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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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Endlich

Seit jenem Tage war es gar nicht mehr mit Wally auszuhalten. Ganze Nächte trieb sie sich im Freien herum. Bei Tage war sie dann von einer Heftigkeit ohne Maß und Grenzen, arbeitete ruhelos von früh bis spät und verlangte, daß alle andern es ihr nachtaten, was für die meisten eine Unmöglichkeit war. Der Gellner-Vinzenz durfte jetzt öfter einmal vorsprechen, er wußte immer, was es Neues gab im Tal – und Wally war auf einmal so auf Neuigkeiten erpicht. Wie das der Vinzenz merkte, machte er es sich förmlich zur Aufgabe, landauf und -ab alles auszukundschaften, um immer neuen Stoff für Wally zu haben. So gewöhnte sie sich allmählich dran, ihn wieder täglich zu sehen. Und er merkte bald, daß ihre Neugier immer mehr nach Sölden und Zwieselstein zuging, als wo anders, und klug wie er war, begriff er leicht den Zusammenhang. Er brachte allerhand Nachrichten von dem fortdauernden Verkehr zwischen Joseph und der Afra, die Wally sichtlich in die furchtbarste Aufregung versetzten. Aber er tat, als merke er nichts, und redete jetzt auch vorsichtigerweise nichts mehr von Liebe – das machte sie sicher und zutraulich. Aber ihn verzehrte die Eifersucht auf Joseph. Dieser Hagenbach war der Fluch seines Lebens. Da war kein Ruhm, den er nicht vorwegnahm, kein Heldenstück, in dem er ihm nicht zuvorkam, kein Preiskegeln oder -schießen, in dem er nicht den Preis gewann – und nun nahm er ihm auch noch das Herz Wallys weg, das sich seinem hartnäckigen Werben doch vielleicht zugewendet hätte, wenn der Joseph nicht wäre! Warum schüttet unser Herrgott alles auf einen aus, während er andere so karg hält? murrte Vinzenz und quälte sich innerlich ab, wie die Wally. Hätten beide ihren Schmerz und Groll zusammengetan – man hätte das ganze Ötztal damit verheeren können.

Eines Abends, es war Heuernte, half Wally einen großen Heuwagen aufladen. Die Fuhre war fertig, und nun sollte der schwere Querbaum hinaufgezogen werden, aber das Heu war so hoch gepackt, daß ihn die Knechte nicht hinaufbrachten. Wenn sie ihn halb oben hatten, ließen sie ihn wieder rutschen und lachten und machten dummes Zeug. Da riß der Wally die Geduld, »'runter, ihr Tröpf!« befahl sie, stieg auf den Wagen und stieß die Knechte rechts und links zur Seite. Dann zog sie den Strick an, wand den Baum auf, faßte ihn mit ihren beiden runden Armen beim Kopf und lüpfte ihn mit einem Ruck auf den Wagen. Ein Schrei der Verwunderung brach aus aller Mund. Die Mägde lachten die Knechte aus, daß sie nicht gekonnt hatten, was ein Weibsbild konnte, und die Knechte kratzten sich hinter den Ohren und meinten, das gehe doch nicht mit rechten Dingen zu bei der Höchstbäuerin, und da müsse irgendwo der Teufel seine Hand drin haben.

Wally stand auf dem Wagen. Ein stolz-gesättigter Ausdruck lag in ihren Mienen. Sie ward es sich wieder in dem Augenblick so recht bewußt, daß sie ihresgleichen nicht habe, und im Gefühl ihrer Kraft hätte sie die ganze Welt herausfordern mögen.

Da kam Vinzenz und rief ihr zu: »Wally, du schaust aus wie die Königin Potiphar aufm Elefanten. Wenn der Joseph die Potiphar so g'sehen hätt, war er g'wiß nit so spröd g'wesen!«

Wally wurde dunkelrot bei diesen anzüglichen Worten und sprang vom Wagen: »Solche Späß verbitt i mir«, sagte sie, als sie unten war.

»No, no«, entschuldigte sich Vinzenz, »'s war nit bös g'meint – du bist so schön da droben g'standen – da is mir des so rausg'fahren; 'soll aber nimmer g'schehen!«

Sie gingen still nebeneinander her.

»Was gibt's Neues in der Welt?« fragte endlich Wally ihrer Gewohnheit gemäß.

