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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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In der Nacht

Durch das stille, schlafende Haus des Höchsthofs ging ein seltsames, gleichmäßiges Dröhnen unaufhörlich die ganze Nacht hindurch. Die Mägde fuhren wohl zuweilen aus dem Schlaf auf und wußten nicht, was sie hörten, schliefen aber wieder drüber ein. Die Dielen krachten, und die Balken waren in einem beständigen leisen Schwanken.

Es war Wally, die ohne Unterbrechung mit schwerem Schritt auf und nieder ging und mit sich, mit dem Schicksal, mit der Vorsehung rang im Todeskampf ihres sterbenden Herzens. Zerrissen – die Kleider um sie her, zerschmettert auf dem Boden die holzgeschnitzte heilige Walburga, der Christus mit dem Kreuz, die Heiligenbilder – alles in Trümmer zerschlagen – in ohnmächtiger Wut.

Sie war halb entkleidet, und das aufgelöste Haar hing ihr zerzaust auf die nackten Schultern nieder.

In dem Lichtstock qualmte ein rotleuchtender Span, und in dem zitternden Schatten verzerrten sich die Züge des zerbrochenen Christuskopfes am Boden und schienen sich zu beleben. Sie blieb im Vorbeischreiten bei den Trümmern stehen: »Ja, grins' nur – du haltst mich nimmer für Narren. Und keiner von euch! Götzenbilder seid's, von Holz und Papier, die kein'm helfen könne! Ös hört's koa Gebet und koa'n Fluch. Und die, die es vorstellt's, stecken Gott weiß wo, und lacheten uns aus, wenn sie's sehen könnten, wie wir vor'me Stück'l Holz knien!« Und sie stieß die Trümmer unter ihr Bett, um nicht im Gehen gehindert zu sein.

Da fiel in der Ferne ein Schuß. Wally blieb stehen und horchte – alles war still. Sie hatte sich wohl getäuscht. Warum nahm ihr das Geräusch den Atem? Sie konnte doch nicht einmal sagen, ob es nur wirklich ein Schuß war? Wie der Blitz fuhr es ihr durch den Kopf: »Wenn in dem Augenblick der Vinzenz den Joseph erschossen hätt!« Doch das war ja Unsinn, der Joseph war ja ruhig daheim – oder vielleicht gar in Zwieselstein bei seiner Afra!

Sie schlug den Kopf an die Wand in namenloser Qual bei dem Gedanken, und Bilder stiegen vor ihrer Seele auf, die sie wahnsinnig machten! Oh, wär er nur tot, tot, daß sie das nicht mehr zu denken brauchte! Sie riß das Fenster auf, um Luft zu schöpfen.

Hansl, der auf einem Spalier vor dem Fenster geschlafen, erwachte und kam schlaftrunken herbeigeflattert. »O du!« rief Wally, streckte ihm die Arme entgegen und preßte ihn an die Brust – er war ja ihr alles, ihr letztes auf der Welt.

Da – ein zweiter Schuß und diesmal deutlicher von der Richtung nach Zwieselstein her. Sie ließ den Geier los und fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen, als hätte sie der Schuß selbst getroffen. Warum nur dieses Erschrecken? Der unbedeutende Zufall hatte ihr plötzlich die ganze entsetzliche Tat, die sie gestern heraufbeschworen, vor die Seele geführt. Sie mußte immer wieder denken, wie es wäre, wenn der Schuß, den sie eben gehört, Josephs Haupt zerschmettert hätte, und eine wilde, wahnsinnige Freude überkam sie. Nun gehörte er ihr, nun konnte er keine andere mehr küssen. Und wie sie so darüber nachdachte, da war es ihr, als wäre es wirklich geschehen, sie sah ihn in seinem Blut am Boden, sie kniete bei ihm nieder, sie nahm sein Haupt auf ihren Schoß und küßte das bleiche Gesicht – das bleiche, schöne Gesicht – sie sah es ganz deutlich vor sich! Aber da – da überkam sie plötzlich ein Mitleid mit dem armen toten Mann – ein heißes, unaussprechliches Mitleid – sie rief ihn an mit allen Namen der Liebe, sie schüttelte, sie rieb ihn – umsonst, er wurde nicht mehr lebendig! Eine unnennbare Angst erfaßte sie. Nein, nein, das durfte nicht geschehen – er durfte nicht sterben – lieber sie selbst!

