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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 24
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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23

»Dort drüben«, das bedeutete schroffes Gewühl breiter Hügel, und diese Hügel türmten sich zu einem mächtigen Gebirge empor, das den Engpaß überschattete.

»Dann also los!« sagte Lister. »Ich hole die Pferde!«

Der Sheriff seufzte abermals. »Wohin sollen wir, mein Sohn? Wo in diesem Heuhaufen liegt die Nadel? Und wie sollen wir die Nadel erkennen, wenn wir sie finden? Nein, nein, wir müssen nach Last Luck zurück und sehen, ob wir dort einige Anhaltspunkte finden. Ich wenigstens habe diesen Eindruck. Dicker, was meinen Sie?«

So sehr war O'Shays Einfluß gewachsen, seit er die Spur aufgestöbert hatte!

Jetzt nickte er. »Wir kehren um«, sagte er, »und reiten nach Last Luck. Ich persönlich muß sagen, dieses Spielchen macht mir Spaß, und ich lasse da nicht locker, solange ich noch einen Pfennig in der Tasche habe. Jetzt aber wollen wir nach Last Luck zurück. Der längste Umweg ist manchmal der kürzeste Weg zum Ziel!«

So machten sie sich mürrisch auf den Rückweg, nachdem sie ein Tuch über das Gesicht des Ermordeten gebreitet hatten; sie würden am nächsten Tag seine Leiche holen lassen.

Es war ein ermüdender Ritt, und während sie so dahintrotteten und nicht den Mut hatten, ihre Pferde anzutreiben, begann schon im Osten der Tag zu dämmern. Als sie Last Luck erreichten, lagen die westlichen Berge in wallendem Nebel und in eine wachsende Farbenflut getaucht.

Lister lud die drei Männer auf seine Ranch ein; da sie aber ablehnten, begleitete er sie in die Stadt. Während der Sheriff sich in seine Wohnung begab, stiegen die anderen in dem ersten Hotel ab, das sie erreichten, in Delaneys weitläufigem Gewirr von Schuppen und Hütten, die zu einer Gaststätte vereinigt waren.

Sie mußten mit einem einzigen Zimmer vorliebnehmen, in dem sich eine Bettstelle und zwei Deckenrollen befanden, die zusammengeknäuelt auf dem Boden lagen. Lister erhielt die Bettstelle zugesprochen; die beiden anderen streckten sich auf den Fußboden hin und schliefen sogleich ein.

Gegen Mittag erwachten Templar und Lister und sahen, daß ihr riesiger Gefährte bereits verschwunden war.

»Er braucht nicht mehr Schlaf als eine wilde Katze«, sagte Templar. Und dann begannen er und Lister, sich nach einem Bade umzusehen.

Nachdem sie gebadet hatten, begaben sie sich auf die Straße, um ein Frühstück aufzutreiben. Last Luck erwachte erst bei Einbruch der Nacht; jetzt schlugen über den Köpfen der zwei Männer die Hitze und die lässig murmelnden Geräusche des primitiven Städtchens zusammen. In dem selben langgestreckten, schmalen Restaurant, in dem Templar am Abend zuvor gegessen hatte, verzehrten sie jetzt Speck, Brot, Kaffee und eine große Portion weißer, fetttriefender Bratkartoffeln. Lister starrte das Essen mit düsteren Blicken an.

»Wenn ich für meinen Anteil an der Condon-Ranch fünfzigtausend Dollar bekommen könnte«, sagte er langsam, »würde ich die ganze Sache schießen lassen und wieder nach dem Osten gehen, um meine Studien zu beenden.«

»Na, und das wissen die Leute nicht, Mann?« sagte Templar barsch. »Ob sie nicht vielleicht gerade damit rechnen!«

Lister spielte mit dem Henkel seiner Kaffeetasse; seine Finger rutschten an der schlecht gewaschenen Oberfläche ab.

»Ich wußte, daß dabei nichts Gutes herauskommen wird«, sagte er. »Ich wußte es, und ich hatte recht.«

»Nichts Gutes?«

»Bei der Sache mit Condon, meine ich; daß man mich ihm aufgehalst hat. Na, etwas ist ja dabei herausgekommen. Ich habe bisher studieren können. Das ist ja immerhin etwas, wie?«

Da Templar schwieg, sagte der andere mit einem stillen Verzweiflungsausbruch: »Keiner von ihnen hatte recht. Ich meine – vielleicht erzähle ich Ihnen die ganze Geschichte, Templar?«

»Ich würde sie gern hören!«

»Dann nehmen Sie mal das da und lesen Sie!«

Er holte eine große Brieftasche hervor, klappte sie auf, zog einen Umschlag heraus und entnahm ihm ein Blatt Papier, das ganz eng beschrieben war.

