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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 30
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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29

Es war ein behagliches, kleines Zimmer; Templar ließ sich häuslich nieder. In einer Ecke stand ein wackeliger kleiner Ofen; den füllte er mit Holz aus der Kiste auf dem Korridor, und dann zündete er ein wärmendes Feuer an, entledigte sich seiner Kleider, hielt sie aus dem Fenster und wand sie aus. Dann legte er sie auf Stühle rings um den Ofen, um sie zu trocknen, während er sich in eine Bettdecke hüllte und ein Magazin aus lang vergangenen Zeiten zur Hand nahm.

Aber das Magazin vermochte ihn nicht lange zu fesseln. Er warf es beiseite und begann seine Revolver zu putzen. Er hatte gerade einen von ihnen zur Hand genommen und vergebens nach Unreinigkeiten gesucht, als eine Kugel durch eine der oberen Scheiben des Fensters klirrte und pfeifend eine Furche über die Mörteldecke zog.

Er fiel von seinem Stuhl auf Hände und Knie nieder. Dann sprang er ans Fenster und blickte hinaus. Draußen war die Düsterkeit des Regens, hinter ihm das Lampenlicht, und so konnte er nur wenig unterscheiden. Aber er sah doch eine schattenhafte Gestalt über das Küchendach hinunterjagen. Er gab auf diese Gestalt rasch einen Schuß ab; ein erschreckter Aufschrei war die Antwort – dann verschwand die Silhouette über den Rand des Daches.

Fast war er geneigt, dem Flüchtling nachzusetzen. Er hätte das auch sicher getan, wenn er angezogen gewesen wäre.

Statt dessen kehrte er zu seinem Stuhl neben dem Ofen zurück und überlegte, was da passiert sein mochte. Er starrte nach dem Fenster. Es war dicht vernebelt von dem Dampf, den seine trocknenden Kleider ausströmten, und sicherlich hätte niemand von außerhalb der Scheibe her mit einiger Genauigkeit nach einer Gestalt im Innern des Zimmers zielen können.

Er kleidete sich in wütender Eile an, und da hörte er plötzlich das Holzbein des alten Mannes vom Hause den Korridor entlangpoltern. Es wurde an die Tür geklopft, und er forderte seinen Wirt auf, einzutreten.

»Sie sind doch nicht verwundet?« fragte er.

»Dort ist der Schuß hingegangen«, sagte Templar. Er zeigte auf die Furche im Deckenmörtel und auf die kleinen, weißen, verstreuten Brocken, die auf den Boden gefallen waren. »Was kann da bloß passiert sein?«

»Als Junge«, sagte der andere, während er die Tür hinter sich zumachte, »hörte ich oft, daß es Leute gab, die die Fenster einschossen, aber da schossen sie meistens in die Vorderfenster. Ich wüßte nicht, was das da für ein Spaß gewesen sein soll!«

»Jemand war auf Ihr Dach geklettert – ein ziemlich kleiner Mensch, soweit ich das unterscheiden konnte«, sagte Templar. »Ich will mal hinunter und sehen, ob ich seine Spuren finde!«

»Auf diese Weise werden Sie nicht viel erreichen«, erwiderte der andere. »Dieser Regen da verwischt sofort jede Fährte. Vielleicht haben Sie Freunde in unserem Städtchen?«

»Ich bin noch nie im Leben hier gewesen«, erwiderte Templar.

Er zerrte an seinem Gürtel, der schwer von Patronen war, und begann hastig seinen Colt zusammenzusetzen, den er zum Säubern auseinandergenommen hatte.

»Sie können das wohl auch im Finstern?« bemerkte der Alte.

»Ja«, nickte Templar. »Wer schläft für gewöhnlich in diesem Zimmer?«

»Niemand«, sagte der Gastgeber. Und fügte hinzu: »Nein, dieser Schuß hat Ihnen gegolten. Aber es war ein schrecklich schlechter Schuß!«

»Aus welcher Entfernung klang der erste Schuß?« fragte Templar. »Waren Sie in der Küche?«

»Ja. Ich hätte gemeint, er kam von den Bäumen da drüben her.«

»Von den Bäumen?« rief Templar. »Aber, Mann, wie kann man denn aus dieser Entfernung durch das weiße, vernebelte Fenster schauen?«

»Das kann man nicht – nein, das kann niemand!«

»Die Sache wird immer dunkler«, stieß Templar zwischen den Zähnen hervor. »Aber ich werde ihnen die Hölle heißmachen!«

Er stülpte sich seinen Hut auf den Kopf und wollte zur Tür; da rief der kleine Krüppel: »Hallo! Was haben wir denn da?«

Mit seinem Spazierstock zeigte er auf ein Blatt Papier, das dicht an der Tür auf dem Boden lag.

