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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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Zum Vater zurück

In Wallys Kammer auf Wallys Bett liegt Joseph bewußtlos ausgestreckt. Es ist ruhig und still um ihn her. Wally hat alles hinausgeschickt, sie kniet vor dem Bett, hat das Gesicht in die gerungenen Hände versteckt und betet: »Herr Gott, mei Gott, erbarm dich, und laß'n leben – nimm mir alles, alles, aber laß'n leben! I will ja nix mehr von ihm, i will ihn ja meiden, i will ihn der Afra lassen – nur sterben soll er nit!« Und dann steht sie wieder auf und macht ihm frische Umschläge auf den Kopf, wo das Blut aus einer klaffenden Wunde rinnt, und auf die Brust, die der Fels zerrissen hat, und wirft sich über ihn hin, als wollte sie mit ihrem Leib die Pforten schließen, aus denen sein Leben entströmt. »O du armer Bua, du armer Bua, so zerschlagen, zerbrochen – o die Sünd, die Sünd! Wally, Wally, was hast da g'macht – hätt'st dir nit lieber selber 's Messer ins Herz g'stoßen – hätt'st 'n nit lieber mit der Afra Hochzeit halten sehen, und wärst still hing'gangen und g'storben, als daß d'n jetzt da liegen hast, und mußt'n verenden sehen, wie a Viech, was der Metzger schlecht 'troffen hat?«

So klagte sie laut hinaus, während sie ihn verband, und wühlte in ihrem Innern mit derselben Härte gegen sich selbst, mit der sie sich sonst an andern gerächt. Hätte sie gekonnt, sie hätte mit ihren eigenen Händen ihr Herz zerfleischt in der wilden, wahnsinnigen Reue, die sie erfaßte. Da ging leise die Tür auf. Wally sah sich erstaunt um, denn sie hatte verboten, daß man sie störe. Es war der Pfarrer von Heiligkreuz. Wally stand da wie vor ihrem Richter, bleich, bis ins Innerste erbebend.

»Gott sei gelobt!« rief der alte Herr – »da ist er ja!« Er ging auf das Bett zu und betrachtete und befühlte Joseph. »Du armer Tropf! Du bist übel zugerichtet!«

Wally biß die Zähne zusammen bei diesen Worten, um nicht laut aufzuschreien.

»Wie habt ihr ihn wieder heraufgebracht?« fragte der Pfarrer, aber Wally konnte nicht antworten.

»Nun, dem Herrn sei Dank, daß er das Ärgste verhütete in seiner Gnade«, fuhr der alte Herr fort. »Vielleicht kommt er wieder auf, und du hast dann wenigstens keinen Mord auf dem Gewissen, wenngleich die Absicht vor dem ewigen Richter so schwer wiegt wie die Tat!«

Wally wollte sprechen.

»Ich weiß alles«, sagte er streng, »der Vinzenz war auf seiner Flucht bei mir und hat mir alles gebeichtet, von deiner Lieb und seiner Eifersucht. Ich habe ihm die Absolution verweigert und ihn in die päpstliche Armee geschickt, dort mag er sich durch gute Dienste für den Heiligen Vater die göttliche Verzeihung erwerben oder sein Verbrechen mit dem Tode büßen. »Was aber soll ich mit dir anfangen, Wally?« Er sah sie mit seinen klugen Augen durchdringend und traurig an.

Da schlug Wally beide Hände vors Gesicht und schrie laut auf: »O Hochwürden – i bin so furchtbar g'straft, daß mich kei Mensch mehr ärger strafen kann. Da liegt, was mir 's Liebste war auf der ganzen Welt, und stirbt – und i muß mir sagen, daß i selber schuld dran bin! Kann's denn noch a größer's Elend geben? Braucht's noch mehr?«

Der Geistliche nickte mit dem Kopfe: »So weit hast du's also richtig gebracht – ein rohes Scheit Holz bist geworden, mit dem man die Leute totschlägt! – Wie ich dir's gesagt habe, so ist es gekommen, du hast dem Messer Gottes nicht Macht über dich gelassen, und nun verwirft dich der Herr und läßt das harte Holz im Fegfeuer der Reue brennen!«