»Nit viel!« sagte Vinzenz, »als daß es heißt, der Hagenbacher woll am Peter und Paul mit der Magd, der Afra, zum Tanz gehen in Sölden. I weiß es vom Bot, der hat der Afra a Paar neue Schuh aus Imst bringe müssen und a seidens Halstüchel, und der Joseph hat's 'zahlt!« Wally biß die Lippen zusammen und sprach kein Wort, aber Vinzenz sah wohl, was in ihr vorging.

»Weißt was?« sagte Vinzenz, »bei uns geht's ja auch hoch her am Peter und Paul, und wenn die Höchstbäuerin dazu käme, das gäb a Fest, daß ma weit und breit davon hören sollt – geh amol mit mir zum Tanz.«

Wally warf den Kopf in den Nacken: »Mir wär's g'rad ums Tanzen!«

»Geh, Wally«, drang Vinzenz in sie, »tu's doch amol, und wär's nur wegen die Leut!«

»Nach dene frag i viel!« lachte Wally verächtlich.

»Aber bedenk, die Leut munkeln« – er stockte. – Wally blieb stehen und schaute Vinzenz durchbohrend an: »Was munkeln's?«

Vinzenz erschrak über den Ausdruck in ihrem Gesicht. »I moan nur, sie munkeln, du hätt'st'n g'heim'n Kummer. Die Oberdirn behauptet, du wärst ganze Nächt nit derhoam und gingst 'rum wie a krank's Händel. Und da moane d' Leut, du hätt'st ja, wa's Herz begehrt, und Freier wie Sand am Meer – wenn's d' also noch nit z'frieden wärst, so müßt's a Liebeskummer sein – und seit der G'schicht bei der Fronleichnamsprozession –«

»No? Weiter?!« sprach Wally tonlos.

»Seit der G'schicht reimen sich halt die Leut z'sammen, daß der Joseph der oanzige Bua im Ötztal is, den d' möchst – und der nit anbeiß'n will!«

Ein Blitz fuhr aus seinen Augen über Wally hin, als er das Wort aussprach; Wally war getroffen bis ins Mark. Sie mußte stehenbleiben und die Stirn an einen Baumstamm lehnen, so pochte das Blut in den Schläfen. »Wenn des wahr is – wenn ma mir des nachsagt –« stöhnte sie, aber sie vollendete nicht, wie mit Nebelschleiern umwölkte sich ihr Denken.

Vinzenz ließ ihr Zeit, zu Atem zu kommen; er wußte wohl, was das für sie war, denn er kannte ihren Stolz. Nach einer Weile sagte er: »Schau, deswegen moan i halt, du sollst mit mir zum Tanz gehen, das wär's beste Mittel, die Leut die Mäuler z' stopfen.«

Wally richtete sich auf. »I geh mit kei'm Buaben zum Tanz, den i nit heiraten will – des weißt!«

»I moan halt, wenn i du wär, i tät doch lieber den Gellner-Vinzenz heiraten, als dem Hagenbacher z' lieb an'n alte Jungfer werden!« stachelte Vinzenz weiter.

Wally sah ihn mit neu erwachtem Widerwillen an. »Daß du's nit müd wirst, wo du doch weißt, 's hilft dir nix!«

»Wally, i frag dich jetzt zum letztenmal – kannst dich gar nit an den Gedanken g'wöhne, daß d' mich zum Mann nimmst?«

»Nie – nie – eher sterben!« sagte Wally.

Vinzenz' gelbes Gesicht bekam weiße Flecke auf den scharf hervortretenden Backenknochen, er sah fast dem Geier ähnlich, als er so seitlich auf Wally blickte wie auf eine wehrlose Beute: »s' tut mir leid, Wally – aber i muß dir was sagen, was i dir lieber erspart hätt. Du zwingst mich derzu! I hab dir a Jahr Zeit g'lassen – jetzt muß es sein!« Er zog ein geschriebenes Blatt aus der Tasche: »Es wird in diese Tag a Jahr, daß dei Vater g'storben is – und wenn d' mich nit heirat'st, so is mit dem Jahr dei Recht aufm Höchsthof abg'laufen.«

Wally sah ihn groß an.

