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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 27
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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26

»Komm schnell in die Sonne!« sagte Templar einige Minuten später. »Ich muß Wärme haben und helles Licht. Ich bin nicht sehr klar im Kopf, Danny. Eine Chinesin! Eine gelbe Chinesin –«

»Vorhin hast du nicht gelb gesagt, sondern goldgelb«, warf O'Shay ein.

»Sie hat versucht, mir mit einem Hackmesser den Schädel einzuschlagen«, sagte Templar. »Und du glaubst, ich könnte – ich könnte –«

»Sicher könntest du, und das ist der wahre Grund für dein Interesse«, sagte Danny O'Shay. »Du denkst nicht tief genug nach, Söhnchen. Auf der Oberfläche hinschlittern! So bist du! Eine Chinesin! Na, der Teufel soll mich holen!«

»Du bist verrückt«, versicherte Templar hitzig.

»Ich konnte sie nicht hinunterbringen, weil sie geweint hat«, höhnte der Dicke. »Sie hat geweint! Zum Donnerwetter, Johnny, natürlich hat sie geweint, weil sie auf den ersten Blick gesehen hat, daß du ein schwachköpfiger Tropf bist. Ich habe noch nie einen solchen Tropf gesehen wie dich, Johnny. Ich habe noch nie einen solchen Schwachkopf gesehen. Und sie auch nicht. Aber das nächste Mal, wenn du mit ihr fertig werden willst, ruf Papa O'Shay hinzu! Ich hab' nämlich die Gelben besonders gefressen, mein Sohn!«

»Wir wollen den Sheriff benachrichtigen«, sagte Templar besorgt. »Das wird am besten sein. Er kann sie finden. Ich sage, wir wollen dem Gesetz seinen Lauf lassen.«

Danny O'Shay grinste nur, aber er ging mit riesigen Schritten zur Kanzlei des Sheriffs voran, und dort berichtete er die Geschichte von den Schuhnägeln und den Stiefeln mit den hohen Absätzen. Der Sheriff hörte mit strahlenden, gläubigen Augen zu.

»Ja, eigentlich müßten Sie Sheriff sein«, sagte er mit ehrlicher Bewunderung zu O'Shay, »und ich müßte Ihr Gehilfe sein – Ihr kleiner Laufbursche. Jetzt will ich mal schnell hinüberreiten und sehen, was mit diesem Schafhirten los ist. Finde ich euch noch in Last Luck, wenn ich zurückkomme?«

Sie versprachen ihm, noch dazusein, und der Sheriff entfernte sich auf einem Mustang in einer flatternden Staubwolke.

Als sie ins Hotel kamen, um ein Nachmittagsschläfchen zu machen, fanden sie dort ein paar Zeilen von Lister vor. Er hinterließ ihnen seinen Abschiedsgruß für den Fall, daß er sie am nächsten Tag nicht mehr in der Stadt antreffen würde. Er sei im Begriff, Last Luck und den Westen zu verlassen, um nach dem Osten zu fahren, und er würde, schrieb er, hoffentlich nie wieder die gespenstische Gegend des »Passes« zu sehen bekommen.

Templar erzählte dann dem dicken O'Shay von der Botschaft, die Listers Vater seinem Sohn hinterlassen, und das alte Märchen von Vertrauensseligkeit und Betrug, in dessen Mittelpunkt Condon gestanden hatte.

»Lauter Schufte«, sagte O'Shay, schlief sofort ein und begann zu schnarchen.

Auch Templar schlief; und die Hitze des Tages war zu Ende, und die Kühle des Abends hatte bereits begonnen, als der Sheriff, vom Kopf bis zum Fuß mit weißem Staub bedeckt, zu ihnen kam. Er hatte Neuigkeiten, wichtige Neuigkeiten. Er hatte die Hütte des Hirten gefunden und von einem Weidereiter der Condon-Ranch einiges über den Mann erfahren, der anscheinend der richtige, menschenscheue, etwas wunderliche Typus des Schäfers war. Er hatte, soviel man wußte, keinerlei Umgang, außer wenn er einmal in sechs Monaten nach Last Luck marschierte, um ein paar Vorräte einzukaufen. Im übrigen betreute er seine Herden sehr brav.

Wo mochte er jetzt stecken? Mit Unterstützung des Weidereiters hatte der Sheriff die ganze Gegend abgesucht; die Schafe irrten wild verstreut umher, und von dem Mann war nichts zu sehen.

Sie konnten sich in ihren Schlußfolgerungen nicht täuschen, besonders, als sie ein halbes Dutzend toter Schafe fanden und rings um die Kadaver die Fährten der Waldwölfe. Der Hirte war verschwunden und die Herde den Gefahren der Berge preisgegeben!