»Ja, Hochwürden, so is's – aber i weiß a Wasser, was das Feuer löscht! Wann der Joseph stirbt, dann spring i in die Ach 'nunter. Dann ist alles vorbei.«

»O über die Törin! Meinst, das sei ein Brand, den irdisches Wasser löschen könne? Meinst wirklich, du kannst mit dem irdischen Leib auch die unsterbliche Seele ersäufen! Die würde in Flammenqual ewiger Reue lodern, und wenn alle Meere sich über dich ergössen!«

»Was soll i denn tun?« sagte Wally dumpf; »was kann i denn tun, als sterben?«

»Leben kannst und leiden, das is mehr als sterben!«

Wally schüttelte den Kopf, ihre dunkeln Augen starrten ohne Richtung vor sich hin. »I kann nit, – i spür's – i kann nit leben, die seligen Fräulein stoßen mich 'nunter – 's is ja alles kommen, wie's mir's im Traum an'droht haben: da liegt der Joseph zerschmettert und zerschlagen, und i muß ihm nach, das is so b'schlossen, und des muß sich so begeben, dagegen kann kei Mensch!«

»Wally, Wally!« rief der Pfarrer und schlug entsetzt die Hände zusammen. »Was redest du! Die seligen Fräulein? Was selige Fräulein! Um Himmels willen, leben wir denn in der grauen Heidenzeit, wo die Menschen noch glaubten, böse Geister trieben ihr Spiel mit ihnen? Ich will dir sagen, was die seligen Fräulein sind: deine eigenen wilden Leidenschaften sind es! Hättest du dein maßloses, gewalttätiges Wesen bezähmen lernen, wäre der Joseph nicht in den Abgrund gestürzt worden. Das ist wohlfeil, die eigene Schuld auf den Einfluß feindlicher Mächte schieben. Dafür ist der wahre Gott zu uns gekommen, um uns erkennen zu lehren, daß wir das Böse in uns selbst tragen und es in uns bekämpfen müssen. Bezwingen wir uns selbst, so bezwingen wir auch die geheimnisvollen Mächte, welche selbst die Riesen der Vorzeit zum Untergang trieben, weil diese ihnen bei all ihrer Stärke keine sittliche Kraft entgegenzusetzen hatten. – Und mitsamt deiner Stärke, deiner Härte und deinem Trotz bist du doch nur ein armseliges, schwaches Ding, solange du nicht kannst, was jede schlichte einfältige Magd des Herrn vollbringt, die in strenger Klosterzucht tagtäglich ihres Herzens liebste Wünsche auf Gottes Altar opfert und sich selig preist! Hättest du nur einen Schimmer von solcher Größe in dir, du brauchtest dich vor keinem der ›seligen Fräulein‹ mehr zu fürchten, und nicht deine dummen Träume schrieben dir dein Schicksal vor, sondern dein eigener, klarer, bewußter Wille! Denk einmal drüber nach, ob das nicht vornehmer wäre und größer!«

Wally lehnte am Bettpfosten, es war, als sei sie gehoben von einer neuerwachten großen Erkenntnis. »Ja!« sprach sie kurz und bestimmt und kreuzte die Arme über der hochwogenden Brust – »Ihr habt recht, Hochwürden – i versteh's, wie Ihr's meint, und will's probieren.«

»Ich will's probieren« – wiederholte der alte Herr, »das hast du mir schon einmal gesagt, aber nicht gehalten.«

»Diesmal halt i's, Hochwürden!« sagte Wally, und der Geistliche bewunderte im stillen den Ausdruck, mit dem sie die wenigen Worte sprach.

»Welche Bürgschaft gibst du mir dafür?« fragte er.

Da legte Wally die Hand auf Josephs wunde Brust, und aus ihren Augen quollen zwei große Tränen. – Kein gesprochenes Gelübde konnte mehr sagen. Der weise Priester schwieg jetzt, er wußte, mehr bedurfte es nicht!

Der Verwundete drehte sich im Bett um und murmelte einige unverständliche Worte.

