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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 20
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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19

Verläßt man ein Haus, in dem man nicht gerade Angenehmes erlebt hat oder liebe Freunde zurückläßt, so ist das Schließen der Haustür gewissermaßen ein symbolischer Vorgang. Es bedeutet das äußere Zeichen für den festen Entschluß, zwischen sich selbst und dem, was hinter einem liegt, einen dicken Trennungsstrich zu ziehen. Ein solcher Entschluß kann leicht, er kann auch schwer sein und innere Kämpfe kosten. Templars Gefühle waren gemischt. Er freute sich wohl, all das Unangenehme, das er erlebt hatte, hinter sich zu lassen, aber ihn wurmte es, daß er eine übernommene Aufgabe nicht hatte lösen können.

Er verabschiedete sich von Lister, dem man anmerkte, daß er ihn gern gebeten hätte, noch dazubleiben, der aber für seine Bitte nicht die richtigen Worte finden konnte. Dann bestieg er sein edles Wüstenroß und galoppierte davon, während der Sheriff mit seinen Leuten noch eifrig bemüht war, die Spuren des flüchtigen Mörders zu finden.

Im ersten Augenblick hatte Templar daran gedacht, der ganzen Gegend den Rücken zu kehren und sich nicht mehr in der Stadt sehen zu lassen. Aber er hatte eigentlich gar keine Lust, irgendwo in der Einsamkeit unterzutauchen, sondern sehnte sich vielmehr nach anderer und natürlicherer Gesellschaft, als er sie in dem einsamen Farmhaus gefunden hatte.

Also ritt er zum zweiten Male binnen kurzer Zeit in Last Luck ein, und wieder war sein erster Weg nach »Tabors Ruh.«

Als er eintrat, bahnte Tabor sich einen Weg durch die Menge, begrüßte ihn mit wohlwollendem Lächeln und sagte: »Sie haben wohl Urlaub?«

»Condon ist tot«, erwiderte Templar kurz. »Aber ich suche keine Arbeit. Ich möchte mich in eine Ecke setzen und mir das Treiben hier ansehen. Sie haben doch nichts dagegen?«

»Ich glaube kaum«, antwortete Tabor, »daß es bei mir eine Ecke gibt, die groß genug für Sie ist; aber vielleicht finden Sie eine.«

Da die meisten Templar nur in voller Tätigkeit gesehen hatten, wurde er als unauffälliger, ruhiger Gast kaum erkannt. Er ließ sich treiben, und die fröhlichen Gesichter und die vergnügungsdurstigen Augen wirkten auf ihn wie ein Vergessenheitstrank, der alle ruhelose Ungewißheit, die von Condons Haus her noch in ihm zurückgeblieben war, mühelos hinwegspülte. Allmählich wurde es dunkel; das Haus füllte sich immer mehr, und der Alkohol fing an zu wirken. Templar selbst hatte nichts getrunken. Von der Bar war er in den Tanzsaal gegangen, hatte dann, ohne selbst zu spielen, den Spielsaal besucht und kam nun wieder zurück. Lautes Stimmengewirr empfing ihn.

Die Heiterkeit stieg, und einer der Gäste warf, um einen Streit mit dem Schankkellner zu beendigen, eine Flasche mit gewaltigem Krach zwischen die Gläser. Templar kam belustigt näher, um zu sehen, wie der Unruhestifter mit den vier Kerlen, die auch ihn bei seinem ersten Besuch empfangen hatten, fertig werden würde.

Vorläufig sah er nur einen massigen Kerl, dessen Schultern sich hoben und senkten, und er war sich noch im unklaren, ob der Fremde oder die Rausschmeißer die Oberhand hätten.

Seine Zweifel sollten bald zerstreut werden; denn Nummer eins erledigte die Faust, Nummer zwei der Ellbogen des gewaltigen Kämpfers, und um die Sache kurz zu machen, ergriff er Nummer drei und warf ihn auf Nummer vier und war somit unbestrittener Sieger.

