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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 22
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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21

Snyder war das verkörperte Schuldbewußtsein, als er, in dem ungewohnten Licht blinzelnd, Lister und Templar erblickte. Er wurde bleich, trat unsicher von einem Fuß auf den andern und richtete sich endlich mit einem Räuspern auf, um ihrem Blick zu begegnen.

»Snyder«, sagte der Sheriff, »wir haben Ihren Brief bekommen. Es sieht so aus, als ob Sie etwas wüßten. Versprechen tun Sie eine ganze Menge. Wir sind hier vier Mann. Lister kann schießen, das habe ich selbst gesehen, und Templars Fähigkeiten kennen wir alle; ein Freund von ihm wartet draußen, und ich bin der vierte. Sind Sie bereit?«

Der ehemalige Hausverwalter warf einen haßerfüllten Blick auf Templar.

»Die übrigen genügen, wenn Sie schon glauben, daß Herr Lister Manns genug ist! Aber warum – der da?«

Er zeigte mit dem Daumen auf Templar. Der Sheriff sah ihn an.

»Was haben Sie eigentlich vor, wenn Sie unseren besten Mann nicht dabei haben wollen?«

»Ich bin überzeugt, daß er uns Pech bringt«, sagte Snyder. »Aber wenn Sie ihn durchaus haben wollen, kann er meinetwegen mitreiten und – –« Er verschluckte den Rest. Dann sagte er: »Ich bin bereit.«

»Wollen Sie nicht etwas essen, bevor wir reiten?«

»Essen?!« schrie Snyder. »Wir haben Wichtigeres zu tun, als an Essen zu denken! Wir haben ...«

Wieder unterbrach er sich und schluckte heftig. Was er auch wissen mochte, dieses Wissen brodelte in ihm wie schäumendes Wasser hinter einem Damm von ungewisser Stärke.

Sie eilten sofort zu ihren Pferden, und Danny O'Shay wurde als Vierter im Bunde vorgestellt. Templar und der Sheriff bestiegen ihre Mustangs. Lister und Snyder ritten zwei von Condons Vollblütern, und O'Shay erschien auf einer riesigen Rappstute, der sein Gewicht augenscheinlich nicht allzuviel zu schaffen machte. Alle waren bis an die Zähne bewaffnet, und der Sheriff musterte sie mit zufriedenen Blicken.

Dann sagte er zu ihrem Führer: »Snyder, wir folgen Ihnen blindlings und stellen keinerlei Fragen. Wenn Sie aber meinen, daß wir zu wenig sind, kann ich in zwei Minuten noch fünfzig solcher Männer hier haben.«

Doch davon wollte Snyder nichts wissen. Er meinte, sie wären ihrer vollständig genug. Im Gegenteil, mehr Reiter würden die Gefahr nur vergrößern.

Also brachen sie auf, geradeswegs in der Richtung auf den Paß zu. Die ersten fünf Meilen ritten sie schweigend dahin. Dann bog Snyder, ihr Führer, von der Straße nach dem Cramergebirge hin ab, hielt und ließ die anderen herankommen.

»Wir müssen jetzt einzeln reiten«, sagte er. »Folgen Sie mir und bleiben Sie dicht hinter mir! Der Weg ist sehr schlecht.«

Er hatte nicht übertrieben; man konnte es kaum noch einen Weg nennen. Nur mit Mühe kletterten die Pferde in dem ungewissen Licht über die steinigen Hänge empor. Endlich hielt Snyder abermals an und stieg ab. Die anderen folgten seinem Beispiel.

»Freunde«, flüsterte er, »wir dürfen jetzt nicht mehr sprechen. Eine halbe Meile von hier befindet sich der gefährlichste Mann der Welt. Ich wenigstens halte ihn dafür. Ich werde vorangehen und nachsehen, ob er noch da ist. Auf der anderen Seite dieses Hügels hier vor uns liegt ein kleines Tal, eigentlich eine Mulde, kein richtiges Tal. In der Mitte dieser Mulde steht eine kleine, an einen Felsen gelehnte Hütte, und in dieser Hütte befindet sich ein Mann mit fünf Millionen Dollar. Das macht eine Million pro Mann, jawohl, eine Million pro Mann!«

Er war vollkommen außer Atem und mußte eine Pause machen.

»Er ist gerissener als ein alter Fuchs«, fuhr Snyder fort. »Kein Mensch würde ihn je im Verdacht haben, daß er den Mord begangen hätte. Jetzt hat er das Geld und wähnt sich in Sicherheit. Denn keiner außer mir kennt ihn, und mir vertraut er, der Idiot! Er hält mich wahrhaftig für so dumm und glaubt mich so sicher zu haben, daß ich ihn nicht verraten werde. Aber er täuscht sich! Nun passen Sie genau auf! Ich werde jetzt über die Kuppe vor uns und dann in die Mulde hinab bis zu der Hütte gehen. Unterwegs werde ich zweimal auf besondere Art pfeifen. Das ist das Signal. Ich werde in die Hütte gehen, um mit ihm zu reden. Ihr verteilt euch auf die vier Seiten der Mulde und schleicht euch gleichfalls hinab. Es gibt da eine Menge Felsen und Büsche, die gute Deckung bieten. Wenn ihr irgendein Geräusch macht oder euch zeigt, bin ich ein toter Mann!

