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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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Gnadenbotschaft

Hoch oben auf dem einsamen Ferner, bei dem steinernen Vater, sitzt wieder das ausgestoßene, einsame Menschenkind, als wär es hierher gebannt, wie ein Teil des schwindelnden Felsens, von dem es hinabschaut auf die kleine Welt da unten, die keinen Raum hatte für das große, fremde, in Wildnis und Gletscherstürmen gereifte Herz. Die Menschen haben es verjagt und verstoßen, und es hat sich erfüllt, was der Traum verheißen, daß der Berg es annahm an Kindes Statt. – Den Bergen gehört es; Stein und Eis sind seine Heimat – und dennoch kann es nicht selbst versteinern, und das arme, heiße Menschenherz verblutet sich schweigend hier oben zwischen Stein und Eis!

Zweimal hat die glänzende Mondesscheibe zu- und wieder abgenommen seit dem Tag, da Wally hier die letzte Zuflucht gesucht. Keines Talbewohners Antlitz hat sie gesehen. Nur der Pfarrer hatte den alten, gebrechlichen Leib einmal zu ihr heraufgeschleppt und ihr berichtet, daß Joseph in der Genesung sei. Ferner, daß die Anzeige von Italien gekommen, Vinzenz habe sich bald nach seiner Einkleidung erschossen und ihr sein ganzes Besitztum vermacht. Da hatte sie die Hände über dem Knie gefaltet und leise gesagt: »Dem ist wohl, der hat's kurz g'macht!« – als beneide sie ihn.

»Aber was tust du nun mit dem vielen Geld?« hatte der Geistliche gefragt – »wer soll denn deine unermeßlichen Besitztümer verwalten? Zugrunde darfst du sie doch nicht gehen lassen.«

»Geld und Gut wie Heu – und was hilft's mir – nicht ein glückliches Stündel kann i mir damit kaufen. – Wenn noch a Zeit drüber hingange is, daß i wieder an was denken mag, dann geh i 'nunter nach Imst und mach's g'richtlich, daß mei Sach dem Joseph g'hören soll. I b'halt nur so viel, daß i mir weiter unten am Berg a kloans Haus für'n Winter bauen kann, aber jetzt muß i noch Ruh haben – jetzt kann i für nix sorgen. Verwaltet's mei Hab und Gut, Hochwürden, und sorgt's, daß das G'sind sei Sach recht hat – und gebt die Armen, was sie brauchen; 's soll kei Armer mehr auf der Sonneplatten sein von heut an!«

So hat sie kurz wie am Rande des Jenseits ihre zeitlichen Angelegenheiten geordnet; es blieb ihr nur noch zu harren, bis ihre Stunde komme – die Stunde der Erlösung.