»Lesen Sie das mal!« sagte der Student. »Dann werden Sie wissen, wie ich in diese verfluchte Geschichte hineingekommen bin!«

Und Templar las:

»Mein lieber Sohn!

Ich habe eine Abschrift dieses Briefes an sicherer Stelle hinterlegt. Für den Fall, daß mit Dir ein unehrliches Spiel getrieben würde, sollte diese Kopie bereitliegen, da mein Leben nur noch wenige Wochen dauern wird. Wie ich Dir bereits sagte, sollst Du diesen Brief erst mit achtzehn Jahren lesen. Jetzt, da Du ihn liest, bist Du fast schon ein Mann. Zumindest besitzest Du schon ein eigenes Urteil. Ich wünsche, daß Du Dir die ganze Sache sorgfältig überlegst und dann Deinen Entschluß faßt.

Du befindest Dich unter der Vormundschaft Deines Onkels. Ich bezweifle, daß Du an ihm einen sehr warmherzigen Verwandten gefunden haben wirst – aber Du hast wenigstens auf seine Kosten studiert und bist sein gesetzlicher Erbe. Ich möchte Dir jetzt erklären, wie das gekommen ist.

Kurz nach meiner Verheiratung mit Deiner Mutter ersuchte sie mich, ihr Vermögen für sie anzulegen. Dieses Vermögen betrug etwas über fünfzigtausend Dollar, ein hübsches Geld; ich hatte gar nicht so viel von ihr erwartet. Mit einer so großen Summe wußte ich nichts anzufangen, und ich wandte mich daher an ihren Bruder Andrew Condon, zu dem die ganze Familie wegen seines geschäftlichen Scharfsinns aufsah. Er war jünger als ich, aber er hatte viel mehr in der Welt erreicht, das fühlte jeder.

Dein Onkel, Andrew Condon, gab mir den Rat, das Geld nach meinem eigenen Ermessen anzulegen; damit aber steigerte er nur meinen Wunsch, die Sache ihm anzuvertrauen, und wenige Tage später übergab ich ihm die gesamte Summe. Ich zweifelte nicht an seiner Klugheit, und ich kam auch nicht auf den Gedanken, die Ehrlichkeit des Bruders meiner Frau anzuzweifeln.

Nach ein paar Wochen erzählte er mir, daß er das Geld in Grundbesitz in Dakota angelegt habe, und er gab mir einige Papiere, die, wie er mir sagte, den Besitztitel repräsentierten. Es tat mir leid, daß das Geld in Farmland angelegt worden war, und ich bat ihn, sich auch weiterhin um die Sache zu kümmern; es handelte sich da offenbar um eine große Weizenfarm.

Am Ende des Jahres erhielten wir an die viertausend Dollar. Wir waren sehr erfreut, denn das bedeutete ja einen Ertrag von nahezu acht Prozent aus dem Kapital. Als Andrew dann den Vorschlag machte, ich sollte ihm gestatten, einen Teil des Landes zu verkaufen und das Geld in Aktien anzulegen, gab ich ihm völlige Freiheit.

Ich hielt ihn für ein Genie. Er erklärte, es würde uns reich machen, und ich vertraute ihm, zumal es mit meiner Gesundheit schnell bergab ging.

Von nun an wurden die Transaktionen, die Andrew mit dem Gelde meiner Frau vornahm, so zahlreich und so verwickelt, daß sie nicht mehr leicht zu übersehen waren. Ich kümmerte mich gar nicht mehr um sie und hing nur noch dem seligen Traume nach, daß wir eines Tages alle reich sein würden. Das ging so drei Jahre, und während dieser Zeit wurden die Erträgnisse aus dem Kapital immer geringer. Für die ersten vier Jahre bekamen wir insgesamt nur neuntausend Dollar. Andrew aber sprach unaufhörlich von Komplikationen und Umwälzungen in der Geschäftswelt, von zeitweiligen Depressionen und ähnlichen Dingen. Ich hatte immer noch Vertrauen zu ihm, bis dann im fünften Jahre überhaupt kein Geld mehr einkam. Als im sechsten Jahr abermals die Zahlung ausblieb, geriet ich in schreckliche Sorgen.

Ich wollte erfahren, was Andrew gemacht hatte. Die in Aktien und Pfandbriefen angelegten Gelder zu verfolgen, war unmöglich, aber ich griff auf die Urkunden aus Dakota zurück, ließ sie prüfen und erfuhr nach einer sechsmonatigen, mühseligen und langwierigen Untersuchung, daß wir das Land, von dem er behauptet hatte, es gehöre uns, nie besessen hatten! – Ich hatte keine Ahnung, was er mit dem Geld angefangen hatte. Zweifellos hatte er es von Anfang an für seine persönlichen Zwecke verwendet. Jetzt aber konnte ich beweisen, daß er unser Geld unterschlagen hatte. Das war ein kriminelles Vergehen. Meine Gesundheit verschlechterte sich von Tag zu Tag, jeden Augenblick konnte der Tod eintreten, und meine Familie wäre in völliger Armut zurückgeblieben. Ich ließ Andrew sagen, er solle sofort zu mir kommen.

