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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 25
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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24

Das Dokument ging noch weiter, aber es handelte sich da hauptsächlich um Abschiedsgrüße an Munroe Lister von seinem sterbenden Vater, und Templar überflog sie rasch.

Als er aufblickte, sagte Lister: »Da sehen Sie, in welcher Lage ich war. Als ich diesen Brief gelesen hatte, war mein erster Gedanke: zu meinem Onkel zu gehen und ihm zu sagen, daß ich keine Lust habe, sein Erbe zu sein. Er solle mir einfach das bezahlen, was er mir aus dem Vermögen meiner Mutter schuldig sei, das heißt die sechzigtausend Dollar, die bei dem Tode meines Vaters fällig gewesen wären, und dazu die Zinsen auf diese Summe für zehn Jahre abzüglich der etwa tausend pro Jahr, die ich ihn gekostet hätte. Auf diese Weise hätte ich ungefähr neunzigtausend Dollar bekommen müssen. Onkel Andrew war damals sehr reich; neunzigtausend hätte er ohne weiteres bezahlen können. Als ich mir die Sache aber gründlich überlegte, sagte ich mir, daß die Absicht meines Vaters vielleicht klüger gewesen wäre als die meine. Ich beschloß, die Universität zu beziehen und Jura zu studieren, wozu ich eine gewisse Neigung hatte. Dies Studium würde mir außerdem zeigen, mit welchen gesetzlichen Grundlagen ich zu rechnen hätte. Inzwischen würde ich verständiger werden und ein männliches Urteil erwerben. Ist das klar?«

Templar nickte.

»Und damit kommen wir zu dem Zeitpunkt, da Sie, Templar, auf der Ranch erschienen«, fuhr Lister fort.

»Ich möchte Sie gerne etwas fragen.«

»Soviel Sie wollen.«

»Sie haben sich mit ihm gezankt?«

»Nicht einmal, sondern hundertmal. Er hat mich immer gehaßt und sich wenig bemüht, seine Gefühle zu verbergen.«

»Ich meine, am Vorabend seines Todes?«

Lister errötete und biß sich auf die Lippe. Aber er antwortete, seinem Gefährten fest ins Auge schauend: »Ich hatte diese höllische Stimmung auf der Ranch satt, dieses Grauen, diesen ewigen Schrecken. An jenem Abend ging ich zu Onkel Andrew und machte ihm den Vorschlag, er solle mir den Anteil an der Ranch ausbezahlen, der mir von meiner Mutter Seite her rechtmäßig zustände, und dann würde ich gerne auf alle Ansprüche verzichten, die ich auf den übrigen Teil seines Vermögens besäße. Da wurde er wütend und erklärte fluchend, daß es dazu zu spät sei. Er verwünschte mich von ganzem Herzen und erklärte mir rundheraus, daß er mich abgründig hasse. Ich konnte ihm die Antwort nicht schuldig bleiben. Es wundert mich nicht, daß Sie den Lärm gehört haben.«

»Er sagte, es sei zu spät?«

»Ja. Genau so.«

»Er hätte höchstens nur ein paar Tage gebraucht, um die Sache zu ordnen, wie?«

»Ich wüßte nicht, warum es viel länger hätte dauern sollen.«

»Das beweist ganz einfach«, bemerkte Templar, »daß er für diese Nacht – oder vielleicht für die nächste – den Eintritt der Krisis erwartete. Wie konnte er so genau über die Absichten der Leute informiert sein, die hinter ihm her waren? Können Sie mir das sagen?«

»Ich weiß gar nichts«, seufzte Lister. »Das Ganze war für mich ein einziger Alptraum. Ich beginne erst jetzt, die Erinnerung daran abzuschütteln. Diese Geschichte mit Snyder gestern nacht hat mir das ganze Grauen wieder zurückgerufen! Ich glaube, ich mache mich davon, Templar, und fahre nach dem Osten. Meine Nerven sind kaputt!«

Templar starrte in seine Kaffeetasse. Er konnte diese Schwäche verstehen, aber sie berührte ihn nicht sympathisch.

»Da ist Herr Bristol von der Bank«, sagte Lister plötzlich. »Wenn ich mit ihm eine Abmachung treffen könnte, daß er meine Interessen hier übernimmt, könnte ich nach dem Osten fahren!«

Er sprang jählings auf und stürzte zur Tür. Dann fegte er an einer riesigen Gestalt vorbei, stürmte auf die Straße hinaus und lief hinter dem Bankier her. Der dicke O'Shay kam heran und setzte sich seinem Freund gegenüber an den Tisch.

»Frühstück?« fragte Templar.

