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Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen

Friedrich von Bülau: Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorFriedrich Bülau
booktitleGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen ? Zweites Bändchen
publisherDruck und Verlag von Philipp Reclam jun.
titleDie Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen
seriesGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen
volumeZweites Bändchen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5. Die Persönlichkeit des Grafen. Einzelne Züge der Lebensweise und des Charakters.

»Mein Noviciat in dem Schlosse zu Eishausen,« so schrieb der Graf viele Jahre später, »ist mir schwer, sehr schwer geworden.« – Daß es der Anfang einer lebenslänglichen Klostereinsamkeit sein würde, vermutete niemand. Die Einrichtung im Schlosse deutete auf die Absicht eines nur vorübergehenden Aufenthalts. Alle Möbel und Betten waren nur gemietet, und die reichliche Miete wurde von Monat zu Monat gezahlt, als ob man sich für jeden Augenblick zur Abreise bereit halte. Allgemein glaubte man, daß nach Entwirrung der französischen Zustände das Geheimnis der Unbekannten sich enthüllen und sie selbst aus ihrer Verbannung in Eishausen scheiden würden. Erst viele Jahre später verlautete, daß alle gemieteten Möbel und Betten, obschon die Miete dafür noch fortlief, schon lange auf den Boden geschafft und durch heimliche Sendungen aus der Ferne nach und nach vollständig ersetzt worden waren.

Von dem Leben der Einsiedler im Innern des Schlosses drang fast gar keine Kunde heraus. Unter den Erzählungen, die darüber kursierten zog mich als Kind besonders die an, daß man im Schlosse den artigen Zeitvertreib habe, Hunde an einen Wagen zu spannen und damit die Katzen durch die Zimmer und Säle des Schlosses hindurch spazieren zu fahren. Auch eine große Drehorgel befand sich in einem Hinterzimmer des Schlosses und wurde öfters gehört. Sonst war, so viel ich weiß, kein musikalisches Instrument im Schlosse, und außer den Klängen der Orgel, die nach den ersten Jahren des Aufenthalts aber auch verstummten, hat man Sang und Klang nie aus den immer totenstillen Räumen des Schlosses herausschallen hören. – Die Gräfin war, so viel erfuhr man, selbst der Köchin und dem Kammerdiener unsichtbar. Die Speisen wurden im Vorzimmer serviert und von hier durch den Grafen selbst in das Speisezimmer gebracht.

Der Graf wurde, als er sich in Eishausen niederließ, für einen Mann von ungefähr vierzig Jahren gehalten. In der ersten Zeit seines Aufenthalts zeigte er sich einige Male allein, oder auch in Begleitung der Dame auf einer Wiese in der Nähe des Schlosses; aber bald wurde seine Abschließung noch strenger.

