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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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Die Klötze von Rofen

Tag um Tag irrte Wally auf den Ortschaften herum, um einen Dienst zu suchen, aber niemand wollte sie mit dem Geier aufnehmen, und von dem Geier ließ sie nicht. Wenn sie ihn auch preisgegeben hätte, er wäre ihr doch immer wieder zugeflogen, und das treue Tier zu töten, der Gedanke kam ihr nicht in den Sinn, mochte es mit ihr werden wie es wollte. Nun war sie in Wahrheit die Geier-Wally, denn ihr Schicksal war unzertrennlich mit dem Geier verknüpft, und er griff in dasselbe ein wie ein Mensch. Die alte Base der Luckard wollte sie gerne behalten, als sie einen Augenblick bei ihr vorsprach, aber dort war sie zu nah von Haus – dort wäre sie ganz in der Gewalt des Vaters gewesen. Sie mußte weiter – soweit die Füße sie trugen. Die Jahreszeit ward immer rauher, es begann zu schneien, und die Nächte, die Wally auf irgendeinem offenen Heuschober zubrachte, waren empfindlich kalt. Die Kleider, die sie auf dem Leibe trug, wurden schlecht und schmutzig, sie fing an bettelhaft und landstreicherisch auszusehen, und immer härter ward sie abgefertigt, wo sie mit ihrem Gefährten an eine Tür klopfte. So abenteuerlich sah sie aus, daß keine gutmütige Bäuerin sie mehr für ein paar Stunden im Haus arbeiten und dann mit am Tisch essen ließ. Man reichte ihr um der Gottesbarmherzigkeit willen ein Stück Brot vor die Türe hinaus. Und Wally, die stolze Stromminger-Wally, setzte sich auf die Schwelle und aß es; denn sterben wollte sie nicht. Das Leben, das gequälte, gehetzte, arme, nackte Leben war doch so schön, solange sie hoffen konnte, daß einst der Joseph sie liebhaben werde. Um dieser Hoffnung willen konnte sie alles ertragen, Hunger, Kälte, Schmach! – Aber ihr sonst so starker Körper begann zu wanken unter der beständigen verzehrenden Sorge und Spannung, ihr Blick wurde trübe, die Füße versagten ihr den Dienst, und sowie sie sich ruhig hinlegte, verwirrten sich ihr die Gedanken, und sie lag in einem fieberhaften Halbschlaf. Mit erstickender Angst überkam sie das Gefühl, krank zu werden. Auch das noch! Wenn sie irgendwo in einer Scheune bewußtlos liegenblieb, dann brachte man sie zu ihrem Vater, dann war sie wieder in seiner Gewalt. Sie war drüben im Gurglertal herumgeirrt, und da sie dort nichts gefunden, nochmals den mühsamen Weg ins Ötztal herübergestiegen. Es hatte sie nach Vent gezogen, das lag im Burgfrieden ihres Vaters Murzoll, es war ihr ein Stück Heimat. Aber dort war es ihr noch schlimmer ergangen. Je rauher die Gegend, desto rauher waren auch die Menschen – und bis Wally dorthin kam, war ihr auch schon die Kunde von ihrer Tat vorausgeeilt, und Schrecken und Abscheu begegneten ihr, wo sie sich zeigte. Auf den Pfarrer von Heiligkreuz berief sie sich nicht, denn er hatte es ihr verboten und sie sah ein, daß er es tun mußte. Deshalb aber suchte sie auch keinen andern Pfarrer mehr auf, es durfte ja keiner sich ihrer annehmen.