Er entfaltete das Papier. »Das ist das Testament von dei'm Vater, dadrin bestimmt er, daß, wenn d' mich a Jahr nach seinem Tod nit nimmst, so g'hört der Höchsthof mit allem, was drum und dran is, mein, und du bist auf's Pflichtteil g'setzt. Mit der stolzen Höchstbäuerin hat's dann a End! Bis jetzt weiß noch niemand drum. Du kannst's dir jetzt noch einmal überlegen – und i denk, du gibst am End doch lieber nach, als daß d' mich aufs Landg'richt gehen und das Testament vollstrecken laßt!«

Wally blieb stehen und maß Vinzenz von oben herab mit einem einzigen kalten, verächtlichen Blick, dann sagte sie vollkommen ruhig: »O du armseliger Tropf – also in dem Netz, hast g'moant, fängst die Geier-Wally? 's siecht euch scho ähnlich, dir und 'm Vater, aber ihr habt mich alle zwei nit kennt! Was liegt mir an Geld und Gut – des, was i möcht, kann i mir doch nit dafür kaufen, und so frag i nix danach. Am Montag pack i mei Sach z'samm und geh wieder fort, denn dei Gast will i nit sein – kei Stund. – Wenn mir's auch weh tut um 'n Höchsthof, wo i auf d' Welt kommen bin – i war als Höchstbäuerin au nit glücklicher, als wo i's Viech g'hütet hab – und fremd war i doch hier wie dort. So is's das beste, i zieh fort aus der Gegend, so weit i kann!«

Sie wandte sich ruhig dem Haus zu. Da faßte den Vinzenz ein wilder Schmerz. Er stürzte vor ihr nieder und umschlang ihre Knie: »So hab i's nit g'meint – fortgehen sollst nit, um Gotteswillen tu mir des nit an, was will i denn den Höchsthof – i hab ja nur denkt – ach, mei Gott – ma probiert halt alles!« Er hielt mit der einen Hand Wally fest, mit der andern führte er das Papier zum Mund und zerriß es mit den Zähnen: »Da, da, schau, da hast den Wisch – i will den Höchsthof nit, wenn du nit drauf bleibst – da – da«, er streute die Fetzen in den Wind. »I will nix, gar nix – nur tu mir des nit an, daß d' fortgehst!«

Wally sah ihn erstaunt an. »Du dauerst mich, Vinzenz – aber i kann dir doch nit helfen – so wenig – wie mir g'holfen wird! Behalt du den Höchsthof und alles, was dazu g'hört, der Vater hat ihn dir vermacht – des bleibt so, wenn du auch 's Testament zerrissen hast – i will von dir nix g'schenkt! – Mir is's so scho verleidet hier – auf was soll i noch warten! Die Menschen taugen nit für mich und i nit für die Menschen. I pack mein Hansel auf und geh wieder auf die Berg – da g'hör i hin. Aber wenn i dich um etwas bitten darf – verschweig's, bis i fort bin, daß der Höchsthof nimmer mir g'hört – denn schau – nix kann i weniger vertragen, als wenn sich d' Leut über mich lustig machen. Des – des macht mich rasend! Denk an die Schadenfreud und das G'spött, wenn die stolze Stromminger-Wally von ihrem Erb und Eigentum abziehen müßt, wie a Magd – des könnt i nit überleben. I will wenigstens noch als Höchstbäuerin fortgehen.«

»Wally«, schrie Vinzenz, »wenn du mir das wirklich antust – so zieh i mit wie dei Schatten! Des kannst mir nit wehren, daß i hingeh, wo du hingehst – die Landstraßen sind frei – da kann drauf laufen, wer will!«

Wally sah ihn entsetzt an, wie er so vor ihr stand und fieberte, und ihr graute, als habe sich ein böser Geist an ihre Fersen geheftet: »«Was soll da draus werden?« murmelte sie ratlos vor sich hin.

In dem Augenblick kam der Söldner Bot vom Haus her über die Matten gerade auf die Wally zu mit einem großen Buschen am Hütel und im Sonntagsrock wie ein Hochzeitbitter.

»Der lad't dich zur Hochzeit vom Joseph und der Afra«, lachte Vinzenz wild auf.

Wallys Fuß strauchelte über irgend etwas, sie griff nach Vinzenz, und der faßte sie rasch um den Leib und hielt sie. Indes kam der Bot heran und schwenkte den Hut vor Wally: »Grüß Gott, Höchstbäuerin! Der Joseph Hagenbach schickt mich und laßt dich freundlich zum Tanz aufbieten am Peter- und Paulstag. Wenn's dir recht wär, wollt er um Mittag kommen und dich abholen 'nüber in'n ›Hirschen‹. Du sollst mir Antwort sagen!«

Wenn sich in dem Augenblick für Wally der Himmel – für Vinzenz die Hölle aufgetan hätte – es wäre nicht anders gewesen!