Es war, als habe Gott ihr damals durch den Mund des Pfarrers gesagt: »Du darfst nicht zu mir kommen, als bis ich dich selbst hole.« Und nun wartet sie, bis er sie hole, aber wie lange – wie furchtbar lange konnte das dauern? Sie blickte auf ihren gewaltigen Körper – der war nicht angelegt auf ein frühes Ende, und doch gab es für sie ja keine Hoffnung mehr als den Tod! Sie sah es ein, daß sie ein Leben nicht gewaltsam enden dürfe, das der Buße geweiht sein sollte – aber sie dachte – helfen dürfe sie doch dem lieben Gott, sie aufzulösen, wann es ihm gefalle – und so tat sie alles, was auch den festesten Körper zerstören kann. Das war ja kein Selbstmord, wenn sie nur so viel Nahrung zu sich nahm als nötig, um nicht zu verhungern – Fasten gehört ja zum Büßen –, und wenn sie sich Tag und Nacht dem Sturm und Regen preisgab, wo selbst der Geier sich in eine Felsspalte verkroch, daß allmählich Nässe, Frost und Mangel die gesunde Natur unterwühlten. Es war kein Selbstmord, wenn sie Felsen erklomm, die wohl nie ein menschlicher Fuß bestiegen – nur um dem lieben Gott die Gelegenheit zu geben, daß er sie hinabstürzen könne – wenn er wolle! Und sie sah mit einer Art grausamer Freude nach und nach den schönen Leib zerfallen, sie fühlte ihre Kraft erlahmen – sie sank oft müde zusammen, wenn sie weit umhergeirrt war; und wenn sie kletterte, zitterten ihr die Knie, und das Atmen wurde ihr schwer. So saß sie eines Tages müde da, auf einer der höchsten Spitzen Murzolls. Um sie her ragten weiße Zacken und Blöcke von Eis übereinander empor, es sah aus wie ein Kirchhof im Winter, wo die beschneiten Grabsteine in Reihen nebeneinander stehen, von keinem Reis, keiner Blume mehr umrankt. Unmittelbar ihr zu Füßen das grünschimmernde Eismeer mit seinen erstarrten Wogen, das sich hinabzog bis zum Übergang über das Joch. Tiefste Kirchhofsruhe lag über der regungslos erstarrten Welt hier oben. Traumhaft von mittäglichen Dunstschleiern umwoben lag die Ferne mit ihren unermeßlichen Gebirgszügen. Similaun, das braune Riesenhorn nebenan, ward umschmeichelt von einer kleinen, lichten Wolke, die sich kosend an ihn schmiegte, aufstieg, sich wieder senkte, um endlich an den scharfen Kanten des furchtbaren Felsens zu zerreißen, zu zerfließen.

Wally lag auf den Ellbogen gestützt, und ihr Auge folgte mechanisch dem Treiben der kleinen Wolke. Die Mittagssonne stach herab auf ihren Scheitel, der Geier saß nicht weit von ihr, putzte sich gelangweilt das Gefieder und dehnte faul die Schwingen. Plötzlich ward er unruhig, drehte wie horchend den Kopf, machte einen langen Hals und flog kreischend ein Stück höher hinauf.

Wally erhob sich ein wenig, um zu sehen, was das Tier erschreckte. Da, mitten über das glatte, rissige Eismeer kam eine menschliche Gestalt daher, gerade auf den Felsen zu, wo Wally saß. – Wally erkannte die dunklen Augen, den schwarzen Schnurrbart – sah das freundliche Grüßen und Winken und hörte den Jodler, den er heraufschickte, wie einst vor Jahren, da sie ihn von der Sonneplatten herab mit dem Fremden durch die Schlucht ziehen sah – sie selbst noch ein hoffendes, unschuldsvolles Kind, noch nicht vom Vater verflucht und verstoßen, noch keine Brandstifterin, noch keine Mörderin. – Wie eine ganze Gegend, von einem Blitz erleuchtet, plötzlich mit Höhen und Tiefen aus dem Dunkel tritt – so stand wie mit einem Schlage die Kette des Verhängnisses vor ihrer Seele, und sie übersah mit Schaudern die ganze Tiefe ihres Falles.

Was war sie damals – und was war sie jetzt? Was suchte, der sie damals nicht gesucht, was suchte er jetzt bei der Gerichteten, bei der lebendig Toten?

Sie stierte hinab mit unaussprechlichem Entsetzen: »Herr Gott, er kommt!« – schrie sie ganz laut und klammerte sich in Todesangst an den Felsen an, als wäre es die Hand ihres steinernen Vaters. »Joseph, bleib unten – nit da rauf – um Gottes Barmherzigkeit willen, kehr um – geh fort – i kann dich nit sehen!« Aber Joseph hatte im raschen Anlauf den Felsen genommen und stieg herauf zu ihr. Wally verbarg ihr Gesicht in dem Gestein und streckte abwehrend die Hände gegen den Andringenden aus: »Kann ma denn nirgends allein sein auf dera Welt?« schrie sie, am ganzen Leibe zitternd. – »Hörst denn nit? Du sollst mich lassen. Mit mir kannst nix haben – i bin tot – so gut wie tot! Oh, kann i denn nit amol ruhig sterben?«