Das letzte Haus von Vent hatte soeben seine Tür hinter ihr geschlossen. Vor ihr lag nun nichts mehr als die himmelhohen Wände des Platteykogels, der Wildspitze und des Hochvernagtferners, die das Tal absperrten und über die kein Weg weiter führte. Hier schloß sich die Welt von allen Seiten wie eine Sackgasse, und sie war am Ende dieser Sackgasse. Da stand sie und schaute an den steil aufragenden Wänden ringsum empor. Es war ein grauer Morgen, und dichter Schnee, der die Nacht gefallen, ließ das ganze Tal nur noch wie eine ungeheure Schneemulde erscheinen. Jede Spur eines Pfades war verwischt. Sie setzte sich nieder und dachte: »Schlaf i ein und derfrier, so is' s a leichter Tod.« Aber so kalt war's noch nicht, der Schnee schmolz unter ihr, und sie schlotterte bald vor Nässe. Da sprang sie auf und schleppte sich die Anhöhe hinan, die hinter Vent auf den Weg zum Hochjoch führt. Hier konnte sie die Gegend weithin übersehen. Und da gewahrte sie auch eine Art Furche im Schnee, die sich hinter dem Dorfe längs der Talleitspitz mitten ins Herz der Ferner hinzog. Das konnte ein Fußpfad sein – aber wo führte der hin? Sie stieg noch höher, um weiter zu sehen, und da fiel es ihr wie eine Binde von den Augen – das war ja der Weg, der von Vent nach den Rofener Höfen führte. Rofen, der höchste bewohnte Ort in ganz Tirol, der letzte im Ötztal, wo Adlern gleich noch Menschen wohnen, nur zwei Familien, die Klötze und die G'streins. Rofen, das stille, versteckte Rofen am Fuß des furchtbaren Vernagtgletschers, am Ufer des Eissees, wo kein Fuß sich hin verirrte, jahraus, jahrein, das eine ehrwürdige Sage in geheimnisvolle Schleier einwob. Das war der Ort, wo Wally hingehörte, das war die letzte Zuflucht, wo sie Hilfe fand oder wenigstens ruhig sterben konnte, wie das Tier der Wildnis. Dahin wollte sie, zu den Klötzen von Rofen! Sie waren die berühmtesten Fremdenführer in ganz Tirol, sie waren auf den Bergen daheim wie Berggeister, sie konnten begreifen, daß Wally eher ein Haus anzünden, eher sterben wolle, ehe sie sich den Atem der Freiheit rauben ließ, und sie konnten Wally beschützen gegen die ganze Welt, denn die Rofener Höfe hatten das Asylrecht. Herzog Friedrich mit der leeren Tasche hatte es ihnen verliehen, weil er einst in der Bedrängnis auf Rofen Zuflucht vor seinen Feinden gefunden. Joseph der Zweite hatte es ihnen zwar Ende des vorigen Jahrhunderts entzogen, aber der Bauer hält fest an seinen Bräuchen, und die Ötztaler ehrten es freiwillig noch immer fort. Wer auf Rofen Freistatt fand, der war unantastbar, denn die Rofener, die »G'streins« und die »Klötze« nahmen keinen auf, der's nicht verdiente, und standen in demselben Ansehen wie ihre Vorfahren. Ein Angriff auf ihr Hausrecht wäre so viel gewesen wie Kirchenschändung.

Wally hob die Arme zum Himmel in inbrünstigem Dank, daß Gott ihr diesen Weg gezeigt, und schwindelnd, taumelnd strebte sie dem letzten Ziele zu, das ihre Kraft noch zu erreichen vermochte. Erst abwärts auf dem Pfad, der von Vent abging, dann wieder steil aufwärts.

Eine endlose Stunde war sie auf dem verwehten Pfad gestiegen. Dann lagen sie vor ihr, wie schlafend im Schnee, die stillen, ehrwürdigen Rofener Höfe, die sie oft vom Murzoll herab klein wie Adlernester am Felsen hängen gesehen. Das Herz schlug ihr, daß sie's hörte, die Knie wankten ihr. Wenn sie hier auch abgewiesen würde. Ein neues Schneegestöber wirbelte lautlos herab und hüllte alles in einen weißen beweglichen Schleier. Es wirbelte und flimmerte vor Wallys Augen, und der weiße Schleier wallte ihr kühl ums Haupt, aber auf ihrer fieberheißen Stirn schmolz er und floß ihr als Wasser über Gesicht und Haare, und dann schüttelte sie wieder der Frost. Endlich stand sie vor der Tür des Nikodemus Klotz und griff nach dem eisernen Klopfer; aber wie sie danach griff, ward es ihr so seltsam licht vor den Augen, sie sank mit einem dumpfen Fall gegen die Tür und glitt daran vollends nieder.

Fort und fort wallten die weißen Flocken in das enge Tal herab und schleierten und betteten es ein und häuften sich vor der gut verrammelten Tür des Nikodemus Klotz über dem starren Körper, der da lag, zu einem friedlichen, weißen Hügel auf.