Also war das alles mit der Afra nicht wahr, er kam zu Wally – er kam nach fünf Jahren des Leids und der Qual – endlich, endlich! Das Wort war gesprochen – die Winde trugen es jauchzend weiter, die Lüfte hallten es wider, die weißen Firnen lächelten dazu im Abendsonnenschein: der Bärenjoseph bot die Geier-Wally zum Tanz auf! – Die Leute auf dem Felde jauchzten, die Heuwagen schwankten, der Geier auf dem Dach schlug mit den Flügeln vor Freude, daß endlich zusammenkam, was zusammen gehörte – Freude über alle Menschen: Das Geschlecht der Riesen ersteht wieder in dem einen Paar!

Und gnadenreich lächelnd wie eine Königsbraut unter der Myrtenkrone neigte Wally das schöne Haupt und sagte dem Boten fast schüchtern, daß sie Joseph erwarte.

Und Vinzenz lehnte seitab an einem Baum, verzerrt, erbleicht, stumm – ein Gespenst der Vergangenheit.

Wally streifte ihn mit einem mitleidigen Blick, jetzt war er ihr nicht mehr furchtbar – sie war gefeit, niemand konnte ihr etwas mehr anhaben. Sie eilte nach Hause, und die Leute schauten ihr verwundert nach, so selig war ihr Ausdruck. Aber es litt sie nicht zu Haus, sie nahm Geld mit und ging durchs Dorf wie eine glückspendende Fee. Sie trat in jede arme Hütte, sie teilte aus mit vollen Händen von dem, was sie mit Fug und Recht als ihr Pflichtteil betrachten konnte, denn den Höchsthof hatte sie unwiderruflich für Vinzenz bestimmt – sie war doch noch reich genug, um dem Joseph und allen um sie her ein herrliches Leben zu bereiten, ein Pflichtteil vom Strommingerschen Erbe war noch immer ein Vermögen. Sie mußte allen Gutes tun – sie konnte es ja nicht allein tragen, das niegekannte unermeßliche Glück.

Die zwei Tage bis zu Peter und Paul waren ein Märchen für das ganze Dorf.

Wer kannte die Geier-Wally wieder, die finstere, herbe, in der glückverklärten Jungfrau, die einherging, wie getragen von unsichtbaren Flügeln. Dieses einen Sonnenstrahls nur hatte es bedurft, und die Blüte, die hagelzerschlagene, frostgetötete, trieb wieder. Es war eine unerschöpfliche Kraft in dem unterdrückten Herzen – eine Kraft der Liebe wie des Hasses, der Freude wie des Schmerzes, der Hingebung wie des Trotzes. Ihre ganze Umgebung atmete auf, es war, als sei ein Bann von ihnen genommen, seit der finstere, grollende Geist von Wally gewichen war, der alle wie eine Wetterwolke bedrückt hatte.

»Wo a Mensch so glücklich is, wie i's bin, da soll sich jeder mitfreuen könne«, sagte sie, und es war bald offenkundig, daß die Wally so verwandelt war, weil sie der Joseph zum Tanz aufbot – was ja soviel war wie eine Werbung. Warum sollte sie's auch leugnen, da es ja nun doch in wenig Tagen so weit war! Warum sollte sie verleugnen, daß sie ihn liebte, herzlich, über alles, er verdiente es ja, und er liebte sie ja wieder, sonst käme er nicht, sie zum Tanz zu holen. Es war ihr eine Wohltat, daß sie zeigen durfte, wie ihr zumute war. Und wo ihr ein Kind begegnete, da nahm sie's auf den Arm und erzählte ihm, am Peter und Paul, da komme der Bärenjoseph, der den großen Bären umgebracht und Lammwirts Liesl vom wilden Stier errettet habe, und da sollten sie einmal die Augen auf tun, wie schön und groß der wäre – so einen Menschen hätten sie noch gar nie gesehen, und so einen gab' es auch auf der weiten Welt nicht mehr! Und die Kinder waren ganz aufgeregt und spielten Bär und Bärenjoseph den ganzen Tag. Und dann scherzte sie mit Hansel und drohte ihm: »Daß d' mir brav bist, wenn der Joseph kommt, des sag i dir, sonst gibt's was!« Und der Klettenmaier und die besten vom Gesind bekamen neue Festanzüge, die Leute wußten wohl warum, und Wally litt es, daß sie darauf herumredeten, und wurde nicht böse.

