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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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Aufs Hochjoch! Das war ein furchtbares Wort. Denn in den unwirtlichen Gefilden des Hochjochs, da ist nicht das fröhliche Leben der Alm, wo die weiche, würzige Luft vom Geläut der Glocken und vom Gejodel der Sennen und Sennerinnen widerhallt – hier ist ewiger Winter, Todesruhe. Traurig leise, wie wohl eine Mutter die bleiche Stirn des toten Kindes küßt, so küßt die Sonne diese kalten Firnen. Spärliche Matten, die letzten Reste zähen organischen Lebens, ziehen sich noch verloren in die winterliche Wildnis hinein, bis endlich der letzte Halm ausgerottet, der letzte Tropfen quellenden Saftes erstarrt ist. Ein langsames Absterben der Natur. Aber der sparsame Bauer nützt auch diesen kargen Rest noch aus. Er schickt seine Herden hinauf, um abzugrasen, was sie da oben noch finden, und die weidende Geiß, die lüstern einer bis hierher verirrten Pflanze milderer Regionen nachstrebt, fällt nicht selten in eine Eisspalte hinab.

So sollte das Kind des stolzen Höchstbauern, dessen Besitztum auf Stunden in die Weite und hinauf bis in die Wolken reichte, seine Blütezeit in beständigem Winter zubringen. Während unten auf der Erde die Mailüfte wehten, der quellende Saft die Knospen sprengte, die Vögel ihre Nester bauten, und alles sich regte im fröhlichen Verein, mußte sie den Hirtenstab zur Hand nehmen und auswandern aus den Frühlingsgefilden hinauf in die Einöde des Gletschers, und erst, wenn unten der Herbstwind sauste und der Winter sich anschickte, zu Tal zu gehen, dann durfte auch sie herabsteigen, als wäre sie ihm verkauft mit Leib und Leben.

Kein Bauer der ganzen Gegend schickte seine Hirten dahinauf, sondern sie hatten die Weiden verpachtet an die Schnalser jenseits des Jochs, denen sie näher lagen, und diese schickten ein paar halbwilde, wetterharte Gesellen herüber, die sich in Felle kleideten und, auf Stunden voneinander entfernt, in Steinhütten wie die Einsiedler hausten, und nun verdammte der Höchstbauer, der seine Weiden bisher auch immer verpachtet hatte, sein eigenes Kind zu dem Leben der Schnalser Hirten. Aber über Wallys Lippen kam keine Klage. Sie rüstete sich still zu der freudlosen Alpfahrt. Gegen Morgen, lange vor Sonnenaufgang, während der Vater, die Knechte und Mägde noch schliefen, zog Wally aus ihres Vaters Hause fort – auf die Berge. Nur die alte Luckard, »die ja alles aus den Karten vorher gewußt« und die Nacht bei Wally aufgewesen, ihr das Bündel schnüren zu helfen, steckte ihr zum Lebewohl den Rautenstrauß aufs Hütel und ging ein Stück mit ihr. Die Alte weinte, als gäbe sie einer Toten das Geleit. Der Klettenmaier kam mit dem Packen hinterdrein. Er war ein alter treuer Knecht, der einzige, der im Dienste Strommingers ergraut war, weil er taub war und es nicht hörte, wenn der Stromminger schalt und tobte. Diesen hatte er seiner Tochter zum Führer mitgegeben. Die Luckard ging mit, bis wo der Weg steil anging; dort nahm sie Abschied und kehrte um, weil sie zum Morgenbrot wieder daheim sein mußte. Wally stieg die Höhe hinan und schaute hinunter auf den Weg, wo die Alte hinschritt und in die Schürze weinte, und es wurde ihr beinahe selbst weich ums Herz. Die Luckard war doch immer gut mit ihr gewesen, wenn sie auch alt und schwach war, sie hatte Wally wenigstens lieb gehabt. Da drehte sich die Alte unten auf dem Wege noch einmal um und deutete nach oben. Wally folgte der Richtung ihres Fingerzeigs und sieh, da segelte etwas an der Bergwand hin durch die Luft, schwerfällig, unsicher, wie ein Papierdrachen, dem der Wind fehlt – immer nur ein Stück weit fliegend, dann niederfallend und sich mühsam wieder aufraffend. Der Geier war ihr mit seinen gestutzten Flügeln den ganzen Weg so mühselig nachgeflattert. Jetzt schien ihm aber die Kraft auszugehen, er humpelte nur noch, mit den Flügeln schlagend, weiter.