Nikodemus Klotz saß auf der warmen Ofenbank, schmauchte sein Pfeifchen und schaute behaglich dem Schneetreiben vor dem Fenster zu. So zogen ihm in guter Ruhe die Viertelstunden vorüber, indes sein jüngster Bruder Leander, ein stattlicher Jäger, in einem fließpapierenen Wochenblättchen las. »Das legt wieder schön runter«, sagte Nikodemus rauchend.

»Ja«, sagte Leander und schaute auf, wie's vor dem kleinen Fenster wallte und wimmelte. Da plötzlich schlug mitten in dem weißen Wirbel ein dunkler Flügel ans Fenster, und flatterte und krächzte und flog vorbei, dem Dach zu.

»Das war was!« sagte Leander und stand auf. »Was wird's g'wesen sein«, brummte der Ältere, »kannst ja nit vor d' Tür 'naus in dem G'stöber.«

»Ah was!« sagte Leander und nahm den Stutzen von der Wand, der Jäger rührte sich in ihm bei jedem Flügelschlag eines vorbeischwirrenden Vogels. Er mußte sehen, was das war. Er ging und öffnete behutsam die Tür, um den Vogel durch kein Geräusch zu verscheuchen. Da fiel ein Haufen Schnee herein, Und er gewahrte den Hügel, der sich auf der Schwelle aufgeschichtet hatte. Er konnte nicht hinaus, er mußte eine Schippe holen, um den Wall fortzuschaffen. Ärgerlich stellte er den Stutzen weg und begann zu schaufeln.

»Jesus, was ist das?!« schrie er plötzlich auf, »Nikodem, komm schnell, da is was unterm Schnee, hilf!«

Der Bruder eilte herbei, im Nu war der Hügel aufgegraben, und ein Arm, ein schöner, runder Arm ragte heraus. Und nun zogen sie unter der leichten Schicht einen leblosen Körper hervor.

»O lieber Gott, a Madel – und was für eins!« flüsterte Leander, als der schöne Kopf und die wundervoll gewölbte Brust zum Vorschein kamen.

»Wie mag sich die daher verirrt haben?« sagte Nikodemus kopfschüttelnd und hob nicht ohne Anstrengung den schweren Körper aus dem Schnee.

»Ist sie tot?« fragte Leander und befühlte sie, indessen seine Augen mit einer Mischung von Schreck und Wohlgefallen auf dem bräunlich fahlen Gesicht hafteten.

»Nur gleich abreiben«, befahl Nikodemus, »und nein ins Zimmer!«

Und sie trugen den wuchtigen Körper ins Haus und legten ihn auf Nikodems Bett. »Die liegt schon a guat halbe Stunde da draußen, so lang kann's sein, daß mir's war, als höret i 'n dumpfen Schlag an der Tür, aber i hab g'meint, 's sei a Schneeklumpen vom Dach g'fallen.«

Leander holte einen Kübel voll Schnee und wollte diensteifrig helfen, dem Mädchen den Tschoppen auszuziehen.

»Nix da«, wehrte der bedächtigere ältere Mann, »das schickt sich nit – so a junger Bursch – das Madel müßt sich ja schämen, wenn sie's wüßt! Du gehst 'naus und schaust, daß du drüben von die G'streins eins auftreibst, die Kathrin oder Mariann. Geh!«

Der Leander konnte kein Auge von der leblosen Gestalt abwenden. »So a schön's Madel!« murmelte er noch im Hinausgehen mitleidig.

Mit ruhiger Umsicht entkleidete nun der erfahrene Mann das Mädchen und rieb sie mit Schnee so hart und so lange, bis die Haut sich wieder zu beleben und das Blut zu zirkulieren begann. Dann trocknete er sie gut ab, deckte sie sorgfältig zu und flößte ihr ein paar Tropfen von irgendeiner starken Kräuteressenz ein.

Endlich kam sie zu sich, rührte und streckte sich und schaute sich einmal im Zimmer um. Aber der Blick war verglast und ausdruckslos, und ein paar unverständliche Worte lallend, schloß sie die Augen wieder.

»Sie is krank«, sagte Nikodemus zu Leander, der eben wieder eintrat, und eine derbe Bauernfrau schüttelte sich nur noch vor der Tür den Schnee ab und kam nach.

