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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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8

Condon stand auf und sagte unvermittelt zu Templar: »Wir dürfen den Körper nicht berühren, bis ihn der Sheriff gesehen hat; wir müssen ihn hier liegenlassen. Munroe, schick einen von den Leuten nach dem Sheriff oder reite selbst! Templar, ich werde mich hier auf das Sofa legen und zu schlafen versuchen – schlafen, schlafen, schlafen.«

Stöhnend verhallten seine Worte; die Stimme war die eines kranken, völlig erschöpften Mannes. Er sank auf das Sofa und deckte sich mit einer Decke zu, die er bis unters Kinn hinaufzog. Kaum hatte er sich ausgestreckt, schloß er auch schon die Augen und atmete regelmäßig.

»Er ist vollkommen fertig«, sagte der Neffe, setzte sich auf die Tischkante und zündete sich eine Zigarette an.

Templar machte ihm ein Zeichen, ruhig zu sein, doch Lister sagte abwehrend: »Wenn er in dem Zustand ist, schläft er wie ein Toter. Nicht einmal Pauken und Trompeten würden ihn aufwecken –«

»Templar!« schrie Condon, setzte sich auf und sah wild um sich.

»Hier bin ich.«

»Dann ist alles in Ordnung, dann ist alles gut. Nur – bleiben Sie hier, gehen Sie nicht aus dem Zimmer! Lassen Sie mich nicht allein – lassen Sie mich mit niemand allein! Ich – will – jetzt – schlafen.«

Die letzten Worte sprach er schon wieder fast im Schlaf, und der junge Lister bemerkte in seiner halb besorgten, halb wegwerfenden Weise: »Das nennt man schlechtes Gewissen.«

Templar überhörte diese Bemerkung und sah sich im Zimmer um. Die Läden des Fensters hinter dem Toten standen offen. Er schloß sie und betrachtete das Gesicht des Mannes. Larry war weder alt noch jung. Er schätzte ihn auf vierzig bis fünfzig Jahre, und der Mann war, wie man so sagt, gut konserviert. Mittelgroß, mit starken Schultern und schlanken Hüften, machte er den Eindruck eines Athleten. Das Lächeln auf den erstarrten Lippen sah ganz natürlich aus. Er war zweifellos ein gutmütiger Mensch gewesen, so gutmütig, daß er sogar noch ein Lob für den guten Schuß seines Mörders übrig hatte.

Templar zog nun auch an den andern Fenstern die Vorhänge zurück, um sie besser beobachten zu können.

Lister saß noch immer auf der Tischkante und sah sich um. Er war so kalt und ruhig, daß Templar sich beinahe wunderte, warum er nicht schon wieder über seinen Büchern hockte.

Templar kam zurück, setzte sich mit dem Rücken gegen den Schläfer und sagte trocken zu Lister: »Sie sollten wirklich den Sheriff holen!«

»Der kommt noch lange zurecht, der läuft mir nicht weg. Sie sind übrigens ein verdammt guter Schütze.«

Templar zuckte die Achseln.

»Was ich noch sagen wollte«, fuhr Lister ruhig fort, »Sie haben mich vorhin etwas angefahren. Nun, Templar, Sie mögen im Kampf scharf wie Gift sein – wir haben ja eine Menge über Sie und Ihre Taten gehört. Trotzdem möchte ich Ihnen sagen, daß ich selbst auch etwas boxen kann, und wenn Sie noch einmal so zu mir sprechen, müssen wir die Sache anders als mit Worten regeln. Ich hoffe, das ist deutlich genug!«

Er hatte ohne jede Anmaßung, im Ton einer ruhigen Feststellung gesprochen, und Templar empfand zum erstenmal etwas wie Sympathie für den kräftigen jungen Mann. Eigentlich war er gar nicht mehr so jung; im Gegenteil, er mußte sogar einige Jahre älter sein als Templar.

Der Neffe hatte sich entfernt, und Templar war ganz allein in dem großen Haus. Seine Nerven hatten sich zwar etwas beruhigt, aber es war ihm dennoch unangenehm, auch nur einen Schlafenden hinter sich zu haben. Deshalb setzte er sich an das Kopfende des Sofas und durchwachte lange, einsame Stunden.

Er hatte eine ganze Menge Stoff zum Nachdenken. Zuerst das ruhig-männliche Auftreten des Neffen – und dann Condons völliger Zusammenbruch. Recht bedeutsam! Es war kaum möglich, daß ein Mensch in einem Tage oder binnen einer Stunde so mürbe werden konnte! Diese furchtbare, nervenzerstörende Todesangst mußte ihn also schon seit langem gemartert haben, so daß selbst seine eiserne Selbstbeherrschung endlich versagte. Jedenfalls war es ein Glück für ihn gewesen, daß Larry ihn nicht allein mit seinem Neffen angetroffen hatte.

Aber auch Larry gab ihm zu denken. Zweifellos war dieser Bursche in der Absicht hier erschienen, Condon umzubringen, und er hatte damit rechnen müssen, ganz abgesehen von Templar, zwei bewaffneten Männern gegenüberzustehen. Mochte Larry noch so tapfer sein, mochte er ein noch so sicherer Schütze sein, es war nicht anzunehmen, daß er eine so riskante Geschichte ganz ohne jede Hilfe unternommen hatte. Vielleicht sollte ihm ein zweiter Mann durch das Fenster folgen; vielleicht hatte er auch auf Munroe Listers Hilfe gerechnet.