»Hansl – oh, mein Hansl – wie hab i dich vergessen könne!« rief Wally und sprang wie eine Gemse von Stein zu Stein, den kürzesten Weg zurück, das treue Tier zu holen. Die Luckard blieb stehen, bis Wally den Saumpfad wieder gewann, und begrüßte sie noch einmal, wie nach einer langen Trennung. Endlich war Hansl erreicht, und Wally nahm ihn in ihre Arme und drückte ihn an ihr Herz, wie ein Kind. – Sie hatte den Vogel in ihren Gedanken mit Joseph so verwoben, daß er ihr fast war wie ein stummer Vermittler zwischen ihr und ihm, oder wie wenn sich Joseph in den Geier verwandelt habe, und sie halte ihn in den Armen, wenn sie den Vogel halte. Wie sich der inbrünstige Glaube seine sichtbaren Symbole schafft, um das unerreichbare Ferne sich nahe zu bringen, das Unfaßbare zu fassen, und wie ihm ein hölzernes Kreuz und ein gemaltes Heiligenbild wundertätig wird, so schafft sich auch die inbrünstige Liebe ihre Symbolik, an die sie sich klammert, wenn ihr der Geliebte unerreichbar fern ist, und so schöpfte Wally aus dem Vogel eine wunderbare Tröstung. »Komm, Hansl«, sagte sie zärtlich, »du gehst mit mir 'nauf auf 'n Ferner. Wir zwei trennen uns nimmer!«

»Aber Kind«, sagte die Luckard, »du kannst doch den Geier nit mit da 'nauf nehmen, er müßt ja verhungern; du hast da droben kei Fleisch, und so a Viech frißt ja nix anders.«

»Du hast recht«, sagte Wally betrübt, »aber i kann mich von dem Tier nit trenne, i muß doch was haben da droben in der Einöd. Und i kann au das Tier nit allein z'Haus lassen, wer tät denn d'rauf achten und für ihn sorgen, wenn i nit da wär.«

»Oh, wegen dem sei nur ruhig«, rief Luckard, »i will scho für ihn sorgen!«

»Ja, aber dir folgt er nit«, meinte Wally, »du wirst ihm nit Meister.«

»Ach, i bitt dich«, sagte die Luckard harmlos, »i hab dich so lang g'hütet – i werd au den Geier hüten könne! Gib 'n nur her, i will 'n heimtragen.« Und sie nahm Wally frischweg den Geier vom Arm. Aber da war's gefehlt, denn das herrliche Tier setzte sich zur Wehr und hackte so zornig nach Luckard, daß diese ihn erschrocken fahren ließ. An ein Mitnehmen war nicht mehr zu denken.

»Siehst!« jubelte Wally, »er geht nit von mir, i muß ihn scho b'halten, werd's wie's will! I bin ja doch einmal die Geier-Wally, so will i's au bleiben. Oh, mei Hansel, so lang mir zwei beisammen sind, hat's kei Not! Weißt was, Luckard, i laß ihm jetzt die Flügel wachsen, er fliegt mir doch nit mehr fort, und dann kann er sich dort oben sein Futter selber suchen.«

»In Gottes Namen, so nimm 'n mit. I schick dir dann mit'm Handbub noch was Frisches und was G'selchtes 'rauf, des kannst ihm für 'n Anfang geben, bis er weiter fliegen kann.« Und so war es denn entschieden; Wally nahm den Vogel unter den Arm wie ein Huhn und trennte sich von Luckard, die aufs neue zu weinen anfing. Nun ging es ohne Aufenthalt wieder den Berg hinan, dem Klettenmaier nach, der indessen vorausgegangen war.

Nach zwei Stunden erreichte sie Vent, das letzte Dorf am Eingang in die Eiswelt. Sie erstieg die Anhöhe über Vent. Hier begann der Weg auf das Hochjoch. Sie blieb noch einmal stehen und schaute, an ihren Bergstock gelehnt, hinab auf das stille, halb noch traumumfangene Dorf und hinüber nach dem Wildsee und den letzten Häusern des Ötztals, den Rofener Höfen, die fast am Fuße des immer vor- und rückwärtsschreitenden Hochvernagtferners lagen und trotzig zu sagen schienen: »Zertritt uns!«, wie Wally gestern zu ihrem Vater gesagt. Und wie ihr Vater, so zog auch der Hochvernagt immer wieder seinen mächtigen Fuß zurück, als könnte er es nicht über sich gewinnen, die Burg seiner braven Alpensöhne, der »Klötze von Rofen«, zu zerstören. Und wie sie so dastand und hinabschaute auf die letzten Menschenwohnungen, bevor sie hinaufstieg in die Wildnis über den Wolken, da hub es drunten auf dem Kirchturm von Vent an zur Frühmesse zu läuten. Aus der Tür des kleinen Pfarrhauses, wo die Knospen der Bergnelken am Fenster im Morgenwind nickten, trat der Kurat und ging mit gefalteten Händen seiner Amtspflicht nach in die Kirche. Da und dort öffneten die Holzhütten ihre Türen, und eine schlaftrunkene Gestalt nach der andern trat heraus, streckte sich und schritt mählich der Kirche zu.