Ich selbst habe den Mann einige Male gesehen, wenn er spazieren fuhr, und einmal in unmittelbarer Nähe. Dies letztere Begegnen ist mir unvergeßlich. Es war nämlich unter den Bauern des Dorfes allmählich stillschweigende Verabredung geworden, damit Geräusch in der Nähe des Schlosses soviel als möglich vermieden werde, daß die Kinder nicht dort spielten, daß niemand nach den Fenstern des Schlosses gaffe. Mir selbst war dieses Verbot durch meinen Vater eingeschärft. Wie geheiligt es uns war, mag eine Anekdote beweisen. Ein vierjähriger Knabe war bei meinem Vater, seinem Oheim, zum Besuch; in der Nacht wacht er zufällig auf – es war zwischen 3 und 4 Uhr; seine Begleiterin wird auch munter, sieht sich durchs Fenster den nächtlichen Himmel an, sieht auch nach dem ziemlich entfernten Schlosse hin und sagt: »Nun, sieh nur einmal, der Graf hat schon Licht in seinem Zimmer.« – »Du, du,« ruft der Knabe erschrocken, »weißt du nicht, daß es der Onkel verboten hat, es soll niemand dem Grafen an die Fenster sehen.« – Ich war damals schon elf oder zwölf Jahre alt, aber nicht viel minder ängstlich. Einmal jedoch rannte ich im Spiel vor mich hin bis in die Nähe des Schlosses. Plötzlich auf einem schmalen Stege, der aus der Nähe des Schlosses über einen Bach führte, sehe ich den Geheimnisvollen, der auf eben dieser Brücke mit raschen Schritten mir entgegenkommt. Ein Knabe vom Riesengebirge, der urplötzlich die Gestalt Rübezahl's neben sich erblickt, kann nicht mehr erschrecken, als ich bei dem Anblicke des Unbekannten; noch sehe ich ihn im grauen Filzhute, langem dunklen Oberrocke, weißen Strümpfen – sein kräftiges, scharfgezeichnetes Gesicht, die frische, dunkle Farbe, beschattet von rabenschwarzem Haar und starkem Backenbart, die blitzenden Augen, den entschiedenen raschen Gang. Ich drückte mich an das Geländer des Stegs, zog schüchtern meine Mütze und stand unbeweglich. Der Graf ging, ohne mich anzusehen, vorüber, kehrte aber, wie im Zorn, rasch wieder um, und ehe ich noch von meinem Platze losgekommen war, ging er wieder zurück an mir vorüber und verschwand im Schloß. Der Magd des Pfarrers begegnete er, als sie eben einen schweren Sack mit Getreide in die Mühle trug, auf demselben Steg; das erschrockene Mädchen wollte eilig umkehren; doch er rief: »Ihr habt schwer, ich will warten, bis ihr herüber seid.«

Der brave Chirurg Bochmann, der alte Schulze Schlund, der Schreiner Christ, den er besonders liebte, und zwei bis drei andere Handwerker sind die einzigen Männer des Dorfes gewesen, welche bei einzelnen Gelegenheiten Zutritt ins Schloß erhalten und dabei den Grafen gesprochen haben. Diese rühmten seine Vornehmheit eben so, wie seine Freundlichkeit und bewunderten die erstaunliche Macht seiner fließenden Rede. Außer diesen sprach der Graf einige Male die Frau des Kammergutspachters Kaiser, welcher in seiner unmittelbaren Nähe wohnte; er sagte später in Erinnerung an sie und an die manchen Verdrießlichkeiten, die er mit dem Manne der Frau gehabt hatte: »überhaupt bin ich immer mit den deutschen Frauen leichter in Einklang gekommen, als mit den deutschen Männern.«

Einen Gast hat das Schloß nie aufgenommen, obschon der Graf, wie er selbst später sagte, Verwandte hatte, welche reisten.

Die Lebensweise der Unbekannten zeigte, so weit sie der Beobachtung zugänglich war, die feinste Vornehmheit. Der gräflichen Küche wurden die besten Ergebnisse der Jagd und des Fischfanges geliefert; das feine Backwerk mußte die Köchin selbst bereiten. Auf Ostern wurde bis zum Tode der Dame regelmäßig ein Osterlamm gegessen. Der Graf trank seine Liqueure, nur teure französische Weine (vor allen Haut Sauterne), Porter und manches seltene Getränk, und im gräflichen Keller war so starker Umsatz, daß die Dienerschaft des Grafen mit den leeren Bouteillen in der Umgegend einen einträglichen Handel treiben konnte. – Die Garderobe für Herr und Dame kam stets von Frankfurt, und die Moden, welche die Damen auf den Pariser Boulevards entfalteten, konnten wenige Wochen später, über den hohen Bretterzaun hinüber, die Weidenbäume im einsamen, düster beschatteten Garten zu Eishausen an der unbekannten Gräfin bewundern. Der Graf trug stets Schuhe, weißseidene Strümpfe und ein und dasselbe Paar nie länger als vierzehn Tage. Alles deutete auf eine Gewohnheit zu fast übertriebener Reinlichkeit und diese, wie manches andere, auf holländischen Urspruch. Sein Dienstmädchen, an deren Bruder er freundlichen Anteil nahm, wies ihm einst einen Brief, den dieser aus der Fremde geschrieben; der Graf las den Brief, aber ohne ihn zu berühren; das Mädchen mußte ihn in der Hand halten. Niemals las er eine Zeitung, die schon eine andere Hand berührt hatte; Papier, Briefe und dergleichen, die nach Taback rochen, ekelten ihn an. Bei einer Klage über Unreinlichkeit that er die Äußerung: »in meinem Schlosse daheim, auf den großen Marmortreppen, die zum Eingang führen, durfte nie ein Stäubchen liegen, und hier finde ich selbst im Zimmer Staub.«

