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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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6

Im selben Augenblick streckte sein Pferd den Kopf vor und ging weiter. Er ließ ihm den Willen und sah sich nicht um, obgleich er fühlte, daß sich ein Paar Augen in seinen Rücken bohrten. Eine unendliche Erleichterung überkam Templar, als sein Pferd, vor einem weißen Stein scheuend, zur Seite sprang und dadurch einen schmalen Waldstreifen zwischen ihn und die drohende Gefahr schob.

Er wollte gerade absteigen, um die Gegend zu Fuß auszukundschaften, da verwarf er auch schon wieder den Gedanken. Der Wald war ihm völlig unbekannt, und im Verfolgen von Fährten war er gänzlich unerfahren. Da konnte es leicht geschehen, daß er sich statt einem einzelnen Manne einem halben Dutzend gegenübersah. Am Ende war es gar nichts gewesen; vielleicht nur ein jagender Wolf oder ein Berglöwe, der schon vor Sonnenuntergang auf Beute ausging. In den höheren Gebirgslagen fangen sie ja zeitiger an zu jagen.

So ritt er, während es merklich kühler wurde, den Hügel hinunter dem Gehöft zu. Hinter ihm glühte der Zuckerhut im Abendsonnengold – das Cramergebirge aber lag schon in dem tiefen Schatten der sinkenden Nacht. Vor ihm war das Haus mit seinen schwarzen, unheilverkündenden Fenstern. Sie beobachteten ihn, drohten ihm und blitzten ihm zornig entgegen. Er dachte an den kaum verhüllten Hohn in den Blicken und in der Stimme des Hausverwalters, und mit jedem Schritt wurde ihm unbehaglicher zumute.

Templar nahm sich vor, Condon auf Snyder aufmerksam zu machen, aber im selben Augenblick gab er diesen Entschluß wieder auf, denn Condon war zweifellos ein dreimal besserer Menschenkenner als er. Das Grübeln beruhigte ihn nicht, obwohl er versuchte, methodisch und logisch vorzugehen, wie es Detektive gewöhnlich in den Romanen tun. Allerdings vollbringen diese Leute meistens im letzten Kapitel ganz erstaunliche Dinge, aber bis zum Schlußeffekt brauchen sie nur ihren gesunden Menschenverstand und – etwas Glück.

Also: Condon drohte Gefahr. Warum? Weil er reich war oder weil er jemandem in der Vergangenheit ein Unrecht zugefügt hatte, oder weil er irgend jemandem im Wege war. Motive waren also leicht zu finden, und Condon war eine weithin sichtbare Zielscheibe für die Kugel eines Schurken.

Auch eine bestimmte Frist für die Gefahr war angegeben – nämlich dreißig Tage –, und nach Ablauf dieser Zeit schien die Gefahr beseitigt. Condon könnte ihm sehr viel helfen, wenn er ihm sagen wollte, was nach Ablauf der dreißig Tage entweder geschehen oder nicht geschehen würde!

Im Wald und im Haus lauerten tückische Augen, draußen und drinnen drohte demnach Gefahr, und es sah beinahe aus, als ob sie sich mehr gegen ihn als gegen Condon richte.

Als er näher herankam, sah er, daß ein Wagen mit drei Insassen von dem Haus wegfuhr.

Nachdem er sein Pferd im Stall abgeliefert hatte, schritt er auf das Herrenhaus zu und traf Condon, der in der letzten Abendwärme auf und ab ging. Er trug einen leichten Spazierstock, mit dem er ab und zu einen Kiesel wegschleuderte oder gewandt eine Blume köpfte. Seinem neuen Gast gegenüber schien er außergewöhnlich herzlich gestimmt.

Er zeigte ihm verschiedene Blumen und eine neue Grassorte, die er aus dem innerchinesischen Tafelland mitgebracht hatte und die die kältesten Winter überstehen konnte. Sollte es ihm gelingen, diese Sorte hier heimisch zu machen, würde sein jetzt wertloses, höher gelegenes Land vielleicht noch eine ganz rentable Weide werden. Dann fragte er Templar, was er gemacht habe, und hörte von ihm, daß er Haus und Wirtschaftsgebäude besichtigt hatte.

»Und nichts hat Ihren Beifall gefunden?« sagte Condon mit seinem schwachen Lächeln, das Templar so unangenehm war.

Da er nicht antwortete, fuhr Condon fort: »Ich habe auch keine guten Neuigkeiten, um Ihre Laune zu bessern. Der Koch und der Hausdiener haben gekündigt, und Snyder ist mit ihnen nach der Stadt gefahren, um zwei neue zu besorgen; deshalb müssen wir beide heute ein kaltes Abendbrot essen.«

»Wir beide sind also heute allein – da drinnen?« fragte Templar, auf das dunkle Haus deutend.