Es war, als hätte vorher ein Krampf ihr ganzes Herz zusammengeschnürt, daß kein menschliches warmes Blut mehr durch ihre Adern floß, und als hätte sich jetzt erst der Krampf gelöst, und die warme Welle strömte wieder dem Herzen zu. Sie mußte hinaus, sie mußte sehen, ob Vinzenz zu Hause sei – sie mußte ihn sprechen, noch vor Tag – mußte ihm sagen, daß das Gräßliche nicht geschehen dürfe – sie war wie im Fieber, alle Pulse schlugen ihr – sie hatte die Tat gewollt, begehrt – aber schon der Gedanke, daß sie geschehen sei, löschte ihren Zorn, und sie verzieh.

Sie warf ein Tuch über und eilte hinaus über den Hof, durch die Gärten dem Haus des Vinzenz zu. Was würde er, was würden die Leute von ihr denken? Ach, das war ja ganz einerlei – was lag jetzt noch daran!

Sie erreichte das Haus. In Vinzenz' Kammer zu ebener Erde brannte Licht – sie schlich sich heran, sie konnte durch das verschobene Vorhängchen hineinschauen – es nahm ihr fast den Atem – die Stube war leer, der Kienspan tief heruntergebrannt. Sie ging ums Haus, die Tür war nicht verschlossen. Sie öffnete leise und trat ein, alles still – wie ausgestorben. Die Knechte und Mägde schliefen noch fest, sie schlich durchs ganze Haus, nichts rührte sich – Vinzenz war fort! Eiseskälte durchrieselte Wallys Glieder. Sie ging in seine Schlafkammer, das Bett war verlegen, er mußte darin gelegen haben, aber bald wieder aufgestanden sein – die Sonntagskleider hingen am Kleiderrechen, aber die Werktagskleider fehlten. Auch kein Hut war da. Sie suchte in der Wohnstube: der Nagel, wo sonst die Büchse hing, war leer.

Wally stand da wie gelähmt. Sie wußte nicht, wie sie wieder zum Haus hinauskam. Vor der Tür mußte sie sich auf eine Bank setzen, ihre Füße trugen sie nicht weiter. Sie versuchte sich Trost zuzusprechen; er war eben, unruhig, wie er war, auf irgendein nächtliches Wild gegangen – was sollte er denn dem Joseph tun, der schlief ruhig irgendwo – es schüttelte sie – auf einem weichen Pfühl, und am Tage, wo alles auf war, konnte ihm ja niemand was tun.

Das war das böse Gewissen, das ihr solchen Schrecken einjagte, und sie begrub das Gesicht in den Händen: »Wally, Wally, was ist aus dir 'worden!« Beschimpft, verhöhnt, erniedrigt vor den Menschen – und vor Gott eine Verbrecherin! Wo war Wasser genug, sie zu reinigen? Da unten, da brauste die Ache – die, ja, die konnte alles abwaschen – wenn sie sich in diese kalte Flut hinabstürzte – dann war alles weggespült – ihr Weh – und ihre Schuld, das ganze unselige Ding, das nur zu Schreck und Kampf geschaffen war – mit eins vernichtet – vorbei! Ja, das war Erlösung – wozu sparte sie sich noch auf? In Stücke das unnütze Gehäus, das die Seele gefangen hielt in Banden der Schuld und des Schmerzes! Sie sprang auf – aber sie konnte nicht weiter; sie sank wieder auf die Bank zurück. Hing denn dies zertretene, erstorbene Herz immer noch mit einem unsichtbaren Faden am Leben? Da – Gott sei gelobt – ein Schritt über den Rasen – da kam Vinzenz! Jetzt konnte sie ja mit ihm reden – jetzt konnte noch alles gut werden.

»Alle Heiligen!« schrie Vinzenz auf, als sie ihm entgegentrat – »da bist du?« Er schaute sie an wie ein Gespenst. Wally sah in der Morgendämmerung, daß er bleich und verstört war; den Stutzen hatte er über der Schulter.

»Vinzenz«, sagte sie leise, »hast was g'schossen?«

»Ja!«

»Was denn?« Sie schaute nach seiner Jagdtasche, sie war leer.

