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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 33
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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32

Er erinnerte sich auch an das, was O'Shay gesagt hatte: daß die Fährten vielleicht zusammenlaufen würden, und wenn sie die eine verfolgten, könnten sie damit viele verfolgen.

Es schien Templar, daß die Überlegenheit des Größeren nicht nur auf seiner Muskelstärke beruhe.

»Wir sollten lieber aufhören«, meinte er.

»Warum aufhören? Wenn ich Geld zu verlieren habe, bist du dir dann etwa zu gut, mein Geld zu nehmen?«

»Ich brauche dein Geld nicht, McArdle. Das weißt du.«

»Du bist ein komischer Kauz«, sagte McArdle und schob in jähem Ärger seinen Stuhl zurück.

Er schaute zum Fenster hinaus, während seine Finger hastig auf dem Tisch trommelten. Aber Templar zog den Kopf nicht zurück, denn er wußte, daß diese zornigen Augen nur ihre eigenen Gedanken sahen.

Der größere von den beiden kümmerte sich nicht um seines Freundes Ärger, mischte die Karten und begann eine Patience zu legen.

»Willst du mich anhören?« fragte McArdle.

Keine Antwort.

»Willst du mich anhören, Crane?« schrie McArdle wütend und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Karten tanzten und ihre Häufchen durcheinandergerieten.

Templar hatte auf diesen Namen gleichsam gewartet, und nun, da er gefallen war, klang eine zweite Glocke tief in seinem Gedächtnis. McArdle – Crane – das waren zwei der Namen aus jener Liste, die der Zeitungsausschnitt enthalten hatte. Ein dritter Name hatte mit Lawrence begonnen –

Und dann fiel gleichsam die Tür zu; denn war nicht von dem Mann, den er im Hause Condons getötet hatte, als von einem »Larry« gesprochen worden? Das war die Bande. Das waren die drei von der Bande, die vor fünfzehn Jahren einen Eisenbahnraub verübt hatten und ins Zuchthaus gesteckt worden waren. Nun war einer aus dem Trio tot. Hier saßen McArdle und Crane. Crane, erinnerte sich Templar, war der ehrenwerte Bürger gewesen – ein Ladenbesitzer oder irgend so was Ähnliches!

Er war jetzt etwas mehr als ein Ladenbesitzer. Er war, nach den Worten des Sheriff, gehämmerter Stahl.

Crane wandte sich dem Mädchen zu, zeigte zuerst auf sie und dann auf den Ofen. Sie erhob sich ohne ein Wort, füllte den Ofen mit Holz, schürte die Asche und sorgte für guten Zug. Mit teilnahmloser Miene stand sie da, bis die Flamme zu tosen begann; dann schürte sie noch einmal nach und kehrte zu ihrer Bettstatt zurück.

»Ich höre, McArdle. Was hast du zu sagen?«

»Ach – bist du höflich!« höhnte McArdle. »Ja – du bist verdammt höflich! Aber ich sage dir noch einmal: es muß geschehen!«

Crane zeigte auf die Tür, und das Mädchen erhob sich abermals. McArdle aber sagte: »Laß sie ruhig bleiben! Sie wird nichts Neues erfahren. Zum Teufel, Crane, es macht mich ganz krank, wie du sie behandelst. Man sollte meinen, sie wüßte gar nichts. Ich sage dir, sie weiß alles. Es gibt nichts, was sie nicht weiß! Sie – sie ist ein süßes Ding!« sagte McArdle und wandte sich zu dem Chinesenmädel mit einem so haßerfüllten und argwöhnischen Grinsen, daß Templar an seinem kalten, feuchten Platz auf dem Mauersims zusammenzuckte. Er merkte, daß der Wind auffrischte, daß seine Hände anzuschwellen und heiß zu werden begannen; die Kletterei war anstrengend für die Finger gewesen. Sie würden nicht recht imstande sein, seiner Geschicklichkeit im Schießen Ehre zu machen, falls diese Sache sich zu einem Kampf entwickeln sollte.

»Ah, ich weiß nicht«, fuhr McArdle fort. »Vielleicht wirst du die ganze Sache allein deichseln; aber ich sage dir, sie sind reines Gift. Sie sind beide reines Gift!«

»Der Junge ist ein Dummkopf«, erklärte Crane. »Wenn du dir die Mühe nimmst, ein wenig nachzudenken, wirst du sehen, daß ich recht habe.«

»Er, ein Dummkopf?« wiederholte McArdle. »Dann wollte ich zu Gott, daß er mir ein bißchen was von seiner Dummheit borgen würde! Wenn ich so schießen könnte, sage ich dir, dann würde ich ...«

»Dann würdest du binnen sechs Monaten baumeln«, sagte Crane, »während du jetzt die Chance hast, vielleicht noch dieses Jahr zu überleben!«

McArdles Oberlippe krümmte sich, sein Kopf sank zwischen die Schultern zurück. Er sah halb wie eine Schlange aus, die zustoßen will, halb wie ein Hund, der im Sprung begriffen ist. Aber Crane ertrug diesen Blick mit völliger Fassung und ordnete sorgfältig und aufmerksam seine Kartenhäufchen für die Patience.

Templar, dem aufmerksamen Beobachter, schien es, daß der Kartenspieler seinen streitlustigen Gegner jeden Augenblick in der Hand hatte. McArdle würde oft knurren, aber er würde nie beißen.

