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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 31
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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30

O'Shay hörte sich die Geschichte ruhig und aufmerksam an. Dann stand er lange am Fenster und betrachtete die Furche, die das Geschoß in die Zimmerdecke gegraben hatte.

»Und dann kam der Brief«, sagte Templar. »Den hat ein Geist unter der Tür hindurchgeschoben. Denn der Fußboden im Korridor knarrt, wenn bloß ein Kind drüber geht. Der Alte hat das Ding zuerst gesehen.«

»Vielleicht hat der Alte es hingelegt?«

Templar fuhr heftig zusammen.

»Der Alte?« wiederholte er, und dann plumpste er auf einen Stuhl.

»Warum nicht?«

»Mein Gott, Mann, was kann denn der mit uns zu tun haben? Was kann denn der von uns und unserem Vorhaben wissen?«

»Er weiß vielleicht gar nichts, aber er hat vielleicht das Briefchen gebracht. Übrigens kann er es auch geschrieben haben.«

»Nur weiter, Danny!« sagte der junge Mann hilflos und verzweifelt. »Ich weiß nicht, wo du hinaus willst, aber mach nur weiter und erzähle, wie die Sache steht!«

»Der Kerl, der diesen Schuß abgefeuert hat, war ein Freund.«

»Ein lieber Freund, der mich als Zielscheibe benutzt hat? Nur weiter, Danny! Ich gebe zu, es hört sich sehr spaßig an, wie du jetzt endlich einmal einen Narren aus dir machst. Aber beweise deine Behauptungen, wenn du kannst!«

Er lehnte sich grinsend in seinen Stuhl zurück und wartete. Die fleischige Stirn des Riesen runzelte sich.

»Eine Ahnung habe ich schon«, sagte er. »Mein Sohn, es ist unmöglich, daß jemand durchs Fenster auf deinen Schatten zielt und so schlimm danebenschießt!«

»Ein Revolver kann einem ausrutschen«, berichtigte Templar.

»Gewiß, aber das war kein Revolverschuß.«

»Hast du vielleicht die Kugel gefunden?«

»Nein. Ich habe sie nicht gefunden. Aber sieh dir die zerbrochene Scheibe an!«

»Ich sehe.«

»Die ganze Scheibe würde in kleine Splitter zerfallen, Johnny. Diese Kugel aber ist ganz sauber und glatt durch das Glas gerutscht und hat bloß ein Netz von Sprüngen hinterlassen.«

»Da ist ein zwei Zoll breites Loch, wo die Kugel durchgeschlagen hat!«

»Ich sage dir, wenn das ein Fünfundvierziger-Colt gewesen wäre, hätte die Kugel die ganze Scheibe in Trümmer gehauen. Das war ein Flintenschuß, daran läßt sich gar nicht zweifeln!«

Templar schwieg.

»So haben wir nun den Beweis«, fuhr O'Shay fort, »daß der, der diesen Schuß abfeuerte, zu hoch gezielt hat.«

»Warum hat er denn überhaupt geschossen?«

»Draußen auf dem Dach war ein Mensch, wie?«

»Gewiß.«

»Nun, Sohn, wenn diese Flintenkugel nicht abgefeuert worden wäre, hätte der Mann auf dem Dach sich ans Fenster geschlichen und dich hübsch sauber niedergeknallt, und damit wäre für dich der Weg zu Ende gewesen!«

»Ich bin ein Esel!« rief Templar ärgerlich. »Aber jetzt der Brief, Danny! Was machen wir damit?«

»Das, was uns angeraten wird. Der Schreiber des Briefes hat auch den Schuß abgegeben. Wenn jemand einem das Leben gerettet hat, muß man seine Ratschläge befolgen. So ein Mensch hat das Recht, Vertrauen zu fordern.«

»Wann gehen wir los?«

»Jetzt gleich, mein Sohn, jetzt gleich!«

»Erkläre mir eins: wie, um Gottes willen, bei allem, was geheimnisvoll und verwünscht ist, wie kann es denn bloß in diesem Nest jemanden geben, der uns kennt und mit unseren Angelegenheiten Bescheid weiß?«

»Ich habe jetzt für eine Sitzung genug erklärt«, erwiderte O'Shay. »Ich höre jetzt mit dem Denken auf und schreite wieder zur Tat. Denn, mein Sohn, es kann gar kein Zweifel bestehen, daß die zwei in dem Brief genannten Leute dieselben zwei sind, die uns in Last Luck beobachtet haben, und ihre Festnahme wird keine Lustpartie für Babys mit Milchzähnen sein. Um diese Nuß zu knacken, braucht man ein festes Gebiß. Johnny, jetzt ist an dir die Reihe, dich in deinem vollen Glanz zu zeigen!«

Sie verließen sogleich das Zimmer. Im unteren Flur kamen sie an ihrem alten Wirt vorüber, und er hob lächelnd den Zeigefinger.

