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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 28
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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27

Sie sollten nie erfahren, was sie ausgerichtet haben würden, wenn der Sheriff ihnen geholfen hätte; denn am selben Tage kam aus dem Südwesten ein ehrgeiziger Jüngling und zeigte sich in Last Luck als ein Mensch, der in die Ruhmeshalle einzugehen wünscht. Ein Mischling war sein erstes Opfer und ein Neger sein zweites. Beide waren nur verwundet worden, doch als er einen Mexikaner erschoß, fingen die Leute zu murren an, und als er in Chases Kneipe eine allgemeine Rauferei anzettelte, wurde der Sheriff alarmiert. Er fand einen Toten und zwei Verwundete vor; der vielversprechende Jüngling aber war in die Wüste zurückgekehrt. Der Sheriff suchte sich folglich einige Gehilfen und nahm sogleich die Fährte auf.

Schließlich war Condon, mochte er noch so viele Millionen besessen haben, doch nur ein einzelner Mann, und hier handelte es sich um Tote und Verwundete. Der Fall ging vor!

O'Shay war etwas niedergeschlagen, denn, sagte er, es sei sehr nützlich, wenn man das Gesetz in der Tasche habe.

»In mancher Hinsicht auch hinderlich«, fügte er dann aber hinzu, »weil ein Sheriff viel zuviel Aufmerksamkeit erregt. Wir beide, Söhnchen, wir können mehr im geheimen arbeiten. Zuerst wollen wir uns auf die Lauer legen und wollen sehen, ob wir dein Chinesenmädel erwischen!«

»Wenn ich mich nur eine Stunde lang ernsthaft mit ihr unterhalten könnte«, begann Templar; aber der Riese unterbrach ihn.

»Wir brauchen nicht das Mädel«, sagte er. »Wir brauchen die Spur, auf die sie uns führen wird!«

»Wo sollen wir denn anfangen?« fragte Templar eifrig.

»Zuerst das Haus beobachten.«

»Das hat sie sicher verlassen, nachdem sie einmal aufgeschreckt war.«

»Aufgeschreckt? Nein, mein Sohn: um ein Mädel wie sie aufzuschrecken, muß man lange und schmerzhaft nachdenken, denn sie hat Verstand. Nachdem sie dich bereits ein dutzendmal zum Narren gehalten hat, wird sie sich nicht mehr deinetwegen den Kopf zerbrechen. Sie ist dir schon einmal in diesem Hause entschlüpft, und sie wird jetzt versuchen, dir noch einmal zu entschlüpfen.«

Da Chases Kneipe dem Haus gegenüberlag, in dem Templar die Chinesin gefunden hatte, stellten sie sich an das Fenster dieser Kneipe. Ihre Pferde standen im Hinterhof bereit. Gemeinsam oder abwechselnd beobachteten sie das Haus auf der anderen Straßenseite durch die verstaubten Scheiben des einzigen Fensters, das die Kneipe besaß. Die grelle Gasolinlampe über der Kneipentür leuchtete ihnen.

Jubel, Lärm und Whiskydunst wurden üppig und schwül, aber die beiden hielten auf ihrer Wacht aus. Während der eine schlief, stand der andere Posten, bis O'Shays Hand seinen Gefährten aus einem tiefen Schlummer rüttelte. »Wach auf!«

»Ich bin wach, Danny. Hör auf, mir die Schulter zu verrenken!«

»Da schau hinaus!«

»Ist sie das? Aber das ist doch ein ganz gewöhnlicher Viehtreiber!«

Schläfrig starrte er den Mann an, der auf der anderen Seite der Straße soeben ein Pferd besteigen wollte.

»Etwas klein für einen Viehtreiber«, sagte der Riese. »Aber laß mal sehen! Vielleicht wird es deutlicher, wenn er im Sattel sitzt.«

In diesem Augenblick schwang sich der Mann auf der anderen Straßenseite mit leichtem Schwung in den Sattel. O'Shay beugte sich vor.