»Wally – Wally, bist denn vom Verstand?« rief Joseph und riß sie mit starken Armen vom Felsen los wie ein dran festgewachsenes Moos. »Schau mich an, Wally – um Gottes willen – warum willst mich denn nit sehen? I bin's ja, der Joseph, dem du's Leben g'rettet hast – so was tut ma doch nit für'n Menschen, den ma nit mag?!«

Er hielt sie in den Armen, sie war auf ein Knie gesunken, sie konnte weder vor noch zurück, sie konnte sich nicht wehren – sie war nicht mehr die Wally von einst, sie war matt und entkräftet. Wie ein Opfertier neigte sie das Haupt gebrochenen Blickes, als habe sie der letzte Streich getroffen.

»Jesus, Dirndl, wie schaust aus – als wolltest sterben! Ist des noch die stolze Höchstbäuerin? Wally, – Wally – red doch was – b'sinn dich doch! – Das kommt davon, wenn man lebt wie a Wilde. Da oben könnt ma scho gar 's Reden verlerne.

Du bist ja ganz hinfällig wor'n, komm, stütz dich auf mich, i führ dich 'runter in dei Hütt'n. I bin zwar g'rad au noch kei Held, aber a bissel mehr Kräft hab i doch noch wie du. Komm – da oben wird's ei'm ja schwindlig, und i hab gar viel mit dir z'reden, Wally – gar viel!« Wally ließ sich fast willenlos Schritt für Schritt von ihm hinabführen. Ohne zu sprechen, leitete er ihren unsicheren Tritt über das Eismeer und hinab der Hütte zu. Dort aber war gerade der Hirt, und so hielt er an und ließ das Mädchen auf eine Matte von Berggras niedergleiten. Sie saß da mit gefalteten Händen, still und ergeben. Es war wohl so Gottes Wille, daß er ihr auch diese Prüfung noch schickte, und sie betete nur um Standhaftigkeit.

Joseph lagerte sich neben sie, stützte das Kinn auf die Hand und schaute ihr mit den glühenden Augen in das verhärmte Gesicht. »I hab viel an dir gut z'machen, Wally«, sagte er ernst – »und i wär scho lange komme, wenn mich der Doktor und der Pfarrer g'lassen hätt, aber sie haben g'sagt, 's könnt mich's Leben kosten, wenn i z'früh auf'n Berg aufistieg, und da hab i denkt, 's wär doch schad – denn – jetzt möcht i g'rad erst recht leben, Wally«, – er faßte ihre Hand – »seit du mir's Leben g'rettet hast! – Denn wie i das g'hört hab, da hab i g'wußt, wie's um dich steht – und so steht's um mich au, Wally!« Er streichelte ihr sanft die Hand.

Wally riß ihm im jähen Schreck die Hand weg, es versetzte ihr fast den Atem.

»Joseph, jetzt weiß i, wo du' 'naus willst! Du moanst jetzt, weil i dir's Leben g'rettet hab, müßt d' mich aus Dankbarkeit gern haben und am End gar die Afra im Stich lassen? Joseph, des laß dir nit beikommen, denn so wahr Gott im Himmel lebt – elend bin i und schlecht, aber so schlecht doch nit, daß i a Belohnung annehm, die i nit verdient und mir a Herz schenken ließ wie a Trinkgeld – a Herz, was i noch derzu aner andern stehlen müßt. Nein, des tut die Geier-Wally nit – Gottlob, daß es doch noch was Schlechts gibt, zu dem i nit fähig wär!« fügte sie leise wie für sich selbst hinzu. Und ihre ganze Kraft zusammennehmend, stand sie auf und wollte der Hütte zugehen, wo der Hirt saß und sich ein Liedchen pfiff. Aber Joseph hielt sie mit beiden Armen fest: »Wally – hör mich doch erst an!«

»Nein, Joseph«, sagte sie mit bleichen Lippen, »kei Wort mehr! I dank dir für dein guten Willen – aber du hast mich halt doch nit kennt!«

»Wally, i sag dir, daß d' mich anhören mußt – verstehst mich? Du mußt!« Er legte ihr die Hand auf die Schulter, und sein Blick haftete so gebieterisch auf ihr, daß sie wie gebrochen in sich zusammensank.

