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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 23
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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22

Während er so wartete, sah er neben einem Busch gegenüber der Tür der Hütte etwas sich bewegen; sofort riß er die Flinte an die Schulter, und da tauchten Kopf und Oberkörper eines Mannes hervor, schoben sich schlangengleich dicht am Boden hin. Ein riesiger Schädel war es, ein breiter, wuchtiger Körper: O'Shay!

Alles Gefühl für die Seltsamkeit dieser kalten Nacht, für das Flüstern des Stromes, für die Totenblässe des Mondes verließ ihn, so sehr mußte er die Geschicklichkeit bewundern, mit der dieses Ungeheuer sich an die Hütte heranschlich. An dem Busch vorbei näherte sich O'Shay einem abgeplatteten Felsblock, der offenbar nicht im mindesten genügen konnte, seinem Riesenleib Deckung zu bieten.

Aber Templar erinnerte sich von ihren gemeinsamen Jagden in der Wüste, wie O'Shay jedes lebende Geschöpf der Wüste zu Fuß beschleichen konnte; so wie er es fertig brachte, sich leise bis in den Bereich der Witterung eines Koyoten zu stehlen. Selbst die Geruchsnerven eines Waldwolfes waren nicht scharf genug, um sein schattenhaftes Nahen zu merken!

So schob sich nun der Riese vorwärts, lautlos, ohne das mindeste Geräusch, bis er hinter dem Felsblock lag. Dort hielt er nur einen Augenblick lang inne, dann kroch er weiter und überquerte nun einen Streifen kahler Erde, der keinerlei Deckung bot.

Während Templar mit halbem Auge das Anrücken seines alten Freundes verfolgte, richtete er seine übrige Aufmerksamkeit zugleich auf das gähnende Dunkel der Hüttentür und versuchte, mit seinen Blicken in das schwarze Innere einzudringen; und er gelobte sich, sofort zu feuern, falls auch nur der Schatten einer Gestalt sich dort blicken ließ.

Nichts aber war zu sehen, und der dicke O'Shay richtete sich jetzt dicht an der Mauer hoch, zuerst auf die Knie, dann auf die Füße, und begann sich an die Tür anzuschleichen. Er erreichte sie, dann aber blieb er regungslos stehen; oder er reckte vielleicht so langsam, so allmählich den Hals, daß Templar den Eindruck hatte, er habe sich nicht gerührt. Als er sich schließlich zu bewegen anfing, geschah es nur, um mit einem kühnen Schritt auf das finstere Innere der Hütte zuzuschreiten, und dann verschwand er in dem dunklen Abgrund.

Templar konnte nicht länger warten; er sprang auf, lief, unbekümmert um den Lärm, den er machte, drauflos, und kam in die Hütte getaumelt.

Er konnte in der Finsternis nichts unterscheiden; plötzlich aber ertönte aus einem Winkel die dröhnende Stimme O'Shays.

»Mach mal Licht und beiß die Zähne zusammen, wenn du das Zündholz anstreichst!«

Das Zündholz fing zu brennen an, und Templar, die Flamme mit der Hand beschirmend, richtete einen flackernd gelben Lichtstrahl auf die grauenhaft anzusehende Gestalt eines Mannes, der in der Ecke an der Wand lehnte, Kopf und Schultern zusammengekrümmt, den übrigen Körper auf dem Boden ausgestreckt. Das Gesicht konnte man gerade noch als ein Menschenantlitz erkennen – die Identität aber war durch eine Reihe schrecklicher Hiebe vernichtet worden, die die Stirn und alle Züge oberhalb des Mundes zerschmettert hatten.

»Das hat dieselbe Hand getan, die Condon getötet hat«, sagte Templar. Seine Stimme bebte vor Entsetzen. »Es ist bestimmt beide Male derselbe Teufel gewesen, Danny!«

Jetzt näherten sich hastige Schritte der Tür; der Sheriff und Lister betraten den Raum. Einige Kiefernspäne wurden angezündet, um Licht zu schaffen, und beim Schein dieser windgepeitschten Flamme stellten sie ihre Untersuchung an. Der Sheriff und Lister liefen sogleich hinaus, um das Terrain rings um die Hütte abzusuchen, in der Hoffnung, den flüchtenden Mörder noch in der Nähe zu erwischen. O'Shay und Templar blieben unterdessen zurück und untersuchten das Innere des Hauses und den Toten genauer.

»Durchsuche seine Kleider!« meinte O'Shay.