Und dann saß sie wieder still in ihrer Kammer und tat stundenlang nichts als darüber nachdenken, wie das nur gekommen sei, daß der Joseph so plötzlich seinen Sinn geändert, und wie sie auch dachte und dachte, sie konnte es nicht ausdenken, das unverhoffte Glück, das so plötzlich, so reich, so voll über sie gekommen, und sie blickte jetzt nicht mehr feindselig, sondern freundlich zu ihren Heiligen auf und dankte ihnen, daß sie es nun doch noch so gut mit ihr gemacht hatten. Und wenn sie die Karten ansah, die über dem Bett aufgenagelt waren, dann lachte sie wohl: »No, was sagt ihr denn jetzt? Gelt, ihr habt halt doch nix g'wußt!« – und wie gebannte Geister, die kein befreiender Zauberspruch mehr ans Licht zieht, starrten die Geheimnisse der Zukunft sie unverständlich aus den stummen Zeichen an. Wäre die Luckard noch dagewesen, die hätte sehen können, was die Karten Wally antworteten – so aber waren sie ihr verstummt, wie eine Ziffernsprache, zu der sie den Schlüssel verloren. Wenn das die Luckard noch erlebt hätte, wie hätte die sich gefreut! Wally hätte sich hinlegen mögen und fortschlafen bis an Peter und Paul, damit ihr die Zeit nicht so lang wurde. Aber davon war keine Rede, sie konnte weder bei Tag noch bei Nacht ein Auge schließen vor Ungeduld, sie mußte immer rechnen: »Jetzt noch soviel Stunden, jetzt noch soviel!«

Endlich war der Tag da. Nach dem Essen ging Wally auf ihre Kammer zum Anziehen und wusch und kämmte sich ohne Ende. Wieder war sie Weib – Mädchen! Wieder stand sie vor dem Spiegel und schmückte sich und schaute, ob sie schön sei, ob sie dem Joseph gefallen werde. Und wieder hatte sie sich ein neues G'schnür kommen lassen, noch reicher als das erste, und Kopfnadeln von Filigran dazu, und die Schachtel stand vor ihr auf dem Tisch, und sie nahm das »G'schmuck« heraus und nestelte sich's ans Mieder, und das feine Silber war so weiß wie ihre blendend weißen, gefältelten Hemdsärmel und klingelte wie lauter Hochzeitsglöckchen. Und durch die rosenroten Perlvorhängchen fiel ein gedämpfter rosiger Schimmer herein und übergoß die prangende Gestalt mit einem zarten Hauch bräutlichen Erglühens. Und als sie fertig war, da nahm sie aus der Schachtel eine schwer mit Silber beschlagene Meerschaumpfeife, wie kein Bauer weit und breit eine hatte – ein wahres Prachtstück, aber sie wog es lange prüfend in der Hand, ob es wohl gut genug für Joseph sei. Und noch etwas zog sie hervor, langsam, fast schüchtern, und sah nach der Tür, ob sie auch gut verriegelt sei: es war ein kleines, rundes Schächtelchen und darin lag – ein Ring! Es durchschauerte sie, als sie ihn herausnahm, und eine Träne unaussprechlicher Freude und Dankbarkeit trat ihr ins Auge. Sie schloß den Ring in die gefalteten Hände, und zum erstenmal seit langer Zeit beugten sich ihre Knie, und es zog sie nieder, über dem Ring zu beten, der den geliebten Mann an sie ketten sollte für ewig. Und sie hörte nicht mehr das stolze Rauschen des seidenen Rocks und das Geklingel der silbernen Anhängsel, sie betete heiß, inbrünstig aufgelöst – sie drängte sich an das Herz Gottes mit dem Ungestüm eines dankbaren Kindes, dem der Vater eben seinen glühendsten Wunsch erfüllt hat.

»Die Bäuerin wird heut nit fertig mit Anputzen«, sagten draußen die Mägde, als Wally gar nicht zum Vorschein kam.

Schon zogen die Bauern dem »Hirschen« zu. Was Füße hatte und einen Sonntagskittel, das lief heute mit, denn das ganze Dorf war gespannt auf das große Ereignis, wenn die Höchstbäuerin mit dem Hagenbacher zum Tanze ging. Die Straße wimmelte von Menschen, und der Hirschwirt hatte diesmal was drangewendet und Musikanten von Imst kommen lassen.

Die Großmagd stand oben am Gaupenfenster und schaute aus auf den Weg, von wo der Joseph kommen mußte.

Wally stand fertig angetan in der Kammer, das Herz schlug ihr wie mit Hämmern, ihre Wangen glühten, ihre Hände waren eiskalt, sie preßte das weiße Sacktüchel, das sie säuberlich zusammengelegt in der Hand hielt, aufs Herz, es war das Brauttuch ihrer Mutter.