Das Geld, das dem Grafen zuging, kam gewöhnlich über Frankfurt; er erhielt es durch jenen Geschäftsführer, den er in Hildburghausen hatte; ich schlage seinen Aufwand auf achttausend bis neuntausend Gulden jährlich an. Die Post behauptete früher, daß sie jährlich zwölftausend Fl. ins Schloß befördere. Nach den spätern Ermittelungen des Gerichts sollen die Jahreseinkünfte des Grafen siebentausend Fl. betragen haben. Daß ihm aber weit größere Hilfsmittel augenblicklich zu Gebote standen, bewies er bei einigen Gelegenheiten. Die Quelle, aus der seine Geldmittel flossen, hat man nie erkunden können. Es ist übrigens deutlich, daß diese Einkünfte des Grafen, so außerordentlich sie auch im Verhältnis zu seiner Eingezogenheit und zu den dörflichen Umgebungen erschienen, nicht zugereicht haben würden, den Luxus eines vornehmen Hauses in einer großen Stadt zu befriedigen. Und wenn ich dabei an die Art denke, wie der Graf, zwar allerdings nie eine Spur von Geldprahlerei zeigte, aber doch oft sehr deutlich merken ließ, daß Reichtum ihm etwas ganz gewöhnliches und kleinbürgerliche Verhältnisse ihm ganz unbekannt seien, so möchte ich fast auf die Vermutung kommen, dies sichtliche Hervortreten des Bewußtseins der Wohlhabenheit habe seinen Grund eben darin gehabt, daß der Mann zu einer früheren Zeit nicht in gleicher Wohlhabenheit gelebt hatte.

Ich habe oben ein Beispiel erzählt, wie der Unbekannte Geld opferte, um nicht geldgierig zu erscheinen; von der Art seines Geldgebrauchs lassen sich noch andere, sehr bezeichnende Züge anführen. Er beauftragte einst seinen Geschäftsträger, eine kostbare Tischuhr aus Paris bis zu einem bestimmten Tage kommen zu lassen. Die Uhr langt einen Tag zu spät an und der Graf sendet sie zornig dem Geschäftsführer zurück, legt aber den Kostenbetrag bei. – Er wünscht einen Garten (den oben erwähnten) von der herzoglichen Kammer zu mieten. »Weils der Graf ist, sagt der herzogliche Kommissar, kann man schon zwanzig Fl. Pacht fodern.« (Niemand hätte mehr als zehn Fl. bezahlt). Der Graf läßt zurücksagen, der vorige Kammergutspächter habe vierzig Fl. Pacht von ihm gefodert und erhalten; es würde ihn in Verlegenheit setzen, wenn die herzogliche Kammer weniger nehmen wolle.