»Mariann«, sagte Nikodemus – sie war seine verheiratete Schwester – »da mußt jetzt du helfen, i und der Leander, wir zwei Mannsbilder, können doch der Dirn nit abwarten. Der Leander macht eh schon Augen wie a Verzückter an sie hin.«

Er streifte mit einem unzufriedenen Blick den Burschen, der bereits wieder am Kopfende des Bettes stand und das Gesicht der Kranken mit den Augen zu verschlingen schien, sich aber jetzt wie ertappt und errötend abwendete.

Mariann trat an das Bett, und ihre erste Frage war natürlich: »Wer mag die sein?«

»Ja, Gott weiß es! Irgend a Landstreicherin«, meinte Nikodemus.

»Warum nit gar«, brummte Leander, »das sieht ma der doch an, daß dös koa Landstreicherin nit is!«

»Ja, ja«, bemerkte Mariann, »weil sie schön is und dir g'fallt! Woaßt, 's hat schon manche a sauber's G'sicht gehabt und a schmutzige Seel – dadrauf kommt's nit an. A ordentliche Dirn streicht nit um die Jahr'szeit in der Gegend alleinig im Schnee 'rum, bis sie z'sammfallt. Dös hat irgend 'n Haken, und Gott weiß, was man sich da für eine ins Haus zeiselt!«

»No, des is jetzt einerlei«, meinte Nikodemus gutmütig, »in Schnee und Kälten können wir 's nit 'nausjagen, die krank Person, sei sie jetzt, wer sie will.«

»Weg'n meiner«, sagte die Bäuerin, »i will scho 'rüberkomme und sie euch b'sorgen – aber ins Haus nimm i's nit, daß ihr's wißt!«

»Dös is auch gar nit nötig – wir b'halten sie scho selber!« erwiderte Leander gereizt, und da Wally wieder etwas vor sich hinlallte, beugte er sich zärtlich über sie und fragte: »Was willst, was magst?«

Die älteren Geschwister wechselten Blicke. »Du«, sagte Nikodemus, »jetzt will i dir was sag'n. Du bist jetzt so gut und laßt d' Hand von der Butten, ehvor man nit weiß, wer die Person is. – Da hat der Zimmermann 's Loch g'macht, da gehst außi und kommst mir nimmer 'rein, wenn's d' nit willst, daß i die Dirn, so krank wie sie is, davonjag! Verstanden?«

»No, ma wird doch noch a Madel anschau'n dürfen?« brummte Leander, »i woaß gar nit, wie d' mir vorkommst.«

»Mach, daß d' außi kommst, das G'spänzel da herin leid i net, so lang i Herr im Haus und dei Vormund bin.« Damit schob ihn Nikodemus am Arm hinaus und blieb mit der Schwester allein bei der Kranken.

Wally kam nicht mehr zur Besinnung, sie lag im Fieber. Der Hals war geschwollen, die Glieder steif und schmerzend. Die Geschwister sahen bald, daß sich die Fremde furchtbar erkältet und übermüdet haben müsse, und pflegten sie nach besten Kräften. Indessen strich Leander unruhevoll und müßig im Haus herum. So oft eines aus dem Krankenzimmer kam, war er um die Wege und fragte, wie es ginge. Er war voller Verdruß – er hätte das hübsche Mädel gar zu gern gepflegt! Gegen Abend, als es aufhörte zu schneien, nahm er seinen Stutzen und ging hinaus. Doch kaum war er eine Weile fort, da kam er schon wieder und rief Nikodemus aus dem Krankenzimmer heraus: »Du«, sagte er aufgeregt, »auf dem Dach sitzt a Geier, a prachtvoller Lämmergeier, und guckt ein'n ganz ruhig und zutraulich an, als wenn er daher g'höret.«

»Ah«, sagte Nikodemus, »das is kurios!«

»Komm nur 'raus und schau!« rief Leander und zog den Bruder mit vor das Haus. »Da – da sitzt er und rührt sich nit. Der Staatskerl – und nit schieß'n können – 's is zum Teufelholen!«

»Warum kannst d' denn nit schießen?« sagte Nikodemus.

»Ach, i kann doch jetzt nit knallen, wo das kranke Madel da drin liegt!« sagte Leander, mit dem Fuß stampfend.