»So red«, sagte sie erschöpft und setzte sich unweit von ihm auf einen Stein.

»So is's recht – jetzt siech i doch, daß du auch folgen kannst«, sagte er gutmütig lächelnd.

Er streckte die schönen Glieder auf dem Rasen aus, den Tschoppen, den er ausgezogen hatte, legte er sich unter den Ellbogen und stützte sich darauf. Sein warmer Atem streifte Wally beim Sprechen. Sie saß regungslos mit gesenktem Blick, allmählich trieb der innere Kampf ihr eine dunkle Röte in das Gesicht, aber äußerlich blieb sie ruhig, fast starr.

»Schau, Wally – i will dir g'rad alles sagen, wie's is'«, fuhr Joseph fort: »I hab dich nie leiden mög'n, ob i dich scho nit kennt hab. Sie haben so viel von dir erzählt, wie herb und wild d' seist, und da hab i gar a schlechte Meinung von dir g'habt und hab nie nix von dir wissen g'möcht. Daß d' a schöne, g'schmache Dirn bist, des hab i alleweil g'seh'n, aber i habs nit seh'n wollen! So bin i dir alleweil aus'm Weg 'gange, bis die G'schicht mit der Afra passiert is – aber des konnt i dir nit so hingehen lass'n! – Schau, was ma der Afra tut, das tut ma mir, und wann der Afra a Leid's g'schiecht, so schneidt's mir ins Herz, denn woaßt – no – jetzt muß es halt doch 'raus, – mei Mutter wird mir's im Grab verzeihen: Die Afra – is mei Schwester!«

Wally zuckte zusammen und schaute ihn an wie im Traum. Er schwieg einen Augenblick und trocknete sich mit dem Hemdsärmel die Stirn: »'s is nit recht, daß i's ausplausch, aber du mußt's doch wissen, und du wirst's au nit weitersag'n. Mei Mutter hat mir's im Sterben anvertraut, daß sie, eh sie mein'n Vater kennt hat, drüben im Vintschgau dös Kind g'habt hat, und i hab's ihr in d' Hand 'ein versprochen, daß i für das Madel als Bruder sorgen will, deswegen hab i's drüben g'holt und ins ›Lamm‹ bracht, damit i's in der Nähe hab. Aber mir G'schwister hab'n uns 's Wort gegeben, daß mir's g'heim halten und unser Mutter nit noch im Grab verunglimpfen lassen. – Gelt, das siechst ein, daß i mei Schwester nit ung'straft kränken lassen kann und für sie einstehen muß, wann ihr eins z'nah tritt?«

Wally saß da wie eine Bildsäule und rang nach Atem. Ihr war, als drehten sich alle Ferner und die ganze Welt um sie her. Jetzt war ihr alles klar – jetzt verstand sie auch, was Afra an Josephs Bett gesprochen! Sie hielt sich mit beiden Händen den Kopf, als könne sie es nicht fassen. Wenn das so war, wie riesengroß wurde dann erst ihre Schuld! Nicht den herzlosen Mann, der sie um einer gemeinen Dirn willen beschimpft – den Bruder hätte sie töten lassen, der nur seine Pflicht gegen die Schwester erfüllte – einer armen Waise hätte sie die letzte Stütze im Leben genommen, um einer Wallung blinder Eifersucht willen? »Herr Gott, wenn das g'schehen wär!« sagte sie zu sich selbst. Ihr schwindelte, sie begrub das Gesicht in den Händen, und ein dumpfes Stöhnen drang aus ihrer Brust.

