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Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen

Friedrich von Bülau: Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenarrative
authorFriedrich Bülau
booktitleGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen ? Zweites Bändchen
publisherDruck und Verlag von Philipp Reclam jun.
titleDie Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen
seriesGeheime Geschichten und rätselhafte Menschen
volumeZweites Bändchen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120110
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14. Eine schauerliche Hypothese.

(Von einem anderen Autor.)

»Wie anschaulich und treffend auch das Eremitenleben des außerordentlichen Mannes in der uns mitgeteilten Darstellung gezeichnet ist, so sind doch die Versuche zur Lösung des Rätsels auf politischem Wege durchaus nicht befriedigend. Ich muß hier bemerken, daß die erwähnte Darstellung, als sie dem Autor der »schauerlichen Hypothese« vorlag, zwei nach der Bourbonischen Familie deutende Daten noch nicht enthielt: nämlich das Musterzeichen der Leibwäsche der Dame und die Behauptung des Hrn. v. B., daß die Dame eine auffallende Ähnlichkeit mit der Bourbonischen Familie zeige.

Auf die hingeworfenen Äußerungen des Unbekannten ist um so weniger Gewicht zu legen, je mehr ihm daran gelegen sein mußte, sich in ein mystisches Dunkel zu hüllen und die Forschenden auf falsche Spuren zu leiten. Deutlich sieht man, wie der schlaue Diplomat die Faden des geheimnisvollen Gewebes, in das er sich einspann, fein zu weben wußte, und wie geschickt er die guten Ingelfinger, die ihn Monseigneur titulierten, eben sowohl wie die Hildburghäuser zu mystifizieren verstand durch Andeutungen seiner hohen Bekanntschaften. Erst nach dem Tode seiner Gefährtin, als seine Furcht vor Entdeckung sich legte und seine frühere Zurückgezogenheit, wie er selbst sagt, zur freiwilligen wurde, lüftete er bisweilen die Maske, und bei seinem Scheiden aus der Welt läßt er, gewiß nicht ohne kluge Berechnung, die Schlüssel, nicht zu dem Ganzen seines Geheimnisses, sondern zu dessen unverfänglichem und unschuldigerem Teile zurück, – seinen Taufschein und die Briefe seiner Geliebten. Aus jenem ersieht man, daß er L. Cornelius van Valck hieß und aus einem Amsterdamer Patriciergeschlechte stammte, – aus diesen, daß er der batavischen Republik in den neunziger Jahren attachiert war.

Von Paris aus korrespondiert er mit Agnés Berthelmy geb. Daniels, einer geborenen Deutschen vom Niederrhein, deren Brüder zu Bonn, Zweibrücken und Kaiserslautern lebten. Er hatte sie vor ihrer Vermählung gekannt und geliebt, mochte aber durch seine Familie von der Verbindung mit ihr abgehalten worden sein. Sie war Mutter einer lieblichen Tochter, die ihr einziges Glück ausmachte. Denn ihr Gatte, wahrscheinlich Soldat, lebte um 1798 schon vier Jahre getrennt von ihr und ließ sie zu Mans (Dep. Maine et Loire) in dürftigen und peinlichen Verhältnissen, von seiner Familie bewacht, aus Eifersucht, weil er wohl merken mochte, daß ihr Herz einem andern gehörte und daß sie mit diesem korrespondierte und reiche Geschenke von ihm erhielt. Er dringt auf Scheidung, in welche Agnés jedoch nicht willigt, in der Hoffnung, daß er einst sein Unrecht noch erkennen und sich mit ihr aussöhnen werde. Van der Valck unterstützt sie von Paris aus, sendet ihrer Tochter ansehnliche Geschenke und scheint sie beredet zu haben, mit ihm nach Deutschland zu entfliehen. Sie widersteht, ihrer Pflicht getreu, beschwört ihn, sie zu vergessen, rät ihm ab, sich, wozu er aus Schwermut sich entschlossen zu haben schien, in die Einsamkeit zurückzuziehen, dringt in ihn, doch vergeblich, eine sehr glänzende Verbindung, die sich ihm darbot, einzugehen.