So grübelte Templar und lauschte dem unheimlich lauten Ticken der Uhr in der Diele. Jetzt klang es ganz entfernt, als ob jemand die Treppe hinaufginge. Dann kam es zurück und entfernte sich wieder. Auf einmal kam es ganz laut und regelmäßig – tapp, tapp, tapp – bis an die Tür des Zimmers, in dem Templar bei dem schlafenden Mann saß. Immer mehr ergriffen diese Wahnideen Besitz von ihm, als ob er ein kleiner, sechsjähriger Junge wäre. Er sprang auf und unterdrückte einen Freudenschrei, als er auf dem Kies vor dem Haus den knirschenden Hufschlag mehrerer Pferde hörte.

Als der Schlüssel in der Haustür kreischte, sagte ihm seine Uhr, daß es bald Tag sein müsse. Stimmen ertönten, und der Sheriff stand in der Tür. Mehrere Männer folgten ihm; Lister kam als letzter.

Als der Vertreter der Gerechtigkeit eintrat, warf er zuerst einen Blick auf das Gesicht des Schläfers.

»Der hat was durchgemacht«, sagte er leise und wandte sich Larry zu.

Die ganze Untersuchung verlief ziemlich oberflächlich. Er ließ sich von Templar den Hergang noch einmal erzählen und machte sich einige Notizen. Lister hatte ihm schon unterwegs Bericht erstattet, und Condon wollte er nicht stören.

Dann sagte der Sheriff: »Die Sache liegt sonnenklar. Dieser Herr da wollte einbrechen und wußte nicht, daß ein junger Tiger im Hause ist!«

Er lachte und klopfte Templar auf die Schulter.

»Ja, mein Sohn, damit meine ich Sie«, erläuterte er.

Dann wurde die Leiche auf den wartenden Wagen gebracht, und der Sheriff und seine Begleiter ritten wieder in die Stadt zurück.

»Sie sind ziemlich fertig – ich werde Wache halten«, sagte Lister, und seine Stimme klang plötzlich freundlicher als sonst. »Der Alte hat wirklich den ganzen Auftritt, all den Lärm und das Sporengeklirr verschlafen. Gehen Sie zu Bett! Sie haben es nötig.«

Templar hielt den Zeitpunkt für günstig, ein für allemal Klarheit zwischen sich und Lister zu schaffen, und sagte: »Ich will offen mit Ihnen sein. Ich habe die Pflicht, Condon zu beschützen. Wie kann ich wissen, von welcher Seite ihm Gefahr droht? Vorläufig weiß ich es jedenfalls nicht, und deshalb muß ich meinerseits auch Ihnen gegenüber mißtrauisch sein. Das tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern. Übrigens graut der Morgen bereits, und Sie haben auch nicht geschlafen. Ich danke Ihnen, aber ich werde weiter hier auf dem Posten bleiben.«

Lister schwieg, verließ achselzuckend das Zimmer und ging schweren Schrittes nach oben.

Da öffnete Condon die Augen.

»Das war ein Fehler, Templar«, sagte er in gereiztem Ton, »das dürfen Sie nicht wieder tun. Es war entschieden unvorsichtig, Lister merken zu lassen, daß Sie ihn im Verdacht haben. Außerdem – – –«

Er schwieg und biß die Zähne zusammen. Dann setzte er sich lebhaft auf, gähnte, streckte sich, brachte seine Krawatte in Ordnung und sah Templar scharf an.

»Hat Sie ein bißchen mitgenommen, wie?« fragte er. »Nach dieser einen Nacht werden Sie begreifen, warum meine Nerven nicht mehr wollten. Doch jetzt habe ich ausgeschlafen, und Gott gnade dem, der glaubt, daß ich heute derselbe bin wie gestern! Sie können jetzt zu Bett gehen, Templar.«

»Und was wollen Sie machen?«

»Um mich brauchen Sie sich jetzt nicht mehr zu sorgen. Gehen Sie ruhig!«

Er ging mit Templar zur Tür, klopfte ihm auf die Schulter und sagte leise und schnell: »Jetzt stehen meine Aussichten besser. Besser, seit der Kerl erledigt ist, viel besser. Jetzt habe ich Hoffnung, diesen Monat zu überleben. Gelingt es, dann, Templar, verspreche ich Ihnen, mache ich Sie zum reichen Mann. Gehen Sie jetzt zu Bett und beschlafen Sie das!«

Templar befolgte diesen Befehl. In seinem Zimmer leuchtete das rosige Licht des Morgens durch das Deckenfenster, und die Luft war rein und kalt. Neue Hoffnungen belebten ihn. Fünftausend Dollar waren immerhin ein nettes Sümmchen, ein guter Anfang, um mit Fleiß und Energie ein Ziel zu erreichen. Er hüllte sich in seine Decke und schlief ein. Angenehme Träume umschwebten ihn.

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