»In einer Stunde gibt's Abendbrot«, sagte er. »Kommen Sie nicht zu spät!«

Sie gingen zur Tür hinaus und traten auf die Straße. Der Regen hatte sich in einen feinen Dunst verwandelt, durch den die nahegelegenen Fenster breite, goldene Lichtstrahlen warfen. Die Regenwolken wälzten sich so tief dahin, daß manchmal die Dächer im Regen verschwanden.

»Eine prächtige Nacht für Mörder!« meinte O'Shay.

Von einem Manne, der an ihnen vorüberkam, schimmernd in seinem Regenmantel wie in blankem Stahl, erfuhren sie den Weg zu dem Haus des Sheriffs, das am Ende der Straße lag. Dort traten sie durch die kreischende Gartentür ein und stapften die Stufen zu der vorderen Veranda hinauf. Ein geschäftiges Weib, vom Herdfeuer gerötet, riß die Tür auf und blickte finster heraus.

»Der Sheriff ist gerade nach Hause gekommen und ruht sich jetzt aus«, sagte sie.

»Er muß mit dem Ausruhen Schluß machen und uns empfangen!« teilte O'Shay ihr mit. »Sagen Sie ihm das, ja? Wir haben zwei Vögel für ihn.«

Sie zögerte, als hätte sie Lust, ihnen die Tür vor der Nase zuzuschlagen, dann aber drehte sie sich um und verschwand im Innern des Hauses.

»Wir wollen den Brief aus dem Spiel lassen, Johnny«, sagte O'Shay. »Er enthielt zuviel Sachen, die ihn neugierig machen könnten. Und das erste, was ich westlich vom Mississippi gelernt habe, ist: Je weniger das Gesetz von dir weiß, desto besser für das Gesetz – und für dich!«

Ein stiernackiger, kleiner Mann kam auf sie zugewatschelt; er sah fett aus und war doch nur stark. Er hatte eine Brille auf die Stirn hochgeschoben, eine Zeitung in der Hand und Filzpantoffel an den Füßen.

»Hallo, Jungs«, sagte er, »wollt ihr hereinkommen?«

»Wir wollen Ihnen nicht den Teppich naß machen«, sagte O'Shay. »Wir haben da bloß zwei ehemalige Eisenbahnräuber in einem Hotel da unten an der Straße. Vielleicht hätten Sie Lust, sich ein bißchen mit ihnen zu unterhalten?«

»Sie haben ihre Zeit abgesessen, wie?« fragte der Sheriff.

»Ja, vermutlich.«

»Wieviel?«

»Fünfzehn Jahre.«

»Na«, sagte der Sheriff, »nach fünfzehn Jahren ist der Mensch entweder gehämmerter Stahl oder spröder Guß.«

»Diese da sind Stahl«, erwiderte O'Shay.

»Was haben Sie gegen sie vorzubringen?«

»Nicht der Rede wert: einen Schuß im Dunkeln!«

»So?«

»Ich bin nicht hier, um Spaß zu machen«, sagte O'Shay. »Sie haben ein Chinesenmädel bei sich; Schmuggelware, wie ich vermute.«

»Ein Chinesenmädel – hier im Hotel?«

»Sie haben sie als Viehtreiber verkleidet – sie spielt so 'ne Art Mann.«

»Der Teufel soll die Kerls holen!« sagte der Sheriff hitzig. »So ein Chinesenschmuggler ist mir verhaßter als eine Klapperschlange! Jungens, ruht euch hier drinnen ein Weilchen aus, während ich rasch in die Kleider schlüpfe!«

Er verschwand; sie fühlten das ganze Haus unter seinen Schritten erzittern, während er nach seinem Zimmer lief.

»Das ist ein Kampfhahn von einem Sheriff!« sagte O'Shay beifällig.

Und schon kehrte der Sheriff zurück. Er zog sich einen Regenmantel über und schnallte sich fast gleichzeitig den Revolvergürtel um die Hüften. Der Hut saß ihm schief auf dem einen Ohr.

»Das ging schnell«, sagte O'Shay anerkennend.

»Ich war früher mal bei der Feuerwehr«, grinste der Sheriff, »bevor ich mich entschloß, mich hier niederzulassen und ein ruhiges Leben zu führen. Gehört dieser Herr zu Ihnen?« Er zeigte auf den schweigenden Templar.

»Ich bin der General, Sheriff«, sagte O'Shay, »und er ist meine Armee. Wir beide, Sie und ich, besorgen das Denken, und er macht die Arbeit für uns.«

Der Sheriff brummte bloß: »Vom Umherstehen bekommt man kalte Füße – gehen wir also los!«

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