Wally machte ihm einen frischen Umschlag auf den Kopf, er öffnete die Augen halb, schloß sie aber gleich wieder und fiel in seinen todesähnlichen Schlummer zurück. »Wenn doch nur endlich der Physikus käm!« sagte Wally und setzte sich auf einen Schemel neben dem Bett. »Wieviel Uhr mag's denn sein?« Der Pfarrer sah nach der Uhr: »Wann hast du denn nach ihm geschickt?«

»Früh um fünf.«

»Dann kann er noch nicht da sein. Es ist erst zehn Uhr, und bis Sölden sind's doch drei Stunden.«

»Erst zehn Uhr!« wiederholte Wally leise, und den Geistlichen erbarmte es, wie sie so still dasaß, die Hände im Schoß gefaltet, während ihr vor Angst das Herz schlug, daß man es hören konnte.

Er beugte sich über den Kranken und befühlte ihm Kopf und Hände. »Ich meine, du könntest dich beruhigen, Wally, der kommt mir nicht vor wie ein Sterbender.«

Wally saß unbeweglich und starrte vor sich hin: »Wenn der Physikus kommt und saget, er könn am Leben bleiben, dann wünsch i mir auf dera Welt nix weiter.«

»Das ist gut gedacht, Wally, das hör ich gern!« lobte der Pfarrer. »Und nun erzähl mir auch, wie es mit Josephs Rettung gegangen ist – das kürzt uns die Zeit ab, bis der Arzt kommt.«

»Da is nit viel z' erzählen!« erwiderte Wally kurz.

»Nun, es ist immer eine schöne Tat, die den Männern von der Sonneplatte alle Ehre macht!« meinte der Geistliche; »warst du denn nicht dabei?«

»Freili!«

»Nun, so sei doch nicht so einsilbig. Ich habe auf dem Herwege mit niemand gesprochen und weiß ja noch gar nichts. Wer hat ihn denn heraufgeholt?«

»I!«

»Gott sei mir gnädig! Du, Wally, du selbst?« rief der alte Herr und schaute Wally starr vor Staunen an.

»Ja – i!«

»Aber wie hast du das angefangen?«

»Sie haben mich am Seil 'nunterg'laßt, und da hab i'n g'funden zwischen 'n Felsen und 'n Zirbenstamm einklemmt. Wär das Bäumel nit g'wesen, war er in die Ach 'nunterg'stürzt, und kei Mensch hätt'n mehr lebendig 'raufgebracht.«

»Kind, das ist ja eine große Tat!« rief der alte Herr ganz außer sich.

»No ja«, sagte sie ruhig, fast hart. »Wann i'n hab 'nunterschmeißen lassen, muß i'n doch au wieder 'raufholen.«

»Du hast recht, das ist nicht mehr als billig«, sagte der Pfarrer, mit Mühe seine Bewegung unterdrückend. »Aber es ist nichtsdestoweniger eine Tat der Sühne, die einen Teil der Schuld von deiner armen Seele nimmt.«

»Des is alles nix!« sagte Wally kopfschüttelnd. »Wann er stirbt, so hab i'n doch umbracht.«

»Das ist wahr, aber du hast Leben für Leben hingegeben – hast das deine eingesetzt, um das seine zu retten – damit hast du gutgemacht, was du verbrochen, soweit es in deinen Kräften stand – den Ausgang müssen wir Gott überlassen!«

Ein tiefer Seufzer drang aus Wallys Brust, sie konnte den Trost nicht empfinden, der in den Worten des Priesters lag. »Den Ausgang müss'n wir Gott überlassen!« wiederholte sie aus gepreßtem Herzen.

Das Auge des Geistlichen ruhte mit Wohlgefallen auf ihr. Diese Seele konnte Gott nicht verwerfen, trotz ihrer schweren Mängel und Fehler. So alt er auch geworden – er hatte nicht ihresgleichen gefunden im Guten wie im Bösen. Er schaute auf den Kranken, der in der Bewußtlosigkeit trotzig die Faust ballte. Er zürnte ihm fast, daß er das Herrlichste verschmähte, was die Erde einem Mann bieten kann: solch eine Liebe, daß er durch seine Sprödigkeit ein Herz verhärtete, das so edel geschaffen, so großartiger Hingebung fähig war. »Du dummer Bauernbub!« brummte er unmutig zwischen den Zähnen.

