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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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Unbeugsam

Das war die kurze Liebes- und Leidensgeschichte, die jetzt eben wieder in dem jungen Herzen mit all ihrem Weh aufwachte, als Wally da hinuntersah, wo sie den Joseph zu erblicken glaubte, der so oft vorbeiging und nie den Weg da herauf fand. Sie wischte sich die Stirn, denn die Sonne fing an zu brennen, und sie hatte schon das ganze Gelände abgemäht, vom Haus her bis zur »Sonneplatte«, so hieß der Vorsprung, auf dem sie stand, weil es die höchste Stelle war und immer zuerst von der Sonne beschienen wurde. Nach ihm führte das Dorf seinen Namen.

»Wally, Wally!« rief es jetzt hinter ihr. »Du sollst zum Vater kommen, er will dir was sagen.« Die alte Luckard kam vom Haus her. Der Vater ließ sie rufen? Was konnte er wollen? Er hatte seit der Geschichte in Sölden, seit einem Jahre, nichts mit ihr geredet, als was zum Tagwerk gehörte. Zwischen Furcht und Widerwillen schwankend, erhob sie sich und folgte der Luckard. »Was will er denn?« fragte sie.

»Große Neuigkeiten«, sagte Luckard. »Da, schau auf!«

Jetzt sah Wally den Vater vor dem Haus stehen und bei ihm einen jungen Bauern vom Ort, den Gellner-Vinzenz, mit einem großen »Buschen« im Knopfloch. Es war ein stämmiger, finsterer Bursch, den Wally schon von Kindheit an als hartnäckig und verschlossen kannte. Keinem Menschen hatte er noch je ein freundliches Wort gegönnt als der Wally, die er schon von der Schule her mit seiner Zuneigung verfolgt. Vor ein paar Monaten waren ihm rasch hintereinander seine Eltern gestorben. Nun war er selbständig und nach Stromminger der reichste Bauer in der Gegend.

Wally stand das Blut in den Adern still, denn sie wußte schon, was nun kommen würde.

»Der Vinzenz will dich heiraten«, sagte Stromminger. »Er hat mei Wort – und nächsten Monat is d' Hochzeit!« Damit drehte er sich um und ging ins Haus, als sei da gar nichts weiter zu reden.

Einen Augenblick schwieg Wally wie vom Donner gerührt. Sie mußte sich erst sammeln, erst zur Besinnung kommen. Indessen trat der Vinzenz zuversichtlich an sie heran und wollte seinen Arm um sie schlingen. Da sprang sie mit einem Schrei des Schreckens zurück, und jetzt wußte sie auch, was sie zu tun hatte.

»Vinzenz«, sagte sie, bebend vor Seelenangst, »ich bitt dich, geh nach Haus, i kann niemals dei' Frau werden, niemals. Du wirst nit wollen, daß mich der Vater zwingt, i sag dir's zum letztenmal, i mag dich nit.«

Über Vinzenz' Gesicht zuckte es wie ein Blitz, er biß sich auf die Lippen, und seine schwarzen Augen hefteten sich mit verzehrender Begierde auf Wally. »So – du magst mich nit? aber i mag dich! Und i setz mei Leben dran, daß i dich krieg! Und dei Vater hat mir's Jawort 'geb'n – und das gib i nimmer z'ruck und i denk, du wirst dich scho noch b'sinnen, wann's dei Vater will!«

»Vinzenz«, sagte Wally, »wenn du g'scheit wärst, so hätt'st jetzt nit so g'sprochen, denn dann wüßtest, daß i dich jetzt erst recht nit nimm – denn zwinge laß i mich scho gar nit, daß du's nur weißt. Und jetzt geh heim, Vinzenz, mir haben nix mehr mitanand z'reden.«

Und damit wandte sie sich kurz von ihm und trat in das Haus.

»O du!« rief ihr Vinzenz im zornigen Schmerz nach und ballte die Faust. Dann faßte er sich und murmelte zwischen den Zähnen: »No, i kann warten, – und i will warten!«

Wally ging geradeswegs zu ihrem Vater. Der saß über seine Rechnungen gebückt und wandte sich langsam um, als sie eintrat. »Was soll's?«

Die Sonne warf ihre vollen Strahlen durch das niedere Fenster auf Wally, daß sie vor ihrem Vater stand, wie in eine Glorie gehüllt. Er mußte sich selbst wundern über sein Kind, so schön war es in dem Augenblick.

»Vater«, begann sie ruhig, »i wollt Euch nur sagen, daß ich den Vinzenz nit heirat.«

»So?« rief Stromminger aufspringend. »Soll's da 'naus? Du heiratst ihn nit?«

»Nein, Vater, i mag ihn nit!«

»So – hab i dich g'fragt, ob d' ihn magst oder nit?«

»Nein, i sag's Euch halt ung'fragt.«

»Und i sag auch dir ung'fragt, daß du den Vinzenz in vier Wochen heiratst, ob d' ihn magst oder nit. I hab ihm's Wort 'geben, und der Stromminger bricht sein Wort nit. Jetzt scher dich 'naus.«

»Nein, Vater«, sprach Wally, »so ist des nit ab'tan. I bin kei Stück'l Vieh, das sich verkaufen oder versprechen lassen muß, wie der Herr will. I mein, i hätt au noch a Wort mitz'reden, wann's ans Heiraten geht!«

»Nein, des hast nit, denn das Kind g'hört dem Vater so gut wie a Kalb oder a Rind und muß tun, was der Vater will.«

»Wer sagt das, Vater?«

»Wer's sagt? In der Bibel steht's!« Und in Strommingers Gesicht stieg eine bedrohliche Röte auf.