»Hochwild!« flüsterte er.

Wally erbebte. »Wo hast's?«

»In der Ach liegt er!«

Wally faßte ihn am Arm, ihre Augen stierten ihn an wie im Irrsinn. »Wer?«

»Fragst noch?«

»Der Joseph?« schrie Wally auf und schlug taumelnd an die Wand.

»'s war harte Arbeit!« sagte Vinzenz und wischte sich die Stirn; »hab selber nit g'meint, daß er mir so bald vor'n Schuß kommt. Weiß der Deifel, was den in der Nacht noch umetrieben hat. Hab denkt, i wollt mich früh aufmachen, daß i am Morgen glei in Sölden wär, eh er aufstünd – da lauft er mir schon beim ersten Schritt in d' Händ. Aber 's war noch z'finster, die erste Kugel hat'n gefehlt und die zweit hat'n nur g'streift. Schwindlig muß's 'm aber doch wor'n sein, denn aufm Steg hat er g'strauchelt und sich am G'länder g'hoben. Den Augenblick hab i gnutzt, bin von hint auf'n g'sprungen und hab'n übers G'länder 'nunterg'stoßen!«

Aus Wallys Brust drang ein Stöhnen wie das Röcheln einer Sterbenden, und wie ein Geier, der sich auf seine Beute stürzt, warf sie sich plötzlich auf Vinzenz und packte ihn mit beiden Händen am Hals: »Du lügst – Vinzenz, du lügst, 's is nit wahr, 's kann nit sein – sag, daß's nit wahr is – oder i bring dich um.«

»Bei meiner armen Seel'n, 's is wahr! Hast g'meint, der Vinzenz b'sinnt sich lang, wenn's was für dich z'tun gibt?«

»O du Mörder, du feiger boshafter Meuchelmörder«, schluchzte Wally auf, und ihr ganzer Körper bebte: »So hinterrücks, so heimtückisch, so niederträchtig hab i's nit g'wollt! Im ehrlichen Kampf, hab i g'meint, sollt er sterben. Verflucht seist in Zeit und Ewigkeit – verflucht und verworfen diesseits und jenseits! Was tu i dir nur? Mit Nägel und Zahn sollt i dich zerreißen!«

»Also des is mei Dank«, knirschte Vinzenz; »hast du's mich nit g'heißen?«

»Und wenn i's dich so g'heißen hätt – so! – hast du's deswegen tun müssen?« fieberte Wally. »Ma sagt manchmal was im Zorn, was ein' nacher reut – hätt'st nit warten könne, bis i zur B'sinnung komme wär nach dem furchtbaren Schlag? Oh, hätt'st nur a paar Stunden g'wartet. Aber die Bosheit hat dich trieben, und du hast's nit derwarten könne, bis d' sie hast auslassen dürft.«

»So recht, schieb jetzt nur alles auf mich!« murmelte Vinzenz, »und hast doch dei Teil Schuld so gut wie i!«

»Ja«, sagte Wally, »i hab's, und i werd's mit dir büßen. Für uns zwei gibts kei Erbarmen. Da heißt's Blut um Blut« – knirschte sie, faßte Vinzenz am Kragen und riß ihn mit sich fort.

»Wally – laß ab von mir – was willst denn? Herrgott, is des mei Lohn? Erbarmen, Wally, du erwürgst mich – wohin schleppst mich denn?«

»Wo wir zwei hing'hören« – war die dumpfe Antwort, und fort ging es, wie wenn ihn ein Sturmwind gefaßt hätte, die Anhöhe hinan bis zum Steg wo's jäh in die Ache hinabgeht – wo die Tat geschehen war. »Da 'nunter«, war das einzige furchtbare Wort, das sie ihm ins Ohr donnerte, »wir zwei – mit'nander!«

»Jesus Maria!« schrie Vinzenz entsetzt auf, »du hast mir g'schworen, daß du mein Weib wirst, wenn i die Tat tu, und jetzt willst mich umbringe?!«

Wally schlug wieder ihre schreckliche Hohnlache auf: »Du Narr, wenn i mich mit dir da 'runterstürz – sind wir zwei dann nit vereint auf ewig? Was? Willst dich noch wehren um dei Wolfsleben?« Und mit Riesenkraft umklammerte sie ihn und drängte ihn an das niedere Geländer, ihn mit sich hinabzureißen in die dämmergraue Tiefe.

