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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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18

Diese wüste Beschimpfung hätte Templars Ehrgefühl eigentlich zwingen müssen, sogleich das Haus zu verlassen; statt dessen aber ging er, verfolgt von Snyders höhnischem Gelächter, auf sein Zimmer. Es war jetzt schon zu spät, und seiner Ehre konnte er morgen früh immer noch gerecht werden.

Er trat ans Fenster, um sein wallendes Blut etwas abzukühlen, und als er sich hinausbeugte, sah er gerade Hongkong zurückkommen und im Hause verschwinden.

Aufseufzend trat er vom Fenster zurück und ging zu Bett.

Am nächsten Morgen erwachte er später als gewöhnlich. Hell schien die Sonne ins Fenster. Schnell sprang er auf, nahm ein Bad, rasierte sich und zog sich an. Dann ging er ans Fenster und blickte hinaus. Es sah so aus, als ob es heiß werden würde. Beim Anblick der Ställe und Scheunen ergriff ihn aufrichtige Freude darüber, daß er dieses geheimnisvolle Haus und seine Bewohner nun bald zum letztenmal sehen würde. Wäre er doch erst wieder in der heißen, brennenden Sonne bei schwerer, schweißtreibender Arbeit! Könnte er doch erst wieder seine Muskeln gebrauchen, seinem Hirn Ruhe gönnen und an weiter nichts als an die nächste Mahlzeit denken!

Zuerst aber wollte er noch mit Condon gründlich abrechnen. Der zwischen ihnen abgeschlossene Vertrag war nicht durch seine Schuld gebrochen worden. Jetzt, im hellen Licht des Morgens, erschien ihm Condons Benehmen doppelt merkwürdig; denn Condon war eigentlich nicht der Mann, der so leicht die Selbstbeherrschung verlor, und dennoch war er ohne allen Grund in rasende Wut geraten und hatte vollständig die Kontrolle über sich eingebüßt.

Templar packte seinen Rucksack fertig, sah sorgfältig nach, ob er auch nichts vergessen habe, und ging zum Frühstück hinunter.

Aber es gab kein Frühstück. Kein Duft von Kaffee und gebratenem Speck hing in der Luft. Lister saß in der Sonne, hatte ein Buch im Schoß und kaute an einem Stück trockenen Brotes.

»Sie kommen auch zu spät«, sagte er. »Alles hat heute verschlafen, sogar der alte Herr.«

»Was ist denn los?« fragte Templar.

»Die Chinesin ist verschwunden. Das ist so die Art dieser Leute. Weg sind sie; und wie man sich behelfen soll, kümmert sie nicht. Sie hätten Snyders Gefluche hören müssen.« Dann fügte er ruhiger hinzu: »Ich nehme an, Sie werden uns auch verlassen?«

»Gewiß. Aber erst, nachdem ich mit Ihrem Onkel abgerechnet habe. Ich fürchte, es wird einen etwas erregten Abschied geben.«

Lister nickte. »Er wird das schon in Ordnung bringen«, sagte er. »So wie gestern abend habe ich ihn übrigens noch nie gesehen. Einfach kindisch! Ich möchte wissen, warum Sie durchaus nicht in sein Zimmer sollten?«

»Er war eben nervös«, sagte Templar.

Sie hörten Snyder die Treppe hinaufgehen, mehrmals an die Tür seines Herrn klopfen und dann rufen: »Ich bin's, Snyder, Herr Condon!«

Dann rief er noch einmal lauter: »Snyder ist hier, Herr Condon!«

Als keine Antwort erfolgte, erschien er auf der Veranda und sagte mit ganz merkwürdiger Miene: »Ich habe geklopft und gerufen, aber nichts rührt sich. Lauter möchte ich nicht klopfen, denn Herr Condon hat einen sehr leichten Schlaf.«

Lister sah Snyder scharf an und wandte sich Templar zu. »Ich halte es für richtig, wenn wir alle drei hinaufgehen«, sagte er endlich.

Ernst und schweigend gingen sie hinauf. Aber auch ihr lautes Klopfen blieb ohne Antwort.

»Er ist doch nicht etwa schon ausgeritten?« fragte Lister.

»Der Schlüssel steckt von innen«, sagte Snyder. »Aber ich kann ja fragen.«

Eilig lief er den Flur entlang zur Treppe, doch Lister rief ihn zurück.

»Bleiben Sie hier, Snyder! Wir wollen zu dritt die Tür öffnen.«

Langsam kam Snyder zurück und fragte: »Sie wollen doch nicht etwa die Tür einschlagen?«

»Selbstverständlich«, sagte Lister, zog seinen Revolver und zerschoß das Türschloß. Ein Stoß mit der Schulter, und die Tür sprang auf.

Zuerst sah man die abgelegten Kleider auf dem Bett liegen und dann einen breiten roten Streif auf dem Kissen. Ein ebensolcher Streif lief über den grauen Teppich nach dem Badezimmer zu.

Mit bleichen Gesichtern starrten sie einander an.

»Wir wollen alle zusammen hineingehen«, sagte Lister heiser, und Schulter an Schulter schritten sie zur Tür des Badezimmers.

Drinnen neben der Wanne lag die Leiche. Lister schrie auf, stürzte hinein und richtete den Toten auf. Doch er ließ ihn sofort wieder fallen und stolperte gegen die Wand.

