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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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2

John Templar kroch trotz den Handschellen und der vierzig Pfund schweren Kugel, die er an seinen Füßen hinter sich herschleppte, ziemlich mühelos bis zu der Pritsche an der Seitenwand seiner Zelle. Diese Pritsche war das einzige Möbelstück in dem Raum, bestand aus massivem Eisen und war an das Zellengitter festgeschmiedet.

Er legte sich nieder, blies den Zigarettenrauch in die Luft und beobachtete nachdenklich, wie sich die Rauchwolken zusammenballten und allmählich auflösten. Einzelne Abschnitte des letzten Abends tauchten in seiner Erinnerung auf. Es waren keine zusammenhängenden Bilder, sondern nur vereinzelte Blitze aus tiefdunklen Wolken; und immer wieder sah er verkrampfte Schultern, verbissene Gesichter und drohende Augen vor sich.

Ganz allmählich streckte er sich aus, damit die Schmerzen an den verschiedenen Körperstellen sich gegenseitig ablösten. Am unangenehmsten waren ihm seine aufgeschlagenen Knöchel, die zerschundenen Handrücken und die immer noch zuckenden Armmuskeln. Er schloß die Augen, seufzte erleichtert auf und war bald fest eingeschlafen.

Am nächsten Morgen tönten vielerlei Geräusche in sein Unterbewußtsein hinein – er ließ sich aber nicht stören, sondern schlief ruhig weiter, bis er durch das laute Öffnen seiner Zellentür wachgerüttelt wurde. Er drehte sich um und bemerkte einen zu Tode erschrockenen Neger, der in seinen zitternden Händen ein klirrendes Tablett hielt. Hinter ihm standen zwei bis an die Zähne bewaffnete Männer. Der eine hielt einen Revolver in der Hand, der andere trug einen Karabiner. Mit grimmig drohenden Gesichtern kamen sie in die Zelle und beobachteten ihn wie ein gefährliches Raubtier.

»Guten Morgen, Jungens«, sagte Templar. »Keine Angst – ich fresse euch nicht! Was ist eigentlich los? Glaubt ihr, daß ich genug Geld habe, um die Strafe zu bezahlen?«

»Wenn Sie noch zwanzig Jahre am Leben bleiben, werden Sie sie vielleicht bezahlen können, aber genau weiß ich das nicht«, sagte der mit dem Karabiner. Vorsichtig rückwärts gehend, verließen sie die Zelle. Von draußen rief dann der Held mit dem Revolver hinein: »Freundchen, irgendwelche Fisimatenten, und du bekommst eine Dosis hiervon! Hier wird nicht lange gefackelt.« Damit tippte er vielsagend auf seinen Revolver, und beide verschwanden.

John Templars Gefühl innerer Zufriedenheit hatte einen gewaltigen Stoß bekommen. Doch der verlockend duftende Kaffee auf dem Tablett belebte ihn, und gleich saß er mit untergeschlagenen Beinen auf der Erde und verzehrte mit gutem Appetit sein Frühstück. Kaum war er fertig, da kamen die Wächter wieder zurück. Sie fragten vorsichtig von draußen, ob er ruhig mitkommen würde, und er versicherte ihnen, er sei so friedfertig wie ein verirrtes Lämmchen.

Also wurde Templar an den Revolverhelden gefesselt, und beide marschierten, gefolgt von dem Karabinermann, den Gang entlang. Aus allen Zellen blickten neugierige Gesichter. Ermunternde Zurufe begrüßten Templar, und man gab der Hoffnung Ausdruck, daß er vielleicht doch weniger als »lebenslänglich« bekommen würde. Am Ende des Ganges öffnete sich eine Tür, und Templar wurde in ein Büro gestoßen, in dem zwei Männer saßen. Der eine trug ein Beamtenschild an seinem Hemd; der andere, ein kräftiger Mann, angezogen wie ein gewerbsmäßiger Spieler, hielt nachlässig eine ungeheure Zigarre im Mundwinkel. Beide musterten den Gefangenen lange mit ernsten Gesichtern.

»Wissen Sie, wen Sie vor sich haben?« fragte der Mann mit dem Beamtenschild.