»Hilfe!« schrie Vinzenz unwillkürlich auf und – »Hilfe« tönte es schwach – geisterhaft, wie ein Echo, aus der Tiefe!

Wally stand wie versteinert und ließ von Vinzenz ab. Was war das? War es ein Spuk? »Hast du des g'hört?« fragte sie den Vinzenz.

»'s war das Echo!« stammelte der, und die Zähne schlugen ihm zusammen.

»Still! Noch einmal!«

»Hilfe!« klang es wieder wie ein Hauch aus dem Abgrund herauf!

»Alle guten Geister, das is er – er lebt – er hängt wo – er ruft! Ja – i komm, Joseph, wart, Joseph – i komm!« schmetterte sie mit Posaunenton in die Schlucht hinab, und mit Posaunenstimme schrie sie die Schläfer heraus und flog durchs Dorf und schlug an alle Türen. »Zu Hilf! Zu Hilf! – 's is einer verunglückt, rettet – helft, um Gottes Barmherzigkeit willen – 's geht um Leben und Tod!«

Und der Schreckensruf jagte die Leute aus den Betten, die Fenster wurden aufgerissen. »«Was is's, was soll's?«

»Der Joseph – der Hagenbach is in 'n Abgrund g'stürzt« – schrie Wally – »Seil – schafft Seil her – schnell, nur schnell, 's kann schon z'spät sein – vielleicht is's z'spät, bis wir dort sind!«

Und wie der Wind flog sie allen voran nach Hause und in die Scheuer und raffte zusammen, was da war an Stricken und knüpfte die Stücke zusammen mit zitternden Händen, aber wie sie auch knüpfte, Schnüre und Stränge und Seile, es waren ja immer nicht genug, in die Untiefe hinabzureichen, in der er lag – Gott weiß wo!

Indessen kamen die Männer gerannt, halb noch ungläubig, halb entsetzt ob der schrecklichen Kunde, und brachten Stricke und Haken geschleppt und Laternen, denn es war, als wollte es heute nicht Tag werden, und es war ein Fragen und Rufen, eine Ratlosigkeit, denn seit Menschengedenken war hier oben niemand verunglückt, und sie waren hier auf der breiten Hochebene nicht vorgesehen mit Rettungswerkzeugen wie an anderen Orten, wo schwindelnde Felspfade und tückische Klüfte und Spalten alljährlich ihr Opfer fordern. So kamen sie zu der Unglücksstelle, und banges Grausen ergriff die Kaltblütigsten, als sie sich über das Geländer beugten und hinabschauten in die grau-verschwommene Kluft, in der nichts zu sehen war als wallende Nebel, die über dem Wasser brauten. Vinzenz war verschwunden – es war öd und totenstill weit und breit in Höhe und Tiefe. Wally schickte einen Juchschrei hinab, daß die Lüfte zitterten – alles lauschte mit gespanntem Atem – keine Antwort.

»Joseph – wo bist?« rief sie nochmals mit einer Stimme, als habe der Angstschrei der ganzen gequälten, verzagenden Menschheit sich zusammengeballt in dem einen Ton – alles blieb still.

»Er antwortet nimmer – er is tot«, schluchzte Wally auf und warf sich verzweifelt zu Boden, »jetzt is alles vorbei!«

»Vielleicht is er nur von sich oder so schwach, daß er nimmer rufen kann«, tröstete der alte Klettenmaier und raunte Wally ins Ohr: »Bäuerin – denk an die Leut!«

Sie erhob sich und wischte sich das zerraufte Haar aus der Stirn. »Bindet die Strick z'sammen, steht's nit so unschlüssig da – auf was wartet ihr denn?« Die Männer sahen sich zweifelhaft an. »Probiert muß es werden, ob er nit z'finden wär«, sagte Klettenmaier.

