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Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen

Friedrich von Bülau: Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorFriedrich Bülau
booktitleGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen ? Zweites Bändchen
publisherDruck und Verlag von Philipp Reclam jun.
titleDie Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen
seriesGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen
volumeZweites Bändchen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4. Übersiedelung nach Eishausen. Der geheimnisvolle Kammerdiener und die übrigen Diener. Die Equipage.

Am 30. September 1810 übersiedelte der Graf in das Schloß zu Eishausen. Er nahm dort die zweite und dritte Etage in Besitz, während zu ebener Erde noch ein ergrauter herrschaftlicher Schloßverwalter (Handschuh) mit seiner ebenso alten Frau wohnte. Durch diesen stand die Bel-Etage des Schlosses im ungehinderten Verkehr mit dem Dorfe; nur tiefe Stille wurde den Besuchenden anempfohlen. Der Verwalter selbst, so wie seine Frau, waren stille, sehr brave Leute: das einzige Amt, das sie noch zu verwalten hatten, nämlich dies: die Stille und Ruhe des Schlosses zu hüten, stimmte zu ihrer Neigung, und überdies spornten Geschenke aus Küche und Keller des Grafen zum Eifer an.

Als ein Kind von neun Jahren wurde ich einmal zum Verwalter ins Schloß geschickt; ich ging zaghaft und auf den Fußspitzen die steinerne Treppe des Schlosses hinan. Ehe ich noch nach dem Klingelzuge griff, öffnete sich schon von innen leise die Thür und der Verwalter schob mich freundlich flüsternd in seine Stube. Der gute alte Mann mit dem kaffeebraunen Rocke, der halb Frack, halb Überrock war und von oben bis zu den Knöcheln herab mit zwei Reihen thalergroßer Metallknöpfe besetzt war, schenkte mir damals ein uraltes Bilderbuch: aber er sprach nur flüsternd mit mir, und ich war froh, als ich aus dem verzauberten Schlosse heraus war.

Ungeachtet dieses treuen Eifers für Bewahrung der Stille und Ruhe, konnte der Graf die Hausgenossenschaft der alten Leute nicht ertragen. Er bot ihnen überreiche Entschädigung, wenn sie sich in einem Hause des Dorfes einmieten wollten, und das alte Ehepaar ging endlich darauf ein, überlebte aber nur ein oder zwei Jahre die Verbannung aus dem Schlosse. Nunmehr war der Graf im ausschließlichen Besitz der drei Etagen des Schlosses. Er und die Dame scheinen vorzugsweise in der mittlern, selten in der obern Etage gewohnt zu haben; in der Bel-Etage wohnten der Kammerdiener und die Köchin. So waren vier einsiedlerische Menschen die alleinigen Bewohner des großen Gebäudes, in dem nicht viele Jahre früher ein pensionierter General mit seiner Familie und seiner zahlreichen Bedienung gewohnt hatte, und tiefe Stille herrschte jetzt in den öden Räumen, in denen sonst die Zechgenossen des alten Kriegers gelärmt hatten. Nur der Fruchtboden des Schlosses blieb, zum großen Verdruß des Grafen, noch dem Kammergutspachter zur Benutzung überlassen. Obschon die Pachtersknechte, wenn sie die Getreidesäcke brachten oder holten, gewöhnlich in Strümpfen leise die Treppe auf- und abschlichen, konnte der Graf die Hausgenossenschaft des Getreides doch nicht ertragen, und nach mehreren Jahren gelang es ihm, durch bedeutende Geldopfer (er schoß das Geld zur Erbauung einer neuen Pachterwohnung vor und zahlte erhöhte Miete) sich auch in den Besitz des Bodens zu setzen.

Nach dem Auszuge des oben erwähnten Verwalters lebten, wie gesagt, im ganzen Schlosse neben dem Grafen und der Gräfin nur noch zwei Personen: der »Kammerdiener«, der mit dem Unbekannten gekommen war, und die Köchin.