»Es ist eine Frau«, sagte er leise. »Und wahrscheinlich gerade das Geschöpf, das du suchst, Söhnchen. Lauf nach den Pferden und bring sie vor die Tür! Ich werde ihr von hier aus nachschauen!«

Templar war noch halb verschlafen und wirr, aber er gehorchte blindlings, holte die beiden Pferde und eilte mit ihnen vor die Kneipe. O'Shay bestieg seinen mächtigen Rappen, und sie ritten in nördlicher Richtung die nächtliche Straße entlang.

»Sie ist zuerst nach Süden geritten«, sagte O'Shay, »und dann in der Staubwolke hinter einer Reiterschar wieder nach Norden umgekehrt; aber ich habe durch den Staub die weiße Schwanzspitze ihres Gaules leuchten sehn. Sie ist es, kein Zweifel! Weiß Gott, ob das nicht ein schlaues Geschöpf ist!«

Nun gaben sie ihren Gäulen die Sporen und rasten dahin, bis die letzten Lichter von Last Luck verschwammen und vor ihnen die feste schwarze Mauer der Nacht stand, links und rechts geheimnisvoll von dunklen Bäumen begrenzt.

»Ein Unsinn, diese Verfolgung!« sagte Templar. »Bei dem matten Sternenlicht können wir die Spur nicht behalten!«

»Wir haben nur noch eine halbe Stunde bis zum Aufgang des Mondes«, antwortete der andere. »Das hast du vergessen! Sie wollte im Schutz der Dunkelheit entwischen, aber sie hat zu lange gewartet. Kopf hoch, mein Sohn!«

Sie ritten durch die Finsternis dahin; die Hufe des großen Rappen klirrten lauter als ein Hammer auf dem Amboß, wenn sie gegen die Steine auf der Straße stießen.

Als sie die Ebene verließen und langsam zwischen den Bäumen emporzuklettern begannen, erhellte endlich das Mondlicht den östlichen Horizont, und nach kurzer Zeit lag über dem Gebirge der altvertraute, bleiche Schein.

Es war aber keine ganz helle Nacht, denn schnelle, hochfliegende Wolken kamen aus dem Süden herauf und begannen sich über der Enge des Passes zusammenzuballen. Ab und zu fegten diese schnelle Schatten über die Straße weg, löschten Bäume und Straße aus. In solchen Augenblicken mußte man sich darauf verlassen, daß die Pferde den richtigen Weg fanden.

»Das kann nicht Hongkong sein«, stieß Templar hervor. »Keine Frau würde zu dieser nächtlichen Stunde ganz allein über die Berge reiten! Das ist nicht vernunftgemäß.«

»Weißt du nicht, daß sie Mut hat? Vergiß nicht, Söhnchen: fünf Millionen liegen in diesem Pott! Bei solch einem Einsatz wird sogar eine Frau wie der Teufel spielen!«

Während er noch sprach, arbeiteten sie sich mühsam auf den Gipfel einer Hügelkuppe hinauf. Im hellen Mondschein sahen sie die gewundene Straße in die Mulde hinabtauchen, und zu dem Gipfel des nächsten Hügels kletterte, scharf umrissen, die Gestalt eines Reiters empor; eine weiße Schwanzspitze glitzerte wie eine Blechpfanne im Mondlicht.

»Da haben wir sie!« sagte O'Shay und zog sein Pferd in den Schatten eines Baumes, bis der fremde Reiter hinter der nächsten Kuppe den Blicken entschwunden war.

Dann ritten sie in scharfem Tempo in die Mulde hinab und kamen in tiefe Finsternis, denn über ihren Köpfen ballten sich die Wolken zusammen. Während sie den neuen Hang erkletterten, prasselte ein Regenguß auf sie herab, kalt, peitschend und unheimlich dicht.

Als sie den Gipfel erreicht hatten, waren sie völlig durchnäßt, aber hier hörte der Regen barmherzigerweise auf, und sie kamen auf eine lange Straße von fast mitternächtiger Finsternis, so hoch waren die Bäume, die sie umzäunten. Es war aber dem Wind gelungen, die Wolken auseinanderzureißen; jetzt schien der Mond, und die beiden suchten sich ihren Weg nach dem Schimmer der frischen Wassertümpel, die auf der Erde standen.