Wally sah ihn fragend an, sie hatte ihn nicht verstanden.

Da klopfte es an die Tür, und zugleich trat auch der Physikus herein.

Wally zitterte so, daß sie sich am Bettpfosten halten mußte. Das war der Mann, an dessen Lippen für sie Erlösung und Verdammnis hing. Eine Menge Leute drängte sich mit herein, um zu hören, was er sagen würde, aber er wies sie kurz zurück. »Hier ist kein Ort für Neugierige, der Kranke muß die äußerste Ruhe haben!« sagte er streng und schloß die Tür. Er sprach überhaupt nicht viel. Als er dem Kranken die Kopfbinde abnahm, brummte er nur zwischen den Zähnen: »Da ist wieder ein Verbrechen im Spiel!«

Wally stand dabei, bleich und starr, wie eine Bildsäule, der Pfarrer sah sie absichtlich nicht an, er fürchtete, sie aus der Fassung zu bringen. Die Untersuchung begann, banges Schweigen herrschte in dem kleinen Zimmer. Wally stand mit abgewandtem Gesicht am Fenster, während der Arzt den zerschundenen Körper untersuchte und die Sonde einführte. Sie hatte etwas vom Boden aufgehoben, hielt es zwischen den krampfhaft verschlungenen Händen und drückte wie zum Kuß die Lippen darauf, es war das dornumwundene Haupt des Erlösers, den sie in der Nacht zertrümmert hatte. »Verzeih – verzeih«, betete sie in zitternder Todesangst. »Erbarm dich meiner – i verdien's nit – aber laß dei Erbarmen größer sein als mei Schuld!«

»Keine der Wunden ist tödlich«, sagte jetzt der Arzt in seiner trockenen Art: »der Kerl muß Knochen haben wie ein Mammut.«

Jetzt verließ Wally ihre Kraft, die zu lange angespannte Sehne riß, und laut aufschluchzend stürzte sie vor dem Bett auf die Knie und begrub das Gesicht in Josephs Kissen. »Oh, Gott sei Dank! – Gott sei Dank!«

»Was hat denn die?« fragte der Arzt. Der Pfarrer gab ihm ein Zeichen, das er verstand.

»Nehmt Euch zusammen, Höchstbäuerin, und helft mir die Verbände anlegen«, sagte er.

Sogleich sprang Wally auf, wischte die Tränen aus den Augen und griff hilfreich zu. Der Geistliche beobachtete sie mit heimlicher Freude, wie sie dem Arzt an die Hand ging, so geschickt und umsichtig wie eine barmherzige Schwester. Sie zitterte nicht, weinte nicht mehr, es war ein ruhiges, stilles Walten, ein rechtes Walten der Liebe. Und eine Verklärung lag dabei auf ihrer Stirn, eine Verklärung im Schmerz – daß der Pfarrer sie kaum wiedererkannte.

»Die wird noch – die wird!« sagte er glückselig zu sich selbst, wie der Gärtner, der eine aufgegebene Lieblingspflanze plötzlich neue Sprößlinge treiben sieht. Als der Verband fertig war und der Arzt alles Weitere anordnete, ging der Pfarrer mit ihm hinaus, und Wally blieb allein bei Joseph. Sie setzte sich auf den Schemel neben dem Bett und stützte die Arme auf die Knie. Er atmete jetzt ruhig und gleichmäßig, seine Hand lag auf der Decke dicht neben ihr, sie hätte sie küssen können, ohne sich von der Stelle zu rühren. Aber sie tat es nicht, ihr war, als dürfe sie nun keinen Finger mehr von ihm berühren. Hätte er sterbend oder tot dagelegen, sie hätte ihn mit Küssen bedeckt wie vorhin, wo sie ihn verloren glaubte – der Tote hätte ihr gehört – an dem Lebenden aber hatte sie kein Recht. So war er ihr gestorben in dem Augenblick, wo der Arzt sagte, daß er leben würde, und sie begrub ihn mit Todesweh in ihrem Herzen, während sie die Botschaft seiner Auferstehung empfing wie eine Botschaft der Erlösung. So saß sie lange regungslos, und ihr Auge haftete auf Josephs schönem bleichen Antlitz – sie litt, was ein Menschenherz leiden kann, aber sie litt geduldig. Sie seufzte nicht und klagte nicht, sie ballte nicht, wie früher, die Fäuste im Grimm ihres Schmerzes – sie hatte das Schwerste gelernt in dieser Stunde: sie hatte dulden gelernt. Was hätte sie denn noch für ein Recht gehabt, sie, die Schuldbeladene, sich zu beklagen – was verdiente sie denn Besseres? Wie hätte sie ihn denn noch für sie begehren dürfen – sie, die fast seine Mörderin geworden wäre – wie hätte sie noch das Auge zu ihm erheben gedurft? Nein, sie wollte sich nicht mehr beklagen. »Lieber Gott, laß mich's büßen, wie du magst – denn kei Straf ist zu groß für so eine wie i bin!« betete sie und neigte das Antlitz demütig auf die gerungenen Hände nieder.