Er haßte die Bettelei. Wenn ich einen einzigen französischen Gendarmen hier hätte, entfuhr ihm einmal, so wollte ich die ganze Umgegend von Bettlern säubern. Die Köchin erhielt zwar täglich vierundzwanzig bis sechsunddreißig Kreuzer, um damit die Bettler, die ans Fenster kamen, zu befriedigen; er gab aber mit Widerwillen, wenn er gebeten wurde. Desto großartiger übte er freiwillige Wohlthätigkeit. Wo er von Notleidenden hörte – und er besaß die Kunst, bei aller seiner Abgeschiedenheit Not und Armut in näherer und weiterer Entfernung zu erkunden – da half er, und wo er einmal Not gefunden, da war sein Gedächtnis treu für deren fortwährende Unterstützung. Die Armen Eishausens erhielten ein bestimmtes monatliches Almosen und daneben verteilte er noch weit reichere Geschenke; an Feiertagen erhielten die Armen Fleisch, Reis und Weißbrot. Aber das Bedürfnis durfte nicht betteln bei ihm; er mußte unter der Hand davon in Kenntnis gesetzt werden; »nur die freiwillige Gabe hat Wert,« schrieb er später einmal.

In Hildburghausen war kein wohlthätiges Institut, das nicht den Grafen zu seinen ausdauerndsten und freigebigsten Unterstützern gezählt hätte. Als bei einer solchen Gabe der Vorsteher der Industrieschule in Verlegenheit war, auf welchen Namen er den Empfang des Geldes bescheinigen sollte, sagte die damalige Beschützerin der Schule, die Erbprinzessin Amalie, mit glücklichem Takte: »Schreiben Sie: von einem Manne der unserm Lande nur durch seine Wohlthaten bekannt ist.« Dieser Ausdruck wurde von da an stehend, und es verging selten ein Monat in dem nicht unter diesem Titel reiche Gaben (wohl keine unter einem Louisdor) für wohlthätige Anstalten im Hildburghauser Regierungsblatt bescheinigt wurden.

Er nahm höchst ungern Gefälligkeiten an. die er nicht reichlich vergelten konnte. Aber er war auch sehr zart im Geben. Hatte er Dienste angenommen, die von persönlicher Freundschaft für ihn zeugten, so vermied er selbst den Schein, als ob er sie mit Geschenken belohnen wolle.

Seine Wohlthätigkeit schien natürliches Ergebnis der Menschenfreundlichkeit. Einst war sein heftiges Temperament durch eine Unbilligkeit des Kammergutspächters aufs äußerste gereizt; da hörte er, daß das einzige Kind des Pächters gefährlich erkrankt sei. Sogleich sendet er Erquickungen ins Krankenhaus und läßt sich zu jedem Dienst bereit erklären.

Unter den Kindern des Dorfes suchte er sich (mit dem Fernrohr) Lieblinge aus, und einige von diesen wurden zu Weihnachten ins Schloß gerufen, um Geschenke aus des Grafen Hand zu erhalten. – Eine besondere Zuneigung hatte er zu dem braven Schreiner Christ gefaßt; er hatte den Geburtstag des Mannes erfahren und versäumte nie, ihn mit einem Kuchen und andern Geschenken zu begrüßen. Wenn der Schreiner Arbeit ins Schloß lieferte, ließ ihn der Graf gewöhnlich vor sich kommen, und er unterhielt sich mit ihm gern, auch dann noch, als der alte Mann sehr harthörig geworden war. Aber auch Christ vermochte nicht die entfernteste Notiz über das Geheimnis des Grafen zu geben.

Im Winter fütterte er die Sperlinge auf seinem Blumenbrette. Tierquälerei empörte ihn; so weit sein Fernrohr reichte, durfte kein Bauernjunge es wagen, ein Vogelnest auszunehmen. Noch lange bedauerte er den Tod eines alten Pfauen, den er besessen hatte.

Er zeigte entschiedenen Abscheu gegen alle Lüge und jede Unrechtlichkeit, und konnte solche nie verzeihen.

