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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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20

Die Freude des Wiedersehens wurde durch diese letzte Bemerkung etwas gedämpft; doch Templar antwortete nur achselzuckend: »Mir ist es ganz gleichgültig, wer sie sind und was sie wollen. Erzähle mir lieber, warum du nicht mehr in der Wüste bist und Reichtümer sammelst!«

»Weil ich Vergnügen höher schätze als Geld«, antwortete der Riese, »und weil es so verdammt langweilig war, nachdem du dich dünne gemacht hattest. Jetzt werde ich dir zunächst von den beiden in der Ecke erzählen.«

»Wie sehen sie denn aus?«

»Wie Mäuse am Speck.«

»Gut. Aber beschreibe sie doch!«

»Der eine ist ein stämmiger Bursche mit einem Kämpfergesicht und hat ein Paar scharfe Augen im Kopf. Ich glaube, der kann einen Walfisch mit 'nem Angelhaken fangen. Der andere ist etwas kleiner. Ich möchte ihn nicht im Rücken haben. Ein Messerheld. Johnny, der beißt und sticht sich überall durch. Ab und zu beobachten sie dich. Hast du ihnen irgend etwas zuleide getan?«

Templar besah sie sich in einem kleinen Taschenspiegel. Sie waren ihm völlig fremd.

»Ich sehe beide heute zum erstenmal«, versicherte er.

»Sie kennen dich aber«, antwortete Dan O'Shay, »und interessieren sich offenbar sehr lebhaft für dich. Was hältst du von ihnen, mein Sohn?«

»Komm, wir wollen gehen!« schlug Templar vor. »Wir können uns im Dunkeln ebensogut unterhalten, aber sie können dann nicht mehr so gut sehen.«

Also gingen sie zusammen fort.

»Hier an der Ecke wollen wir warten. Ich möchte mir die beiden Kerle gerne noch einmal anschauen. Danny, du hast doch hoffentlich das Schießen nicht verlernt?«

»Ich habe täglich geübt, aber so sicher wie du, mein Sohn, bin ich noch lange nicht.«

»Der Kopf eines Mannes ist immer noch größer als ein Groschen«, sagte Templar kurz. »Danny, vielleicht mußt du mir mit deiner Kunst zur Seite stehen!«

»Wußt' ich's doch!« kicherte der Riese. »Die ganze Zeit hab' ich's gewußt. Schon in der Wüste hörte ich dich ganz deutlich rufen und wußte, daß du wieder in einer Patsche steckst. Los, du kleine Platzpatrone! Erzähle, was passiert ist!«

Leise und schnell erzählte Templar, was er seit seinem Einzug in Last Luck erlebt hatte. Um seinem Gedächtnis nachzuhelfen, hatte er die Augen halb geschlossen. Da er nur die einfachsten Tatsachen berichtete, dauerte es nicht lange, ehe er abschließend sagte: »Snyder, Lister, der schleichende Fremde oder die Chinesin, in dieser Reihenfolge erscheinen sie mir verdächtig, Condon ermordet zu haben!«

»Vielleicht ist es nur einer, vielleicht haben auch alle vier die Hände im Spiel«, meinte Danny O'Shay. »Ich schlage dir vor, wir besuchen den Sheriff. Kann sein, daß er schon etwas Neues weiß. Erst aber wollen wir uns die beiden Knaben da drin noch einmal ansehen. Eigentlich müßten sie jetzt bald 'rauskommen!«

Sie gingen an den Eingang zurück und blickten hinein. Die beiden Männer waren verschwunden. Da sie nicht hier vorbeigekommen waren, mußten sie durch die Hintertür entschlüpft sein. Ernst sahen O'Shay und Templar einander an.

Dann legte der Riese seine schwere Hand auf die Schulter seines Freundes und sagte: »Du hast alle Hausbewohner des Mordes verdächtigt. Was, meinst du wohl, haben die beiden über dich gesagt? Wahrscheinlich hat man sie bezahlt, damit sie dich beobachten. Komm mit zum Sheriff!«

»Zum Teufel mit dem Sheriff!« erwiderte Templar. »Ich will fort von hier, Danny. Ich will wieder in die Wüste. Wenn du mitkommst, können wir gleich losgehn.«

Der Riese nahm ihn einfach unterm Arm, führte ihn die Straße entlang und sagte: »Du gehst dahin, wo ich es dir sage! Ich kenne dich doch. Jetzt bist du müde. Morgen früh, wenn du ausgeschlafen hast und deine Nerven sich beruhigt haben, bist du wieder mit ganzer Seele dabei. Also komm ruhig mit!«

Das Büro des Sheriffs war trotz der späten Stunde noch nicht geschlossen. Freilich, der Sheriff in diesem Distrikt hatte bei Tag wenig zu tun; aber sowie es dunkel wurde, ging fast immer der Rummel los. Er trat zu ihnen heraus und freute sich, daß Templar gekommen war. Wenigstens sagte er es. Dann bat er ihn, und zwar auf besonderen Wunsch Munroe Listers, der ihm volles Vertrauen schenke, mit hineinzukommen. Danny O'Shay müsse leider so lange warten. Er bot ihm einen Stuhl im Flur an und gab ihm einige alte Zeitungen zu lesen. Inzwischen trat Templar ein. Lister saß mit sorgenvoller Miene im Büro.