»In der Bibel steht nur, daß mir unsre Eltern ehren und lieben sollen, aber nit, daß mir'n Mann heiraten sollen, der uns z'wider is – bloß weil's der Vater will! Schaut's, Vater, könnt's Euch was helfen, wann i den Vinzenz nahm, könnt's Euch vom Tode retten oder vom Elend, so müßt i's freili tun, und wann mir's Herz d'rüber brach. Aber Ihr seid's a reicher Mann, der nach niemand nix z'fragen hat – un dem's ganz eins sein kann, wen i heirat – und Ihr gebt's mich dem Vinzenz bloß aus Bosheit, daß i nit den Joseph nehme kann, den i lieb hab und der mich g'wiß auch lieb hätt, wenn er mich kennen tät – und des, Vater, is schlecht von Euch und des steht nit in der Bibel, daß sich a Kind des g'fallen lassen muß!«

»Du fürwitzig's Ding du, i will dir den Kurat schicken, der soll dich lehren, was in der Bibel steht!«

»Des hilft alles nix, Vater, und wann Ihr mir zehn Geistliche schickt's, und sie täten mir alle zehn sagen, daß i Euch da d'rin folgen müßt, i tät's doch nit.«

»Und i sag dir, du wirst's tun, so wahr i der Stromminger bin. Du wirst's tun, oder i jag dich vom Haus und Hof und enterb dich.«

»Des könnt's, Vater, i bin stark g'nug, daß i mir mei Brot verdienen kann. Ja, Vater, gebt's alles dem Vinzenz, nur mich nit.«

»Dumm's Geschwätz«, sagte der Stromminger betroffen. »Sollen mir die Leut nachsag'n, daß der Stromminger nit amal sein eignes Kind meistern kann? Du nimmst den Vinzenz, und – wann i dich in d' Kirch prügeln müßt.«

»Und wann Ihr mich in die Kirch prügelt, so sag i am Altar doch nein. Totschlagen könnt's mich – aber das Ja könnt's mir nit 'rausprügeln – und wann Ihr's könntet – so spräng i eher vom Felsen 'nunter, eh denn i zu ein'n ins Nest ging, den i nit mag.«

»Jetzt hör!« schrie Stromminger, und seine breite Stirn war wie gespalten durch eine blaue Zornader, die darüber hinlief, sein ganzes Gesicht war aufgequollen, seine Augen blutunterlaufen, »jetzt hör, mach mich nit toll! Du hast schon g'nug bei mir auf 'm Kerbholz – jetzt gib Ruh – oder 's nimmt zwischen uns a schlechtes End!«

»A schlechtes End hat's schon vor einem Jahr zwischen uns g'nommen, Vater! Denn wie Ihr mich so g'schlagen habt, damals an mein'm Firmeltag – da hab i's g'spürt, daß alles zwischen uns aus is. Und schaut's, Vater, seitdem is mir alles einerlei, ob Ihr mir bös seid's oder gut, ob Ihr mir schön tut oder ob Ihr mich totschlagt – 's is mir alles einerlei – i hab kei Herz mehr für Euch, Ihr seid's mir g'rad so lieb wie der Similaun- oder Vernagt- oder Murzoll-Gletscher!«

Ein erstickter Schrei der Wut drang jetzt aus Strommingers Brust, nachdem er dem Mädchen halb erstarrt zugehört. Er sprang auf sie zu, unfähig zu sprechen, faßte sie um den Leib, schwang sie vom Boden auf hoch über seinen Kopf, schüttelte sie in der Luft so lange, bis ihm selbst der Atem ausging, dann warf er sie zur Erde und setzte den nägelbeschlagenen Absatz auf ihre Brust: »Bitt ab, was d' g'sagt hast, oder i zertret dich wie'n Wurm«, keuchte er. »Tut's!« sagte das Mädchen, und ihre Augen waren starr auf den Vater gerichtet. Sie atmete schwer, denn des Vaters Fuß lastete bleiern auf ihr, aber sie regte sich nicht, sie zuckte nicht mit der Wimper.

Jetzt war Strommingers Macht gebrochen. Er hatte gedroht, was er nicht halten konnte, denn vor dem Gedanken, die schöne, unschuldige Brust seines Kindes zu zertreten, erbleichte sein Zorn, und er ward plötzlich nüchtern. Er war besiegt. Er zog fast taumelnd den Fuß von ihr zurück. »Nein, im Zuchthaus will der Höchstbauer doch nit enden«, sagte er dumpf und sank erschöpft in einen Sessel.

Wally erhob sich; sie war totenbleich, ihr Auge war tränenlos, glanzlos, wie von Stein. Sie harrte unbeweglich dessen, was nun werden sollte.

Eine Minute schweren Nachdenkens ließ Stromminger verstreichen, dann sprach er mit heiserer Stimme: »I kann dich nit umbringen, aber weil dir der Similaun und der Murzoll doch so lieb sind wie dei Vater, so sollst künftig auch beim Similaun und beim Murzoll bleiben. Da g'hörst d' hin! Unter mein'n Tisch streckst deine Füß nimmer. D' gehst aufs Hochjoch Vieh hüten und bleibst so lang oben, bis d' einsehen g'lernt hast, daß es doch besser is im Vinzenz sein'm warmen Nest, als im Murzoll seine Schneemulden. Schnür dei Bündel, denn i will dich nimmer sehen. Morgen früh gehst auffi. I werd die Schnalser den Pacht kündigen und schick dir mit 'm Handbub nächste Woch 's Vieh nach; nimm Brot und Käs mit, daß d' g'nug hast, bis 's Vieh kommt. Der Klettenmaier soll dich 'naufführen. Und jetzt heb dich weg, des is mei letztes Wort und bei dem bleibt's!«

»'s is recht, Vater!« sagte Wally leise, neigte das Haupt und verließ ihres Vaters Zimmer.

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