»Mit O'Shay steht es verdammt anders!« fuhr Crane fort. »Er ist reines Gift. Ja, das ist er! Aber ich glaube nicht, daß sie es haben.«

»Vielleicht haben sie es nicht – vielleicht haben sie es. Aber wenn sie es nicht haben, so haben sie uns. Oder werden uns bald haben, wenn sie uns auf den Fersen bleiben! Was wissen sie von uns? Warum sind sie denn hinter uns her?« McArdle sprang auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. »Was haben sie nur vor?«

»Sie wollen uns bluffen«, sagte Crane. »Sie wissen gar nichts. Sie haben ihre Vermutungen, und O'Shay ist ein kluger Mann.«

»Und ein Kampfteufel«, fügte McArdle hinzu.

»O'Shay ist, wie du sagst, gefährlich; aber glaube mir, wenn wir aneinandergeraten, dann ist Templar der Mann, auf den man achtgeben muß. Gib ja gut auf ihn acht, wenn dir dein Leben lieb ist!«

»Das weißt du also?« fragte McArdle. »Na, du bist nicht ganz dumm! Er hat den armen Larry umgebracht, und das war nicht sein letzter Streich, ich habe so das Gefühl! Das war nicht sein letzter Streich!«

McArdle beugte sich über den Tisch und setzte den Zeigefinger auf eine der Karten, als sei das eine ganz besonders wichtige.

»Wir müssen mit ihnen Schluß machen!« sagte er.

»Du meinst Mord, McArdle?« sagte Crane. »Aber du vergißt, daß ich kein Mörder bin!«

Ein Schauer von Wut und Haß durchzuckte McArdle, doch er beherrschte sich.

»Im Kittchen hast du vernünftig geredet. Da hast du geschworen, daß du dich durch nichts würdest hindern lassen!«

»Durch nichts, soweit es sich um euch Gauner handelt!« erwiderte der andere. »Aber ich habe eine eigentümliche Sympathie für ehrliche Leute. Das verstehst du nicht? Ich kann von dir auch nicht erwarten, daß du das verstehst!«

Diese Worte waren ätzende Säure. Templar wunderte sich, daß der Kleinere nicht zu einer der Waffen griff, die sich unter seinem Rock bauschten, und auf seinen Gefährten losging. Aber Crane hatte die unbestrittene Übermacht.

»Wenn du sie denn ungestört hinter uns herwandern lassen willst«, sagte McArdle dringend, »dann wollen wir hier keine Zeit verlieren. Wir wollen aufsitzen und wie die Teufel drauflosreiten!«

»Unsere Pferde sind erschöpft.«

»Dann bring sie um und kauf neue! Oder laß uns zu Fuß gehen!«

»So eilig ist es nicht«, versicherte Crane. »Er weiß nicht, daß er verfolgt wird. Er glaubt, man kann ihn nicht verfolgen, weil es nicht oft passiert, daß der Menschenverstand eine solche Schlauheit durchschaut.«

»Ja«, sagte McArdle, auf den dieser Gedanke einen tiefen Eindruck zu machen schien, »ja, du hast recht. Das muß ich zugeben, du kennst dich aus. Ich hätte mir das nie träumen lassen. Nur, alter Freund«, fuhr er fort, ganz überwältigt von der Erwägung, die sein Gefährte angedeutet hatte, »wir wissen nicht, ob wir auf der richtigen Spur sind. Wir können das nicht sicher wissen.«

»Ich weiß es ganz sicher«, sagte Crane. »Ich habe die Spur einmal gefunden, und ich bin auch jetzt meiner Sache sicher. Damals, in den alten Tagen, hat er sich, als er in der Klemme war, dorthin gewandt, und er wird jetzt wieder dahin flüchten, um zu verschwinden. Du wirst sehen, er ist in Tolman!« Und er fügte ernst hinzu: »Ich bin dessen so sicher, als sähe ich ihn dort vor mir, und wir beide gingen auf ihn zu, McArdle –«

Er sprach das wie eine Prophezeiung, mit halb geschlossenen Augen. McArdle, vor sich hinstarrend, hörte zu, streckte die Hände aus und schien die leere Luft zu würgen.

»Mein Gott!« flüsterte McArdle. »Wenn dieser Tag einmal kommt!«

»Er wird kommen!«

»Ich glaube dir«, sagte der Kleinere schwer atmend. »Ich werde dir keine Schwierigkeiten mehr machen. Du bist der Kluge.« Ich bin bloß ein Paar Fäuste für deinen Gebrauch. Nicht das Geld will ich haben. Das ist es nicht, alter Kamerad. Ihn! Ihn will ich haben! Ihn will ich bloß in die Finger bekommen!«

Die Worte sprudelten schnell von seinen Lippen; er zitterte, wie in schrecklichem Entzücken bei dem Gedanken an die Freuden, die seiner warteten.

Crane war unterdessen aufgestanden und hob die Hand.

»Leute schleichen die Treppen herauf in den Flur dieses Stockwerks«, sagte er leise.

McArdle riß den Mund auf und starrte seinen Kameraden an. Dann fuhr er zu dem Mädchen herum. »Du!« rief er.

Hongkong aber, das Kinn in die Faust gestützt, musterte ihn ruhig und teilnahmlos. In ihren Augen lag keinerlei Verständnis.

»Lösch das Licht aus!« sagte Crane in demselben stillen Ton.

Da glitt Templar durchs Fenster und stand bei den beiden im Zimmer.

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