»Wer«, sagte der alte Mann, »hat denn hier ein Papier hereingeschoben?«

Er riß die Tür weit auf. Der Flur draußen, trübe erhellt von der Lampe, die an der Korridorecke hing, war leer.

Templar hatte inzwischen das Papier genommen und entfaltet. Auf ihm stand in einer kühnen, schnellen, kräftigen Handschrift geschrieben:

»Templar, verlassen Sie diese Fährte! An ihrem Ende erwartet Sie nichts. Aber holen Sie zuerst den Sheriff, wenn er heute abend in das Städtchen zurückkehrt, und führen Sie ihn in das Dunbar-Hotel! Dort im Hotel wohnen zwei Leute. Der eine ist ein großer Kerl, der andere etwas kleiner. Beide in mittleren Jahren. Sie sind heute angekommen. Beide sind Eisenbahnräuber. Sie sind eben aus dem Gefängnis entlassen worden, aber man müßte sie schleunigst wieder einsperren lassen. Es gibt auch einen plausiblen Grund für ihre Verhaftung, denn sie haben eine junge Chinesin bei sich, die sie in die Berge hinaufschleppen, um sich ihrer an einem bestimmten Ort zu entledigen und hübsches Geld dafür einzustecken. Wenn Sie sie unvorsichtig angreifen, wird es einen blutigen Kampf geben. Beide sind gute Schützen, beide sind rücksichtslose Burschen. Sie müssen sie überrumpeln, dann wird alles gut gehen.

Ein wohlmeinender Freund.

PS. Sie werden das Rätsel nie lösen.«

»Das scheint gerade kein Liebesbrief zu sein«, sagte der Alte, während er Templars Miene genau beobachtete.

»Nein«, erwiderte Templar und faltete den Brief ganz klein zusammen. »Es ist kein Liebesbrief«, fügte er langsam hinzu, den Zettel in die Tasche schiebend.

Unterdessen aber drehte sich alles in seinem Kopf. Er war überzeugt, daß niemand in diesem Städtchen ihn kennen könne, es sei denn durch reinen Zufall, denn der Ort lag weit entfernt von den Wegen, die er früher gegangen war; hier aber war eine Nachricht von einem Menschen, der nicht nur ihn kannte, sondern auch das Vorhaben, das ihn hierhergeführt hatte.

Er ging hastig ans Fenster und beugte sich tiefatmend hinaus.

»Junger Mann«, sagte der Alte, »dieses Briefchen scheint Sie ziemlich mitgenommen zu haben. Aber vielleicht vergessen Sie nicht, daß durch dieses Fenster einmal eine Kugel geflogen ist!«

Templar beachtete ihn nicht. Sein Geist befand sich in einem so wilden Aufruhr, daß ihm körperliche Gefahren nichts bedeuteten.

»Wo ist denn bloß Ihr dicker Freund?« fragte der Wirt; aus seiner Stimme klang ein leiser Argwohn.

»Er ist ausgegangen.«

»Ich habe ihn aber nicht gehört.«

»Er bewegt sich manchmal wie ein Schatten.«

Der andere humpelte durch den Korridor davon. Templars Gedanken begannen sich zu klären. Er beschloß, keinen Versuch mehr zu machen, zwischen den Zeilen zu lesen, sondern ganz einfach den Rat des Briefschreibers zu befolgen; einerlei, was dabei herauskäme.

Vor dem Fenster ertönte ein leises Geräusch, und O'Shays mächtiger Schädel tauchte empor.

»Zurück!« sagte Templar kurz. »Hat keinen Zweck. Der Alte ist hier gewesen und weiß, daß du weg warst. Geh zurück und komme zur Vordertür herein! Hier war inzwischen übrigens der Teufel los. Mach rasch!«

O'Shay war nicht der Mann dazu, nutzlose Fragen zu stellen. Er verschwand; nach einiger Zeit hörte man die Haustür aufgehen und dann die Treppe laut unter seinen gewichtigen Schritten knarren. Er trat ins Zimmer und warf seinen nassen Hut auf den Ofen.

»Ich habe was gesehen«, sagte O'Shay leise.

»Was denn?«

»Erinnerst du dich an die beiden Gaunergesichter, die dort in Last Luck im Restaurant saßen –?«

Templar kniff die Augen zusammen.

»Und das Mädel«, sagte der Dicke, »war hinter ihnen her, das möchte ich wetten. Hinter wem aber sind die beiden her?«

»Das weiß Gott! Warum fragst du mich?«

»Hinter den fünf Millionen sind sie her. Die Geschichte wird immer schwieriger, mein Sohn! Wir treffen alte Kameraden auf dieser Fährte!«

»Und einer davon«, murmelte Templar, »hätte mich fast erwischt. Da ist seine Visitenkarte!«

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