Die Männer begannen kopfschüttelnd an den Seilen zu nesteln. »Wer soll sich an dem Geknüpf 'nunterlassen?«

»Wer?« sagte Wally, und ihre dunklen Augen leuchteten geisterhaft aus dem bleichen Gesicht: »I werd's tun!«

»Du, Wally – du bist nit g'scheit – das tragt kaum ein'n, noch weniger zwei«, – meinten die Männer und ließen ratlos die Arme sinken; da bleibt nix übrig, als ma schickt in die Dörfer und laßt Seil z'samm'holen –«

»Und derweil stürzt er vollends in die Tiefe, wenn ihn's Bewußtsein verlaßt und 's is zu spät!« schrie Wally in Verzweiflung. »I wart's nit ab, bis die kommen – gebt her – wickelt das Geknüpf auf und zeigt, wie lang es is! Auseinander! Vorwärts! –« Sie schüttelte das Gewirr von Strängen auseinander und prüfte seine Länge und Stärke, und unwillkürlich griffen die Männer wieder zu, sie wickelten das mächtige Knäuel auf, und die Anstalten fingen an, zweckvoll und planmäßig zu werden. Die Männer traten an, die Kette zu bilden. »Langen könnt's am End scho – aber 's tragt keine zwei!« »'s braucht keine zwei z'tragen, i laß'n allein 'naufziehen. Wo er Platz zum Liegen hat, hab i au Platz zum Stehen. Sowie i festen Fuß g'faßt hab, bind i mir den Strick los und ihn dran. Dann ziecht ihr ihn 'nauf und i wart so lang unten, bis 's Seil wieder kommt –«

»Das geht nit, allein kann man ihn nit 'raufbringen, denn wenn er schwach und von sich wär, tat er ja zerschlagen und zerschunden werden, wenn niemand bei ihm ist, der'm hilft und ihn von der Felswand abstemmt!«

Wally stand wie vom Donner gerührt – daran hatte sie nicht gedacht. So sollte es dennoch scheitern – sie sollte ihn nicht erreichen, als vielleicht dort unten im kalten Bett der Ache! Zwei trug das Seil nicht, das sah sie selbst ein. »In Gottes Namen«, sagte sie endlich, und trotz des Fiebers, das sie schüttelte, stand sie jetzt da, würdevoll gefaßt und gebietend in ihrem festen Entschluß, gürtete sich das Seil um den Leib und nahm den Alpstock in die Hand. »So laßt mich 'nunter, daß i'n wenigstens such! Wenn i'n find, so bleib i so lang bei ihm und halt ihn, bis ihr noch Strick z'sammbracht habt und sie uns 'runterlaßt. I wart's geduldig ab da drunten und wann i stundenlang zwischen Erd und Himmel hängen müßt, bis das Seil kam!«

Da hielt sie der alte Klettenmaier zitternd am Arm; »Wally – Wally – tu's nit, sie sagen ja alle, daß das Geknüpf nicht sicher sei! Wenn's dann sein muß, so laß mich 'nunter, was liegt an mei'm alten Leben – wann i au nix helfen kann, man sieht wenigstens, ob die Stricke fest sind, und reißen's, so bin's nur i, der abstürzt und nit du!«

»Ja, Wally, hör auf ihn«, sagte ein anderer, »er hat recht, tu's nit! Wart noch, b'sinn dich noch, bis Hilf von die Ortschaften kommt!«

Da hob Wally die Arme auf, daß alles um sie auseinanderwich: »Wie i noch a Kind war, hab i mich nit b'sonne, den Geier aus 'm Nest z'holen über'm Abgrund – und i sollt mich jetzt b'sinne, den Joseph z'holen? Sag mir keiner mehr was – i will, i muß zu ihm! Macht – tretet an – wickelt ab – haltet fest!« Und da war sie über das Geländer gesprungen, und die Männer, welche die Kette bildeten, mußten sich mit allen Kräften stemmen, so jäh war der Ruck an dem Seil.