Da ward die Tür aufgerissen, und mit dem Schrei: »Joseph, mei Joseph!« stürzte ein Mädchen herein, an Wally vorbei, und warf sich weinend über Joseph hin. Es war Afra. Wally war aufgesprungen, als hätte sie eine Schlange berührt – einen Augenblick dauerte der Kampf in ihr – der letzte, schwerste Kampf. Sie umfaßte sich gleichsam selbst mit den Armen, als wolle sie sich festhalten, um sich nicht auf das Mädchen zu stürzen und es von dem Bett – von Joseph wegzureißen. So stand sie eine Weile, während Afra heftig auf Josephs Brust schluchzte, dann fielen ihr die Arme wie gelähmt herab, und auf ihrer Stirn perlte kalter Schweiß. Was wollte sie denn? Die Afra war ja in ihrem Recht!

»Afra«, sagte sie leise, »wenn du den Joseph liebhast, so sei still und ruhig und mach kei so G'schrei – der Doktor hat g'sagt, der Joseph müßt Ruh haben!«

»Wer kann da still sein, der a Herz im Leib hat und sieht den Buab'n so daliegen?« wehklagte Afra. »Du hast gut reden, du kannst scho ruhig sein, du hast'n nit so lieb, wie i'n hab. Der Joseph is mei alles – wenn mir der stirbt, dann bin i ganz alleinig auf der Welt: o Joseph, lieber Joseph – wach auf, schau mich an – nur einmal – sag nur a Wört'l –« und sie schüttelte ihn in ihren Armen.

Aus Josephs Mund drang ein leises Stöhnen, und er lallte ein paar unverständliche Worte.

Da trat Wally hinzu und faßte Afra fest, aber ruhig am Arm, in ihrem bleichen Gesicht zuckte kein Muskel.

»Jetzt will i dir was sagen, Afra! Der Joseph ist da unter meiner Obhut, und i bin verantwortlich dafür, daß alles so g'schiecht, wie's der Doktor g'sagt hat, und das is mei Haus, in dem du da bist, und wenn d' nit tust, was i dir sag, und dem Joseph Ruh laßt, wie's der Doktor will, so brauch i mei Hausrecht und schick dich vor die Tür, bis du soweit zur Vernunft kommen bist, daß du die Pfleg bei dem Joseph übernehmen kannst – nacher«, die Stimme zitterte ihr – »nacher laß i'n dir!«

»Oh, du bös Ding du –« rief Afra leidenschaftlich, »zum Haus willst mich 'nauswerfen, weil i um den Joseph wein? Meinst, 's haben alle Leut so a hart's Herz wie du, und könne bei so'me Elend dastehe wie a Stock? Laß mein Arm loß? I hab a besser's Recht an den Joseph als du, und wenn d' mi nit schreien hören magst, so heb i mein Joseph auf und laß mir'n heimtragen zu mir! Da darf i wenigstens weine, so viel i mag! I bin nur a arme Magd – aber wenn i mei Lebtag dafür umsonst diene müßt, so will i'n lieber selber verpflegen, in mei'm Stübel, als daß i mir von dir die Tür weisen laß – du stolze Höchstbäuerin du!«

Wally ließ Afras Arm los, sie stand vor ihr mit dem bleichen Gesicht und dem Zug von Todesweh um den stummen Mund, daß Afra beschämt die Augen niederschlug, als ahne sie, daß sie ihr Unrecht getan.

