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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 29
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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28

Von jetzt an ritten sie mit äußerster Vorsicht weiter, denn so übersichtlich auch das Gelände war, sie konnten nie wissen, ob zwischen ihnen und dem Flüchtling ein sicherer Abstand liege, weil sehr häufig die Wolken den Mond verdeckten und sie dann in völliger Finsternis weitertappen mußten.

Sehr häufig auch ballten sich die Wolken zu dichten Massen, aus denen der Regen in breiten Streifen und Güssen herabfiel. Die zwei durchnäßten Detektive ritten in kläglicher Verfassung weiter. Zweimal erklärte Templar, daß keine Frau, nicht einmal Hongkong, zu bewegen sein würde, in einem so elenden Wetter auszureiten, aber O'Shay erwiderte stets in gelassenem Ton, daß jede Reise leicht und bequem sei, wenn am Ende der Straße fünf Millionen winkten.

Nach mehreren Stunden merkten sie, wie das Mondlicht blasser wurde, oder es schien ihnen wenigstens so; dann aber stellte sich heraus, daß der Tag im Aufdämmern war. Die Hügel wuchsen unterdessen groß und schwarz aus dem Osten hervor, und die Wolken, die während der Nacht mit Ausnahme weniger Augenblicke zerrissen gewesen waren, sammelten sich zu einem Baldachin von gewaltiger Wucht, der den ganzen Himmel bedeckte. Der Regen fiel nicht mehr in Güssen oder schweren Massen, sondern ganz allmählich und regelmäßig und tauchte die Landschaft in ein weiches Grau, das ein wenig heller wurde, sowie der Tag vollends anbrach; über den Osten, dicht am Horizont, lief ein einziger Strich von lodernder Grellheit. Das war der Sonnenaufgang.

Sie hatten den Paß überschritten; vor ihnen hob und senkte sich das wildzerrissene Hinterland. Die Straße wurde undeutlicher. Mit jedem Halbkreis, der der Krümmung des Flusses folgte, legten sie viele Meilen zurück, und immer noch sahen sie das Pferd mit dem weißen Schweif vor sich; manchmal, wenn der Regen etwas nachließ, war es deutlich zu erkennen, dann wieder ertrank es im Nebel, der zur Erde fiel.

Und mehr noch: wenn sie angestrengt vorausblickten, konnten sie mehrmals weit vorne zwei Reiter erspähen.

Das waren zweifellos die beiden, die der einsame Reiter verfolgte.

Ohne Pause wurde die Jagd fortgesetzt.

Die Mittagstunde ging vorüber. Die Pferde stapften dahin, ließen kraftlos ihre Köpfe fast bis auf die Erde hängen – der Nachmittag kam. Immer noch fiel der Regen abwechselnd in breiten Streifen oder in feinkörnigem Nebel, und immer noch wanderten sie weiter, fast beständig zu Fuß und voller Verwunderung, daß die anderen imstande seien, so lange durchzuhalten.

»Sie haben leichteres Gewicht«, sagte O'Shay, »und außerdem geht es bei ihnen um Leben und Tod!«

»Und wir sind wohl nur zu unserem Spaß hier, wie?« fragte Templar trocken.

Ihr Weg führte sie an einem steilen Bergeshang hinauf, und nachdem sie die Höhe erreicht hatten, erblickten sie vor sich eine tiefe Senkung, das obere Ende eines Tales, erfüllt von Regendunst, der sich nach der Erde zu wie Dampf zu verdichten schien. Sie konnten keinerlei Wohnstätten unterscheiden, aber über die Nebelhülle, kaum zu erkennen, ragte der dünne Turm einer Kirche empor. Das war das unfehlbare Anzeichen einer Siedlung – es mußte sich sogar um ein ansehnlicheres Städtchen handeln, als man eigentlich in dieser Bergwildnis anzutreffen erwarten konnte.

»Wahrscheinlich werden sie hier haltmachen und einkehren«, sagte O'Shay, »und wir sollten auch haltmachen.«

»In einem Ort haltmachen?« fragte Templar müde. »Das werden sie nicht wagen!«

»Sie haben gewagt, Snyder umzubringen, und sie haben gewagt, Condon umzubringen«, erwiderte O'Shay. »Bist du so sicher, daß sie sich nicht trauen werden, auch dieses Risiko auf sich zu nehmen?«

Templar war dessen keineswegs sicher. Sie ritten den Hang hinab und bald waren sie so tief im Nebel drinnen, daß sie einander kaum noch sehen konnten, obgleich sie keine fünf Schritt voneinander entfernt waren. Als sie in den Talgrund kamen, hörten sie in der Ferne ein Wasser rauschen, und als einige Zeit später die Sonne das obere Gewölk zerriß und ein schwaches Licht durch die tiefhängenden Regendünste sandte, sahen sie über den gegenüberliegenden Berg einen großen Wasserfall in weißen Wolken herabstürzen; nasse, schwarze Bäume strebten an der Klippe gegen das stürzende Wasser empor. Umfangen von diesem tiefen Tosen, sahen sie das Dorf aus dem bleichen Nebel hervortauchen, die Häuser, schwarz wie die Bäume, dicht zusammengedrängt, und darüber der spitze Kirchturm wie ein Rapier.