Der Sheriff war die Offenheit selber. Er sagte gleich: »Die Geschichte bedeutet natürlich das Ende meiner Amtszeit. Der reichste Mann des Bezirkes ist ermordet worden, obgleich er wußte, daß er in Lebensgefahr schwebte. Keiner wird mich, wenn so etwas vorkommen kann, wieder wählen. Ich selbst würde mich nicht einmal mehr um das Amt eines Hundefängers bewerben. Bisher hat keine der Spuren, die ich verfolgt habe, irgendein Resultat ergeben. Zu gerne würde ich den Mann verhaften, auf den Sie gestern abend geschossen haben, Templar! Dann kämen wir vielleicht einen Schritt weiter!«

»Also gar nichts Neues?« fragte Templar.

Lister stöhnte. Doch, es gebe eine ganze Menge Neuigkeiten. Man habe heute überall herumtelegraphiert, nach allen Orten, wo Condon, wie man wüßte, Liegenschaften und Besitzungen hatte, und ganz überraschende Nachrichten bekommen. Während der letzten sechs Monate habe Condon seine sämtlichen Besitzungen zu Geld gemacht, für die Barmittel Aktien gekauft und alles in der Bank von Last Luck deponiert.

Am Tage vor seinem Tode hatte er alles abgeholt, das ganze bare Geld abgehoben. Nur sein Testament war in der Bank zurückgeblieben. Wenn man nicht später noch andere Bestimmungen fand, dann war sein Neffe Lister Universalerbe.

Aber er bekam von all den Millionen weiter nichts als die Besitzung bei Last Luck. Auch diese war mit einer Hypothek von hunderttausend Dollar belastet, die Condon erst im letzten halben Jahr bei der Bank in Last Luck aufgenommen hatte. Zwar war die Besitzung darüber hinaus immer noch hundertfünfzigtausend Dollar wert, aber diese Summe konnte natürlich nicht sofort realisiert werden. Von dem großen Vermögen des Toten erbte Lister also nur diesen verhältnismäßig geringen Teil.

Gerade diese Tatsachen, meinte der Sheriff, gäben dem Mord eine ganz andere Bedeutung. »Es ist der geheimnisvollste Mord im ganzen Lande. Beinahe fünf Millionen Dollar sind verschwunden! Wo sind sie hin? Haben die Mörder sie erbeutet?«

Ferner: warum wohl hatte Condon sein gewaltiges Vermögen flüssig gemacht und zu sich genommen, da er doch wußte, daß er in beständiger Lebensgefahr schwebte?

Eigentlich gab es darauf nur eine Antwort. Er hatte gehofft, wenn es hart auf hart käme, mit seinem Gelde fliehen zu können; oder aber er wollte in der Lage sein, sich von seinen Verfolgern loszukaufen.

Nun erzählte Templar, was er wußte. Condon habe absichtlich seine Flucht hinausgeschoben, weil er sich viel davon versprach, wenn er dreißig Tage aushielte. Eines Abends sei ein Brief gekommen, worauf Condon mit ihm zusammen nach Last Luck gefahren sei. Dort habe er sich vor der Stadt mit einem Manne, der eine auffallend tiefe Stimme hatte, unterhalten. Der Sheriff und Lister hörten fasziniert zu, und Lister sprang auf und rief: »Dieser Mann ist der Mörder!«

»Wo ist Snyder?« fragte Templar. »Hat man ihn gefunden?«

»Gefunden nicht«, sagte der Sheriff, »aber er wird in fünf Minuten hier sein. Lister, ich glaube, es ist am besten, wir spielen mit offenen Karten.«

Lister nickte, und der Sheriff gab Templar einen zusammengefalteten Brief; er lautete:

»Herr Sheriff!

Wenn Sie mir freies Geleit zusichern, kann ich Sie zu dem Mörder und seiner Beute bringen. Es ist eine gefährliche Sache, die ich nicht allein machen kann. Ich habe den verwegensten Verbrecher der Welt in der Hand, und mit Ihrer Hilfe kann ich ihn dingfest machen. Wenn Sie mir versprechen, mich nicht einzusperren, komme ich heute abend um neun Uhr zu Ihnen. Rüsten Sie sich für einen Ritt von zehn Meilen, und stellen Sie, wenn Sie einverstanden sind, zwei Lichter ins Fenster!

Snyder.

P. S. Vier oder fünf Mann, todsichere Schützen, genügen.«

»Da brennen die beiden Lichter«, sagte der Sheriff, »und es ist gleich neun Uhr.«

»Ich habe einen Wunsch«, sagte Templar. »Wenn ich mitkommen soll, möchte ich einen Mann mitnehmen, auf den ich mich verlassen kann. Er sitzt draußen.«

»Den Riesen?« staunte der Sheriff. »Kein Pferd auf der Welt könnte ihn zehn Meilen weit tragen!«

»Er hat einen Gaul, der das kann!« versicherte Templar.

Da klopfte es. Der Sheriff rief: »Herein!« Und Snyder stand vor ihnen.

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