 

Endlich, da sie die Hoffnung aufgiebt, Berthelmy zu versöhnen, zeigt sie sich geneigt, in die Scheidung zu willigen, wenn Berthelmy ihr eine Pension für ihre Tochter aussetzen wolle, mit der sie sich dann zu ihrer Familie nach Deutschland wenden wollte. Berthelmy scheint dies nicht eingegangen zu sein, und so schreibt sie endlich im Herbste 1799, daß sie gesonnen sei, um ihrer peinlichen Lage in Mans zu entgehen, eine Reise nach Deutschland zu ihren Brüdern zu machen, mit denen van der Valck in Korrespondenz stand. Hier schließen die Briefe. – In Deutschland nun scheint sie ihren frühern Geliebten wiedergefunden und, ohne von Berthelmy gesetzlich getrennt zu sein, ihr Los mit dem ihres Wohlthäters unzertrennlich verbunden zu haben.

 

Aber sie fürchten die Rache des beleidigten Gatten, der Weib und Tochter aufsucht, und diese Furcht treibt sie unstät umher, bis sie in Hildburghausen eine sichere Zuflucht gefunden haben. Doch auch da bleibt van der Valck fortwährend auf seiner Hut und seine Furcht hört erst mit dem Tode des Mannes auf, von dem er sagt: wenn ein Mann etwas früher gestorben wäre, so würde ich in die Welt zurückgekehrt sein; doch nun verlohnt es sich nicht mehr der Mühe. Derselbe Mann, von dessen Aufenthalt er sich durch besoldete Agenten gewiß fortwährend berichten ließ, war es vielleicht, der 1813 mit dem Corps von Augereau über Koburg nach Eishausen kam und von dem er später sagte: »damals war ein Mann hier, der, wenn er mich gesehen hätte, mein Schicksal entschieden haben würde.«

Die Identität des Unbekannten von Ingelfingen mit dem von Eishausen scheint unbezweifelt. Seine Begleiterin zu Ingelfingen aber, im Jahre 1803, in welcher die treuherzigen Schwaben die Tochter Ludwigs XVI. zu erblicken vermeinten, wird sie wohl jemand anders gewesen sein, als seine angebetete Agnés? Wenn man sie bald für seine Gemahlin, bald für Ludwigs XVI. Tochter halten konnte, so mußte sie damals in den Zwanziger Jahren stehen.

Aber wie? jene Dame, die er 1810 mit sich nach Eishausen bringt, wird von den Wenigen, die sie erblickten, als eine jugendliche Schönheit von fünfzehn bis höchstens achtzehn Jahren bewundert! Unmöglich war dies dieselbe, welche zu Ingelfingen mehrere Jahre vorher an seiner Seite erschien. Die Briefe lassen uns keinen Zweifel, es war der reizenden Agnés, die auf Cornelius einen so tiefen Eindruck gemacht hatte, verjüngtes Ebenbild, von welchem Agnés mit Mutterstolz schrieb: »j'ose le dire, elle est bien jolie«, welche damals 1798, bereits vier Jahre von dem Vater verlassen, etwa sechs Jahre, mithin im Jahre 1810 deren siebzehn bis achtzehn zählte. Die Zärtlichkeit des Barons war von der Mutter auf Tochter übergegangen, wer will sagen, in welchem Grade? Das war jene »arme Waise,« wie der Unbekannte sie selbst nach ihrem Tode bezeichnet, der er, nach seinen eigenen Worten, so viele schöne Sachen aufgedrungen, die von Kind an schon, wie aus den Briefen erhellt, ihm wegen reicher Geschenke zur Dankbarkeit verpflichtet war und die Mutter oft mit Fragen bestürmte, wer ihr unbekannter Wohlthäter sei. Er hatte sie und ihre Mutter der Armut entrissen, mit kostbaren Gaben überhäuft und mochte ihr wohl vorgespiegelt haben, um ihretwillen halte er sich von der Welt zurückgezogen. Darum schreibt sie in dem Billet, welches der Graf nach ihrem Tode seiner Korrespondentin zu Hildburghausen mitteilte, in so zärtlichen Ausdrücken an den geliebten »Ludwig« (auch sie hatte er über seinen Vornamen getäuscht vielleicht sich für einen Bourbon ausgegeben), dessen tausend Opfer sie nur mit ihrer Liebe vergelten könne.

