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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 34
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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33

»Es ist wohl bald Weihnachten?« sagte McArdle, und sein Gesicht wurde ganz grün. »Da kommt der heilige Nikolaus! Wenn das nicht Mr. Templar persönlich ist ...«

»Rückt zusammen!« sagte Templar. »Näher zusammen, Freunde! Ich will euch beide vor einem Revolver haben. Du, Hongkong«, rief er dem Mädchen zu, »bleibst dort in deinem Winkel.«

»Ach«, sagte das Mädchen mit einem erschreckten Lächeln, »du erkennst Hongkong?«

Draußen auf dem Flur hörte man das Geräusch nahender Schritte, und Crane, der anfangs seine ruhige Haltung bewahrt hatte, blickte wild nach der Tür, dann nach dem Fenster, und dann heftete er seinen verzweifelten Blick auf Templar.

»Crane«, sagte der warnend, »ich möchte Ihnen keine Scherereien machen. Ich will auch nicht drohen. Ich brauche Ihnen nur zu sagen, daß ich Sie keine Sekunde lang aus den Augen lasse. Und – bleiben Sie von der Lampe weg!«

Denn McArdle hatte versucht, sich rücklings heimlich an den Tisch zu schleichen.

»Ich habe euch beide im Auge«, sagte Templar. »Ich möchte nicht gern schießen, aber wenn ich schießen muß, dann töte ich auch!«

Eine keuchende Stimme tönte durchs Fenster herein: »Braver Junge, Johnny! Hast sie alle in Reih und Glied wie kleine Soldaten! O du meine Güte, ist das ein hübsches Bild!«

Die beiden Hauptfiguren des hübschen Bildes blickten hoffnungslos nach dem Fenster; McArdle, der im Begriff schien, loszuspringen, stieß ein leises Knurren aus, aber Crane sagte ruhig: »Nicht rühren, Mac! Wir wollen uns fügen. Und zuallererst wollen wir herausfinden, was da los ist. Ihr seid doch nicht hierhergekommen, um uns auszuplündern, Templar. Was habt ihr denn also mit uns vor?«

»Ihr braucht Ruhe«, sagte Templar grinsend. »Wir schlagen euch beiden eine längere Ruhezeit vor. Ein regelmäßiges Leben und nicht zuviel Anstrengung. Sind Sie nicht damit einverstanden?«

O'Shay stand wie ein Gebirge am Fenster. »Das Gesicht zur Wand!« befahl er. »Stellt euch an die Wand und legt die Hände auf den Rücken! Keine Späße, Jungens! Wir kennen euch nicht näher, aber wir haben den Eindruck, daß ihr gefährliche Burschen seid!«

Gehorsam kehrten sie sich der Wand zu, und dann band ihnen der Dicke die Hände auf dem Rücken fest.

»Ich habe dir die beiden noch nicht vorgestellt«, sagte Templar. »Das da ist Crane und das da McArdle, beides ehemalige Eisenbahnräuber. Hast du noch nie von ihnen gehört?«

O'Shay, das breiteste Lächeln auf den Lippen, klopfte seinen Gefangenen auf die Schulter.

»Alle Wege führen nach Rom«, sagte er mit unerwarteter Gelehrsamkeit. »Mach die Tür auf, Söhnchen, und hol den Sheriff herein!«

Templar öffnete die Tür, und der Sheriff kam an der Spitze von einem halben Dutzend Männern ins Zimmer gestolpert. Er hatte einen Revolver in jeder Hand, und sein Gefolge war gleichfalls bis an die Zähne bewaffnet; man sah deutlich, daß der Sheriff bei dieser Geschichte nichts riskieren wollte.

Tief befriedigt betrachtete er den Schauplatz des Überfalls.

»Ich habe zwar«, sagte er, »gehofft, daß es so kommen wird, aber, ehrlich gesagt, ich hab' es nicht erwartet. Ich dachte, es wird ein bißchen dicke Luft geben, Jungens. Und, hol mich der Teufel, wie ich das Schießen hasse! Aber vielleicht sind das gar keine jungen Kälber mehr. Vielleicht sind das bloß zwei arme, alte, abgerackerte Maulesel!«

»Sie sind der Sheriff?« fragte Crane höflich.

»Es hat so den Anschein«, erwiderte der Sheriff mit einem Grinsen.