»Ich esse erst abends«, sagte der Riese. »Jetzt muß ich nachdenken. Lieber balge ich mich den ganzen Tag mit jungen Stieren herum, als auch nur fünf Minuten nachzudenken, Söhnchen. Es macht mich ganz hin und nimmt mir jeden Appetit. Oh, mein Gott, Söhnchen, wie scharf ich schon den ganzen Vormittag nachgedacht habe! He, Kellner! Bringen Sie mir einen Topf Kaffee!«

Er stützte seinen riesigen Schädel in seine ebenso riesige Hand, und seine fleischige Stirn runzelte sich vor Ermüdung und Qual.

»Ich habe das Denken satt, alter Knabe!«

»Woran denkst du denn?«

»Woran ich denke?« brummte der Dicke. »Zum Teufel, woran soll ich denn denken? Mord, mein Junge. Das ist es! Mord – und der Täter soll ein kleiner, schleichender Schafhirt sein! Kannst du daraus schlau werden?«

Templar saß steif auf seinem Stuhl und wartete.

»Ein Schafhirt!« fuhr der Riese fort. »Ich habe schon von Schafhirten gehört, die einem ein Messer in den Rücken jagen oder hinter einem Busch hervor einen Viehtreiber niederschießen oder bei Nacht ein Haus anzünden, aber ich habe noch nie gehört, daß so was in ein Haus hineingeht und einem kräftigen Kerl mit einem Knüppel ins Gesicht schlägt. Nein, – so was habe ich noch nie gehört. Johnny, das ist eine kuriose Sache! Ich werde mir dabei bestimmt den Kopf zerbrechen!«

»Willst du nicht endlich mit deinem Gestöhn aufhören?« fragte Templar ohne jedes Mitgefühl. »Und mir mitteilen, was du weißt oder zu wissen glaubst?«

»Da hast du's!«

Aus der Westentasche holte er ein kleines Metallstück hervor und warf es auf den Tisch. Es war ein kurzer Nagel mit einem sehr sonderbaren, breiten und dicken Kopf.

»Da weiß man nun verteufelt viel!« sagte Templar trocken. »Was soll denn der Nagel?«

Der Riese stöhnte abermals. »Das kommt davon, wenn man sein armes Hirn anstrengt!« seufzte er. »Man gräbt in seinem Verstand herum und bohrt und bohrt und holt Gold herauf, und dann geht man tiefer, gräbt Diamanten aus und Rubine und Smaragde und schmeißt sie hin, und die Welt trampelt einfach drüber weg! Sieh dir diesen Nagel an!« schloß er in dröhnendem Befehlston.

Der Kellner, der gerade den Kaffeetopf brachte, schrak so heftig zurück, daß der Kaffee über seine Hände schwappte, und er mit einem schmerzlichen Aufschrei den Topf hinstellte.

Der Dicke packte zu, und ohne sich erst mit Tassen und Untertassen abzugeben, schüttete er die halbe Zuckerdose in die dampfenden Tiefen des Topfes und leerte einen großen Teil des Inhalts einer Konservenmilchdose hinein. Mit der Klinge eines Brotmessers rührte er diesen Trunk um und sog seinen Duft ein, während er mit seinem riesigen Zeigefinger, der so dick und schwer war wie ein Flintenlauf, auf Templar zeigte und fortfuhr: »Du, der du jeden Tag deinen Verstand gebrauchst, du, der du klug bist, ich sage dir, was du tust, Söhnchen. Du schlitterst nur über die Oberfläche des Eises hin.«

»Und du«, grinste Templar, »du brichst wahrscheinlich ein?«

»Jawohl«, sagte der Riese zufrieden, »und wenn ich wieder heraufkomme, habe ich einen Walfisch zwischen den Zähnen. Vorwärts, sieh dir diesen Nagel an!«

»Ich sehe ihn mir ja an. Was ist denn damit los?«

»Hast du so einen Nagel schon mal gesehen?«

Templar betrachtete ihn genauer. Der Kopf war zweifellos etwas sonderbar. Er war anscheinend von hartem Eisen und an der äußeren Fläche tief zerfurcht und zerschnitten.

»Eine neumodische Sorte von Hufnagel?« fragte er.

»Schuhnagel«, verbesserte der Riese.

Er hielt inne, um den halben Inhalt des Kaffeetopfes zu verschlingen. Dann wischte er sich den Mund mit dem Handrücken ab.