»Keine Ahnung.«

»Also, ich bin Sheriff Aiken, und das da ist Tabor.« Herr Tabor grinste zu beiden Seiten seiner Zigarre. »Wo Sie gestern eingekehrt sind, verstanden?« sagte er. »Das war mein Haus!«

Aiken, der einen sehr müden Eindruck machte, fuhr fort: »Junger Mann, eigentlich verdienten Sie lebenslänglich für gestern abend. Wie heißen Sie eigentlich? ... Also, Templar, die meisten von den Jungens, die uns unser Städtchen zerschießen wollten, haben wir hier begraben. Der eine oder andre hat ein Lokal kaputtgemacht, aber Sie sind der erste, der mit allen dreien fertig geworden ist.«

»Wirklich?« sagte Templar bescheiden. »Ich muß gestehen, daß mir die Ereignisse von gestern abend etwas nebelhaft sind.«

»Die Hand war schneller als das Auge«, lachte Tabor in erstaunlich guter Laune. »Los, Aiken! Zum Geschäft!«

»Also, passen Sie auf!« sagte der Sheriff. »Sie haben gestern abend einen höllischen Krach gemacht, aber die Sache hatte Stil. Unsere Stadt, mein Sohn, ist ein Zirkus mit drei Galerien, und ich bin für alle drei verantwortlich. Wie wär's, wenn Sie mir eine abnähmen? Sie haben sich hier ziemlich gut eingeführt, und ich glaube, Sie werden nicht viel Arbeit haben. Tabor ist ganz meiner Meinung. Wir beide ziehen einen Strich unter die Vergangenheit. Sie fangen ganz unbelastet von vorn an und bekommen eine gutbezahlte Stellung, um in ›Tabors Ruh‹ für Ordnung zu sorgen. Wenn das kein großherziger, freundlicher Vorschlag ist, können Sie mich einen Schweinehund nennen und mir einen Fußtritt geben!«

Doch Templar zeigte sich gar nicht begeistert, als Tabor ernsthaft sagte: »Dienst von elf bis drei oder vier; die übrige Zeit gehört Ihnen. Dafür bekommen Sie fünfzig Dollar die Woche.«

»Was?« sagte Aiken, »Sie weisen doch nicht etwa dieses Angebot zurück?«

»Ich möchte es mir überlegen«, sagte Templar. »Bis jetzt bin ich immer mein eigener Herr gewesen.«

Er wurde wieder in seine Zelle zurückgebracht und war kaum mit seiner Frühstückszigarette fertig, als schon wieder die Wächter erschienen und ihn in das Büro des Sheriffs führten. Der Sheriff war nicht mehr da, aber ein kleines, verwittertes Männchen mit scharfen Adleraugen saß zurückgelehnt auf seinem Platz. Seine Füße lagen auf dem Schreibtisch.

»Setzen Sie sich, Templar!« sagte er. »Halt's Maul – ich bin für ihn verantwortlich!« Das galt dem Wächter. »Heiße Etheredge«, stellte er sich vor. »Haben Sie eine Ahnung, mein Junge, was Sie gestern abend bei mir angerichtet haben? Sie haben einen Tausenddollarspiegel zerschossen, und das war bloß der Anfang. Aber man soll eine Bulldogge nicht totschlagen, weil sie nicht so gutmütig wie ein Teckel ist. Templar, ich bin ein vielbeschäftigter Mann; heute besonders, da Sie gestern abend für Arbeit gesorgt haben. Doch zur Sache! Tabor war hier. Vergessen Sie ihn! Tabor ist ein Pfennigfuchser. Er hat die beste Lage in der ganzen Stadt, und doch mache ich den doppelten Umsatz. Meine Spielbank ist die größte in der ganzen Gegend bis St. Louis hin. Mein Geschäft blüht auf und wächst. Kommen Sie zu mir und wachsen Sie mit! Viel zu tun haben Sie nicht, und Sie bekommen – sagen wir – fünfundsiebzig Dollar wöchentlich für den Anfang. Halten Sie Ordnung, bekommen Sie mehr! Sagen Sie weder ja noch nein, sondern überlegen Sie sich meinen Vorschlag!«

Templar wurde wieder in seine Zelle zurückgebracht; der Wächter zögerte etwas an der Tür.

»Radaumachen scheint ganz einträglich zu sein«, sagte er, und John Templar mußte ihm eigentlich zustimmen. Noch am Vormittag erhielt er einen weiteren Beweis für diese Theorie, denn der Wächter erschien abermals, um ihn in das Büro des Sheriffs zu führen. Dort erwartete ihn, wie er schon vermutet hatte, Lucan, dessen Kasino im Norden von Last Luck lag.

Er war ein Yankee, ein ganz anderer Kerl wie seine Konkurrenten, groß und schlank mit einem launigen Lächeln und ehrlichen Augen. Nicht so stürmisch wie Bill Etheredge, aber doch recht forsch. Nachdem er sich vorgestellt hatte, erklärte er, daß seine Spielbank hier in der Stadt die einzige ehrliche sei und daß er gerade deshalb die größten Umsätze habe. Zwar sei der Nutzen nicht so groß wie bei Tabor und Etheredge, dafür aber ein rechtschaffener Verdienst. Während der letzten fünf Monate habe er fünf Schießereien gehabt, und er wolle nun Ruhe haben.

