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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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3

Condon geleitete Templar zu einem mit zwei prachtvollen Füchsen bespannten Zweisitzer. Sie stiegen ein und fuhren los. Hinter ihnen wirbelte in dichten Wolken der Staub auf; vorbei ging's an Bill Etheredges Vergnügungsstätte und an Lucans Kasino. Bei Etheredge setzten die Arbeiter gerade eine neue Tür ein, und am Kasino wurden überall neue Lampen angebracht.

Andrew Condon warf Templar einen vielsagenden Seitenblick zu. Er hielt seine Pferde gut im Zügel, und in sausender Fahrt ging es durch die Stadt hinaus dem Gebirge zu. Als sie, das sonnenbeschienene Cramergebirge im Rücken, sich dem dunklen Zuckerhut zuwandten, wurde die Straße besser. Rechts und links standen hohe Bäume, zwischen denen man ab und zu eine saftiggrüne Wiese erblickte.

»Hier beginnt mein Besitztum«, sagte Condon, auf den ersten, großen Streifen Tannenwald deutend; dann verfiel er wieder in Schweigen.

Nach einer halben Stunde – sie hatten ungefähr acht Meilen zurückgelegt – machte die Straße bei einer mächtigen Silbertanne eine Biegung, und Condons Wohnhaus lag vor ihnen. Es hatte, wie das in einem Klima, wo häufig orkanartige Stürme tobten und beißende Winterkälte mit glühender Sonnenhitze abwechselte, nur natürlich war, eine tiefe und geschützte Lage.

Nach den Äußerungen des Sheriffs, die ihm diesen Condon als einen reichen und mächtigen Mann geschildert, hatte Templar etwas Großartigeres erwartet. Er sah da ein einfaches, allerdings sehr geräumiges Holzhaus, das von einem halbwilden Garten umgeben war. Diese Blumenwildnis, die sich ungefähr über eine Viertelmeile rund um das Haus erstreckte und mit ihrer Farbensymphonie von Rot, Lila, Rosa, Gelb und Blau bis an den dunklen, ernsten Forst heranreichte, war vielleicht das einzige Anzeichen größeren Reichtums.

Der Weg führte bis dicht vor das Haus. Hier wartete ein Diener, der die Pferde an den schaumbedeckten Zäumen festhielt, während Condon und sein Gast ausstiegen. Die Tür ging auf, und sie traten in die Diele. Die Wände waren mit Köpfen von Hirschen und Berglöwen, wilden Schafen und Ziegen geschmückt. Dazwischen hingen gewaltige Hirschgeweihe und die zackigen Schaufeln des Elchs. Und das war, so schien es dem Scharfblick des jungen Mannes, ein verhängnisvoller Fehler! Alle diese Tiere konnten hier gejagt und erlegt worden sein, nur der Elch nicht, denn der kam nur im hohen Norden vor.

So war augenscheinlich die ganze Einrichtung samt dem Wandschmuck zusammengekauft worden. Was aber bedeuten Jagdtrophäen, die nicht der Besitzer oder seine Familie selbst erlegt haben?

Sie durchschritten die Halle und kamen in ein kleines Zimmer. Der Eingang hatte eine Doppeltür, und die gegenüberliegenden Fenster waren Doppelfenster. Condon schloß die Fenster, die beiden Türen und ließ die eiserne Schutzklappe am Kamin herunter. Hierauf lud er Templar ein, Platz zu nehmen, und bot ihm Zigarren, Zigaretten und eine Pfeife an.

Templar jedoch blieb seiner alten Gewohnheit treu und drehte sich eine eigene Zigarette. Beide setzten sich; Templar saß neben dem geschlossenen Kamin im hellen Licht, Condon in der Ecke zwischen Fenster und Wand, so daß sein Gesicht im Schatten blieb. Der Gast durchschaute die Absicht und ärgerte sich. Solche Praktiken waren ihm verhaßt. Es gab keinen Mann, dessen Blick er nicht hätte aushalten können, sei es im Licht oder im Schatten.

Er wurde immer ärgerlicher. Vier ganze Worte hatte dieser bleiche, blaßäugige Mann während einer Fahrt von über acht Meilen gesprochen, und diese vier Worte waren eine belanglose Redensart gewesen. Condons ruhige Stimme unterbrach seine Gedanken.

»Sie haben«, sagte er, »mein Benehmen vielleicht etwas merkwürdig gefunden, und es mag sein, daß Sie recht haben. Aber ich muß mit allem, was ich in der Öffentlichkeit sage, sehr vorsichtig sein.«

»Auch wenn Sie mit zwei schnellen Pferden spazierenfahren?« fragte Templar mit mattem Lächeln.

»Auch wenn ich mit zwei schnellen Pferden spazierenfahre«, entgegnete der andere mit ernster Miene und fügte hinzu: »Wenn man nämlich auch nicht belauscht werden kann, so kann man doch beobachtet werden.«

Plötzlich schwand Templars Mißtrauen. Sein Ärger und seine Zweifel erschienen ihm kindisch. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und harrte, etwas weniger gereizt, dessen, was da kommen sollte. Weder Condons Benehmen noch seine Stimme waren sonderlich freundlich oder warm, aber er hatte wenigstens eine ernsthaft aufmerksame Haltung eingenommen und schien mit dem viel jüngeren Templar wie mit seinesgleichen zu sprechen.

»Ich möchte zuerst einige persönliche Fragen an Sie richten«, sagte er. »Sie haben doch nichts dagegen?«

»Eigentlich doch«, sagte Templar.

