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Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen

Friedrich von Bülau: Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorFriedrich Bülau
booktitleGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen ? Zweites Bändchen
publisherDruck und Verlag von Philipp Reclam jun.
titleDie Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen
seriesGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen
volumeZweites Bändchen
correctorreuters@abc.de
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3. Der Graf und die Gräfin in Hildburghausen.

In Hildburghausen finden wir den Grafen mit der Dame, die ihn begleitete, zuerst in dem Englischen Hof, dem damals angesehensten Gasthaus der kleinen Residenz. Die Bekanntmachung, welche das Hildburghauser Kreisgericht nach dem Tode des Unbekannten erließ, giebt das Jahr 1806 als die Zeit seines ersten Auftretens in Hildburghausen an. Ich muß aber bemerken, wie die Behauptung zuverlässiger Zeitgenossen dafür spricht, daß der Graf erst im Jahre 1807 nach Hildburghausen gekommen ist. Er bleibt vier Wochen und Monate lang, macht Ansprüche auf die feinste Lebensweise und entspricht diesen Ansprüchen durch reichliche Bezahlung. Man hört in der Stadt, der Fremde sei ein Graf Vavel de Versay. Er gilt für einen französischen Emigrirten, sein Grafentitel und das Aristokratische seiner Erscheinung für genügende Legitimation; den Grund seiner gänzlichen Zurückgezogenheit sucht man in politischer Verfolgung, oder in einem vom Unglück gebeugten Gemüte.

Daß der Fremde von der Polizei nach einer Legitimation gefragt worden sei, hat man nie gehört. Gewiß ist, daß er weder einen Paß, noch eine andere Legitimation vorgezeigt hat. Den Grafentitel scheint er übrigens ohne sein Zuthun erhalten zu haben; wenigstens äußerte er dreißig Jahre später mit Lächeln: »man hat mich zum Grafen gemacht; selbst zum Monseigneur wollte man mich einst machen.«

Geheimerat S. in I. soll behauptet haben, daß er als früherer Hildburghäuser Geheimerat die Unterschrift des Unbekannten als »Baron Vavel de Versay« zu sehen Gelegenheit gehabt habe. Allein dies ist wohl eine Verwechselung damit, daß Briefe an den Unbekannten jene Adresse trugen und Herrn S. zu Gesicht kamen. Daß eine Unterschrift des Unbekannten dem Herrn Geheimerat je vor das Auge gekommen sei, muß ich sehr bezweifeln. Wenigstens ist dies gewiß, daß sich nirgends, auch nicht in den geheimsten Aktenschränken Hildburghausens, auch nur ein Buchstabe von des Unbekannten Hand vorfindet. Der Diener, den er bei sich führte, nannte ihn: »der »gnädige Herr.« Die Namen seines Gebieters nannte er nie. Das Publikum betrachtete ihn als einen namenlosen Menschen; nur mitunter hörte man ihn den »Pfaffel« nennen, eine Benennung, die jedenfalls aus der Verstümmelung des Namens Vavel entstanden war. Der Name Vavel de Versay kursierte nicht. Man nannte den Fremden nur schlechtweg den »Grafen«, und diesen Titel mag der Unbekannte auch in der nachfolgenden Erzählung fortführen.

Man hat vielfach und mit Bestimmtheit behauptet, der Graf habe sich dem damals regierenden Herzog Friedrich von Sachsen-Hildburgh., oder der geistreichen Herzogin Charlotte (Schwester der Königin Luise von Preußen) anvertraut, wenigstens Empfehlungsbriefe von hoher Hand an das herzogliche Haus abgegeben. Dieser Behauptung muß indes auf das Bestimmteste widersprochen werden. Der Vorgang, welcher zu jener Annahme Veranlassung gegeben haben mag, soll später erwähnt werden. Hier nur soviel, daß niemand in Hildburghausen das Geheimnis des Grafen kannte, – wenn nicht sein Diener.

Übrigens hatte in den ersten Wochen und Monaten seines Aufenthalts in Hildburghausen die Erscheinung des Unbekannten nichts besonders Auffälliges. Man war ja damals noch nicht aus der Gewohnheit gekommen, französische Emigranten ohne Paß und in der mysteriösesten Verhüllung durch Deutschland reisen zu sehen. Dazu erfuhr man, daß der Graf sich schon einige Zeit in der Gegend aufgehalten habe, namentlich auch in Themar, wo der damalige Amtmann, Hofrat Mereau, ihn gesehen und wahrscheinlich auch gesprochen hat. Von einem frühern Aufenthalt in Ingelfingen hatte man nicht die entfernteste Ahnung; auch später erst erfuhr man, daß der Fremde sich einige Zeit in Frankfurt am Main und, gleichzeitig mit einer großen Anzahl hervorragender französischer Emigranten, in Mainz aufgehalten hatte (dies erklärte er später selbst) und daß in Offenbach ein rätselhafter Mann, Namens Frank, gelebt haben solle, der wenigstens durch seine Zurückgezogenheit (nicht aber durch seinen Charakter) an den Unbekannten in Hildburghausen erinnerte.

Dieser selbst zeigte nicht die Absicht eines bleibenden Aufenthaltes in Hildburghausen. Zwar mietete er, nach einigem Verweilen im Englischen Hofe, eine Privatwohnung – die dritte Etage in dem ansehnlichsten Gebäude der Stadt dem jetzigen sogenannten Regierungsgebäude). Als aber, bald nach seinem Einzuge, in der Druckerei, die im Parterre des Hauses arbeitete, ein kleiner Feuerlärm entstand, verließ er sofort diese Wohnung und bezog nun die zweite Etage eines freistehenden Hauses in der Neustadt.