»Gott steh uns bei!« bekreuzigte sich Klettenmaier und rannte fort, als wäre ihm bei Wallys letzten Worten etwas eingefallen. Alles starrte mit Entsetzen ihr nach, wie sie langsam tiefer sank in das Nebelgewog hinein, bis es sie verschlungen hatte und sich über ihr schloß, vielleicht auf Nimmerwiedersehn. Lautlos wie um ein Grab standen die Leute um die Stelle herum, wo sie verschwand. Das straffgespannte Seil allein gab noch Kunde von den Bewegungen der todesmutigen Taucherin in dem Wolkenmeer – und alle Augen hafteten auf ihm, ob es reißt, ob es sie trägt. Und so oft wieder einer der rasch geschürzten Knoten abgewickelt ward, schlug jedes Herz banger: »Wird er halten?«

Und auf den Stirnen der die Kette bildenden Männer perlte der Schweiß, und unwillkürlich prüften die Hände beim Abwickeln noch einmal den Knoten, an dem ein Menschenleben hing. – So schlich bleiern schwer Minute um Minute hin, als wäre auch die Zeit an ein Seil gebunden, das dunkle Mächte nicht losließen. – Immer noch zieht und wuchtet das Seil, noch immer muß sie hängen, hat noch nicht festen Fuß gefaßt.

»Es geht zu End«, ruft der letzte von der Kette, »'s wird nit langen.«

»Jesus Maria, steh uns bei!« riefen alle durcheinander, »'s langt nit!«

Nur noch wenige Ellen sind übrig und immer noch kein Zeichen von unten, daß Wally am Ziel. Die Männer drängen sich zusammen, so dicht sie können, an den Abgrund, sie lassen nach von dem Seil, so viel noch möglich. – Wenn's nicht reichte, wenn alles umsonst wäre, und sie müßten die arme Wally wieder heraufziehen, um noch einmal den Todesweg anzutreten!

Da – da läßt das Seil plötzlich nach, es wird schlaff – ein furchtbarer Augenblick! Ist es gerissen oder hat seine Last Boden gefunden?

Die Weiber beten laut – die Kinder schreien. Die Männer fangen an, langsam aufzuwickeln, aber nur ein paar Hände – da widersteht das Seil! Es ist nicht gerissen, es hält – Wally hat Fuß gefaßt! Und jetzt – horch! ein verhallender Ruf aus der Tiefe – und aus allen Kehlen bricht noch angstzitternd die Antwort. Wieder wird das Seil schlaff, sie wickeln nach, das wiederholt sich ein paarmal, es scheint, Wally klimmt an der Felswand empor. Mittlerweile ist es Tag geworden, aber ein feiner, kalter Regen rieselt herab, und immer dichter wird das Nebelgemeng dort unten. Jetzt nimmt das Seil plötzlich eine schräge Richtung, es zerrt stark nach rechts, die Männer geben ihm nach und ziehen sich von der linken auf die rechte Seite des Wegs, Wally scheint immer höher zu steigen, sie müssen immer mehr aufwickeln. »Gott sei Dank«, sagen einige, »er muß nit so tief gefallen sein – wenn er noch so weit oben liegt, kann er leben!« »Vielleicht sucht's nur!« meinten andere. Jetzt ein Ruck am Seil, dann ein plötzliches Nachlassen und ein markerschütternder Schrei.

»'s is gerissen!« kreischten die Leute.

Nein, es spannt sich wieder an – vielleicht war's ein Freudenschrei – vielleicht hat sie ihn gefunden! Die Weiber liegen auf den Knien, selbst die Männer beten, denn wenn sie auch alle die übermütige »Höchstbäuerin« gehaßt hatten – für die opfermutige Dirn, die da drunten im Chaos in Todesnot schwebt, bangt jeder, der ein Menschenherz in der Brust trägt. Wenn nur ein Sonnenstrahl durch den Nebel dringen wollte, nur einen Augenblick! Da stehen sie alle und schauen und können nichts entdecken und müssen es der Zeit, der langsam schleichenden, überlassen, was sich enthüllen wird.

Das Seil steht, aber kein Ton dringt mehr von unten herauf. Ist es gerissen und hängt nur an einer Felszacke, während Wally schon zerschmettert in der Ache liegt? Warum kein Zeichen, kein Juchzer? Und noch Stunden können vergehen, ehe Hilfe von den Ortschaften kommt.

Niemand wagt ein Wort zu sprechen – alles horcht mit gespanntem Atem. Da rennt der Klettenmaier herbei, rufend und winkend.

