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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 32
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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31

Sie stapften durch ein schmutziges, schmales Gäßchen zwischen dem Hotel und dem Nachbargebäude und kamen so zu dem kleinen Tor eines Hinterhofes. Über ihnen türmte sich die Rückseite des Hotels hoch empor, da das Gebäude auf einem von der Straße her stark abschüssigen Gelände stand. Zuunterst war eine Felsenmauer, darüber das Kellergeschoß, und dann kamen die vier Stockwerke des eigentlichen Hotels.

Im allerobersten Stock, der, wie sie so durch den Regendunst hinaufblickten, ungeheuer weit entfernt zu sein schien, lag das Zimmer der beiden Fremden.

»Wartet ihr beide hier«, sagte der Sheriff, »und gebt acht, daß niemand aus diesem Fenster entwischt! Ihr könnt hoffentlich schießen?«

»Hoffentlich«, sagte Danny O'Shay. »Aber würden Sie mir vielleicht sagen, was Sie selber vorhaben, Sheriff?«

»Ich? Was soll ich denn vorhaben? Ich gehe in den vierten Stock hinauf und verhafte die Kerls oder jage sie zum Fenster hinaus.«

»Es sind ihrer zwei«, meinte O'Shay.

»Ich habe zwei Revolver«, erwiderte der Sheriff gleichgültig.

»Kollege«, sagte der dicke O'Shay, »mir ist es im Leben manchmal passiert, daß ich mit harten Burschen zu tun hatte, und ich habe mich wirklich oft gebalgt, aber ich hätte keine rechte Lust, mit diesen beiden Kerls anzubinden. Außerdem werden Sie sich nicht an sie heranschleichen können!«

»Warum nicht?« fragte der Sheriff.

»Außer den beiden wohnt niemand im obersten Stock, denn alle anderen Zimmer sind leer. Vielleicht ist das der Grund, warum sie sich diese Nummer ausgesucht haben. Und die Treppen und Gänge in diesem Hotel knarren wie eine verstimmte Harmonika.«

»Richtig«, gab der Sheriff zu. »Ganz richtig! – Was schlagen Sie also vor?«

»Sie haben doch bemerkt, daß das Zimmer zwei Fenster hat?«

»Ja, das habe ich bemerkt.«

»Zwei Männer könnten da hinaufklettern, – wenn sie nicht unterwegs herunterfallen und sich den Hals brechen.«

»Hm«, sagte der Sheriff. »Ihr scheint ja unbedingt euren Kopf riskieren zu wollen, wie?«

»Wir haben ein Interesse daran, unter uns gesagt«, erwiderte O'Shay mit scheinbarem Freimut. »Nun, ich schlage folgendes vor: Sie gehen zu dem vorderen Eingang und holen sich ein paar Kerls zusammen, die tüchtig schießen können. Dann gehen Sie in den dritten Stock, postieren sich an die Treppe und sperren den Weg. Sie setzen sich ganz ruhig und gemütlich hin, denn ich habe so den Eindruck, als könnten dort plötzlich zwei Herren heruntergerast kommen.«

»Halt«, murmelte der Sheriff. »Sie sagten, daß das zwei harte Burschen sind?«

»Ja.«

»Es sind zwei gegen zwei.«

»Nein«, erwiderte O'Shay. »Ich bin einer, und mein kleiner Freund da zählt für fünf.«

Der Sheriff schwieg. Dann kicherte er leise.

»Na, versucht es mal!« sagte er. »Ich gehorche und wünsche euch Glück.«

Er legte seine mächtige Pfote auf Templars Schulter, und so nahmen sie Abschied voneinander. Dann widmeten sie sich der ernsten Aufgabe, an der Mauer hochzuklettern.

Für den dicken O'Shay war das recht schwer, Templar aber, mit Fingern von Stahl und Muskeln wie kräftige Sprungfedern, kletterte katzengleich und rasch empor; in jeder Spalte des Mauerwerks fanden seine Finger einen Halt. Auf diese Weise kam er in die Höhe des Kellergeschosses, und von dort an ging es schon viel leichter.