Er hielt mich hin. Er erwies sich als ein aalglatter Bursche. Mit verblüffender Geschicklichkeit wich er mir aus, ersann eine Entschuldigung nach der anderen, bis ich ihm schließlich mit der Verhaftung drohte: da kam er.

Als ich ihm die Tatsachen vorhielt, versuchte er einen Augenblick lang, auszuweichen. Dann legte er ein volles Geständnis ab; er habe gehofft, einen großen Coup zu landen, und das sei ihm leider mißglückt. Er bat mich, ihm noch einmal eine Chance zu geben. Er habe nicht viel Geld, und er verpflichte sich unter seinem Eid, meine Ausgaben für das kommende Jahr zu decken. Wenn ich ihm noch ein bißchen Zeit ließe, würde er mir eine große Summe geben können.

Ich gewährte ihm die geforderte Frist. Es waren drei Monate, nach deren Ablauf er zu uns kam. Er war sehr krank und lag einige Tage lang in meinem Haus zu Bett mit einer häßlichen Wunde in der linken Seite. Mir sah es so aus, als ob dieser Riß von einer großkalibrigen Kugel herrühre, aber er nahm diesen Gedanken sehr unwillig auf und erzählte mir etwas von einem Sturz vom Pferde auf scharfkantiges Gestein. Jedenfalls hatte er zwanzigtausend Dollar in bar mitgebracht, und diese Summe, sagte er, solle mir gehören. Ich verlangte den Rest der Fünfzigtausend von ihm, und da erklärte er, er habe nicht mehr. Ich war sehr wütend. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich bald sterben müsse, daß nach meinem Tode zwanzigtausend Dollar nicht genügen würden für den Unterhalt meiner Frau und meines Kindes. Meine Frau sei nicht imstande, zu arbeiten, mein Sohn kaum acht Jahre alt. Wenn er mich nicht gründlicher zufriedenstellen könne, würde ich gerichtlich gegen ihn vorgehen. Daraufhin wandte er sich mit einer langen Rede an mich. Er hatte immer schon, wenn er wollte, recht geschickt reden können, und er überzeugte mich, daß er kein schlechter Mensch sei, daß er nur deshalb einen unrechten Weg gegangen sei, weil ihn das Glück immer im Stich gelassen habe.

Condon schwor, wenn man ihm noch Zeit ließe, in Zukunft seine Vergehen wiedergutzumachen, würde er Dich, Munroe, zu seinem Erben einsetzen und für Deinen Unterhalt sorgen, bis Du mit Deinem Studium fertig wärst. Ich nahm diesen Vorschlag an. Ich wußte, daß er ein skrupelloser Kerl war, aber ich wußte auch, daß er genügend Verstand hatte, um Großes zu erreichen. Wir schlossen also eine bindende Vereinbarung ab.

Kurz nachher verließ er uns, und ein paar Wochen später schrieb er, er habe jetzt den Rest der fünfzigtausend Dollar und würde ihn gern zurückerstatten. Er nahm an, daß ich dann bereit sein würde, die getroffene Abmachung aufzuheben.

Ich schrieb zurück, daß er uns neben den fünfzigtausend Dollars noch weitere dreißigtausend an Zins und Zinseszins schulde. Er antwortete, daß er mir einen Scheck über sechzigtausend Dollar schicken würde.

Und nun, mein Sohn, ließ ich mich zu einem ungerechten Schritt hinreißen. Ich erinnerte mich, daß ich wegen Andrews Unehrlichkeit sieben Jahre lang hatte leiden müssen. Diese Sorgen haben zweifellos mein Leben verpfuscht, vielleicht sind sie sogar schuld an meinem Tode. Nur noch eine sehr ungewisse Zahl von Tagen sind mir vergönnt, und ich hatte das Gefühl, ich müßte Andrew für seine Sünden büßen lassen.

Auf jeden Fall schrieb ich ihm zurück, ich hätte die Papiere, die ihn des Betruges mit jener Pseudofarm in Dakota überführten, an sicherer Stelle hinterlegt. Wenn er seinen Vertrag mit Dir nicht buchstäblich genau erfülle, würde das Strafgericht ihn unweigerlich ereilen.

Ich weiß, daß das, was ich tue, in einer Hinsicht unrecht von mir ist, aber ich habe das Gefühl, daß ich durchaus richtig handle, wenn ich Deine Lebensaussichten verbessere. Gott möge mir verzeihen, wenn ich mich irre! Zweifellos begehe ich die Sünde nicht um meinetwillen.«

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