Der Kammerdiener war ein ernster, abgemessener, wortkarger Mann, eine kräftig gebaute, breitschultrige Gestalt, mit vollem Gesicht und schneeweißem Haar. Er zeigte sich nie, wenn nicht in voller, reich bedreßter Livree; er ging fleißig in die Kirche, stand aber in wenig Verkehr mit dem Dorfe. Niemand hat von ihm eine Andeutung über die Geschichte seines Herrn vernommen, oder auch nur eine Anspielung darauf, daß er irgend ein Geheimnis zu bewahren habe. Im Dorfe stand er im Geruche eines Wundermannes: er konnte das Blut stillen, sagte die Witterung vorher und dergleichen mehr; ein Ruf, der sich wahrscheinlich nur auf seine, seinen Stand überragende Bildung gründete. Ich selbst habe den Mann nie gesprochen, oder sprechen hören, obschon ich vier bis fünf Jahre lang mit ihm in demselben Dorfe wohnte.

Die Köchin durfte das Schloß niemals verlassen. Als nach Jahren der Absperrung der Graf sie in einer außerordentlichen Verlegenheit, von der ich später erzählen werde, in der Nacht zu dem Pfarrer schickte, konnte sie sich kaum über den Weg fortschleppen; sie hatte das Gehen auf bloßer Erde verlernt.

Die Vereinsamung des Kammerdieners mit der Köchin blieb indes nicht ohne Folgen. Die Köchin bekam schnell hintereinander zwei Kinder; das erste, ein Knabe, wurde nach dem ausdrücklichen Willen des Grafen Papageno getauft. Beide Kinder wurden sogleich nach der Geburt aus dem Schlosse geschafft und in dem nächsten Dorfe (Steinfeld) erzogen. Papageno, oder Papperle, wie ihn die Leute nannten, machte später durch unordentliches Leben dem Grafen viel Verdruß. – Ein den Grafen berührender Verdacht knüpfte sich durchaus nicht an diese Kinder.

Kammerdiener und Köchin waren übrigens nicht die einzige Dienerschaft des Grafen. Der Graf hatte einen gewissen Schmidt und dessen Frau in Dienst genommen. Der Mann war, so viel ich weiß, aus Böhmen gebürtig. Er soll mit einem österreichischen Werbekommando nach Thüringen gekommen und hier, dem Dienste sich entziehend, zurückgeblieben sein. Seine Frau war aus Heldburg. Sie hatten früher, so erzählte mir die Frau, in kümmerlichen Verhältnissen gelebt; da prophezeite ihnen eine Zigeunerin, Es läßt sich fragen, ob diese Zigeunerin vielleicht im geheimen Dienste des Unbekannten handelte. ihr Unglück werde noch wachsen; dann aber werde ein Fremder aus fernen Ländern bei ihnen anklopfen; wenn sie dem gewährten und treu blieben, so werde er sie und ihre Nachkommen glücklich machen. Beide gaben sich wirklich mit unerschütterlicher Treue dem Dienste des Grafen hin. Sie wohnten aber nicht im Schlosse und selbst nicht im Dorfe, sondern fortwährend in Hildburghausen und gingen von hier aus täglich zum Dienst nach Eishausen. Die ganze Gegend kannte sie unter den Namen: »der Schmidt und die Schmidtin,« oder »der Bote und die Bötin«. Sie vermieden den Verkehr mit Menschen. Auf der Straße nach Hildburghausen, die über eine halbe Stunde weit der Graf mit seinem Fernrohr zu bestreichen vermochte, konnte man ihnen täglich begegnen; aber nie, wenigstens nie an den dem gräflichen Fernrohr offenen Stellen sah man sie ihre eilfertigen Schritte hemmen, niemals in Begleitung gehen, oder mit einem Begegnenden sprechen. Sie starben beide in des Grafen Dienst, und dieser erbte auf ihre beiden Söhne und deren Frauen fort.