Joseph, der ihre Bewegung nicht beachtete, fuhr fort: »So is's komme, daß i mich im ›Lamm‹ vor alle Leut verschworen hab, i woll dir dein Hochmut austreiben und dir'n Schimpf antun wie du der Afra, und da hab'n mir den Streich mitanander ausg'heckt, der Afra zum Trotz, die 's nit hat haben woll'n. Und 's is au alles ganz guat gange, aber wie mir mitanand g'runge haben und du an mein'm Herz g'legen hast mit deiner schönen, lieben Brust und i dich küßt hab, da war mir's, als hätt i Feuer im Leib. I hab's nit Wort hab'n woll'n, weil i dir so lang feind war – aber 's is von Stund zu Stund ärger worden, und in der Nacht hab i mei Kopfkissen im Schlaf an mich 'preßt und hab g'meint, du seist's, und wie i dann aufg'wacht bin, da hab i laut 'nausgeschrien nach dir und bin aus'm Bett g'sprunge vor Jast und Hitz.«

»Hör auf, du bringst mich um«, wehrte Wally wie in Flammenglut getaucht. Aber er fuhr leidenschaftlich fort: »Dessentwegen hab i mich noch in der Nacht aufgemacht und bin auf d' Sonneplatte g'wandert. Daß i's nur g'rad sag – i hab dir noch vor Tag woll'n an dei Fensterl klopfen und hab mir's voller Freuden ausdenkt, wie schön's wär, wann'st dei verschlafen's Gsichtl zum Fenster außi stecken tät'st und i tat dich bei'n Kopf nehmen und abbusseln und dich um Verzeihung bitten tausend-, tausendmal! – Und da – da fahrt mir a Kugel am Kopf vorbei und glei d'rauf eine in d' Schulter, und wie i strauchel, springt einer von hint auf mich und stürzt mich übers G'länder. Und i hab scho g'meint, jetzt sei's mit der Lieb und mit allem vorbei. Aber da bist du komme, du Engel von a Madel, und hast dich meiner erbarmt und mich wieder aufi g'holt und für mich g'sorgt – o Wally!« Er warf sich vor Wallys Füße hin und legte ihr die gefalteten Hände in den Schoß: »Wally, i kann dir nit so danken wie i möcht – aber wenn ma alle Lieb von alle Menschen in der ganzen Welt z'samm nähm, so gäb's noch nicht soviel, als i dich liebhab!«

Jetzt brach Wallys mühsam behauptete Kraft – mit einem herzzerreißenden Schrei stieß sie Joseph von sich und warf sich in wilder Verzweiflung mit dem Angesicht zur Erde: »Oh, so glücklich hätt i werden könne – und jetzt is alles hin – alles, alles!«

»Wally – um Gottes Willen – i glaub wirklich, du bist irr! Was soll denn hin sein? Wenn du und i anand gern hab'n, so is ja alles guat!«

»O Joseph, Joseph, du weißt ja nit! Mit uns zwei kann's nie was werd'n, o du weißt nit, i bin verworfen und verurteilt, i darf nie dein Weib sein – tritt mich, schlag mich tot – i war's ja, die dich hat da 'nunterstürzen lassen!«

Joseph fuhr zurück vor dem furchtbaren Wort – er wußte noch immer nicht, ob Wally nicht im Irrsinn sprach. Er war aufgesprungen und blickte entsetzt auf Wally.

»Joseph«, flüsterte Wally und umfaßte seine Knie: »I hab dich liebg'habt, seit i dich kenn, und wegen dir hat mich mei Vater aufs Hochjoch g'schickt, wegen dir hab i ihm's Haus anzünd't, wegen dir bin i drei Jahr in der Einöd 'rumg'irrt und hab g'hungert und g'froren und hab lieber sterben wollen, als 'n andern Mann heiraten. Und mit der Afra bin i bloß so umgange aus Eifersucht, weil i g'moant hab, sie sei dei Schatz und nehm dich mir weg! Und endlich kommst zu mir nach lange, lange Jahr, die i auf dich g'wart hab, ziechst mich zum Tanz auf wie a Bräutigam, und i laß mich von dir küssen wie a Braut, und dann – dann verhöhnst mich vor alle Leut – verhöhnst mich für alle Lieb und Treu, für alle Trübsal, die i um dich ausg'standen hab, und da hat sich's halt ins Gegenteil verkehrt, und i hab Vinzenz g'sagt, er soll dich umbringe.«

Joseph schlug sich beide Hände vors Gesicht: »Das is gräßlich«, sagte er leise.