»Jag'n fort«, riet Nikodemus, »und sieh, daß d' ihm nachgehst und 'n weiter weg schieß'st, wo man's nit so hört.«

»Gsch, gsch!« machte Leander und warf Schneeballen hinauf, um das Tier aufzuscheuchen. Der Geier sträubte die Federn, kreischte und stieg endlich auf. Aber er flog nicht fort, er flatterte eine Weile hoch in der Luft und ließ sich dann wieder ruhig auf das Dach nieder.

»Ah, des is merkwürdig! Der will nit fort. Der is, wie wenn er zahm war!«

Noch ein-, zweimal versuchten sie's, ihn »aufzumachen« – immer dieselbe Geschichte.

»Der is wie verhext!« meinte Leander und schlug das Kreuz gegen den Vogel, aber das focht ihn nicht an – er mußte doch wohl nichts mit dem Teufel zu schaffen haben.

»Mir scheint, der is ang'schossen und kann nimmer fliegen. Jedenfalls tut er niemand nix mehr!« erklärte Nikodemus. »Lass'n ruhig sitzen, bis er von selber 'runterfallt, wenn d' das kranke Madel nit mit'm Knallen derschrecken willst.«

»Ja, der is schon halb hin, i mein, den könnt ma mit der Hand fange.« Er holte die Leiter, legte sie an und stieg behutsam hinauf. Der Vogel ließ ihn ruhig herankommen. Leander zog sein Schnupftuch aus der Tasche und wollte es ihm über den Kopf werfen. Doch da schlug und hackte der Vogel so gegen ihn, daß Leander schleunigst den Rückzug antreten mußte.

Nikodemus lachte: »Gelt, der hat dir's zeigt, wie ma Geier mit der Hand fangt! Des hätt i dir gleich sag'n könne.«

»I woas nit, was des für a Vogel is«, brummte Leander kopfschüttelnd. »Wart nur«, drohte er hinauf, »wenn i dich wo anders triff!«

»Morgen kannst'n jag'n, wenn er nit krepiert is über Nacht. Wenn er wieder fliegen kann, geht er scho weiter, und gar z'weit kommt der doch nimmer.«

Es begann zu dunkeln, und die Mariann kam heraus und sagte, daß sie jetzt heim müsse und ihrem Mann zur Nacht kochen.

Die Brüder gingen hinein, und Nikodem holte nun auch zum Nachtessen Brot und Käse aus der Vorratskammer.

Während er draußen war, klinkte Leander ganz leise die Tür, die von der Wohnstube in Nikodems Schlafzimmer führte, auf und schielte durch den Spalt nach der Wally. Die lag jetzt ruhig und schlief fest in Nikodems warmem Bett. Sie hatte ja so lange in keinem Bett mehr gelegen, man sah ordentlich, wie's ihr gut tat im Schlaf, so weich, so hingegossen lag sie in die Kissen geschmiegt. »Oh, Gott b'hüt dich, du arm's Ding, Gott b'hüt dich!« flüsterte Leander zu ihr hinein und schloß schnell die Tür wieder, denn er hörte Nikodem kommen. Er saß auch schon wieder ganz unschuldig auf der Ofenbank, als dieser mit dem Essen hereinkam. »Heut nacht macht sich's gut, weil der Benedikt nit da is, heut nacht kann i bei dir drüben in'n Benedikt sein Bett schlafen. Aber morgen, wenn der wieder da is, müssen wir drei uns halt in die zwei Betten teilen.«

»Oh, i brauch koa Bett«, rief Leander eifrig. »Der da drin z'lieb schlaf i auf der Ofenbank oder aufm Heuschober, 's is mir alles eins. Soll einer von uns wegen der Ungemach leiden, so soll's keiner als i!«

»No, wenn dich des freut, so kannst es haben. Aber aufm Heuschober schläfst, nit auf der Ofenbank, die is mir z'nah beim Krankenstüb'l – verstehst mich?«

»Ja, ja, i versteh scho«, sagte Leander und biß in seinen Käs wie in einen sauren Apfel. – Die Schlafkammer der beiden jüngeren Klötze lag der des Nikodem gerade gegenüber, und dieser nahm das Bett des Abwesenden ein. Ein paarmal in der Nacht stand er auf und ging an Wallys Tür, um zu horchen, was sie machte. Sie sprach und phantasierte viel, und einmal verstand Nikodemus ganz deutlich, wie sie etwas von einem Geier sprach.