Außer den Genannten hatte der Graf stets noch ein Mädchen aus dem Dorfe im Dienst, die aber nicht im Schlosse wohnte und ihre Aufträge gewöhnlich nur durch das Fenster erhielt, ohne das Schloß selbst betreten zu dürfen.

Eine ziemlich unveränderliche Tagesordnung herrschte. Früh um 4 oder 5 Uhr klopfte die »Aufwärterin,« so wurde das im Dorfe wohnende Dienstmädchen genannt, an einem Fenster des Schlosses, gab durch das Fenster die Milch an die Köchin ab, erhielt die Zeitung für den Pfarrer und andere Aufträge. Um 9 Uhr sah man die »Bötin« aus der Stadt kommen; sie brachte Nahrungsmittel und andere Bestellungen aus der Stadt und die Briefe und Zeitungen der Morgenpost; ihr wurde das Schloß geöffnet; sie besorgte das Reinigen der Zimmer und dergleichen mehr.

Der »Kammerdiener« besorgte, neben seinem geheimen Dienste im Schlosse, die Wartung der Pferde, welche wieder angeschafft worden waren. Um 10 Uhr hielt gewöhnlich die Equipage des Grafen vor der Schloßthüre. Der Graf erschien mit der tief verschleierten Dame, führte sie mit dem Hut in der Hand die Treppe herab an den Wagenschlag, hob sie nach einer Verbeugung hinein, setzte dann sich selbst ein, und nun brausten die zwei riesengroßen pechschwarzen Rappen mit dem niemals zurückgeschlagenen Wagen, den »Kammerdiener« in dreieckigem Hute und silberstrotzender Livree als Kutscher auf dem Bock, das Dorf hervor auf dem Wege nach Rodach zu, einem kleinen koburgischen Landstädtchen. Ein paar hundert Schritte vor der Stadt wendete der Wagen um und fuhr nach Hause. Mitunter fuhr der Graf allein, ohne Begleitung der Dame; sehr selten des Nachmittags. Niemals ist die Dame allein ausgefahren.

Gegen Mittag verließ die »Bötin« das Schloß; am Nachmittage kam der »Bote« mit den Nachmittagszeitungen und zur Besorgung neuer Geschäfte. Am Mittwoch und Sonnabend Nachmittag ging noch ein dritter Bote, ein Mann vom Dorfe, in die Stadt, um die Abendzeitung zu holen.

Der Kammerdiener starb bald nach der Geburt seines zweiten Kindes.

Schon bei einer frühern Krankheit des Mannes war ein Arzt aus Hildburghausen zu ihm gerufen worden. Dieser besuchte den Kranken zweimal und war so glücklich, ihn wiederherzustellen. Bei dem zweiten Besuche hatte er sich etwas länger bei dem Kranken aufgehalten, worauf dieser ängstlich bat, er möge sich lieber entfernen, »denn der gnädige Herr sei zuweilen wunderlich.« In der letzten Krankheit des Kammerdieners, ein oder zwei Jahre später, wurde derselbe Arzt wieder zu dem Kranken gerufen, fand ihn aber bereits in einem höchst bedenklichen Zustande. Der Graf ließ den Arzt fragen, ob er an die Herstellung des Kranken glaube, und da der Arzt dies verneinte, ließ er ihm wenige Tage darauf sagen, er wolle ihn nicht weiter bemühen, sondern lieber dem Kranken mit einem Glase Wein etwas zugute thun. Wirklich starb der Kranke ohne weitere ärztliche Hilfe, und nur von einer zur Verschwiegenheit verpflichteten Frau, der sogenannten Teichgreth, gepflegt. Es wurde damals erzählt, auf dem Sterbebette habe der Kammerdiener in großer Unruhe nach dem Geistlichen verlangt, der Graf aber die Erfüllung seines Wunsches verweigert. Gewiß ist, daß der Kammerdiener in seinen gesunden Tagen den Pfarrer angegangen hatte, er möge ihm gestatten, daß er heimlich bei ihm beichte und das Abendmahl nehme; der Graf dürfe es nicht erfahren. Der Pfarrer glaubte ihm das Versprechen der Verheimlichung nicht geben zu dürfen, und die Kommunion unterblieb daher. – Als der Geistliche um die nötigen Lebensnotizen über den Verstorbenen bat, erklärte der Graf, der Geschiedene heiße Philipp Scharre, sei sechzig bis sechsundsechzig Jahre alt und aus der Schweiz gebürtig. Näheres könne er nicht angeben. Merkwürdiger Weise sollen noch zwanzig Jahre lang, bis zum Tode des Grafen, mitunter Briefe unter der Adresse des Kammerdieners ins Schloß gelangt sein.