In der Tasche verborgen hatte sie die Pfeife und den Ring für Joseph. So wartete sie regungslos die Minuten ab, und dies stille Warten, bei dem ihr fast der Atem ausging vor Ungeduld, war wohl die schwerste Aufgabe ihres Lebens.

»Sie kimme – sie kimme!« schrie jetzt die Oberdirn herunter! »Der Joseph und a Mass' andre Buab'n, Zwieselsteiner und Söldner genga mit und der Lammwirt von Zwieselstein – 's is a ganzer Zug!«

Alles auf dem Hof lief zusammen, man hörte schon den Lärm der Nahenden in Wallys Kammer. Jetzt trat Wally heraus, und alles stieß ein Ah! der Bewunderung aus bei ihrem Anblick.

In demselben Moment erschien der Zug unter dem Hoftor, Joseph an der Spitze.

Sie ging ihm entgegen, sittig und doch mit der ganzen strahlenden Hoheit einer Braut, die stolz ist auf ihren Bräutigam – stolz, von einem solchen Mann erwählt zu sein.

»Joseph – bist da?!« sagte sie, und ihr Stimme klang so weich und lieblich, wie sie nie gesprochen. – Und Joseph sah sie an mit einem seltsamen, fast scheuen Blick und schlug dann die Augen nieder. –

Wally stutzte – war es Absicht oder Zufall? Joseph hatte den Spielhahn verkehrt aufgesetzt, wie es die Burschen machen, wenn sie Händel suchen. Heute war das aber gewiß nur aus Versehen geschehen.

Alles stand um sie her und beobachtete sie – ihr ward so beklommen, sie konnte nichts mehr sagen – und er schwieg auch. Sie schaute ihn an mit Augen voll feuchter Innigkeit, aber die seinen wichen ihr aus: er war wohl in Verlegenheit, wie sie auch!

»Komm«, sagte er endlich und bot ihr die Hand. Sie legte die ihre hinein, und sie schritten still dem »Hirschen« zu. Die Fremden und das ganze Gesind schlossen sich im Zug mit an.

Wie es uns, wenn wir in die Sonne geschaut, oft im vollen Tageslicht ganz dunkel vor den Augen wird, so ward es jetzt plötzlich der Wally mitten in allem Glück ganz dunkel in der Seele – sie wußte gar nicht, was das war, sie war verwirrt und kannte sich nicht mehr aus. Es war alles so ganz anders, als sie gedacht.

Als sie in den »Hirsch« eintraten, empfing sie ein schmetternder Ländler, und Wally hörte, wo sie mit Joseph durch die Reihen schritt, hinter sich sagen, »kein schöneres Paar Menschen gäb's auf der ganzen Welt nicht.«

Sie sah erst jetzt, wieviel Fremde mit Joseph gekommen waren, und alle abgewiesenen Freier aus der Gegend waren dabei. Wally verglich sie im stillen noch einmal mit Joseph, und sie konnte sich mit Fug und Recht sagen, daß auch nicht einer darunter war, der sich an Gestalt und Schönheit mit Joseph messen durfte – er war ein König unter den Bauern, ein Mensch ganz andern Schlags, als die Menschen natürlicher Größe, die da herumstanden. Und sie ließ einen Blick stillen Entzückens an der hohen Gestalt niedergleiten von der breiten Brust an bis hinab zu den schlanken nervigen Knien und Knöcheln. Wer ihn so sah, mußte doch begreifen, daß sie nur ihn und keinen andern wollte.

Als sie aufschaute, begegnete ihr Blick zwei stechenden schwarzen Augen, die wie Dolche auf Joseph gerichtet waren, es war Vinzenz, der unter der Menge eingekeilt stand – und nicht weit davon ein anderes trauriges Gesicht – Benedikt Klotz, der sie nachdenklich betrachtete. Als sie an ihm vorüberstrich, hielt sie Benedikt ein wenig am Ärmel zurück und flüsterte ihr zu: »Nimm dich in acht, Wally – sie führen was gegen dich im Schild – i weiß nit was, aber mir schwant nix Gut's!«

Wally zuckte leichthin die Achseln, wer konnte ihr was anhaben, wenn Joseph bei ihr war?

Die Reihen stellten sich zum Tanz auf, Wally und Joseph sollten vortanzen, man wollte sie miteinander tanzen sehen. Kein Paar war noch je mit so neidischen Augen betrachtet worden, wie diese zwei schmucken, auserlesenen Gestalten.