Obgleich sein Wesen genug Andeutungen dafür giebt, daß er nicht eben Sonderling war, und am allerwenigsten mit einer Art Spleen kokettieren wollte, so will ich doch auch solche Züge nicht vorenthalten, die, isoliert beurteilt, für Bizarrerien gehalten werden könnten. – Einem Dorfjungen (Bergner) setzte er gleich im Anfang seines Aufenthaltes in Eishausen ein monatliches Geschenk von vierundzwanzig Kr. aus, bloß aus dem Grunde, weil er bemerkt hatte, daß der Knabe es vermied, an die Fenster des Schlosses zu sehen. Die Kammergutspächterin (Kaiser) geht einst in höchst verdrießlicher Laune nach Hause; auf der Brücke begegnet ihr das eine Kind der gräflichen Köchin mit seiner Amme; in ihrem Ärger geht sie vorüber, ohne sich umzusehen und ohne zu grüßen. Kaum ist sie zu Hause angekommen, so schickt der Graf, der sie vom Fenster aus beobachtet hat, zwei Bouteillen Wein für die Frau Pächterin.

Der Graf und die Dame zeigten sich fast nie am Fenster, und die Beobachtungen, die vom Schlosse aus angestellt wurden, müssen mit dem Tubus hinter den Fenstervorhängen gemacht worden sein.

Ruhestörungen in der Nähe des Schlosses, besonders zur Nachtzeit, konnten den Grafen in den heftigsten Zorn versetzen, und es ist anzunehmen, daß dieser Zorn seinen Grund nur in der Teilnahme für seine Gefährtin hatte; denn der Graf selbst schien eine Natur, die auch unter etwas Kanonendonner weder Gemütsruhe, noch ruhigen Schlaf verlor. Kein Nachtwächter durfte sich in der Nähe des Schlosses hören lassen. Als ein auf das herzogliche Domainengut neu angezogener Pächter verlangte, der Nachtwächter solle, wenn er um das einsame Schloß und die Gutsgebäude die nächtliche Runde mache, wenigstens an das Fenster des Pächters anklopfen, um ein Zeichen seines Daseins zu geben, so gab dies zu großen Mißhelligkeiten Veranlassung, und der Graf setzte endlich durch, daß auch das Anklopfen unterblieb.

In der Nachbarschaft des Schlosses wohnte ein Tagelöhner, der sich einen Hund hielt. Dem Hunde gefiel es, die ganze Nacht hindurch den Mond und die Sterne anzubellen, und der glückliche Schlaf der Tagelöhnerfamilie wurde dadurch nicht im mindesten gestört. Desto mehr aber litt die Ruhe im Schlosse. Der Graf, in der höchsten Verstimmung, bat den Pfarrer heftig um Abstellung dieses Unfugs. Der Pfarrer riet, den Hund zu kaufen; er sei für vierundzwanzig Kreuzer feil. Der Graf wies den Vorschlag zurück – »die Polizei solle die Nachtruhe schützen, das verlange er.« Endlich bewog der Pfarrer den Tagelöhner, daß er den Hund des Nachts einsperrte. Am Morgen nach der ersten stillen Nacht schickte der Graf dem armen Mann einen Kronthaler. Alle Familien in der Nähe des Schlosses genossen in Zukunft die Freigebigkeit des Grafen, und niemals hat wieder ein Hund in der Nähe des Schlosses gebellt.

In einer Neujahrsnacht machte sich die Lust der Bauerbursche in unendlichen Freudenschüssen Luft. Der Tumult dauerte die Nacht hindurch bis zum anbrechenden Morgen. Nachts um 2 Uhr wird der Pfarrer geweckt; die Köchin, die einzige Person, welche der Graf im Schlosse hat, sie, die seit vier Jahren nicht über die Schwelle des Schlosses gekommen war, hatte sich in der Nacht über den steinigen Weg nach dem Pfarrhause geschleppt; – »der gnädige Herr,« meldete sie, »sei außer sich über das Schießen im Dorfe; er lasse dringend bitten, Ruhe zu schaffen!« Das war schwierig, und, soviel auch der Pfarrer in Gemeinschaft mit dem Schulzen noch in der Nacht sich anstrengte, nur sehr unvollkommen zu erreichen. Am nächsten Morgen schickte der Graf dem Geistlichen fünfundzwanzig Gulden; diese möge er aufbewahren und dann unter die Armen des Dorfes verteilen, wenn die Bauern für ihr nächtliches Schießen zur verdienten Strafe gezogen würden. Zugleich ging eine Beschwerde des Grafen durch dessen Geschäftsführer an das Amt in Hildburghausen. Dieses nahm die Sache sehr streng. Acht bis zwölf Bauerburschen, welche die Untersuchung ermittelte, wurden ins Gefängnis nach Hildburghausen gesetzt und nebenbei in die Kosten verurteilt. Am Tage der Abführung erhielt der Geistliche noch fünfundzwanzig Gulden rhein.; die Deponierten solle er unter die Armen des Dorfes verteilen, die letztern an die Armenkasse in Hildburghausen abgeben.