Am Ende dieses Tunnels, der durchtränkt war mit dem Duft der nassen Kiefern, erreichten sie das hohe, zerklüftete Gelände des Passes, und hier erspähten sie abermals den einsamen Reiter.

Hoch oben auf einem Hang zeigte sich seine schlanke Silhouette, und während sie hinschauten, stieg sie fast bis an den Rand der Kuppe hinauf, fegte plötzlich seitwärts in den Schatten und erlosch.

»Wir sind gesehen worden!« stöhnte Templar.

»Komm hierher ins Dunkle!« schnauzte O' Shay. »Auf einer Fährte, Söhnchen, bist du genau so nützlich wie ein linker Handschuh an einer rechten Hand. Komm hierher, verhalte dich still und fang an, nachzudenken, wenn du das kannst, lange und tief nachdenken – das ist's, was du auf dieser Fährte zu tun hast!«

»Sie hat uns gesehen, wenn sie es wirklich ist«, erwiderte Templar, mürrisch gehorchend. »Und jetzt wird sie davonwischen wie ein Vogel, und wir werden sie nie wiederfinden!«

»Halt's Maul«, sagte sein dicker Gefährte, »und wart ab, ja?«

Templar schwieg. Lautlos war die Nacht in diesem Augenblick; weder der Wind in den Bäumen noch der raschelnde Sturz der Wassertropfen durch das Laub störte die Stille. Man hörte nur das Atmen der Pferde, das leiser und regelmäßiger wurde. Dann stieß O'Shay einen triumphierenden Schrei aus. »Sie reitet weiter! Schau! Schau!«

»Ich sehe«, sagte Templar. »Aber ich bitte dich, warum mußt du denn so laut brüllen? Ist denn das so schön? Sie reitet weiter – na und? ... Wir müssen froh sein, wenn wir sie im Auge behalten!«

Während sie sich wieder in Bewegung setzten, meinte O'Shay: »Warum hat sie sich denn unter die Bäume geduckt?«

»Weil – ja, ich weiß nicht.«

»Du weißt es nicht?« höhnte O'Shay. »Etwa, weil sie uns gesehen hat?«

»Nein, dann wäre sie nicht wieder in die Mitte der Straße geritten. Sie hätte sich im Schutz der Bäume über die Kuppe hinübergeschlichen.«

»Na also, wenn sie uns nicht gesehen hat, was hat sie dann gesehen? Sicherlich hat sie was gesehen; sonst hätte sie nicht Deckung gesucht.«

»Vielleicht.«

»Nun also, mein Sohn, es kann nicht etwas gewesen sein, das auf uns zukommt; sonst hätte sie gewartet und es vorüberziehen lassen.«

»Es ist klar, daß sie etwas gesehen hat«, sagte Templar.

»Wirklich? Ist es dann nicht auch klar, daß das, was sie gesehen hat, sich vor ihr befindet und in derselben Richtung wandert wie wir?«

»Das könnte stimmen. Es reitet noch jemand anders diese Straße entlang. Aber das ist doch nicht sehr merkwürdig, wie?«

»Man hat dich wohl mit der Flasche großgezogen und mit dem Löffel gefüttert«, erklärte der Riese, »daß du deinen Verstand überhaupt nicht mehr gebrauchen kannst? ... Laß dir also sagen, was das bedeutet! Dieses junge und sanfte Chinesenmädel verfolgt jemanden über die Hügel, verstanden?«

»Woher soll ich das wissen? Aber ich will schwören, daß sie hinter jemandem her ist.«

»Und hinter wem?«

»Hinter wem sind wir denn alle her? Hinter ihm, der Condon ermordet hat, hinter ihm, der Snyder ermordet hat! Die kleine Chinesin wird uns zu ihm führen, mein Junge; so sicher, wie dort hinter dem Mond ein gütiger Gott über uns wacht!«

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