»Afra«, sagte Wally, »du brauchst nit so g'hässig gegen mich zu sein, i verdiens nit um dich, denn für dich hab i'n aus'n Abgrund geholt – nit für mich – und für dich wird er leben, nit für mich! Schau, Afra, noch vor einer Stund hätt i dich eher erwürgt, eh i dich an das Bett da gelassen hätt – aber jetzt is mei Trotz 'brochen und mei Stolz und – mei hart's Herz!« hauchte sie vor sich hin. »Und so mach i dir freiwillig Platz, denn dich hat er gern, und von mir will er nix wissen. Du brauchst den kranken Buaben nit forttragen z'lassen. Bleib du ruhig mit ihm da – i geh scho eh! I wär doch 'gange! Ös könnt's da aufm Höchsthof sein, so lang 'es möcht'st – i werd das mit dem, dem er g'hört, seinerzeit scho ausmachen. Und i werd für euch sorgen in allem, denn ös seid's alle zwei arm und könnt's nit heiraten, wenn ös nix habt's. Vielleicht segnet ihr dann später amol die Geier-Wally.«

»Wally, Wally!« rief Afra; »Jesus, was denkst nur? I bitt dich – o Joseph – Joseph! Wenn i nur reden dürft!«

»Laß's gut sein«, wehrte Wally – »sei still, dem Joseph z'lieb – sei still! Laß mich jetzt ruhig gehen – und plag mich nit. I muß fort – halt mich nit auf! Aber eins bitt i dich: pfleg ihn guat. Gelt, du versprichst mir's, daß i ruhig gehen kann?«

»Wally«, bat Afra, »tu mir das nit an, geh nit! Jesus, was wird der Joseph sagen, wenn er erfahrt, daß wir dich aus dei'm eignen Haus vertrieben hab'n!«

»Spar alle Wort, Afra«, sagte Wally streng, »wenn i amol was g'sagt hab, bleibt 's dabei, da könnt kommen, was wollt!«

Sie ging zur Truhe und nahm Kleider und Wäsche heraus, die schnürte sie zusammen in ein Bündel und warf es über die Schulter. Dann nahm sie aus einer Schachtel ein Päckchen Linnen: »Schau, Afra«, sagte sie, »das is alte feine Leinwand, die brauchst zum Verband, und da is gröbere, die nimmst zur Charpie, die braucht der Doktor heut abend, wann er wiederkommt. Schau, da hast die Scher, da mußt so fingerlange Fleckeln schneiden. Mach's pünktlich, hörst? Und alle Viertelstunden mußt ihm'n frischen Umschlag auf'n Kopf machen, daß's d'Hitzen 'rausziegt. Gelt, i kann mich drauf verlassen, daß d' nix versäumst? Denk, wenn i'n 'rauf g'holt hätt aus'm Abgrund – und i müßt's erleben, daß du, du – was versäumt hätt'st in der Pfleg! – Und schaust, er soll alleweil hoch liegen mit'm Kopf, daß's Blut abi lauft – schütt'l ihm immer recht die Kissen auf. – Jetzt wird's wohl alles sein – jetzt weiß i nix mehr. Ach Gott, du wirst'n nit heben und nit legen können wie i – du hast die Kraft nit! Nimm dir den Klettenmaier zu Hilf – der meint's treu. Und so leg i'n denn in deine Hand«, – die Stimme versagte ihr, ihre Knie zitterten, sie vermochte kaum das Bündel zu halten, das sie trug – einen letzten Blick warf sie nach dem Kranken hinüber: »B'hüt Gott!« Dann war sie zur Tür hinaus.

Draußen sprach der Pfarrer mit Klettenmaier.

Wally trat zu ihnen hin.