»Einen Toten durchsuchen?« rief Templar. »Nein, nein! Laß ihn in Frieden, Dan!«

»Er ist ein Gauner gewesen, und noch dazu ein ganz niederträchtiger Gauner«, meinte O'Shay. »Er verdient nicht, daß man ihn anständig behandelt. Man muß ihn durchsuchen; wir wissen ja nichts über ihn und müssen unbedingt sehen, daß wir etwas Näheres über ihn erfahren.«

»Mann, der Mörder gewinnt einen Vorsprung von Meilen und Meilen!« sagte Templar in einem Anfall nervöser Ungeduld.

»Mein Kind«, erwiderte der Riese, »den hat er schon! Ich würde auch lieber einen Löwen in seiner Höhle aufstöbern, als diesen Mann im Halbdunklen über die Hügel verfolgen! ... Halt mal das Ding!«

Mit seinen dicken, aber gewandten Fingern durchsuchte er Snyders Taschen; denn der Tote war zweifellos Snyder. Man konnte das vielleicht aus den Kleidern nicht ganz sicher schließen, aber an dem Kinn befand sich ein großer, blauschwarzer Fleck, von dem Templar genau wußte, wie er dorthin gekommen war.

O'Shay reichte Templar die Ausbeute der Durchsuchung; mit widerstrebenden Händen nahm Templar sie entgegen: eine alte Brieftasche aus imitiertem Leder, die einige zerknitterte Kuverts enthielt, eine große goldene Uhr von wirklich guter Qualität, zwei Bleistifte, die zu einer schmalen, langen Spitze angespitzt waren und eine Blechhülse trugen, zwei Taschentücher, ein Messer mit drei Klingen, von denen die eine zerbrochen war, eine Schachtel Zündhölzer, ein Päckchen türkischer Zigaretten, einen kleinen Knäuel Bindfaden und seltsamerweise ein Stück Siegellack.

»Zeig mal her«, sagte der Riese.

Hastig ging er diese Sammlung durch, öffnete sogar die Briefe und warf einen Blick hinein, während Templar unwillig protestierte.

»Ist dir gar nichts heilig, Dicker?«

»Die Gerechtigkeit!« erwiderte O'Shay heftig, und darauf wußte Templar nichts mehr zu erwidern. O'Shay riß sogar dem toten Snyder die Stiefel von den Füßen und zerrte die Einlegesohlen heraus; Templar stand dabei und biß sich auf die Lippen.

»Wir werden schon was finden«, sagte O'Shay, als beantworte er eine unausgesprochene Frage. »Sachte, alter Knabe, sachte!«

Und damit griff er tatsächlich nach den geballten Fäusten des dicken Hausverwalters und bog die schlaffen Finger auseinander. Er holte aus der einen Hand des Toten einen kleinen, runden Papierknäuel hervor und ging damit sofort zu der Flamme von Kiefernspänen, die er ein wenig auffrischte, bis sie genügend Licht verbreitete.

Dann knetete er den kleinen Knäuel so lange, bis er sich löste, und glättete ihn zu einem länglichen, schmalen, vergilbten Ausschnitt aus einem Zeitungsblatt.

Er schnalzte mit der Zunge und nickte. »Das schmeckt gut, wie ein kalter Schluck Wasser nach einem Wüstenmarsch, Söhnchen«, erklärte er. »Wir haben's!«

Er las laut vor, machte viele Pausen, hörte zuweilen auf und blickte zur Seite, so tief dachte er nach.

Und was er vorlas, lautete folgendermaßen:

»Heute hat man die Identität der drei Personen festgestellt, die am Donnerstag voriger Woche den Zug der M. O. & St. O. überfielen, etwas über hunderttausend Dollar in Banknoten raubten und am folgenden Sonnabend festgenommen wurden.

Sheriff Felix Crampton hat zwei von ihnen identifiziert, und es stellte sich heraus, daß diese beiden bereits vorbestraft sind. Der eine, Lawrence Harmon, wurde schon zweimal wegen Straßenraubs verurteilt und zweimal wegen tätlichen Überfalls in mörderischer Absicht angeklagt, und der andere, Roy McArdle, soll der Alisterbande angehört haben und saß bereits einmal wegen Totschlags im Gefängnis.

Die Identität des dritten Gefangenen wurde durch einen reinen Zufall festgestellt. Als einer der Gefängnisbeamten ihn sah, erklärte er, das müsse Charles Crane sein, ein junger und sehr bekannter Kaufmann aus seiner Heimatstadt. Als man Crane seinem Landsmann gegenüberstellte, gab er sogleich seine Identität zu und schien tief erschüttert; er bat, man möge die Nachricht vor seiner Familie geheimhalten.