»Sie werden hier haltmachen«, sagte O'Shay. »Vielleicht können wir das auch tun.«

Dagegen protestierte Templar. Sie würden alle ihre Vorteile verlieren, wenn sie sich an einem Ort aufhielten, wo die Nachricht von ihrer Ankunft so leicht den andern zu Ohren käme.

O'Shay nickte, als hätte er daran bereits gedacht. Dann bat er Templar, im Schutz der Bäume zurückzubleiben, während er selbst sich in das Städtchen begab, das Nötige auszukundschaften.

Er brachte allerlei Neuigkeiten.

Er war durch das Dorf geschlendert, durch eine leere, vom Regen aufgeweichte Straße; alles saß in den Häusern, der Nebel machte die Fenster weiß und blind. Er war fast schon überzeugt gewesen, daß sich seine Beute nicht im Ort befinde, als er zufälligerweise, angelockt durch den Feuerschein, in eine Schmiedewerkstatt blickte und dort ein triefendnasses Pferd stehen sah, dem soeben die Vorderhufe beschlagen wurden; und der Schwanz dieses Pferdes hatte eine weiße Spitze, die jetzt ganz schmutzig war und von Nässe troff.

Das genügte dem dicken Mann. Weitere Nachforschungen hätten ihn vielleicht verraten können, und so kehrte er schnell wieder zu seinem Freunde zurück.

Er hatte auf seinem Wege zu dem Städtchen, eine knappe Viertelmeile vor den ersten Häusern, ein einzeln liegendes Farmhaus bemerkt. Hinter dem Haus stand ein Lastwagen, und noch weiter im Hintergrund weideten Kühe auf einer Weide, so daß er es für ausgemacht hielt, daß die Bewohner des Häuschens Gemüse und Milch in die kleine Stadt lieferten. Wenn das zutraf, waren es sicherlich ziemlich arme Leute, und sie würden auf jeden Fall zwei Fremden Unterkunft geben, die bereit waren, angemessen dafür zu bezahlen.

Nachdem sie sich schlüssig geworden waren, kehrten sie zur Straße zurück und ritten weiter, bis sie das fragliche Farmhaus fanden.

Als Templar an die Vordertür klopfte, öffnete ihm ein alter, munter dreinblickender Mann mit einem Holzbein, in der einen Hand eine Pfeife, in der anderen einen Spazierstock.

Er würde den Fremden gerne Obdach geben, sagte er; aber warum gingen sie nicht ins Hotel? Es sei nur noch eine halbe Meile bis dorthin, und das Lokal sei gut, er könne es empfehlen.

»Sämtliche Hotels in den Bergen können mir gestohlen werden«, antwortete Templar mit erheuchelter Heftigkeit. »Ich habe noch nie eins gefunden, wo das Bett sauber oder das Futter halbwegs anständig gewesen wäre. Und die Preise sind nur für Millionäre oder Goldgräber berechnet; wir aber sind weder das eine noch das andere.«

»Wenn's so steht«, sagte der Farmer. »Wir haben heute abend Hammelbraten und zum Frühstück Speck mit Ei; wir haben auch ein Zimmer mit einem Doppelbett. Wenn Ihnen das genügt, sind Sie mir willkommen.«

Er beschrieb ihnen den Weg zu ihrem Zimmer; sie gingen hinauf und kamen in ein Schlafzimmer, das nach der Hinterseite des Hauses ging. Unterhalb des Fensters war ein niedrigeres Dach, wahrscheinlich über der Küche, und dieses Dach reichte bis dicht an die Erde.

»Bleib hier und nimm dir Zeit, deine Kleider auszuwringen!« sagte O'Shay. »Ich gehe ein bißchen aus, um mich umzusehen; aber ich gehe nicht durch die Vordertür.«

Er gab keine langen Erklärungen ab, sondern kletterte sofort aus dem Fenster, schlich langsam und vorsichtig über das schiefe Dach hinunter und verschwand kurz darauf um die Ecke des Gebäudes.

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