»Da schaut's, was i bring!« Er trägt ein vollständiges Rettungsseil über der Schulter. »Unserm Herrgott sei Dank! I hab g'hört, daß sie was vom Geier g'sprochen hat, da is mir eing'fallen, daß die Luckard selig das Seil aufg'hoben hat, wodran damals der Stromminger die Wally zum Geier 'nunterg'laßt hat – und da – da hab i's richtig g'funden aufm Speicher unter allem alten G'rümpel 'raus.«

»Des is a Fund!« »Klettenmaier, dich schickt unser Herrgott!« riefen die Leute durcheinander. »Gott geb's, daß wir's noch brauchen«, sagte der Dorfälteste und sah mutlos auf das Rettungswerkzeug; »sie gibt kei Zeichen mehr!«

»'s zupft am Seil«, schrie der Vorderste von der Kette, und zugleich tönte ein Ruf herauf, so nahe, daß man es verstehen konnte, wenn alles still war: »Noch kei Hilf da?«

»Ja, ja!« schallt es jubelnd aus aller Mund. Ein eiserner Widerhaken wird als Anker an das Tau geknüpft, eine zweite Kette wird gebildet, und nun wird es hinabgesenkt in die undurchdringlich verschleierte Tiefe. Der Dorfälteste kommandiert – denn das Aufziehen der beiden Seile muß streng zusammengehen, damit Wally bei dem Verunglückten bleiben und ihn unterstützen kann. Nicht halb so tief, wie Wally zuerst gesunken war, geht das Seil nieder, da wird es schon von unten gefaßt und angehalten.

»Nachlassen«, befiehlt der Älteste, »denn Wally muß ein paar Ellen frei haben, dem Joseph das Seil umzugürten.« »Genug!« schallt das Kommando, und wie Soldaten auf dem Spürgang stehen die Männer und harren des Weiteren. Wieder ein paar Minuten Pause, sie muß die Schlinge sicher und bedacht machen, damit der vielleicht leblose Körper nicht so nah am Ziel wieder in den Abgrund stürzt.

»Knüpf's fest, Wally«, keucht der Klettenmaier vor sich hin.

»Ja, Jesus, wenn sie 'n nur gut anbind't«, wiederholen die Leute.

Ein dreimaliger Ruck an beiden Seilen zugleich. »Aufziehen!« befiehlt der Älteste, und es ist, als zittre ihm die Stimme dabei.

Die Männer beider Ketten stemmen die Füße fest in die Erde, weit hintenübergebogen, an Schenkeln, Armen und Stirnen schwellen die Adern auf, die nervigen Fäuste ziehen auf, und das Aufwinden der wuchtigen Lasten beginnt – eine furchtbare, verantwortungsvolle Arbeit – ein Nachlassen, und alles ist verloren.

»Langsam!« mahnt der Älteste: »Aufanand schauen!«

Es ist ein feierlicher Augenblick. Selbst die Kinder wagen nicht, sich zu rühren. Man hört nichts weit und breit, als das Stöhnen der schwer arbeitenden Männer.

Jetzt – jetzt kommt es durch den Nebel – deutlicher, immer deutlicher – Wally taucht auf, mit einem Arm den leblosen Körper unterstützend, der in dem Rettungsseil hängt, und mit dem andern Arm den Alpstock kraftvoll gegen die Felswand stemmend, um sich und ihn vor dem Zerschellen zu schützen. So gleichsam rudernd steigt sie aufwärts durch das Luftmeer. Und jetzt endlich sind sie da, nah am Rand – noch ein Ruck, und sie können gefaßt werden.

»Festhalten«, kommandiert der Älteste – jeder Atem stockt – der letzte Augenblick ist der schwerste, wenn noch in diesem Augenblick das Seil risse!

Aber nein, die Vordersten der Kette bücken sich, sie packen sie mit sicherem Griff, die Hintermänner halten fest an den Stricken.

»Auf!« stöhnt's aus dem Munde der Vorderen, sie werden herübergehoben – da sind sie – auf festem Boden – und ein heulendes Freudengeschrei macht den gepreßten Herzen Luft. Wally ist stumm über dem leblosen Körper Josephs zusammengesunken. Sie hört nicht, sie sieht nicht, wie alles sich um sie drängt und sie lobt und preist – sie liegt mit dem Angesicht auf seiner Brust – ihre Kraft ist zu Ende.

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