»Kein verlockender Gedanke, wie?«

»Ich habe Angst.«

»Begreiflich!« nickte Condon. »Aber zwei verängstigte Männer sollten nur um so besser aufpassen.«

»Ich hatte ja fast vergessen – da ist doch noch Ihr Neffe!«

»Ach ja«, nickte Condon gleichgültig. »Der sitzt immer nur bei seinen Büchern, mit der Brille auf der Nase, müssen Sie wissen.«

»Ach so!« sagte Templar. Aber nur das eine wurde ihm klar, daß seine Aufgabe immer schwieriger und unangenehmer wurde. Einem inneren Drang gehorchend, rief er: »Sagen Sie mal: ist dieser Snyder eigentlich schon lange bei Ihnen?«

»Acht Jahre.«

»Trauen Sie ihm?«

»Alle drei oder vier Jahre bekommt er eine kleine Lohnerhöhung«, antwortete Condon. »Und wenn er auch auf eine bescheidene Pension rechnen kann, falls ich einmal sterbe, so ließe sich das leicht überbieten, nicht wahr?«

»Wenn der Mensch unter allen Umständen käuflich ist, wenn er nichts hat in sich, das barem Geld widersteht, dann allerdings ließe es sich leicht überbieten.«

»Sie sind gereizt«, lächelte Condon. »Doch ich verstehe Ihren Standpunkt. Es ist aber meine Schuld, daß ich keine besseren Leute um mich habe. Sie wissen doch: Gleich und gleich gesellt sich gern ...«

Er brach ab und schwang seinen leichten Stock wie einen Degen.

Ein prachtvolles Fechtergelenk hat er, dachte Templar bei sich.

Plötzlich sagte Condon: »Wir wollen jetzt hineingehen.« Und an der Tür fügte er hinzu: »Eigentlich geht es mich ja nichts an, aber, wie ich sehe, tragen Sie Ihren Waffengurt nicht.«

»Trotzdem bin ich bewaffnet!« antwortete Templar trocken.

»Danke!«

»Oh, bitte sehr!« sagte Templar.

Als er seinen verbeulten Hut in der Halle aufhängte, nahm er sich vor, solange er mit diesem Mann zusammen sei, Härte mit Härte zu erwidern.

Sie aßen sogleich Abendbrot, wobei sich der Neffe unerwarteterweise sehr nützlich machte. Er schnitt Brot, deckte den Tisch und brachte mit Condons Hilfe Schinken und kaltes Roastbeef aus der Küche herbei. Templar beobachtete ihn natürlich mit einer gewissen Neugier und stellte fest, daß er wohl nur selten so gute athletische Anlagen bei einem jungen Menschen gesehen hatte. Ein Rudertrainer wäre über seine Handgelenke in Entzücken geraten. Er hatte die Hüften, die ein Mittelstürmer braucht, und auf seine Schultern wäre mancher Kugelstoßer stolz gewesen. Er wirkte jedoch etwas tolpatschig, weil ihm offenbar jedes Training fehlte. Seine Kinnbacken waren die eines geborenen Boxers, fähig, manchen harten Haken auszuhalten; seine Augen, von dichten Brauen überschattet, lagen tief in ihren Höhlen und waren – das sah man jetzt, da er seine Brille abgelegt hatte – klar und geradeblickend.

Nachdem alle Vorarbeiten erledigt waren, widmete er sich dem Abendbrot mit solch erstaunlich gutem Appetit, daß Templar sich wunderte, warum Condon ihn selbst überhaupt aus der Stadt geholt hatte, anstatt sich von diesem jungen Riesen beschützen zu lassen.

Diesen Gedanken mußte ihm Condon augenscheinlich von der Stirn abgelesen haben, denn er fragte mit seiner gewöhnlichen, meist verletzenden Offenheit: »Du hast doch keine Angst, Munroe? Es ist dir doch nicht unangenehm, ohne Dienstboten hier im Hause zu sein?«

Munroe Lister sah lächelnd auf und zuckte die Achseln. Templar war sich nicht klar, wer ihm unsympathischer sei, der Neffe oder der Onkel.