Nach dem Tode des Kammerdieners wurde ein Kutscher aus dem Dorfe angenommen, ein junger Mensch aus einer armen, aber sehr stillen Weberfamilie, dessen einziger Bruder taubstumm war. Er überkam die Pflege der Pferde, durfte aber das Schloß nie betreten. Die Köchin war von nun an das einzige menschliche Wesen, daß mit dem geheimnisvollen Paare in den weiten Räumen des Schlosses wohnte.

Selbst der geringe Verkehr mit der Außenwelt, welchen die gräflichen Pferde vermittelten, wurde bald beschränkt und endlich ganz abgeschnitten.

Einst, als die Equipage des Grafen an dem täglichen Ziele ihrer Fahrt in der Nähe von Rodach umwenden wollte, hielt der Chausseegeldeinnehmer von Rodach den Wagen an und bat höflich: der Herr Graf fahre doch schon seit zwei Jahren täglich auf der Chaussee und wende immer kurz vor dem Schlagbaum um; er möge ihm doch auch eine Entschädigung für Chausseegeld zukommen lassen. Der Graf fuhr zornig auf, warf dem Menschen einen Kronthaler zu, und von diesem Tage an hat er nie wieder das Koburger Gebiet berührt. Der Wagen wendete von nun an stets an der Hildburghäuser Grenze um, und da diese nur eine gute Viertelstunde von Eishausen entfernt war, wurde die gewöhnliche Spazierfahrt um mehr als die Hälfte abgekürzt; sehr selten nahm sie ihren Weg nach der entgegengesetzten Richtung hin.

Die Pferde hatte der Graf dem Kammergutspächter (Kaiser) in Stall und Futter gegeben und bezahlte für beides reichlich. Eines Tages machte der Pächter erhöhte Forderungen. Das heftige Temperament des Grafen wallte auf. Am andern Morgen blieb zu unserer Verwunderung die gräfliche Equipage aus und bald sahen wir, zu noch größerem Erstaunen, den Schulzen des Orts und dessen Schwiegersohn die gräflichen Rappen, mühsam sie bändigend, durchs Dorf reiten. In der Nacht hatte der Graf den Schulzen wecken lassen und ihm die Pferde um ein Drittel des Wertes verkauft. Wie Diogenes zuletzt noch seinen Becher wegwarf, so hatte der Graf sich des letzten Verkehrs mit der Umgegend entschlagen. Er verließ seitdem nie mehr die nächste Umgebung des Schlosses, einige später zu erwähnende Ausflüge ausgenommen. Dem Pächter aber zahlte er Stall- und Futtergeld für zwei Pferde fort bis zu dessen Tode. »Er darf nicht denken,« soll er geäußert haben, »daß ich die Pferde um des Geldes Willen abgeschafft habe; nur von seiner Unverschämtheit will ich nicht abhängig sein.«

Nach dem Abzug der Rappen wurde ein Grasgarten in der unmittelbaren Nähe des Schlosses, von diesem fast nur durch eine, über einen tiefgebetteten Bach führende Brücke getrennt, dem Kammergutspachter abgemietet und, obgleich er schon durch seine Lage und hohes Buschwerk geschützt war, noch mit einer acht Schuh hohen Einfassung von Brettern umgeben. Dieser Garten war fortan der einzige Rest der Erde, der den Einsiedlern zu ihren Spaziergängen blieb.

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