Sorglich, keinen Ton verlierend, trugen windbeflügelte Engel das fromme Geläut durch die Morgendämmerung hinauf auf die Berge, daß es an Wallys Ohr klang wie eine betende Kinderstimme. Und wie ein Kind die Mutter aufweckt mit seinem süßen Lallen, so schien das Geläut von Vent die Sonne geweckt zu haben; sie tat ihr Weltenauge auf, und die Strahlen ihres ersten Blickes schossen empor über die Gebirge, ein unermeßliches Flammenbüschel, das die Häupter im Osten krönte. Das dichte Dämmergrau am Himmel verklärte sich plötzlich durchsichtig blau, immer mächtiger breitete sich's aus, das Strahlenschießen über alle Himmel, und da stieg sie endlich empor über die wolkenverhüllten Gipfel in ihrer vollen Pracht und wandte ihr Flammengesicht liebend der Erde zu. Und die Berge streiften die Nebelhüllen ab und badeten die nackten Formen in Strömen von Licht. Tief unten in den Schlünden wallte und wogte es auf und nieder, als hätten sich alle Wolken von dem reinen Himmel dort hinabgesenkt. Oben in den Lüften sauste es wie wilde Jubelhymnen, die Erde weinte Tränen seligsten Erwachens, wie die Braut am Hochzeitsmorgen, und wie die Träne an den Wimpern der Braut, so zitterte der Frühtau wonnig an Halmen und Büschen. Freude über allen Gefilden, oben auf den Bergen, wo der blendende Strahl sich in dem weitschauenden Auge der Gemse spiegelte, unten im Tal, wo die Lerche sich zwitschernd aus dem Saatfeld aufschwang!

Trunken schaute Wally in die erwachende Welt hinein, und ihr Auge vermochte es kaum in den engen Rahmen zu fassen, das weite, leuchtende Bild in seiner keuschen Morgenschöne. Der Geier auf ihrer Schulter lüftete wie grüßend und sehnsüchtig seine breiten Schwingen der Sonne zu. Unten in Vent wurde es indessen lebendig. Wally konnte in dem grellen Morgenlicht alles unterscheiden. Die Buben küßten am Brunnen die Mädels. Aus den Häusern wirbelte weißer Rauch auf, spurlos verschwindend in der heiteren Frühlingsluft – wie sich auch in der glücklichen Seele ein trüber Gedanke in nichts auflöst. Auf dem Platz vor der Kirche versammelten sich die Männer in sonntäglich reinen Hemdsärmeln, die Pfeifen mit dem Silberbeschlag im Munde. Es war Pfingstsonntag, wo alles feierte und sich freute. O heiliges Pfingstfest! Solch ein Tag mußte es gewesen sein, da der Geist des Herrn sich herabsenkte auf die Jünger und sie verklärte mit dem göttlichen Lichtstrahl, daß sie hingingen in alle Welt und predigten das Evangelium der Liebe – predigten es den warmen, offenen Frühlingsherzen, und im Frühling der Erde brach auch der Menschheit Frühling an – die Religion der Liebe! Nur für das Mädchen da droben auf dem Berg gab es keine Pfingsten, keine Offenbarung der Liebe. Kein beredter Mund hatte ihm das Evangelium lebendig gemacht. Ein starrer Buchstabe war es ihm geblieben, ein blindes Samenkorn, dem der warme Strahl gefehlt, der es aufgehen ließ in seinem Herzen. Ihm senkte sich keine Friedenstaube aus dem tiefblauen Himmel herab – der Raubvogel auf seiner Schulter war ihm der einzige Liebesbote! – Endlich raffte sich Wally aus ihrem traumhaften Schauen auf. Noch einen Abschiedsblick sandte sie in die lustigen, lauten Dörfer hinab – dann wandte sie sich und stieg den stillen Schneegefilden des Hochjochs zu – in die Verbannung.

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