»Aha«, dachte er, »die wird den Geier au g'sehen haben, wie's daher kommen is. Jetzt geht ihr der Schrocken im Traum nach.«

Am andern Morgen früh, noch vor dem Frühstück, trieb es den ruhelosen Leander schon wieder hinaus.

Erst gegen Mittag kam er heim.

»No, wie steht's da drin'n?« fragte er, als er eintrat.

»'s is immer gleich. Sie kommt halt nit zur B'sinnung. Und dabei hat sie immer Ängsten vor Leut, die sie fange wollen.«

Leander kratzte sich hinter den Ohren: »Da kann i noch alleweil nit schießen! Jetzt denk nur, jetzt sitzt der Geier noch aufm Dach draußt!«

»Warum nit gar!«

»Ja, wie i heut morgen rauskomm, hab i 'n nimmer g'sehn. Da hab i denkt, er sei fortg'flogen, und streif ihm nach drei Stund lang. Wie i heimkomm, sitzt er ganz ruhig wieder aufm Dach.«

»No, da könnt's ein'm wirkli unheimlich werden, wenn ma abergläubisch wär!«

»He ja! Man könnt scho fast an die seligen Fräul'n denken, daß mir eine 'n Schabernack spielen wollt.«

»Grüaß Gott!« erscholl jetzt eine rauhe, tiefe Stimme, und Benedikt, der zweitälteste Bruder, der verreist gewesen, trat ein.

»Ah, grüaß Gott, bist wieder da!« riefen ihm die Brüder entgegen. »Was bringst Neu's mit, was hast ausg'richt?«

»Oh, nit viel, sie haben mich halt wieder vom Pontius zum Pilatus g'schickt aufm Landgericht und mich mit halbe Versprechungen abg'speist. I sag halt, alle Ötztaler, Mensch und Vieh, könne sich noch auf drei G'schlechter 'naus Hals und Bein aufm Weg daher brechen, ehvor wir amal den Saumpfad kriegen.« Der Sprecher warf mißmutig den Ranzen ab und setzte sich auf die Ofenbank. »Krieg'n wir bald was z'essen?«

»Glei!« sagte Nikodemus, der selbst den Koch machte, und holte die Suppe herein.

Auch ein Schöppchen Milch brachte er mit und trug es der Kranken hinein. Leanders Blicke folgten ihm neidisch.

Benedikt war hungrig und machte sich, ohne auf des Bruders Tun zu achten, über die Suppe her. Nikodem kam bald zurück, und stumm, wie der Bauer immer die feierliche Handlung des Essens begeht, als fürchte er, aus dem Takt zu kommen, wenn er spräche, löffelten die drei in abgemessener rhythmischer Bewegung, daß keiner zu viel oder zu wenig bekam, die Suppe aus.

Als gegessen war, zündete sich der müdgewanderte Benedikt die Pfeife an und streckte sich behaglich auf die Ofenbank.

»Was gibt's denn sonst Neu's in der Welt? Erzähl doch was!« bat Leander, der des Bruders Sprechfaulheit kannte.

Der hatte die Pfeife schief im Munde und gähnte: »I weiß nix!« Nach einer Weile sagte er aber doch: »Dem reichen Stromminger von der Sonneplatten sei Tochter – weißt, die Geier-Wally – die ist ihrem Vater durchbrennt und lauft jetzt freiledig in der Gegend 'rum und bettelt.«

»Ah! Wie is denn des gang'n?« fragten die Brüder erstaunt.

»Des muß a wahrer Ruach von 'n Madel sein!« fuhr Benedikt fort. »Ihr Vater hat sie schon aufs Hochjoch schicken müss'n, weil sie nit gut 'tan hat – und jetzt kommt sie' runter und 's erste is, daß sie den Gellner halb tot schlagt und ihrem Vater 's Haus anzünd't.«

»Jesus Maria!«

»Nachher is sie natürli davong'laufen und in die Ortschaften 'rum g'irrt. Gestern war sie in Vent und hat von Tür zu Tür um 'n Dienst gefragt – aber wer will denn so eine im Haus hab'n? Zu allem Überfluß schleppt sie auch noch den großen Geier mit 'rum, den sie amal g'fangen hat, und den sollen die Leut auch mit aufnehme. Natürli bedankt sich da jeder!«

Nikodemus sah Leander an – und Leander wurde dunkelrot.