Zuerst war der Dicke unsichtbar, dann aber kam er langsam zum Vorschein. Er hatte das erste Stockwerk erreicht und machte jetzt eine Pause, wie um Atem zu schöpfen.

Als Templar das festgestellt hatte und wußte, er würde noch lange warten müssen, bevor der Riese zu ihm heraufkäme, ging er daran, das Innere des Zimmers sorgfältig zu erkunden.

Er kniete nieder und riskierte es, langsam um die untere Kante des Fenstersimses zu spähen – und da traf sein Blick, aufwärts gewandt, das Gesicht der kleinen Hongkong! Diese jähe Begegnung erschütterte ihn so sehr, daß er fast den Halt verloren hätte.

Sie stand am Fenster, starrte in die graue Nebelnacht hinaus, betrachtete wahrscheinlich die Lichter des Städtchens, die den Hang des Hügels übersäten. Dann – er wagte nicht, sich zu rühren, aus Angst, ihr Blick könnte auf ihn fallen – unterschied er einen breiten Sombrero, den sie in den Nacken geschoben hatte, und die schwarzschimmernde Flechte des Zopfes, der sich über ihrer Schulter krümmte.

O'Shay hatte recht behalten. Selbst jetzt noch, in dieser Lage, fand er Zeit, sich über die Schlauheit des Riesen zu verwundern, der von Anfang an so vieles durchschaut hatte.

Ein scharfer Ausruf wurde laut, es war die Stimme eines Mannes; das Mädchen trat vom Fenster zurück. Nun, da Templars Ohr sich an das Geräusch des tropfenden Wassers und an das leise Sausen des Windes gewöhnt hatte, konnte er die Geräusche im Zimmer deutlicher unterscheiden. Beide Männer waren da – zumindest hörte er zwei Stimmen. Sie spielten Karten, und ihre Unterhaltung war sehr einfach: »Noch einen – noch einen – stich noch mal – das genügt!«

Oder die tiefere Stimme sagte: »Ich versuche noch eins – und noch eins – das genügt, um dich zu erledigen!«

Templar rückte noch ein wenig näher heran, hob den Kopf, und jetzt konnte er schräg durch den Raum blicken. Hongkong hatte sich auf eine Bettstatt an das entfernteste Ende des Zimmers zurückgezogen; dort saß sie, das Kinn in die Faust gestützt, und ihre schwarzen Schlitzaugen blickten in unendliche Fernen, in unendliches Leid.

Zwischen dem Fenster und dem Bett stand ein kleines Tischchen, an dem die Männer saßen, das Profil ihm zugewandt. Er erkannte sie sogleich wieder: es waren die beiden, die er im Restaurant in Last Luck im Spiegel gesehen hatte.

Jetzt aber, da er sie genauer betrachten konnte, sah er, daß in ihren Gesichtern vieles zu lesen war. Der größere von den beiden schien älter zu sein als sein Gefährte, nicht nur, weil er an den Schläfen weiße Haare hatte. Er besaß eine gewisse Würde, und Templar hatte den Eindruck, als sei das das strengste Antlitz, das er je gesehen habe.

Der kleinere von den beiden war weniger interessant. Er sah eigentlich jung aus, doch lag etwas in seinen Augen, das Templar veranlaßte, ihn auf mindestens vierzig Jahre zu schätzen. Sein Gesicht war völlig glatt; nicht eine Falte war um den Mund! Er besaß alle Eigenschaften eines jungen Menschen, nur eine nicht: Wärme. Tatsächlich, er war kalt wie ein Stück Stahl.

»Hast du es noch immer nicht satt?« fragte jetzt der größere von den beiden.

»Ich will es noch einmal probieren.«

»Sei kein Dummkopf!«

»Ich weiß, was ich tue.«

Sie spielten; der Kleinere verlor.

»Siehst du, sagte der Große, »Verstand und Glück gehen nicht zusammen, McArdle!«

McArdle! Der Name löste in Templars Gedächtnis einen Widerhall. Er war ihm schon einmal begegnet – ja, richtig, – in dem Zeitungsausschnitt, den sie in der Hand des toten Snyder gefunden hatten!

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