Das war die arme Mignon im Schloßgefängnis zu Eishausen, die, von aller Welt abgeschieden, ein Kind am Geiste blieb, welche, an ihren Beschützer und Wohlthäter, ihren Hüter und Tyrannen gekettet durch Dankbarkeit und Gewohnheit, mit Näschereien und Putzwaren, Schmuck und Spielwerk für die verlorne Freiheit entschädigt wurde, die mit jenen Beutelchen, deren man nach ihrem Tode Hunderte in ihrem Zimmer fand, spielte, – das arme Kind, dem man Katzen zur Gesellschaft gab, statt der Menschen, das an jene schmeichelnden, falschen Tiere die Liebe verschwendete, die sie edleren Wesen zu widmen gehindert war. Das war das arme Geschöpf, wie der Kammerdiener Philipp sagt, »arm, ohne Vermögen und doch Herrin über alles,« – Herrin und Sklavin zugleich, die nur den Blumen und Gebüschen des hoch umzäunten Serails ihre Klagen anvertrauen durfte, auch da von den Falkenaugen des vom Schloßfenster lauernden van der Valck überwacht: – die umsonst bei dem jungen Arbeiter im Winkel des Gartens beim Spital Zuflucht sucht mit den Worten: »lieber Schmidt, ich wollte Sie gern sprechen,« – denn der Graf rennt wütend aus dem Gebüsche hervor und reißt sie hinweg; – die mit stummer Verzweiflung jeden Versuch, sich Hilfe und Freiheit aus ihren goldnen Ketten zu verschaffen, vereitelt sieht, – die zarte Taube, die umsonst sich den scharfen Krallen des Falken zu entwinden strebt. Cornelius van der Valck giebt sein Opfer nicht eher los, als bis es der allgewaltige Tod ihm abringt.

Da entflieht die erlöste Seele dem Kerker des Leibes, dessen Schönheit ihr Unheil gewesen, und findet in seligen Räumen vor dem Throne des Allsehenden Zuflucht, um dort ihren Tyrannen anzuklagen – oder für ihn zu bitten.

Wie oft mag sie aus ihrem Gefängnis zu den Sternen betend emporgeblickt haben! Kein Priester, weder derjenigen Kirche, in der sie geboren und bis zum achten Jahre erzogen war, noch jener, deren Glockentöne sie seit siebenundzwanzig Jahren von fern herüber vernahm, ohne ihren Trost genießen zu können, – weihte die Stätte des einsamen Berggartens hoch über dem Werrathale, wo, fern von Menschenwohnungen, fern von den Ufern der Maine, an der sie das Lebenslicht zuerst erblickt hatte, der noch im Tode schöne und bewunderte Leib unter Lampenschein in schauriger Novembernacht eingesenkt ward. Das war nicht »Sophia Botta, ledig, bürgerlichen Standes, aus Westphalen, achtundfünfzig Jahre alt,« wie der greise Diplomat täuschend vorgab, das war eine volle, noch wohlerhaltene Schönheit von fünfundvierzig Jahren, die arme Waise aus Mans, des ungestümen Berthelmy und der unglücklichen Agnés Daniels unglückliche Tochter, – nicht gewaltsam, wie die wohlweislich vom Grafen angeordnete Öffnung des Sarges an dem Grabe darthut, sondern langsam hingemordet, ohne ärztliche Hilfe, am gebrochenen Herzen dahingewelkt.

Und was war aus ihrer Mutter geworden? Konnte sie so ängstet, nicht beistehen? Hat sie eigener Wille, oder Notwendigkeit des Schicksals, oder der Tod von ihr schon längst getrennt? War sie nicht in Ingelfingen an der Seite des Grafen erschienen?

Wahr ist es, immer sah man nur eine Dame an seiner Seite, verschleiert oder mit grüner Brille. Aber konnte nicht bei den Reisen, die der Graf von Hildburghausen aus machte, einmal noch eine zweite Dame, im Abenddunkel, im verschlissenen Hofe, den Hausbewohnern unbemerkt aus dem Wagen gestiegen sein und in den selbst vom Kammerdiener kaum betretenen Gemächern sich verborgen halten? nicht Mutter und Tochter zugleich im verschlossenen Wagen den Grafen nach Eishausen begleiten? Die Gräber schweigen, und der Zeugen Mund ist verstummt: aber »wenn diese schweigen, so werden die Steine schreien.« Und siehe, von seinem Steinhaufen richtet sich der alte Chausseewärter von Eishausen empor, ein unverdächtiger Zeuge, von dem das Manuskript sagt: »ein nüchterner, zuverlässiger Mann, der die gräfliche Equipage oft vorüberfahren sah;« dieser hat dem Verfasser oft versichert, der Graf habe zwei Frauen bei sich, und er sagte mit Bestimmtheit »heute ist die Alte mit ihm ausgefahren,« oder: »heute hat die Junge bei ihm gesessen