»Gib mir was zu rauchen, Söhnchen!« sagte er. »Ich habe seit einer Woche nicht geraucht!«

Er drehte sich eine Zigarette und zündete sie an. Unter den langen und schweren Atemzügen kräuselte sich das Papier und schwärzte sich bis zu seiner halben Länge, und der Tabak ragte in einer glühendroten, funkelnden Spitze hervor. Während er die eine Zigarette rauchte, drehte er sich schon die zweite. Er sprach mit der brennenden Zigarette im Mund. Rauchwolken quollen aus seiner Nase hervor, kräuselten sich über die Oberfläche des Tisches und dampften zur Decke.

»Ein Nagel für den Stiefelabsatz eines Gents«, erklärte er. »Dieselbe Sorte von Nägeln war in dem Stiefelabsatz des Mannes, der gestern nacht Snyder ermordet hat. Dieselbe Sorte von Nägeln wird hier in Last Luck fabriziert, von dem alten Warren, der den Leuten die Schuhe flickt. Er ist so weit in der Zeit zurück, daß er sich immer noch selber die Nägel macht! Das da ist ein handgeschmiedeter Schuhnagel, Söhnchen. Sieh ihn dir lange an – du wirst vielleicht nie wieder einen zu sehen kriegen! Und das Gesicht dieser Babys ist dasselbe Gesicht, das auf den Nägeln im Absatz des Mörders war!«

»Das kannst du doch nicht wissen«, sagte Templar. »Mann, Mann, dazu hättest du doch ein Vergrößerungsglas gebraucht.«

»Wenn ich zu denken anfange, dann fangen meine Augen an, hervorzuquellen«, erklärte Danny O'Shay, »und mein Hirn fängt sich an zu drehen, und ich sage dir, mein Sohn, da vergrößere ich alles! Ja, ich vergrößere alles, jawohl!«

»Willst du mit dem blöden Geschwätz nicht aufhören und zu Ende kommen?« fragte Templar, förmlich zitternd vor Aufregung.

»Weil du deinen Spaß nicht erwarten kannst, wie?« sagte der Dicke und rekelte sich in seinen Stuhl zurück, bis der zu knacken anfing und unter seinem Gewicht gefährlich einzusacken begann. »Du möchtest sofort drauflosjagen, einen bellenden Revolver in der Hand und ein Messer zwischen den Zähnen und eine Dynamitbombe in der Westentasche, gleich mittenrein – Teufel noch mal, Söhnchen, du bist verflucht selbstsüchtig! Laß mich das nur auf meine Art erzählen!«

Templar schloß die Augen und stützte das Kinn in die Faust. Diesem bleichen, gespannten Antlitz erzählte Danny O'Shay seine Geschichte folgerichtig zu Ende.

»Es gibt hier bloß einen Schuhmacher am Ort. Ich habe mich bei ihm erkundigt. Ja, er hat in seinem Leben ungefähr eine Tonne voll solcher Nägel verarbeitet. ›Schmale, spitze Schuhe‹, sage ich. ›Schmale, spitze Absätze, wie sie die Viehtreiber tragen?‹

›Cowboys?‹ sagt er und schaut mich finster an. ›Sind Sie verrückt?‹ sagte er. ›Ein Cowboy mit so was im Absatz? Nein, für Holzfäller und Bergleute und so weiter ist das – aber Cowboys? Nie im Leben, mein Sohn‹, sagt er.

›Sie haben diese Nägel nie bei einem alten Paar Schuhe mit hohen Absätzen verwendet?‹ sage ich.

›Bloß bei einem abgetragenen Paar, das mir der arme Schafhirt vom Abhang des Zuckerhutes abgekauft hat.‹

›Sie haben sie auf seinen Wunsch eingeschlagen?‹ sage ich.

›Er wollte genagelte Absätze haben‹, sagte der Alte. ›So habe ich ihm an jedem Absatz außen herum einen Halbkreis von diesen Dingern eingeklopft.‹

Und das, Johnny, ist meine Arbeit gewesen, und da hast du den Walfisch, den ich zwischen meinen Zähnen heraufgeholt habe!«

»Ich würde dir die Hand schütteln«, bemerkte Templar, »wenn ich nicht Lust hätte, meine gesunden Knochen zu behalten! Mann, Mann, wir müssen sofort zum Zuckerhut! Hinter dem Kerl her!«

Er und Danny O'Shay stürzten aus dem Restaurant und wandten sich rasch die Straße hinab, aber bereits an der ersten Ecke blieb Templar mit offenem Munde stehen.

»Was ist denn los?« fragte O'Shay. »Was für ein Gespenst hast du denn gesehen?«

Templar zeigte nach einem Fenster im zweiten Stock auf der anderen Seite der Straße. »Hongkong!« rief er und stürzte davon.

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