»In der Nacht hab i's dann bereut«, sprach Wally weiter, »und bin hingange und hab's wollen verhindern – aber da war's schon g'scheh'n, und jetzt sag'st mir, daß d' mich lieb g'habt hätt'st, und alles wär gut, wenn i mit reinem Gewissen vor dir stehen könnt. Um des alles hab i mich 'bracht mit meiner blinden Wut! Oh, i hab g'moant, s' gäb kei größer's Leid, als des, was du mir an'tan hätt'st, des is aber alles nix gegen des, was i mir selber an'tan hab, aber 's g'schiecht mir ganz recht – 's g'schiecht mir ganz recht!«

Es war lange still. Wally hatte die feuchte Stirn an Josephs Knie gedrückt, ihr ganzer Körper wand sich in Todesqual. Eine bange Minute schlich über sie hin. Da griff ihr eine Hand unters Kinn und hob ihr sanft das Gesicht in die Höhe, Josephs große Augen schauten sie mit einem wunderbaren Ausdruck an: »Du arme Wally!« sagte er leise.

»Joseph, Joseph, sei nit so guat gegen mich!« bebte Wally auf, »nimm dein Stutzen und schieß mich z'samm – i will dir still halten und nit zucken und dir danken für die Guattat!«

Da hob er sie vom Boden auf in seinen Armen, legte ihren Kopf an seine Brust, streichelte ihr das wirre Haar und küßte sie heiß, inbrünstig. » Und i hab dich doch lieb!« rief er laut hinaus, daß es jubelnd von den öden Eiswänden widerhallte.

Und Wally stand da, ihrer Sinne kaum mächtig, still, fast zusammenbrechend unter der Flut von Glück, die über sie hinströmte.

»Joseph – is des möglich – kannst mir verzeihen – kann mir der liebe Gott verzeihen?« flüsterte sie atemlos.

»Wally! Wer das alles anhören und dei vergrämt's G'sichtel anschauen – und dir noch bös sein könnt – der hätt 'n Stein statt 'me Herzen da drin! I bin a harter Kerl, aber i kann's nit!«

»O mei Herrgott«, sagte Wally, und Tränen stürzten ihr aus den Augen: »Wenn i denk, daß i das Herz hab woll'n stillstehen mach'n –!« Sie rang verzweiflungsvoll die Hände: »O du guater Bua – je besser und lieber d' mit mir bist, desto furchtbarer packt mich die Reu! Oh, i find nimmer Ruh auf Erden und im Himmel. Dei Magd will i sein, nit dei Weib, auf deiner Schwell'n will i schlafen, nit an deiner Seit – arbeiten will i für dich und dir diene – und dir tun, was i dir an die Augen abseh'n kann. – Und wann'st d' mich schlagst, will i dir d' Hand küssen, und wann'st d' mich trittst, will i deine Knie umfassen – und wann d' mir nix gönnst als 'n Hauch von dei'm Mund und 'n Blick und a Wort, so will i z'frieden sein – so is's scho mehr, als i verdien!«

»Und meinst, da dermit war i z'frieden?« sagte Joseph glühend, »meinst, i hätt g'nua an 'me Hauch und 'me Blick? Meinst, i hielt's aus, daß du draußen auf der Schwell'n lägst – und i drin? Meinst, i machet nit 's Tür'l auf und holet dich rein? Und meinst etwa – du bliebst draußen, wenn i dich 'reinrufet?«

Wally wollte sich von ihm losmachen, sie verbarg das erglühende Gesicht in den gerungenen Händen.