Ein Kreis von Bewunderern hatte sich um ihn gebildet. In der Mitte stand der Sieger und schrie: »Gibt es denn in Last Luck keine Männer, die mit mir boxen wollen? Ich binde mir die linke Hand auf den Rücken und kämpfe gegen zwei. Gibt es denn keinen einzigen tapferen Jungen in der ganzen Stadt hier?«

Da endlich konnte Templar das Gesicht des Riesen sehen, und er versuchte sofort, zu ihm zu gelangen. Dabei wurde er erkannt, und im selben Augenblick ertönte der Ruf:

»Da ist ja Templar! Los! Macht Platz und laßt sie boxen!«

Jetzt wurde die Begeisterung allgemein. Der arme Tabor versuchte, sich durchzuzwängen und Ruhe zu stiften, aber es gelang ihm nicht. Von überallher drängten sich Frauen und Männer heran, um mit dabeizusein.

»Zeigt ihn mir!« schrie der Riese. »Her mit ihm! Weg da, ihr Lumpenzeug! Ach herrje! Das ist ja nur ein Zwerg!«

Das galt Templar, der soeben in den Kreis trat, und Templars einzige Antwort war: »Danny, alter Saufsack!«

Der Riese breitete die Arme aus. »Johnny, mein Junge! Auf den Tag warte ich schon lange!«

Sie fielen einander in die Arme.

»Komm und trink mit mir!« bat der Riese.

»Danny O'Shay, seit wann hast du angefangen, zu saufen?«

»Seit zwei Tagen – zwei Wochen – was weiß ich? Jedenfalls, Johnny, steht mir der Whisky noch nicht bis an die Zungenwurzel.«

»Wann hast du zum letztenmal gegessen?«

»Über Essen bin ich erhaben«, erklärte O'Shay.

»Komm mit!« befahl Templar.

»Wohin?«

»Das wirst du schon sehen! Komm mit!«

»Ach, Johnny«, seufzte der Riese, »ich fürchte, du willst mich trockenlegen.«

Aber folgsam, wenn auch traurig, ging er neben seinem Freund her und verließ mit ihm »Tabors Ruh«. Ein Seufzer der Erleichterung löste sich aus Tabors gequälter Brust.

Sie gingen die Straße entlang und landeten in einem Restaurant. Es war lang und schmal wie ein Apfelkahn und lag zwischen einem Warenhaus und der einzigen Bank von Last Luck.

Sie ließen sich nieder und genehmigten eine mächtige Mahlzeit. Templar, der seit dem Morgen nichts gegessen hatte, war hungrig wie ein Wolf und aß dementsprechend. Aber er hatte seine Beefsteaks, seinen Nachtisch und seine zweite Tasse Kaffee bereits verzehrt, seine erste Zigarette zu Ende geraucht, da erst schob das Ungeheuer, das ihm gegenübersaß, seinen Teller zurück, den er zum drittenmal leergegessen hatte, daß er wie abgeleckt aussah.

Im selben Augenblick lief gerade ein Kellner vorbei, der eine Menge Apfeltorten auf dem Arm trug. Mit kühnem Griff kaperte der Riese die beiden obersten und spülte sie mit der vierten Tasse Kaffee hinunter. Dann lehnte er sich zurück und drehte sich eine Zigarette.

Danny O'Shay war ein Mann von gewaltigem Ausmaß. Hätte man aus ihm einen Zwei-Zentner-Athleten herausgeschnitten, wäre immer noch genug für einen Jockei übriggeblieben. Alles bei ihm war riesenhaft. Die Spitze seines Zeigefingers füllte gerade den Henkel einer großen Kaffeetasse. Seine Taille war mit einem rohen Fellstreifen umgürtet, denn kein vorrätiger Riemen paßte ihm. Obwohl seine Jacke übermäßig groß geschnitten war, konnte sie doch die Muskelwülste nicht fassen, sondern platzte in allen Nähten. Sein blondes Haar war durch die Wüstensonne beinahe weiß gebleicht, so daß, im Gegensatz dazu, sein verbranntes Gesicht ganz schwarz aussah.

»Nun, Johnny, ehrliche Haifischhaut«, sagte der Riese, »geliebter Junge, mein einziger Sägezahn, was, zum Teufel, machst du in Last Luck? Und was sind das für zwei Freunde dort in der Ecke – sieh nicht hin! – die dich beliebäugeln, als ob du ein Goldsack auf Beinen wärst?«

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