Dann hatte der Sheriff sorgfältige Erkundigungen eingezogen, aber der Weidereiter wußte recht wenig zu erzählen. Nur eines schien er ganz sicher zu wissen, nämlich, daß der Schafhirt ein mürrischer, tückischer Mensch sei. Gefährlich? Vielleicht. Zumindest habe niemand Lust, einem Burschen von diesem Typus in die Nähe zu kommen, der kein Wort rede, immer ganz allein herumschleiche und seine Mitmenschen nur schief von der Seite ansähe.

»Also«, sagte der Sheriff mit zufriedener Miene, »hat er den Mord begangen, und wir sind mit unserer Aufgabe fertig. Das verdanken wir Ihnen, O'Shay! Der Teufel soll mich holen, wenn Sie nicht ein zweiter Sherlock Holmes sind!«

Er fügte hinzu, daß er jetzt auf den Friedhof müsse; Lister würde dort anwesend sein, um der Beerdigung seines Onkels beizuwohnen, die für heute angesetzt worden war. Templar wollte nicht mitgehen, aber der dicke O'Shay bestand darauf.

So wanderten sie alle drei zu dem Begräbnisplatz und sahen zu, wie der Sarg an den Rand des Grabes getragen wurde, während Lister mit finsterer Miene dabeistand und eher ärgerlich als bekümmert dreinsah. Er grüßte sie zerstreut; offensichtlich wandten sich bereits alle seine Gedanken der anderen Heimat zu, in der er sich mehr zu Hause fühlte.

Der dicke O'Shay legte die Hand auf seine Schulter.

»Lister«, sagte er, »ich möchte Sie um einen besonderen Gefallen bitten. Würden Sie mir gestatten, einen letzten Blick auf den Toten zu werfen?«

Lister starrte ihn mit einer Miene des Abscheus an.

»Es ist ein schrecklicher Anblick, O'Shay«, sagte er. »Ich nehme an, daß Sie das wissen? Sie haben Snyder gesehen; aber das da ist sogar noch schlimmer!«

»Ich bin's, der sich das ansehen will«, sagte O'Shay, »und ich brauche niemanden, der mir dabei hilft.«

So erreichte er, daß ihm seine Bitte widerstrebend bewilligt wurde, und dann näherte er sich dem gebrechlichen Kiefernsarg, packte die etwas vorstehenden Deckelbretter und zerrte sie durch die bloße Kraft seiner Finger langsam in die Höhe, während die Nägel einen fast menschlich klingenden, kreischenden Protest erhoben. Einige Sekunden lang starrte der Riese das gräßliche Bild an, dann drückte er die Bretter wieder an ihre Stelle zurück und hämmerte mit einem Stein die Nägel fest. Mit einem Kopfnicken bedankte er sich bei Lister und zog sich dann zurück; offenbar wollte er möglichst schnell wegkommen.

»Was hast du dir denn dabei gedacht?« fragte Templar etwas gereizt. »Nicht schön, so was zu verlangen, und auch kein schöner Zeitpunkt, Danny!«

»Ich bin ein Detektiv«, erwiderte O'Shay und machte einen kleinen Versuch zu lächeln. »Nun, da ich ein Detektiv bin, frage ich dich, ob ich nicht erst den Toten sehen muß, bevor ich den Mörder suche?«

»Was hast du denn dabei gelernt?«

»Gelernt gar nichts; aber eine Menge kombiniert. Kombinieren geht vor Wissen; aber mein Gott, Junge, du weißt nicht, wie übel mir zumute ist, wenn ich das viele Denken vor mir sehe, das ich in den nächsten paar Tagen zu leisten habe! Wenn wir den Schurken erwischen wollen, meine ich!«

Lister, der sich ihnen näherte, unterbrach ihn, um sich persönlich von ihnen zu verabschieden. Er dankte ihnen für ihr Bemühen, ihm bei der Suche nach dem Mörder zu helfen, aber er merke jetzt, daß die Aufgabe seine Kräfte übersteige; er reise ab. Dieser Abschied nahm ein rasches und kurzes Ende, noch bevor der Erdhügel über Condons Grab errichtet war, und die beiden Freunde kehrten langsam in die Stadt zurück.

Unterwegs brach Templar plötzlich los: »Ich bin ganz derselben Meinung wie Lister, und ich hab's satt! Ich will 'raus aus dieser Geschichte, Dicker! Bloß eins!«

»Ich weiß.«

»Was weißt du?«

»Ich weiß, was dich jetzt noch interessiert.«

»Dann sag's doch!« forderte ihn Templar heraus.