Hat den Verfasser, der die Briefe, der Schlußnote zufolge, ihrem Inhalt nach kannte, beim Niederschreiben dieser Worte keine Ahnung durchschauert? Wer mag wissen, was die innern Gemächer des Schlosses zu Eishausen geborgen haben? was hinter den stets zugezogenen Gardinen vorgegangen ist? Nur der Kammerdiener, der treue Philipp, der Vertraute des Grafen, konnte außer diesem darum wissen und mußte wohl darum wissen. Was hat ihm denn so sehr auf dem Herzen gelastet, das er gern beichten wollte und nicht konnte und durfte? Wo ist die »Alte« hingekommen? wo hat sie ihre letzten Seufzer ausgehaucht? wo ihr Grab gefunden? Lassen wir den stillen Gräbern ihr Geheimnis und dem Allwissenden im Lichte das Gericht.

Gewiß, der Graf war ein ausgezeichneter Mann, von hohem Geiste, seltner, gründlicher und feiner Bildung, von hellem, durchdringendem Verstande, reicher Welterfahrung, diplomatischer Feinheit, eiserner Konsequenz, tiefem Gefühle und warmem Herzen. Der Verlust seiner Liebe hatte ihn mit bitterm Haß erfüllt und schon in Paris in ihm den Gedanken erzeugt, sich von der Welt zurückzuziehen. Der Welt kann er entsagen, aber derjenigen nicht, die sein Herz besessen; er wird ihr Wohlthäter, ihr Beschützer gegen den harten Ehegatten; er flieht endlich mit ihr in einen einsamen Winkel. Da vergräbt und verschanzt er sich in seinen Bau und weiß die Späher, die Neugierigen sowohl, als den rachedürstenden Gatten, der vergeblich nach Weib und Tochter forscht, listig zu täuschen und umgiebt, um auf falsche Spuren zu leiten, sich mit einem Nimbus politischer Mysterien. Von fern schaut er geborgen auf das Gewühl der Welt; er spottet ihrer; er kann sie entbehren; er ist ja Philosoph, d. h. ein französischer Philosoph, ein Epikuräer, ein Encyklopädist, ein Jünger Diderots; er hat, was er lange erstrebt; er genießt in Ruhe sein Glück, umgiebt sich mit den größten unsterblichen Geistern der gebildeten Nationen, macht sich durch Studium der Medizin selbst von ärztlicher Hilfe unabhängig; – umgeben von den Erzeugnissen des Luxus und der Eleganz der französischen Hauptstadt, im Genusse der Freuden der Tafel und der feurigsten, würzigsten Weine, im Umgange mit zwei liebenswürdigen Damen, seiner ersten Flamme und deren heranblühender Tochter, die ihn, ganz ergeben sind, ihm alles verdanken, ihn lieben. verehren, fürchten – durch die Furcht vor Entdeckung zwar in reger Spannung und Thätigkeit erhalten, aber nicht gequält von Gewissensbissen, über die ihn sein tiefes Studium der französischen Philosophie erhebt, entsagt er der Welt.

Das ist die großartige Resignation des ehrwürdigen Eremiten von Eishausen. Er entsagt der Welt und verachtet sie; darum darf er sie auch täuschen, und er täuscht und spinnt sein Gewebe bis an das Ende seiner Tage fort. Nur der Korrespondentin zu Hildburghausen vertraut er nach dem Tode seiner Gefährtin, mit der auch seine Furcht vor Entdeckung vollends zu Grabe getragen ist, daß seine Verbindung mit der Verstorbenen etwas Romantisches, einer Entführung Ähnliches gehabt habe, und im Tode ist er redlich genug, die Maske abzulegen und der Nachwelt einen Blick in sein Geheimnis zu gönnen, doch nur einen Blick. Er hinterläßt den ersten Teil des Romans, der sein Leben ausmacht, die Briefe, – den ersten Teil, der ihn im vorteilhaften Licht zeigt. Die folgenden Teile hat er für sich behalten und mit ins Grab genommen und es bleibt dem Leser unbenommen und überlassen, mittelst Kombination und Phantasie das Übrige zu ergänzen, als ein politisches oder bürgerliches Schauspiel.«

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