Da aber ließ Joseph Wally los und trat fast feierlich vor sie: »Wally« – hub er ganz laut an, und die Musik schwieg auf einen Wink des Lammwirtes, der hinter ihnen stand: »I hoff doch, daß du mir, ehvor wir tanzen, den Kuß geben wirst, den noch keiner von deine Freier erobert hat?!«

Wally errötete und sagte leise: »Aber doch nit da, Joseph, vor alle Leut!«

»G'rad da vor alle Leut!« sagte Joseph nachdrücklich.

Einen Augenblick kämpfte Wally zwischen Verlangen und holder Verlegenheit. Einen Mann zu küssen vor allen Leuten, das war für ihren keuschgewöhnten, spröden Sinn eine schwere Überwindung. Aber da stand er vor ihr, der herzliebe Mann, der Augenblick – für den sie Jahre ihres Lebens, ja ihr Leben selbst freudig hingegeben – war da – und sie sollte ihn zurückweisen um der paar Zuschauer willen, die ja nichts aushaben konnten, wenn sie ihren Bräutigam küßte. Sie hob das schöne Antlitz zu ihm auf, und seine Augen hafteten eine Sekunde auf den blühenden, schwellenden Lippen, die sich den seinen näherten, dann schob er sie mit einer unwillkürlichen Bewegung sanft von sich weg und sagte leise: »Nein, so nit! 's schießt kei rechter Jaga a Wild anders als im Sprung oder im Flug, des hab i dir schon amal g'sagt. Abkämpfen will i dir den Kuß, g'schenkt will i ihn nit – und wenn i a Madel wär wie du – tät i mich au nit so wohlfeil hergeben. Wehr dich, Wally, und mach mir's nit leichter, als du's die andern g'macht hast, sonst is für mich kei Ehr dabei!«

Eine flammende Röte der Scham hatte sich über Wallys Gesicht ergossen. Sie hätte in die Erde sinken mögen! Hatte sie denn so ganz vergessen, was sie sich schuldig war, daß der Freier sie daran erinnern mußte? Es wurde ihr förmlich rot vor den Augen – es war, als schlüge ihr eine Blutwelle über dem Kopf zusammen. Und sich in ihrer ganzen Größe aufrichtend, maß sie sich mit ihm flammenden Blicks: »'s is recht«, rief sie, »du sollst's haben. – Du mußt au wissen, wer die Geier-Wally is. Jetzt schau, ob du den Kuß kriegst!«

Ihr war zum Ersticken. Sie riß sich das Halstuch ab und stand da in ihrem silbergenestelten Samtmieder und dem weißen Linnenhemd, daß Josephs Augen mit Staunen auf dem wundervollen entblößten Hals hafteten: »Schön bist – so schön, als d' bös bist«, murmelte er, und jetzt sprang er auf sie zu wie der Jäger auf ein Wild, dem er den G'nickfang geben will, und schlang den starken Arm um ihren Nacken. Aber er kannte die Geier-Wally nicht. Mit einem gewaltigen Ruck war sie frei, und ein schadenfrohes Gelächter von allen, denen es einst auch nicht besser ergangen war, erscholl, das Joseph wütend machte. Jetzt packte er das Mädchen mit Armen von Eisen um den Leib, aber sie gab ihm einen Stoß auf die Herzgrube, daß er aufschrie und zurückfuhr. Neues Gelächter! Mit diesem Stoß, dessen Wirkung sie kannte, hatte sie sich immer gegen Zudringlichkeiten gewehrt, denn diesen Stoß hielt keiner aus. Joseph aber verbiß den Schmerz, und mit verdoppeltem Grimm warf er sich nun auf das Mädchen, faßte sie mit beiden Händen bei den Armen und suchte so seinen Mund dem ihren zu nähern, aber im Nu bog sie sich seitwärts ab, und nun entstand ein atemloses Ringen hin und her, auf und ab, eine schwüle Stille, nur zuweilen von einem Fluch Josephs unterbrochen. Wie eine Schlange bog und wand sich das Mädchen in seinen Armen herüber und hinüber, daß er nie den Mund erreichen konnte. Es sah nicht mehr einem Liebeskampf, – es sah einem Kampf auf Leben und Tod ähnlich. Dreimal hatte er sie zu Boden gedrückt, dreimal war sie wieder aufgeschnellt, er hob sie in seinen Armen empor, aber sie drehte sich immer so, daß er die Lippen nicht erreichte. Das feine Linnenhemd hing in Fetzen herab, das silberne G'schnür war in Stücke gerissen. Plötzlich kam sie los und floh dem Ausgang zu, er holte sie ein und riß sie wie im Sturm an sich. Es war eine zornglühende Umarmung. Wie heißer Dampf umwallte sie sein Atem. Sie lag an seiner Brust, sie fühlte sein Herz gegen das ihre schlagen, da verließ sie ihre Kraft, sie brach in die Knie vor ihm und sagte wie vergehend vor Schmerz und Scham und Liebe: »Da hast d' mich!«

»Ah!« ein schwerer Seufzer brach aus Josephs Brust. »Ihr habt's alle g'sehen?« fragte er laut – beugte sich nieder und drückte seinen Mund auf ihre heißen, zitternden Lippen. Ein Hurra erscholl jetzt von allen Seiten. Dann hob er sie auf, und fast besinnungslos sank sie ihm an die Brust.