Die Besitzerin des Hauses (die verwitwete Geheimeassistenzrätin Radefeld) mußte versprechen, wenn zu dem Hause ein Käufer sich fände, es sogleich ihren Mietsmann wissen zu lassen.

Aus jener Zeit kommen etwas deutlichere Nachrichten über das Leben der Unbekannten, deren Geheimnis nunmehr das gute Hildburghausen in große Spannung gebracht hatte. Ehe der Graf das letzterwähnte Haus bezogen hatte, war er fast täglich in eigner Equipage mit schönen Schimmeln, den reichbedreßten Diener auf dem Bock spazieren gefahren. Nunmehr hatte er die Pferde abgeschafft und fuhr, zwar im eigenen Wagen, aber mit Postpferden. Bei solchen Fahrten hat die herzogliche Kinderfrau, die damals im jetzigen Batty'schen Hause vor der Stadt wohnte, den Grafen einige Male gesehen, und sie erzählte gerne davon, wie vornehm und schön der Mann ausgesehen habe und wie artig er sie und die fürstlichen Kinder gegrüßt habe; doch fuhr er nie im zurückgeschlagenen Wagen und gewöhnlich in die Ecke des Sitzes zurückgelehnt; auch sah man ihn zuweilen mit der tief verschleierten Dame am Arm spazieren gehen. – Einige Handwerker, von denen er Verschläge zu Treppe und Vorplatz bauen und dadurch seine Wohnung von dem übrigen Hausraum absperren ließ, – der Kaufmann und Ratsherr A., den er zum Geschäftsführer angenommen hatte, aber auch nur mit Geldgeschäften betraute, – eine Köchin und eine Aufwärterin, die beide außerhalb des Hauses wohnten, und die Hausbesitzerin selbst waren die einzigen Menschen, die der Graf in jener Zeit sprach.

Die Hausbesitzerin, schon damals eine Matrone, wurde nicht selten zu dem Grafen gerufen. War sie bei demselben eingetreten, so verschloß er hinter ihr die Thür. Er unterhielt sich dann mit ihr und wußte sich dadurch bald und unvermerkt in den bedeutenderen Persönlichkeiten der Stadt und in den bedeutendsten seiner Nachbarschaft vollkommen zu orientieren. Mit einer, wie es der Hausfrau vorkam, kleinlichen Neugierde, aber höchst wahrscheinlich tieferer Absicht, erkundigte er sich nach den Fremden, die in Hildburghausen ab- und zugingen. Die fremde Dame war bei solchen Besuchen nie zu sehen; sie wurde von ihrer Hauswirtin nur einige Male beim Ausgehen flüchtig erblickt, und die Witwe wußte daher von der Dame nichts zu erzählen, als daß sie jung und sehr schön gewesen sei.

Die Fenster waren stets dicht verhängt, die Treppenthüre verschlossen; man erzählte, der Fremde habe scharf geladene Gewehre zu seinem Schutze; gewiß scheint, daß er einen Handwerksburschen, der unberufen eingedrungen war, im höchsten Zorn mit der Pistole in der Hand verjagte.

Wenn der Graf zugleich mit der Dame (meistens am frühen Morgen) spazieren fuhr, stiegen sie innerhalb des verschlossenen Hofraumes in den Wagen; dem Postillon war es untersagt, sich nach der Herrschaft umzusehen, und als einst die Kinder der Hausfrau sich an ein auf den Hof gehendes Fenster drängten, um die Gräfin einsteigen zu sehen, führte der Graf darüber Beschwerde bei der Mutter und forderte Schutz vor solcher Neugierde. Die zahlreichen Briefe, welche unter der Adresse Vavel oder Vavel de Versay ankamen, mußte die Hausfrau in Empfang nehmen, in einen Korb werfen, der zu solchen Zwecken an der Treppe hing, und dieses dem Grafen mit einem Zeichen der Glocke andeuten. Im Hause durfte keine Thüre mit Geräusch geschlossen werden, kein lautes Lachen sich hören lassen. Als einst die erwachsenen Söhne der Hausfrau in ihrem Wohnzimmer zu ebener Erde mit Rappieren fochten, drohte der Graf mit Aufkündigung, weil er solche Unruhe nicht vertragen könne. Im obern Stock herrschte fast immer lautlose Stille; doch hörte man häufig noch spät in der Nacht den Mann die Zeitungen mit starker Stimme und großer Lebhaftigkeit vorlesen.

In jener Zeit war der Graf mit der Dame oft mehrere Tage lang abwesend. Niemand, als der vertraute Diener, begleitete sie auf solchen Reisen. Niemand, als er, hat erfahren, wohin diese geheimnisvollen Ausflüge führten. Während einer solchen Abwesenheit hatte die stets außer dem Hause wohnende Köchin es gewagt, die Küche zu betreten, zu welcher sie einen Schlüssel hatte. Ihr Besuch wurde bei der Rückkehr des Grafen entdeckt und sie selbst sofort ihres Dienstes entlassen. Auch das Auge der Köchin hatte die Dame, der sie diente, nie erblickt.

Der Hausfrau wurde die Miete für Wohnung und Mobilien reichlich bezahlt und dadurch Entschädigung gewährt für die klösterliche Stille, die sie in ihrem Hause erhalten mußte. Als aber der Graf einst erfuhr, daß seine Hausfrau ohne sein Vorwissen sich auf Anerbietungen zum Verkauf des Hauses eingelassen hatte, kündigte er und mietete das herrschaftliche Schloß auf dem Domainengut zu Eishausen, fast 1 ½ Stunde von Hildburghausen entfernt.

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