Für die nächste Neujahrsnacht wurden energische Maßregeln ergriffen. Zwei Landjäger mit einem Militärkommando wurden nach Eishausen gesendet; des Nachmittags war ein Regierungsbeamter, der jetzige Staatsrat F., angelangt und hatte zwölf der angesehensten Bauern verpflichtet, die Wache mit zu übernehmen und für die Ruhe einzustehen. Es war eine rabenschwarze Nacht und es hatte geglatteist. Alle Gassen und Plätze des Dorfes waren mit Wachen besetzt; es blieb lautlose Stille – bis 12 Uhr. Mit dem ersten Schlag der Mitternacht aber fielen vier bis sechs stark geladene Schüsse; sie waren teils auf die Fenster des Pfarrhauses, teils auf die des Schlosses gerichtet, und im Augenblick knallte es an allen Ecken des Dorfes hinter Hecken und Scheunen hervor. Die wachthabenden Bauern stellten sich an, als ob sie mit grimmigem Eifer auf die Verfolgung der Schützen gingen, hatten aber gewöhnlich das Unglück, auf dem Glatteise hinzufallen, wenn sie einem derselben nahekamen; die Polizeimannschaft und die Soldaten, mit den Schlupfwinkeln des Dorfes unbekannt, rannten ratlos und vielfach von den Bauern selbst irregeführt hin und her. Es war ein heilloser Spektakel, fast ärger, als im Jahre vorher; nur daß er listiger getrieben wurde. Keiner der Schützen wurde erwischt.

Noch in zwei oder drei Neujahrsnächten wiederholte sich derselbe Auftritt. Jedesmal wurde Polizei und Militärkommando nach Eishausen gelegt und aus den Bauern des Dorfes selbst eine Schutzmannschaft auserlesen und jedesmal derselbe Erfolg – derselbe Unfug, dieselbe schreckliche Alteration im Schlosse. Die trotzigen Burschen in Eishausen hatten sich, da sie selbst ihre Mädchen nicht mehr »anschießen« sollten, gute Freunde von den naheliegenden Dörfern bestellt, um für sie zu schießen.

Endlich, in einem der nächsten Jahre fand der Pfarrer die Bannformel für die unbändigen Schützen; er hielt den Bauern die Wohlthaten vor, die der Graf dem Dorfe erzeige, führte ihnen zu Gemüte, welche Qualen aller Vermutung nach die Gräfin unter einem solchen Tumulte leide, bat die Burschen, daß sie das Dorf auch vor dem Eindringen fremder Schützen von den benachbarten Dörfern schützen möchten, und verbürgte sich, daß kein Soldat und keine Polizeimannschaft das Dorf betreten solle. Das half. Die Neujahrsnacht ging ruhig vorüber. – Am Neujahrsmorgen sendete der Graf dem Pfarrer volle Kasse; er solle in den nächsten Tagen sämtlichen jungen Burschen und Männern einen fröhlichen Schmaus geben. Nun war der Friede gestiftet. Die Eishäuser Burschen versagten mit schwerer Selbstüberwindung sich und ihren Mädchen die Lust des Neujahrsschießens, und jedes Jahr erhielten sie vom Grafen ihren »Trunk« und eine beträchtliche Beisteuer zur Kirchweihfeier. Kein Schuß fiel mehr.

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