»Halt!« sagte er streng und trat einen Schritt zurück; »mehr braucht's nit, 's is g'nug an dem einen Kuß. D' hast's jetzt g'sehn, daß i dich zwingen kann – und weiter will i nix!«

Wally starrte ihn an, als begriffe sie ihn nicht – sie wurde ganz erdfahl: »Joseph«, stammelte sie, »warum bist denn kommen?«

»Hast d' dir einbild't, i sei kommen, um dich z' freien?« sagte er; »du hast neulich auf der Prozession vor alle Leut g'sagt, die Afra wär mei Schatz, weil sie so leicht z'haben war – und der Bären Joseph hätt nit's Kurasch, daß er mit der Geier-Wally anbind't. Hast d' wirklich g'moant, daß a Kerl, der Ehr im Leib hat, so was auf sich und 'n braven Madel sitzen laßt? I hab dir nur zeigen wollen, daß i's so gut mit dir aufnimm wie mit 'n Bären oder sonst 'n Untier, und den Kuß, den i dir abg'nommen hab, den bring i der Afra als Sühnungskuß für das Unrecht, das d' ihr an'tan hast! Jetzt merk dir's für 'n andersmal, wann dich der Übermut wieder sticht! Ich hoff, du laßt dir's jetzt vergehen, arme, brave Mädeln öffentlich Spott und Schand anz'tun – denn du hast's jetzt amol selber g'spürt, wie's tut, wann ma ausg'lacht wird!«

Ein schallendes Gelächter beschloß von allen Seiten Josephs Rede. Der aber wehrte mißmutig den Beifall ab: »Ihr habt's g'sehen, daß i Wort g'halten hab. Jetzt will i noch nach Zwieselstein, die Afra beruhigen, denn das gute G'schöpfl hat's nit g'wollt und g'moant, daß i der Höchstbäuerin 'n Schabernack antun will. B'hüt Gott mitsammen!«

Er ging, aber alles lief mit ihm, denn der Spaß war zu schön gewesen. Der Bärenjoseph, das war einer! Der hatte der stolzen Höchstbäuerin einmal den Meister gezeigt!

»Des war ihr g'sund, der Stolzen!«

»Des g'schiecht ihr recht!«

»Joseph, des is dei best's Stück'l!«

»Wenn des 'rumkommt, will sie koaner mehr.«

So lachten die abgewiesenen Freier im Chor um Joseph her, und alles drängte lustig plaudernd nach.

Der Tanzboden war leer – nur zwei waren bei Wally zurückgeblieben: Vinzenz und Benedikt. Wally stand noch immer an derselben Stelle und regte sich nicht. Es war, als lebe sie nicht.

Vinzenz beobachtete sie mit untergeschlagenen Armen. Benedikt trat zu ihr hin und faßte sie leise am Arm: »Wally – nimm dir's nit so zu Herzen – wir sind auch noch da und wollen dir G'nugtuung verschaffen. Wally! red doch – was soll'n wir tun – wir sind ja zu allem bereit, sag nur, was d' willst!« Da regte sie sich, und ihre großen Augen leuchteten geisterhaft in dem leichenfarbenen Gesicht auf. Sie öffnete und schloß ein paarmal die Lippen, ein Wort wollte sich daraus hervorringen, aber es war, als fehle ihr der Atem dazu. Endlich, als stieße sie es aus ihrem tiefsten Leben heraus, mehr ein Schrei als ein Wort: »Tot will i'n haben!«

Benedikt fuhr zurück: »Wally – Gott bewahr dich!«

Vinzenz aber trat mit funkelnden Augen auf sie zu: »Wally, is des dei Ernst?«

»Mei blutiger Ernst!« Sie hob die Hand zum Schwur auf, die Hand war ganz starr, und die Nägel bläulich wie abgestorben. »Wer den seiner Afra tot vor die Fuß legt – den heirat i, so wahr i die Walburga Strommingerin bin!«

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