»Klettenmaier!« rief sie dem Knecht ins Ohr, »geh hinein und hilf der Afra den Joseph pflegen. Die Afra is jetzt da an meiner Statt. Der Joseph bleibt aufm Höchsthof, und i geh fort, ös sollt's alle den Joseph als Höchstbauern betrachten und ihm folgen, als wenn i's wär, bis i wiederkomm, und weh Euch, wenn er was z'klagen hätt! Künd's dem G'sind an!«

Der Klettenmaier hatte verstanden und schüttelte den Kopf, aber zu fragen traute er sich nicht. »Adjes, Bäuerin«, sagte er, »kommt's bald wieder!«

»Nie«, sagte Wally leise.

Klettenmaier ging ins Haus. Wally stand vor dem Pfarrer und hielt seinen prüfenden Blick aus. »Jetzt g'hört nix mehr mir, wodran mir mei Herz hangt, als der Geier«, sagte sie erschöpft – »aber den gib i nit her – der muß mit mir. Komm, Hansel«, lockte sie den Vogel, der aufgedunsen und faul auf dem Spalier saß. Er kam schwerfällig zu ihr herangeflogen. »Jetzt mußt wieder fliegen lerne, Hansel, 's geht wieder fort.«

»Wally«, sagte der Geistliche bekümmert, »was hast du vor?«

»Hochwürden – i muß fort – die Afra is drin! Gelt das seht's ein, daß i da nit bleiben kann? I will ja alles tun, i will zeitlebens arm und bloß auf der Landstraß wandern und ihm alles lassen, alles – aber nur nit zusehn, wie er die Afra herzt – nur des nit – des kann i nit!« Sie biß die Zähne zusammen, um die neuaufquellenden Tränen zurückzuhalten.

»Und du willst ihm wirklich Haus und Hof abtreten? Weißt du auch, was du da tust, mein Kind?«

»Der Höchsthof g'hört nimmer mir, Hochwürden – seit gestern weiß i, daß er 'm Vinzenz g'hört, wenn er 'n Anspruch darauf erhebt. Aber mei Vermögen, was i sonst noch hab – soll dem Joseph g'hören. Wenn der Joseph wegen mir lahm wird und kann sei Brot nit mehr verdienen – i's mei verfluchte Schuldigkeit, daß i für'n sorg.«

»Ist's möglich, wie?« rief der Geistliche, »dein Vater hat dich an Haus und Hof enterbt?«

»Was liegt mir noch an Haus und Hof? Das Haus, in das i g'hör, is immer bereit!«

»Kind!« rief der Geistliche beunruhigt, »ich hoffe nicht, daß du dir ein Leid antun wirst?!«

»Nein, Hochwürden – jetzt nimmer! I siech's jetzt ein, wie recht Ös in allem habt's, und daß sich unser Herrgott nix abtrotzen laßt. Vielleicht – wann er siecht, daß i ehrlich büß, erbarmt's ihn doch, und er gönnt meiner armen Seel' 'n Frieden!«

»Nun, die Stunde sei gesegnet, wie schwer sie auch war, die deinen harten Sinn gebrochen hat! Jetzt, Wally, bist du wahrhaft groß! Aber, wo gehst du hin, mein Kind? Willst du in ein barmherziges Stift, soll ich dich zu den Karmeliterinnen bringen?«

»Nein, Hochwürden, des tut's der Geier-Wally nit an. I kann mich nit in Mauern und Zellen einsperren lassen – unter Gottes freiem Himmel, wie i g'lebt hab, will i sterben. – I tät meinen, durch so dicke Wänd käm unser Herrgott nit durch. I will büßen und beten wie in der Kirch, aber Felsen und Wolken muß i um mich hab'n, und der Wind muß mir um d' Ohren sausen, sonst halt i's nit aus! Gelt, das seht's ein?«

»Ja, Wally, das seh ich ein, und es wäre Torheit, wollte ich dir Zwang antun, aber wo ziehst du hin?«

»I geh wieder zu mei'm Vater Murzoll z'ruck. – Da is doch mei einzige Heimat!«

»Tu, was du nicht lassen kannst«, sagte der Pfarrer. »In Gottes Namen, mein Kind! Ich sehe dich ruhig scheiden, denn wohin du jetzt auch gehst – du gehst zum Vater zurück!«

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