»Und ich bin verhaftet?«

»Auch das scheint zu stimmen.«

»Dann habe ich das Recht, zu erfahren, wessen man mich beschuldigt.«

»Das wird Ihnen der Richter sagen, mein Sohn.«

»Ich glaube, Sie sollten es mir lieber gleich sagen«, meinte Crane. »Ich kenne die Gesetze, Sheriff, und ich werde mir mein Recht verschaffen.«

»Für einen verdammten Zuchthäusler«, sagte der Sheriff gereizt, »führen Sie eine recht freie und unverfrorene Sprache!«

»Ich bin ein Zuchthäusler«, erwiderte Crane mit vollendeter Fassung, mit vollendeter Würde. »Ich habe eine Strafe abgesessen für ein Verbrechen, an dem ich unschuldig war. Aber das tut nichts zur Sache. Jetzt bin ich ein freier Mann. Und wenn Sie versuchen, mich zu belästigen, Sheriff, dann mache ich Ihnen die Hölle heiß.«

Das sagte er, ohne die Stimme zu erheben. Seine Gelassenheit verlieh seinen Worten eine gewisse schneidende Schärfe, so daß der Sheriff unsicher wurde und verlegen die Augen rollte.

»Wir haben eine Beschuldigung gegen Sie«, sagte er in rechtschaffenem Zorn. »Wir beschuldigen Sie, ein Chinesenmädchen verschleppen zu wollen, und wir werden diese Klage durchdrücken! Wo ist das – he, Kollege, wo ist das Mädel?«

»Da ist sie«, begann Templar, und dann hielt er mit einem Ruck inne.

Sie war nicht mehr da. Hongkong war verschwunden – entweder durch den Flur des Hotels oder zum Fenster hinaus.

»Wo steckt die Chinesin?« fragte der Sheriff; er begann immer wütender zu werden. »Ihr habt doch nicht die Kerls erwischt und den Zeugen laufen lassen, wie?«

»Sie«, sagte O'Shay; wandte sich zu Crane und trat ein wenig näher an ihn heran, damit die Größe seines Körpers imponierender wirkte, »Sie, mein Freund, haben ein Chinesenmädel mit sich mitgeschleppt –«

»Das leugne ich«, erwiderte Crane.

»In Männerkleidung«, fuhr O'Shay fort. »Ich nehme an, daß das ein Verbrechen ist, Sheriff?«

»Die Person, die Sie meinen«, sagte Crane, »ist eine halbe Stunde nach uns im Hotel eingetroffen. Der Wirt wird die Richtigkeit meiner Angabe bezeugen.«

Der Sheriff kratzte sich den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich glaube ja, daß sie schuldig sind. Ich möchte sie gern festhalten. Ich werde sie auch festhalten, wenn ihr mir bloß ein bißchen eine Handhabe gebt, an der ich anpacken kann!«

»Man hat durch das Fenster nach dir geschossen«, sagte O'Shay zu seinem Freund. »Natürlich hat dieser Mann da den Schuß abgefeuert!«

Er zeigte auf McArdle, der vor Wut puterrot wurde.

»Wirklich?« grinste der Sheriff. »Freut mich riesig, das zu hören.«

»Und bin ich dann frei?« fragte Crane so ruhig wie nur je.

O'Shay fügte sogleich hinzu: »Wir beschuldigen ihn der Mitwisserschaft bei diesem Mordversuch.«

»Das ist eine gute Beschuldigung – eine feine Beschuldigung«, erklärte der Sheriff. »Und das Mädel wollen wir uns später suchen. Eine bessere Beschuldigung habe ich noch nie gehört! Vorwärts, Jungens – nein, wartet, bis ich euch zusammengebunden habe! Im Kittchen warten zwei Betten auf euch. Ihr werdet es dort recht bequem haben, und am nächsten Dienstag vielleicht könnt ihr mit dem Richter sprechen!«

McArdle stieß einen Wutschrei aus. Sein Gefährte aber sagte ruhig: »Wir werden morgen Haftbeschwerde einlegen.«

Auf diese Erklärung hin wandten sich die beiden zur Tür, und der Sheriff zog eine schiefe Miene, während er O'Shay und Templar ansah.

»Morgen früh, wenn der Rummel losgeht, habe ich Ihre Aussagen, wie?«

»Gewiß«, sagte O'Shay munter.

Der Sheriff ging. Als die Tür hinter ihm zufiel, sagte O'Shay: »Ich habe nie daran gedacht, zu bleiben. Und auch Crane denkt nicht daran – sofern es ihm gelingt, sich durch die Mauer des hiesigen Gefängnisses durchzubeißen. Hast du schon einmal von einem Ort namens Tolman gehört? Dort steckt er.«

»Wer?«

»Der Mörder Snyders, der Mörder Condons, der Gauner, der die fünf Millionen hat. Los, Danny!«

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