»Sei ruhig, liebe Seel« – fuhr Joseph mit seiner schönen tiefen Stimme fort und zog sie auf seine Knie: »Sei ruhig, und nimm's freudig hin, wie's unser Herrgott dir schickt – du darfst's, denn du hast ehrlich gebüßt. Plag dich nimmer mit Vorwürf, denn, bei Gott, i hab dir's au dernach g'macht und dich furchtbar g'reizt, hab dir dei lange Lieb und Treu mit Spott und Verachtung g'lohnt, da is's kei Wunder, daß dir die Geduld g'rissen is – was kannst denn derfür? Du bist halt die Geier-Wally! Aber 's hat dich ja glei g'reut, und du hast mich wieder 'raufg'holt mit Todesverachtung, wo koa Mann 's Kurasch derzu g'habt hätt, und hast mich in dei Stüb'l tragen lassen und in dei Bett'l g'legt und hast mich 'pflegt, bis die dumm Afra kommen is und dich forttrieben hat, weil d' glaubt hast, sie sei d' Meinige. Nacher bist gange und hast dei ganz's Vermögen uns schenken wollen, daß i d' Afra heiraten könnt – hast gemeint! Und bist da 'rauf zog'n in die Einöd mit dei'm schweren Kummer! Oh, du arme Seel, seit d' mich kennst, hast nix als Herzeleid g'habt um mich, und i sollt dich nit liebhaben, und wir sollten nit glücklich sein dürfen? Nein, Wally, und wenn die ganz Welt dich verurteilte – i fraget nix danach, i nehm dich in 'n Arm, und koa Mensch soll dir was anhab'n!«

»So is's wirkli wahr, du willst mich aus meiner Not und Schand an dei Herz nehmen? Du willst dich nit scheuen vor der wilden Geier-Wally, die so viel Unheil an'richt hat?«

»I mich scheuen vor der Geier-Wally – i, der Bären-Joseph? Nein, du liebes Kind, und wann'st noch viel wilder wär'st, als d' bist, i fürcht dich nit, i zwing dich doch, des hab i dir scho amol g'sagt – damals im Haß – jetzt aber sag i's in der Lieb! Und wann i dich au nit zwängt, und wann i wüßt, daß d' mich in die nächsten vierzehn Täg umbrächt'st, i ließ doch nit von dir – i könnt nit von dir lassen! I bin hundertmal aner Gams nachg'stiegen, wo i g'wußt hab, daß mich jeder Schritt 's Leben kosten kann, und hab's doch nit g'lass'n und du, du wunderherrliche Dirn, solltest mir nit so viel wert sein wie a Gams? Schau, Wally – für a einzige Stund, in der du so bist, wie heut, und mich so anschaust und dich so an mich schmiegst, will i gern sterben!« Er preßte sie an sich, daß ihr der Atem verging: »Heut über vierzehn Tagen bist mei Weib, und dann wirst mi nimmer umbringe – I weiß es, denn jetzt kenn i dei Herz!«

Da sprang Wally auf und erhob die Arme zum Himmel: »Oh, du großer, grundgütiger Gott, des is mehr als a irdisches Glück, des is die Gnadenbotschaft, die du mir schickst!«

Es war Abend geworden – ein mildes Antlitz schaute von da oben freundlich auf sie nieder – der volle Mond stand über dem Berg. Auf den Tälern lagen die Abendschatten – heute war es zu spät, noch hinabzusteigen. Sie gingen in die Hütte, zündeten ein Feuer an und setzten sich an den Herd. Es war ein seliges Geplauder nach jahrelangem Schweigen. Auf dem Dach träumte der Geier, er baue sich ein Nest – der Nachtwind brauste um die Hütte, daß es klang wie Hochzeitsharfen, und durch das kleine Fenster herein blinkte ein Stern.

Am andern Morgen standen Wally und Joseph zur Heimkehr bereit vor der Tür der Hütte.