»No i dank!« sagte Nikodem – »jetzt woaß i, wer drin liegt! – Der Geier, der nit vom Dach weggeht – und sie hat heut nacht immer von 'n Geier g'fantesiert – des is nit übel – wir hab'n die Geier-Wally im Haus!«

Benedikt sprang auf: »Was?«

»Schrei doch nit so«, sagte Leander, »muß das arme kranke Madel alles hören?«

Nikodem erzählte nun, wie Leander sie draußen halbtot im Schnee gefunden, und wie man nun nicht anders könne, als sie wenigstens so lange im Hause behalten, bis sie wieder gehen könne. Aber Benedikt war ein rauher Mann und meinte, die Krankheit sei wohl nur Verstellung, und die Brüder wären zu schwach gewesen und hätten sich anführen lassen. Er wolle schon mit ihr fertig werden. »Für Mordbrenner haben wir kei Freistatt«, rief er, und seine stechenden Augen blitzten zornig unter den buschigen Brauen hervor.

»Wenn du das Madel g'sehn hätt'st, du hätt'st sie au aufg'nommen«, sagte Leander, »das müßt koa Mensch sein, der den armen Tropf 'nausjag'n tät in Wind und Wetter!«

»So? und auf die Art kriegen wir z'letzt alle Räuber und Mörder von der ganzen Gegend ins Asyl – daß es hieß, die Rofener Höf seien a Unterschlupf für alles G'sindel! Das wär so a Fressen für die aufm Landg'richt! Wenn ihr euch anschmieren laßt von einer abgefeimten Bübin, so muß i wenigstens Brauch und Ordnung auf die Rofener Höf aufrecht halten.«

Er näherte sich der Tür. Nikodemus stellte sich davor und sprach ruhig, aber fest: »Benedikt, i bin der Älteste und bin Herr auf Rofen, so gut wie du, und weiß so gut wie du, was wir Rofener uns schuldig sind! I geb dir mei Wort, daß i das Madel selber kei Stund länger im Haus b'halt, als Menschen- und Christenpflicht will, aber jetzt is sie krank, und jetzt duld i nit, daß sie mißhandelt wird. So lang i auf Rofen sitz, soll unter dem Dach kein'm Menschen Unrecht g'scheh'n.«

Da unterbrach ihn Leander: »Du!« sagte er zuversichtlich mit glänzenden Augen, »laß 'n nur 'neingehen, wann er sie g'sehen hat – schickt er sie nimmer fort!«

»Hast recht, du Gelbschnabel!« lächelte Nikodem und öffnete leise die Tür.

Benedikt trat rasch und geräuschvoll ein. Diesmal durfte Leander auch »mitdurchschlupfen«, und Nikodem hatte nichts dagegen, daß er ihm half, den barschen Benedikt zu bewachen und von einer Roheit abzuhalten. Die Mariann saß am Bett und strickte neue Kniehöseln für die Kranke, weil sie gar so abgelumpt war, daß sie nichts gehabt hätte, wenn sie wieder aufstehen durfte. Sie machte ein Zeichen, stille zu sein, bei Benedikts lautem Eintreten. Aber kaum hatte dieser die Kranke erblickt, da mäßigte er von selbst seinen Schritt und trat langsam auf das Bett zu. Das Mädchen schlief fest. Sie lag auf dem Rücken und hatte den schöngerundeten Arm über dem Kopfe gebogen. Die vollen dunkeln Haare fielen aufgelöst auf die schneeweiße Brust, die unter der dichten Bauernjacke von keinem Sonnenstrahl gebräunt worden war, und die das weite Leinenhemd jetzt ein wenig freigab. Die Schlafende hatte wie lächelnd den Mund halb geöffnet, und zwei Reihen glänzender Perlmutterzähne blitzten zwischen den gewölbten Lippen hervor – auf der schlummernden Stirn aber lag, mehr als Worte sagen können, ein stummberedter Ausdruck von Hoheit und Reinheit. – Benedikt war still geworden – ganz still. Er schaute das berückende und doch so keusche Bild lange wie staunend an. Sein gebräuntes Gesicht begann sich allmählich höher zu färben, gleich dem Leanders, das wie in Glut getaucht war. Dann biß er die Zähne übereinander und wandte sich um. »Die is freili krank!« sagte er in einem Tone, als wie: »Da ist nichts zu machen« – und ging auf den Zehen hinaus.

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