»Sein Gesicht – Templar – – völlig unkenntlich!«

Das war fast buchstäblich wahr. Mit roher Gewalt hatte der Mörder so lange auf sein Opfer eingeschlagen, daß nur der breite Kiefer unbeschädigt geblieben war.

»Der Sheriff muß her!« sagte Templar. »Ich werde ihn holen.«

»Das kann Snyder machen«, drängte Lister. »Bleiben Sie bei mir! Snyder, reiten Sie, als ob der Teufel hinter Ihnen her wäre!«

Snyder lief, als fühle er selbst die Sporen. Entsetzt sahen die beiden anderen sich an.

»Wir wollen wieder hinuntergehen«, sagte Lister. »Wir dürfen nicht hierbleiben. Wir dürfen nichts anrühren, bevor der Sheriff da war.«

Sie kehrten wieder auf die Veranda zurück und saßen schweigend, rauchend in der Sonne, bis Templar murmelte: »Eins ist sicher: der Kerl, den ich in der Halle sah und der in Condons Zimmer lief, war nicht der Mörder.«

»Wie wollen Sie das wissen?« fragte der andere scharf.

»Ich habe verschiedene Gründe dafür; hauptsächlich aber sagt es mir mein Instinkt. Lister, dieser ausgemergelte Kerl konnte nicht den Mut haben, einen Mord zu begehen, höchstens einen Giftmord! Ich habe kaum je einen so elenden Menschen gesehen! Nein, der ist es bestimmt nicht gewesen.«

»Aber ich weiß, wer es getan hat«, sagte Lister plötzlich. »Sie haben ganz recht. Der Mann, den Sie gesehen haben, war es nicht. Nein, die Köchin hat ihn ermordet!«

Templar fuhr zusammen.

»Sie hatten denselben Gedanken, nicht wahr?« fragte Lister eifrig.

»Um Gottes willen! Nein! Hongkong? Sollte eine Frau solch einen Mord begehen?«

»Keine Frau, aber eine Chinesin! Die Kraft dazu hatte sie. Haben Sie sich mal ihren Unterarm angesehen?«

Templar schwieg. Er mußte an die gestrige Nacht und an sein Erlebnis mit dem Hackmesser denken. Ihr nächtlicher Ausflug und ihr heutiges Verschwinden waren entschieden verdächtig; dennoch sagte er: »Sie irren sich! Ich bin überzeugt, daß Sie sich irren.«

»Wenn wir das Weib fassen«, sagte Lister, »haben wir den Mörder. Ich will nicht behaupten«, fügte er hinzu, »daß ich Condon besonders gern gehabt habe. Aber, Templar, es ist mir unfaßlich, daß er nicht mehr ist. Unfaßlich, daß der gerissene Kerl nichts mehr aushecken soll – daß die Maschine stillsteht!«

Templar schwieg. Es gab auch noch eine andere Möglichkeit. Onkel und Neffe liebten einander nicht. Gestern nacht hatte er mitangehört, wie sie sich zankten, und in Listers Benehmen lag etwas Kaltes, Drohendes. Wäre er nicht zu allem fähig, wenn er richtig gereizt würde?

Das Mädchen – Lister – vielleicht der große, brutale Snyder ... Lister sprach, als ob er die Gedanken seines Gefährten von dessen Stirne abgelesen hätte: »Snyder benahm sich ziemlich merkwürdig. Er wollte nicht allein in das Zimmer gehen. Er schien zu wissen, daß da etwas nicht stimmte. Erinnern Sie sich? Er wollte weggehen!«

Das waren also drei Möglichkeiten; mit dem nächtlichen Besucher vier. Unvermittelt sagte Templar ziemlich hilflos: »Ein Mörder verrät sich immer selbst. Hoffen wir, daß dieses Sprichwort auch diesmal wahr bleibt! Aber ich bezweifle es!«

Trübselig saßen sie da und warteten. In zwei Stunden hätte der Sheriff dasein können, aber es waren bereits drei Stunden vergangen, und er ließ sich noch nicht blicken. Jetzt schickten sie einen zweiten Boten ab, doch es wurde Nachmittag, bevor der Sheriff mit seinen Leuten kam. Er betrat mit gefaßter Miene die Veranda und sagte nur, als ob er etwas Ähnliches schon längst erwartet hätte: »Es ist also doch so gekommen!«

»Leider ja«, sagte Templar.

Während sie hinaufgingen, sagte der Sheriff: »Das kommt davon, wenn man immer seinen eigenen Kopf durchsetzen will. Ich habe Condon gewarnt; ich habe ihm oft gesagt, er solle sich auf mich und meine Leute verlassen, wir würden ihn beschützen; aber er wollte nicht hören. Viele große Herren handeln ähnlich. Weil sie in Geschäften Erfolg haben, denken sie, es muß immer so sein.« Sie betraten das Zimmer, und nach einer kurzen Besichtigung sagte der Sheriff mit todernstem Gesicht: »Ein einfacher Mord hat ihnen offenbar nicht genügt! Nein, das ist das Werk eines lebenslangen, tödlichen Hasses! Ich werde nicht ruhen, bis ich den Hund gefunden habe, nicht ruhen, bis ich den Mörder gefaßt habe!«

»Snyder konnte Sie wohl nicht gleich finden?« fragte Lister plötzlich.

»Nicht finden? Ich bin den ganzen Vormittag in meinem Büro gewesen. Natürlich hätte er mich finden können.«

»Dann«, sagte Templar, »würde ich mich zuerst um Snyder kümmern. Es ist ganz klar, daß er geflüchtet ist.«

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