bis an den Saum des Horizonts umhergestreut, die Gebirge Tirols, in der Ferne immer kleiner werdend, in der Nähe erdrückend, überwältigend in ihrer stillen Größe und Erhabenheit.

Und zwischen ihnen ruhend, wie Kinder in Vaters Armen, die blühenden Hochtäler. Und es ergriff sie ein namenloses Heimweh nach den trauten heimatlichen Fluren, die jetzt eben vor ihrem Blick in friedliche Abendschatten versanken. Die Sonne war hinabgeglitten und ließ am Saum des Horizonts im violetten Gewölk rot angelaufene Goldstreifen zurück. Die weiße Mondscheibe begann allmählich zu leuchten und kämpfte mit dem letzten verflackernden Tagesschein um die Herrschaft. In den Tälern ward es Nacht. Da und dort war es, als schimmere ein Lichtlein, kaum sichtbar dem freien Auge, durch die Ferne herauf – ein Erdenstern. Jetzt gingen sie zur Ruh, die fleißigen Genossinnen dort unten. Ihnen war wohl, sie hatten alle ein wirtlich Dach über dem Haupt und ruhten sicher geborgen im Schoß eines trauten Heimwesens – vielleicht lauschten sie noch schlaftrunken hinter dem bunten Vorhänglein am kleinen Fenster auf das Liedel des Herzliebsten – nur sie war einsam und ausgestoßen hier oben, schutzlos preisgegeben allen Schrecken, und ihr Obdach war die unwirtliche Hütte, durch deren Luken der Wind pfiff. »O Vater, Vater, kannst du das übers Herz bringen?« rief sie laut hinaus; aber aus Nähe und Ferne antwortete ihr nur das Brausen des Nachtwindes. Immer höher stieg die Mondesscheibe, die Lichtstreifen im Westen verloren ihren Goldglanz und schimmerten nur noch gelb wie Messing am dunklen Abendhimmel. Die Umrisse der Berge verschoben und erweiterten sich in dem Zwielicht. Drohend, übermächtig schaute ihr nächster Nachbar, der gewaltige Similaun, auf sie herab. Alle die Riesenhäupter ringsum stierten sie feindlich an, weil sie es wagte, ihr nächtliches Wesen zu belauschen. Es war, als seien sie alle erst seit Wallys Ankunft so ruhig und still geworden – wie eine Gesellschaft, die Geheimes verhandelt, plötzlich verstummt, wenn ein Fremder unter sie tritt. Da stand sie, die hilflose Menschengestalt, so allein inmitten dieser stillen, starren Eiswelt, so unerreichbar hoch über allem Lebenden – so fremd in der unheimlichen Gesellschaft von Wolken und Gletschern, in dem entsetzlichen, geheimnisvollen Schweigen! »Nun bist du ganz allein auf der Welt«, schrie es in ihr. Eine unnennbare Angst, eine Angst der Verlassenheit überkam sie. Ihr war plötzlich, als müsse sie verlorengehen in dem weiten, unabsehbaren Räume, und wie hilfesuchend klammerte sie sich an die Felswand und drückte das bangklopfende Herz an das kalte Gestein.

Was mit ihr vorgegangen in jener Stunde, das wußte sie selbst nicht –, aber es war, als habe der Stein, an den sie das junge, heiße, zagende Herz drückte, eine geheimnisvolle Macht über sie geübt, denn die Stunde hatte sie hart und rauh gemacht, als sei sie in Wahrheit das Kind Murzolls.

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