Das vierte Mitglied der Diebesbande befindet sich noch auf freiem Fuß, und da man bei den andern nichts von der Beute gefunden hat, ist anzunehmen, daß dieser vierte Mann die gesamte Beute mit sich fortgeschleppt hat. Das Gewicht der Sachen dürfte ihn ziemlich schwer belasten, so daß seine rasche Ergreifung fast gesichert erscheint. Sie ist binnen wenigen Tagen zu erwarten. Den letzten Meldungen zufolge war er nach dem Hochgebirge unterwegs, und sein Pferd soll bereits sehr geschwächt gewesen sein.

Sheriff Crampton hat seine Verfolgung aufgenommen; man kann nur die Geschicklichkeit bewundern, mit der er und seine Beamten die Spur der drei festgenommenen Räuber aufgestöbert haben.«

O'Shay beendete die Verlesung mit einem gewissen Wohlbehagen und bemerkte dann: »Der erste Schritt ist gemacht!«

»Der erste Schritt – wozu?« fragte Templar mit ungeduldiger Gereiztheit. »Was hat der Bericht über einen uralten Eisenbahnraub mit der Ermordung Condons, dem Diebstahl von fünf Millionen und dem brutalen Mord an diesem Snyder da zu tun?«

»Vielleicht gar nichts«, erwiderte O'Shay. »Aber vergiß nicht, daß wir diesen Bericht in Snyders Hand gefunden haben! Angenommen, daß der, der ihn ermordet hat, zu der Bande von Eisenbahnräubern gehörte? Angenommen, daß Snyder auch dazu gehört hat? Angenommen, sagen wir, daß er jener vierte Mann war, der mit der Beute entwischt ist? Ich weiß es nicht – ich stelle nur meine Vermutungen an. Ich tappe noch im Dunkeln, aber ich glaube, ich werde das Richtige schon erwischen!«

Der Sheriff und Lister kamen keuchend zurück. Sie hatten das ganze Gebiet rund um die Hütte ausgekämmt, aber nichts gefunden und niemanden aufgestöbert.

»Aber alle zehn Schritt kann in diesem Bodenloch ein Mensch versteckt sein!« stöhnte der Sheriff. »Wir sind vielleicht über ihn weggestolpert!«

Er nahm die Dinge zur Hand, die man aus den Taschen des Toten geholt hatte, und betrachtete sie kopfschüttelnd.

»Nichts!« sagte er.

Man reichte ihm den Zeitungsausschnitt.

»Ich werde das behalten«, seufzte er. »Aber es wird nichts dabei herauskommen. Mein Gott, mein Gott, da waren wir heute nahe daran, eine große Sache zu schaffen, Jungens! Zehn Jahre meines Lebens würde ich darum geben, diese Spur finden zu können!«

»Zeigt mir mal alle eure rechten Absätze her!« befahl O'Shay plötzlich.

»Wollen Sie sich einen Spaß aus der Sache machen?« fragte der Sheriff mit kaltem Unwillen.

»Tun Sie, was ich Ihnen sage!« erwiderte O'Shay. »Ich spaße nicht.«

Sie gehorchten ihm. »Gut«, fuhr er fort. Jetzt werde ich euch die Spur des Mörders zeigen.«

Er nahm mehrere Kiefernspäne zur Hand, vereinigte sie zu einem festen Bündel und beleuchtete dann mit dieser Fackel etliche Abdrücke auf dem gestampften Lehmboden der Hütte. Sie schienen von einem schmalen Stiefelabsatz zu stammen, der an seinem äußeren Rande mit einer Anzahl kräftiger Nägel beschlagen war.

O'Shay verfolgte diese Abdrücke bis zur Tür, wandte sich dann nach rechts, ließ sich schließlich auf Hände und Knie nieder und kroch durch die schmale Lücke zwischen der Basis des Felsens und dem Hüttendach, das sich an den Felsen lehnte.

Er kroch weiter um den riesigen Steinblock herum und richtete sich dann auf.

»Die Sache ist ziemlich klar«, sagte O'Shay. »Er hat hier drinnen gewartet, bis Templar an dieser Seite des Felsens herunterkam; dann entfernte er sich auf dem Wege, auf dem Templar gekommen war. Jetzt ist er dort drüben!«

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