»B'hüt Gott, Vater Murzoll«, sagte Wally, und der erste Morgenstrahl ließ eine Träne auf ihrer Wange erglänzen: »Jetzt komm i nimmer wieder zu dir, da unten is jetzt mei Glück, aber i dank dir doch, daß d' mir so lang a Heimat 'geben hast, wo i heimatlos war. – Und du alte Hütten, du bleibst jetzt leer stehen, aber wann i da drunt bei mei'm herzlieben Mann im warmen Stübel sitz, so will i darauf denken an dich, wie i da oben die einsamen Nächt unter dei'm Dach g'froren und g'weint hab und will allezeit dankbar und demütig bleiben!«

Sie wandte sich und legte ihren Arm in den Josephs. »So komm, Joseph, daß wir noch vor Mittag bei unserm lieben Pfarrer in Heiligkreuz sind.«

»Ja, komm, i führ dich heim, mei schön's Bräutel! – Da schaut's, ihr seligen Fräulein – da hab i sie, und sie g'hört mir – euch und alle bösen Geister zum Trotz!«

Und er schickte einen Jodler hinaus in die blaue Ferne, der schmetterte wie eine Jubelhymne am Auferstehungstag.

»St, still«, sagte Wally und legte ihm erschrocken die Hand auf den Mund: »Forder sie nit 'raus!« Dann aber lächelte sie mit klarem Blick: »Ach nein! 's gibt ja keine seligen Fräulein und keine bösen Geister mehr – 's gibt nur Gott!« Sie drehte sich noch einmal um. Die schneeigen Gipfel der Ferner erglühten rings im Morgenschein. »Schön war's doch da oben!« sagte sie zögernden Fußes.

»Tut's dir leid, daß d' mit mir 'runter mußt?« fragte Joseph.

»Und wenn d' mit mir abi stiegst in 'n tiefsten Schacht unter der Erden, wo kein Tagesschimmer 'neinschien, so ging i mit und tät nit fragen, noch klagen!« sagte sie, und ihre Stimme klang so wunderbar weich, daß Joseph die Augen feucht wurden.

Da rauschte es vom Dach der Hütte herab. »Oh, mei Hansl – dich hätt i fast vergessen«, rief Wally. »Du –!« sagte sie lächelnd zu Joseph – »mit dem mußt dich aber vertragen – ös seid's jetzt Schicksalsbrüder: I hab mir ja dich vom Felsen g'holt wie ihn!«

So stiegen sie hinab. Es war ein kleiner Brautzug, kein Gepräng als die goldenen Brautkronen, die die Strahlen der Morgensonne um ihr Haupt woben – kein Gefolge als der Geier, der hoch in den Lüften über ihnen kreiste, aber ein schwer erkauftes, unaussprechliches Glück in der Brust.

Dort oben auf der Sonneplatte in schwindelnder Höhe, wo einst »die hochlandwilde Maid verträumt herniedersah«, wo sie sich später in den dämmernden Abgrund hinabließ, um den Geliebten zu retten, da ragt jetzt ein einsames Kreuz in das Blau des Himmels. Die Gemeinde hat es gestiftet zur Erinnerung an die Geier-Wally und den Bären-Joseph, die Wohltäter der ganzen Gegend!

Wally und Joseph sind früh gestorben, die Stürme, die an ihnen gerüttelt, hatten die Wurzeln ihres Lebens gelockert, aber ihr Name lebt fort und wird gepriesen, so weit und so lang die Ache rauscht.

Der Wanderer, der abends spät durch die Schlucht zieht, wenn es das Gebet läutet und die silberne Mondessichel über den Bergen steht, sieht wohl ein greises Paar dort oben knien. Es ist die Afra und der Benedikt Klotz, die oft von Rofen herüberkommen, bei dem Kreuz zu beten. Wally selbst hat einst ihre Herzen zusammengeführt, und sie segnen heute noch am Rande des Grabes ihr Andenken.

Unten in der Schlucht umwallen weiße Nebelgestalten den Wanderer und mahnen ihn an die seligen Fräulein. Von dem Kreuz herab weht es ihn an wie eine Klage aus längstverklungenen Heldensagen, daß auch das Gewaltige wie das Schwache dahinsinkt und vergehen muß – doch der Gedanke mag ihn trösten: das Gewaltige kann sterben, aber nicht aussterben. Sei es im Strahlenpanzer Siegfrieds und Brunhilds oder im schlichten Bauernkittel eines Bären-Joseph und einer Geier-Wally – immer finden wir es wieder!

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