Eine Million für jeden von uns steht auf dem Spiel. Wenn wir sie nicht heute nacht ergattern, ist sie für immer verloren. Also tut, was ich euch gesagt habe! Ich werde eine halbe Stunde warten und dann mit ihm vor die Hütte treten, wenn ich ihn dazu bringen kann. Kommt er nicht mit mir heraus, dann stürzt euch alle gleichzeitig auf die Hütte! Kommt er mit, dann schießt schnell, und schießt um Gottes willen nicht daneben!« Er fügte noch einmal hinzu: »Eine Million pro Mann! Achtung, Jungens! Das lohnt sich!«

Snyders Stimme klang heiser. Das Goldfieber tobte in ihm, und er vergaß völlig, daß der Schatz, den er schon in seinen Händen wähnte, eigentlich das rechtliche Eigentum Munroe Listers war.

Er ging, und die anderen folgten. Nur der Sheriff erteilte eine letzte Warnung. »Kein Wort, keinen Hauch! Snyder meint es ehrlich. Die fünf Millionen reizen ihn.«

In tiefstem Schweigen kamen sie auf die Kuppe und beobachteten Snyder bei seinem Abstieg in die Mulde. Sie war mit größeren und kleineren Felsblöcken übersät und mit spärlichem Knieholz bewachsen; mitten hindurch floß, ziemlich tief eingeschnitten, ein schmales Flüßchen. An einer Stelle erweiterte es sich zu einem kleinen Teich, an dessen Ufern Pappeln standen.

Der Mond stieg höher. Die Felsen erglänzten in silbernem Licht. Wie Wächter in ihrer Rüstung standen sie aufrecht da, geheimnisvolle Schatten werfend. Templar kam sich einen Augenblick lang wie verzaubert vor. Dicht unter einem riesigen Felsen, der vor Urzeiten vom Hochgebirge herabgestürzt war, lag die Hütte so verborgen, daß man sie anfänglich kaum entdecken konnte.

Schweigend gab der Sheriff seine Befehle. Durch Zeichen wies er jedem den Punkt an, von dem aus er sich der Hütte zu nähern hatte. Er selbst wählte für sich die gefährlichste Aufgabe – den offenen Weg am Bach entlang.

Templar sollte sich von Nordosten her an die Hütte heranpirschen. Um seinen Standort schneller zu erreichen, lief er gut gedeckt hinter der Kuppe entlang. Dann sah er, daß ihm der Sheriff die leichteste Aufgabe zugewiesen hatte, denn im Schutze des großen Felsens konnte er ohne weiteres bis dicht an die Hütte gelangen. Das wurmte ihn; anscheinend hielt ihn der Sheriff für den ungeschicktesten unter ihnen, wenn es sich um das Beschleichen eines Feindes handelte. Um so vorsichtiger ging er zu Werke. Als ob zehn schwerbewaffnete Männer auf ihn lauerten, schlich er vorwärts, vermied auch das leiseste Geräusch, bis er das Plätschern des Flüßchens dicht bei der Hütte hören konnte.

Offenbar hatte ein Jäger sich diese Hütte gebaut, um in ihr seine erbeuteten Felle aufzubewahren. Jetzt barg sie fünf Millionen.

Templar konnte sich kaum eine klare Vorstellung von einem so ungeheuren Schatz machen. Er erinnerte sich, auf der Schule mit dem Sohn eines reichen Mannes zusammen gewesen zu sein. Der Vater war plötzlich gestorben und hatte eine halbe Million Dollar hinterlassen, und in seinem Nachruf war ehrend erwähnt worden, daß er sich dieses große Vermögen durch ehrliche Arbeit und kluges Geschäftsgebaren erworben habe. Nun, zehn solcher Vermögen müßte man aufeinanderhäufen, um den Reichtum zu schaffen, der hier in dieser Hütte lag!

Unter diesen Gedanken war er bis dicht an den großen Felsen herangekommen, kroch vorsichtig um ihn herum und legte sich flach auf den Boden. Dicht vor ihm gähnte die offene Tür der Hütte.

Kaum atmend, den Revolver in der Hand, lag er da. Er hörte verschiedene Geräusche, konnte sich aber nicht klar werden, ob es das leise Rauschen des Baches oder ein Stimmengemurmel aus der Hütte sei.

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