Condon fuhr mit beinahe noch rücksichtsloserer, allerdings durch eine höfliche Miene maskierter Offenheit, fort: »Sie müssen nämlich wissen, Templar, daß mein Neffe, wenn mich eine Kugel erledigen sollte, mein Universalerbe ist. Deshalb: Vorsicht ist die Mutter der Weisheit.«

Diese Brutalität wurde jedoch durch das Templar so wohlbekannte Lächeln, das sie begleitete, ein wenig gemildert, und der junge Lister, der sich soeben den Mund mit Schinken vollgestopft hatte, quittierte sie mit einem Grinsen und sagte kein Wort. Er nahm das Ganze als etwas Selbstverständliches hin, und Templar strich ihn in Gedanken sofort aus der Liste der eventuellen Helfer in der Stunde der Gefahr.

Es war ihm vollkommen klar, daß dieser junge Mann, wenn er wollte, wie ein Held kämpfen konnte; aber noch klarer war ihm, daß er nicht würde kämpfen wollen. Augenscheinlich empfand der Neffe nicht das geringste für seinen Onkel, und dies vervollständigte das Bild von Condons lieblosem Charakter. Selbst seinem eigenen Fleisch und Blut lag nur an seinem Gelde, nicht aber an seiner Zuneigung. Ja, vielleicht stand der junge Lister sogar auf Seiten der Feinde seines Onkels und versuchte mit ihnen gemeinsam, sein Leben zu verkürzen. Diese Idee beschäftigte Templar so ausschließlich, daß er seine ganze Aufmerksamkeit dem Abendbrot zuwandte, denn es war ihm plötzlich unmöglich, einem von den beiden ins Gesicht zu sehen.

Nach dem Essen stellten sie das Geschirr in den Abwaschtisch der Küche, gossen kaltes Wasser darüber und gingen in die Bibliothek. Der große Raum kam Templar unheimlich vor. Da er sich nicht so setzen konnte, daß er das ganze Zimmer überschaut hätte, wählte er seinen Platz in der Ecke am Kamin, in dem ein Feuer schwelte, und hielt die Augen offen. Condon saß ihm gerade gegenüber und blätterte in einem Magazin. Der junge Lister saß abseits in der Dunkelheit. In dem Lichtkreis einer Tischlampe sah man nur sein großes Buch und seine muskulösen Hände.

»Warum haben eigentlich die Neger gekündigt?« fragte Templar, unwillkürlich flüsternd.

»Ihretwegen«, antwortete Condon kurz.

Es war unnötig, zu erwähnen, daß er damit seine Feinde meinte.

»Wenn heute etwas passieren sollte«, sagte Templar, »wäre jetzt wohl die beste Gelegenheit dazu. Sie wissen doch, Herr Condon, daß Sie mit dem Rücken gegen das Fenster sitzen?«

»Die Läden sind geschlossen.«

»Läden kann man aufmachen.«

»Sie werden keinen zweiten Feuerüberfall versuchen«, sagte Condon, »nein, das glaube ich nicht. Für so plumpe Methoden sind sie viel zu gerissen; Kugeln könnten fehlgehen! Sorgen Sie sich nicht wegen des Fensters, Templar! Die Läden sind geschlossen und die Vorhänge zugezogen.«

Templar schloß die Augen, vergegenwärtigte sich in Gedanken das Zimmer und versuchte, es sich genau einzuprägen. Dann sah er sich um. Etwas hatte sich verändert, aber er wußte nicht, was. Er wurde immer nervöser und versuchte sich einzureden, das sei alles nur kindische Angst. Daß die dummen, verängstigten Neger ausgerissen waren, hatte doch nichts zu bedeuten. Der Augenblick war für einen Angriff doch nicht günstiger als zuvor! Jedenfalls wären die Neger angesichts der Gefahr keine Hilfe gewesen.

Aber irgend etwas in diesem Raum hatte sich doch verändert. Er sah sich überall um, konnte aber nichts entdecken. Plötzlich glaubte er, ein leises Atmen zu hören. Er horchte angestrengt; es war Condon selbst, der schnell und ängstlich atmete. Er las nicht mehr, sondern hielt das Magazin so krampfhaft in seinen Händen, daß seine Daumennägel ganz weiß waren, und seine Augen starrten mit ihren vor Angst getrübten Pupillen in den Kamin.

Templar erschauderte; kalt lief es ihm über den Rücken. Das also war sein Gastgeber! ... Wo waren seine eisernen Nerven, seine gemessenen Bewegungen, seine wunderbare Selbstbeherrschung, seine Menschenkenntnis, seine Geschäftskenntnis, seine Entschlossenheit? Da saß er in seinem eigenen Zimmer, vor seinem eigenen Kamin, mit seinem Neffen hinter sich und einem bewaffneten Wächter ganz in der Nähe – gepeinigt von furchtbarer, kalter, unbezwinglicher Angst!

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