»Will man Frieden haben, muß man rüsten, und Sie sind gerade der richtige Mann für mich. Die beiden andern Herren denken ebenso, aber ich bin der bessere Rechner. Junger Mann, wenn Sie zu mir kommen, gebe ich Ihnen hundert Dollar die Woche. Sie bekommen einen Neger als Assistenten und haben die Aussicht, vorwärtszukommen. Was meinen Sie dazu?«

»Hören Sie mal«, unterbrach ihn der Gefangene, »ich kam gestern abend hierher, um mich zu unterhalten, und dabei hat es zufälligerweise etwas Krach gegeben. Aber merken Sie sich eins: ich bin kein professioneller Krakeeler. Und noch etwas anderes sollten Sie beherzigen. Ich habe noch nie einen Menschen erschossen und hoffe zu Gott, daß es nie dazu kommen wird. Nicht für den zehnfachen Wert dieser ganzen Stadt möchte ich als Raufbold verrufen sein! Haben Sie mich verstanden?«

»Vollkommen«, sagte Lucan etwas gedehnt. »Sie wollen Ruhe haben und ich auch – welche Wirtschaft wünscht das nicht? Sie hassen die Großsprecher, und gerade denen möchte ich einen Maulkorb umschnallen. Warum sollten wir da nicht einig werden? Überlegen Sie sich die Sache und geben Sie mir morgen Bescheid!«

Wieder lag Templar auf seiner Pritsche, aber in seinem Kopf jagten sich die Gedanken. Man bedenke, daß in jenen Tagen noch nicht mit Millionen jongliert wurde. Ein Kuhhirte verdiente dreißig Dollar im Monat und im Winter weniger. Als Kuhhirt hatte Templar gearbeitet, oder er hatte sich in monatelanger harter Arbeit als Goldgräber eine Handvoll Gold zusammengekratzt. Jetzt bot man ihm hundert Dollar die Woche, das heißt vierhundert Dollar im Monat, das heißt fünftausend Dollar im Jahr! ...

Er suchte sich zu vergegenwärtigen, was diese Summe unter den Menschen seiner Umgebung bedeutete. Damals war ein Jahresgehalt von fünftausend ungefähr dasselbe, was heute fünfzigtausend sind. So wurde es Mittag, und in den stillen ersten Nachmittagstunden erschien ihm das alles wie ein phantastischer Traum.

Plötzlich kam der Sheriff und störte ihn auf. »Junge«, sagte er kurz zu Templar, »Sie sind ein gemachter Mann; kommen Sie mit!«

Auf dem Wege zu seinem Büro blieb er stehen, nahm ihm die Handschellen ab, und als freier Mann ging Templar neben ihm her.

»Der reiche Condon ist da«, sagte der Sheriff mit vor Ehrfurcht und Aufregung heiserer Stimme. »Er will Sie haben. Was sind Sie für ein Glückspilz! Faßt der Kerl in den Schmutz und findet einen Diamanten!«

Die Ankunft Condons schien alle Gedanken an Gefängnis und Strafe verscheucht zu haben. Templar versuchte zu erfahren, wer Condon eigentlich sei. Doch Aiken sah ihn auf diese Frage hin an wie die Kuh das neue Scheunentor und sagte nichts.

Zum vierten Male stand Templar im Büro; ihm gegenüber ein Mann im Reitanzug, kahlköpfig, mit dichten Brauen und länglichem Gesicht. Er war blaß; seine Augen von hellstem Graublau hefteten sich mit ruhigen, ernst-nachdenklichen Blicken auf Templar. Eins war klar: Condon war entweder ein Irrer oder ein sehr kluger Mann; nach dem Benehmen des Sheriffs zu urteilen, konnte er jedenfalls kein Idiot sein.

Condon gab Templar die Hand und sagte zu dem Sheriff: »Aiken, darf ich mit Herrn Templar ein Stück spazierenfahren?«

»Aber gewiß, Herr Condon«, sagte der Sheriff dienstbeflissen. »Templar, ich leihe Ihnen einen Mantel. Vielleicht wollen Sie sich erst noch rasieren –?«

»Ich glaube, wir fahren lieber gleich«, schlug Condon vor. Schnell schlüpfte Templar in Aikens Mantel und schritt die Stufen hinab. Hinaus in die freie, frische Luft, hinaus in die herrliche, warme Sonne und, obgleich er es nicht ahnte, hinaus zu größeren »Taten«, als selbst seine kühne Seele ersehnte.

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