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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 38
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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37

Der Weg zu der alten Mühle zweigte in der Mitte des Städtchens ab. Er lief über eine verfallene Brücke, die so morsch war, daß sie sogar unter den Schritten der Fußgänger ein wenig schwankte. Die zwei Männer stapften geduldig vorwärts. In Templars Seele spukte der Gedanke an Hongkong in der umspukten Mühle, in der finsteren Gebirgsnacht.

Sie verließen die Dschungel der Straße und kamen auf einen schmalen Streifen offenen Wiesenlandes. In der Nähe hörten sie das laute Tosen des Gebirgsflusses. Unter den hohen Wipfeln der Kiefern war die Finsternis so dicht, daß sie zuerst die Mühle gar nicht unterscheiden konnten; nach einiger Zeit aber, unterstützt durch den matten Widerschein des Sternenlichts in einem Fenster hier und dort, erspähten sie die Umrisse des Gebäudes. Es war ein riesiger Klotz, diese Mühle und das Mühlenhaus, oder wirkte zumindest so im Dunkel der Nacht. Plötzlich streckte O'Shay einen Arm aus wie einen Schlagbaum und brachte seinen Begleiter zum Stehen.

»Auf dem Wasser!« flüsterte er.

Als Templar zwischen zwei ragenden Pappeln hindurchblickte, sah er vom entfernteren Ufer des Teiches ein kleines Kanu hervorgleiten. Es schaukelte und taumelte – recht unbeholfen, wie ihm schien – durch die Hauptströmung, die in der Mitte des Teiches sprudelte; dann aber schoß es glatt dahin, stieß ans Ufer, und wenige Sekunden später war der Insasse ausgestiegen und das Ufer empor durch die Baumreihe geeilt, die das Wasser umsäumte.

»Schnell ihm nach!« sagte O'Shay und stürmte mit weiten Schritten voran, aber er blieb nur einen Augenblick lang in Führung. Templar fegte an seinem plumperen Gefährten vorbei und steigerte sein Tempo zu raschem Lauf, bis er vor das Fenster kam, an dem der nächtliche Fremdling stehengeblieben war. »Vorsichtig, um Gottes willen!« befahl O'Shay. »Bleib am Fenster, gib acht und versuch, möglichst viel zu sehen! In drei Minuten bin ich wieder zurück.«

Er verschwand zwischen den Bäumen am Wasser, während Templar ihm nachblickte.

Plötzlich hörte er aus dem Haus das Knarren einer verrosteten Türangel, die einem raschen Druck nachgab. Er griff unter seinen Rock und faßte den Kolben seines Revolvers.

Es bedurfte einer vorsichtig sorgsamen Arbeit, um ein überragendes Stück Mauerwerk zu finden, auf das er hinaufsteigen konnte. Dann richtete er sich auf, bis er in der Höhe des Fenstersimses war, und spähte behutsam in das Zimmer.

Er erblickte, soweit es das matte, ungewisse Licht ermöglichte, einen großen Raum mit getäfelten Wänden. Die Decke war sehr hoch und völlig im Schatten verloren.

Das Licht – Templar konnte nicht unterscheiden, ob es eine Lampe oder eine Kerze sei – stand auf einem Stuhl; der trübe Lichtschein richtete sich nach dem entferntesten Winkel des Zimmers, wo, mit gekreuzten Beinen auf einem niedrigen Schemel, ein junger Mensch mit einem breitrandigen Sombrero saß – ein junger Mensch mit einer ganz hellgelben Haut und –

Er hob den Kopf, die Krempe des breiten Hutes schnellte empor wie ein Vorhang, und Templar blickte in das wohlbekannte Gesicht Hongkongs, das so völlig teilnahmlos war, wie er es nur je gesehen hatte. Sie holte Papier und ein Päckchen Tabak hervor, rollte sich geschickt eine Zigarette, zündete sie an und begann zu rauchen. Wunderbar seltsam und schön kam sie Templar vor, wie er die Art betrachtete, mit der sie die Zigarette hielt, nach chinesischer Sitte zwischen Daumen und Zeigefinger; und er sah, wie sie den Kopf zurückneigte, um jeden Schluck Rauch gemächlich in die Höhe zu blasen.

Wie Templar so am Fenster hing, wußte er plötzlich, daß er sie liebte! Er biß die Zähne zusammen und schloß die Augen – und als er das tat, hörte er hinter sich ein leichtes, heimliches Geräusch.

Er wich sogleich vom Fenster zurück und sah raschen und lautlosen Schrittes einen Mann unter den Bäumen hervorkommen. Er nahm sich zusammen, den Revolver schußbereit an der Hüfte; seine Nerven wurden plötzlich ganz ruhig, und das Herz hüpfte ihm in der Brust, da nun endlich die Gefahr wirklich da war. An der höchsten Stelle der Uferböschung hielt die Gestalt plötzlich inne, duckte sich tief; in seiner Hand schimmerte etwas wie blanker Stahl. Nur einen Augenblick lang blieb er so stehen; dann schlich er lautlos wieder dorthin zurück, woher er gekommen war, und wie um seinen Rücken zu decken, wehte der Wind aus dem Norden und erfüllte die Luft mit unruhigem Geflüster.

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