»Ich werde mir Mühe geben, nicht zudringlich und neugierig zu fragen«, erwiderte Condon. »Sie haben eine gute Erziehung genossen? Sind Student gewesen?«

Templar zögerte.

»Schon gut«, sagte Condon. »Das ist nicht so wichtig. Wie alt sind Sie eigentlich?«

»Noch nicht dreißig«, antwortete Templar vorsichtig und wurde etwas rot, als er Condons offenes Lächeln bemerkte.

»Noch nicht dreißig – danke. Womit beschäftigen Sie sich?«

»Mit Reisen.«

Diesmal war das Lächeln nicht ganz so breit, aber Templar glaubte zu bemerken, daß es gewaltsam unterdrückt war.

»Reisen«, wiederholte Condon mit ernster Stimme, »ist gut. Was haben Sie hier bei uns im Westen gelernt?«

»Ich weiß nicht recht, was Sie damit meinen?«

»Können Sie reiten und Lasso werfen?«

»Reiten, ja. Lasso werfen, nein.«

»Verstehen Sie einer Fährte zu folgen?«

»Nein – ich glaube, dazu habe ich kein Talent.«

Condon seufzte und sah zu Boden. Nach langem Schweigen sagte er plötzlich: »Verzeihen Sie – ich glaube, das ist alles, und ich muß Sie leider wieder nach Last Luck zurückschicken. Wie ich höre, hat man Ihnen dort verschiedene Angebote gemacht?«

Templar stand auf und war jetzt ernstlich böse. Die ganze lange und langweilige Fahrt war also umsonst gewesen.

»Dann kann ich also gehen?« fragte er.

»Es wird wohl am besten sein«, erwiderte Condon. »Doch ich muß Sie noch für Ihre Versäumnis bezahlen. Genügen zehn Dollar?«

Er hielt ihm ein Goldstück hin. Wieder errötete Templar, aber diesmal aus Ärger, und sagte: »Ich lasse mich nur für geleistete Arbeit bezahlen. Sehr verbunden, Herr Condon – ich kann auch ohne die zehn Dollar leben. Guten Tag!«

Er warf einen Blick auf die verschlossene Tür, doch Condon forderte ihn mit einer Handbewegung auf, sich wieder zu setzen, und sagte: »Ich muß Sie noch einmal um Entschuldigung bitten. Da Sie nun schon hier sind, möchte ich Sie gern noch etwas fragen. Sie sind, wie ich hörte, ein guter Schütze?«

»Nein«, sagte Templar nach einigem Zögern. »Ich habe auf der Bühne Kunstschützen gesehen, gegen die ich ein Waisenknabe bin.«

»Auf der Bühne mag sein. Aber hier bei uns, im Westen?«

Templar dachte einen Augenblick nach. Eine gewisse eigensinnige Ehrlichkeit war eine seiner Charaktereigentümlichkeiten.

»Hier im Westen bin ich nur zweite Klasse. Es soll hier Leute geben, die eine Antilope auf tausend Schritt erlegen, und das kann ich nicht.«

Condon schwieg und wartete.

»Es soll hier Männer geben, die auf fünfzig Schritt mit einer Revolverkugel einen Draht kaputtschießen. Das kann ich auch nicht. Nicht einmal auf fünfundzwanzig Schritt.«

»Vielleicht auf zehn?« fragte Condon.

»Das schon eher.«

»Von der Hüfte?«

»Ausgeschlossen.«

»Sie werfen den Revolver hoch, Herr Templar?«

»Jawohl.«

»Haben Sie viel geübt?«

»Seit fünfzehn Jahren.«

»Wie bitte?«

»Als mein Vater aus ...« fing Templar an und unterbrach sich. »Ich fing zeitig an – zum Vergnügen«, schloß er kurz.

Während dieser Unterhaltung stand Templar da und stützte beide Hände auf die Lehne seines Stuhls.

»Zweifellos verstehen Sie mit einem Messer umzugehen?«

»Ja. Ich kann Stöcke schneiden.«

»Ist Ihnen die mexikanische Kunst des Messerwerfens geläufig?«

»Davon habe ich keine Ahnung.« Er machte eine Pause und fügte dann sehr bestimmt hinzu: »Damit will ich auch nichts zu tun haben.«

»Wollen Sie nicht noch einmal Platz nehmen?«

Templar setzte sich. Er fühlte sich nicht behaglich. Auf seiner Stirn erschien zwischen den Augen eine tiefe Falte.

»Sind Sie ein guter Reiter?«

»Ich bin kein Pferdebändiger, aber ich kann reiten.«

»Haben Sie Übung im Ringen?«

»Jawohl.«

»Hochschultraining?«

»Ja.« Er schwieg. Er hatte die Hochschule bereits zugegeben, und daß ihm das Geständnis entlockt worden war, ärgerte ihn noch mehr.

»Sie boxen?«

»Etwas.«

Condon wiederholte: »Sie boxen – Sie ringen – Sie können reiten – Sie sind ein guter Kugelschütze – wenn Sie auch eine Antilope auf tausend Schritt nicht garantieren«, – hierbei lächelte er ein bißchen – »und Sie treffen mit dem Revolver einen Draht auf zehn Schritt.«

»Nicht immer«, schränkte Templar ein.

Condon blickte zu Boden und trommelte mit den Fingerspitzen leise auf die Armlehne seines Stuhles. Er hatte lange, blasse, bis zum untersten Glied dicht behaarte Finger.

»Herr Templar ...«

»Bitte?«

»Ich lebe in beständiger Angst, ermordet zu werden; ich brauche einen Leibwächter; wollen Sie diese Stellung annehmen?«

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