»Diese goldgelbe Schönheit, die stumme Chinesin. Sie willst du finden, und du würdest über den ganzen verfluchten Pazifik fahren, um sie zu erwischen. Habe ich recht?«

Templar blieb jählings mitten auf der Straße stehen. Er sah seinen Freund an.

»Ich wollte heute dem Sheriff alles erzählen«, gab er zu, »aber die Worte blieben mir im Halse stecken – ich konnte einfach nicht reden. Schließlich – die Sache mit dem Hirten war ja auch viel wichtiger; das wirst du doch zugeben?«

»Freilich gebe ich das zu«, erwiderte O'Shay. »Ich meine, sie sieht wichtiger aus. Du willst also diese Mordfährte verlassen, alter Knabe, und Hongkong suchen?«

»Danny, ich muß leider sagen, daß das wirklich meine Absicht ist! Ich weiß, was du sagen willst – eine Chinesin – eine Gelbe – na, ich will mich nicht verteidigen. Aber sie hängt mir im Sinn wie eine Klette an einer Wolljacke. Ich kann den Gedanken an sie nicht loswerden!«

»Nun, mein Sohn«, murmelte der Dicke, »da gibt es nur einen Weg, dir das Weib aus dem Kopf zu schlagen, nämlich, sie jeden Morgen und jeden Mittag und jeden Abend zu sehen. Du mußt ein Mädel tausendmal angeschaut haben, bevor du merkst, wie sie aussehen wird, wenn sie alt ist. Wir wollen uns also auf die Beine machen und dir dieses Chinesenmädel einfangen, Söhnchen. Wir wollen dir Gelegenheit geben, dazusitzen und sie so lange anzustarren, wie du Lust hast.«

»Gott segne dich, Danny!« sagte der junge Mann. »Wir gehen also wieder in das Haus, wo ich sie heute gefunden habe?«

»Dorthin? Keine Spur. Ich will dir was sagen. Weißt du, wo wir sie finden werden? Auf dieser Mordfährte und nirgendwo anders! Bleib hinter dem Mörder her, und sie wird wieder auftauchen!«

»Du glaubst, daß sie dabei beteiligt ist?«

»Was weiß denn ich? Ich habe mich noch nicht bemüht, über sie nachzudenken. Aber ich habe so das Gefühl, daß sie mit auf den Teller gehört. Man kann ein Stück Fleisch haben und das Gemüse und sogar die grüne Garnierung am Rand der Platte, aber alles zusammen bildet erst das ganze Gericht. Habe ich nicht recht?«

Templar schwieg.

»Ach«, sagte der Riese, »sie ist wohl eines jener Geschöpfe, die unmöglich mit gefährlichen, schwierigen und ordinären Dingen etwas zu tun haben können?«

»Sie steckt voller Teufelei«, gab er zu. »Ich habe eine Heidenangst vor ihr, Danny.«

»So wie ich vor jedem braven Weib eine Heidenangst habe!« sagte O'Shay. »Aber wir wollen zur Sache kommen. Sie ist mit drin in der Pastete, und sie war mit dabei, und sie wird auch wieder zum Vorschein kommen. Das ist alles recht hübsch und fein durcheinandergerührt, mein Sohn. Zuerst haben wir eine Bande kräftiger Burschen, die man im Verdacht haben konnte, die Mörder zu sein. Wir hatten ferner Snyder, Lister, Templar und ein Chinesenmädel mit einem Unterarm wie der eines Athleten. Jetzt aber beginnen sich alle in ein Nichts zu verwandeln. Alle die kräftigen Burschen werden abgeschöpft, und was bleibt übrig? Ein kleiner, nebensächlicher Schafhirt, der sich ein paar Tage Urlaub genommen und Condon in seinem eigenen Hause umgebracht hat. Dann hat er Snyder erschlagen, sich durch einen Kreis wachsamer Männer durchgeschlichen, fünf Millionen Dollar eingesackt – und weg war er! Nun, mein Sohn, wie findest du diese Sache?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht!«

»Das dachte ich mir. Weil du dein Hirn nicht anstrengst.«

»Und du?« fragte Templar etwas gereizt. »Wirst du aus diesem Wirrwarr schlau?«

»Ich bin noch nicht auf den Grund gekommen«, sagte O'Shay, »aber ganz an der Oberfläche schwimmt der Gedanke, daß dieser Schafhirt unmöglich klug genug war, um sich zwei solche Mordtaten auszudenken, und daß er nicht die Hand hatte, diese Schläge zu führen. Man hat ihn mit hineingezogen, er ist der Strohmann! Wir werden nun sehen, wer hinter dem Strohmann steckt. Vielleicht ist es das Chinesenmädel!«

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