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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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17

Templar ging ins Haus und stieg nachdenklich langsam die Treppe empor; ab und zu blieb er stehen. So kam er in den oberen Flur und wollte gerade nach seinem Zimmer gehen, da bemerkte er, daß am andern Ende eine Tür offenstand.

Schnell drückte er sich flach gegen die Wand.

Aus der Tür trat vorsichtig eine gebückte Gestalt. Ein zerrissener Filzhut beschattete ihr Gesicht, und ein zerlumpter Rock hing ihr bis auf die Knie herab. Im ungewissen Licht der Flurlampe konnte Templar das Gesicht nicht deutlich sehen, sondern gewahrte nur einen dunklen, zerzausten Spitzbart.

Im Augenblick waren seine beiden Revolver schußbereit.

»Sie da!« rief Templar. »Was machen Sie hier?«

Der Mann bückte sich beinahe auf die Erde, sah sich schnell um und riß die Tür auf, durch die er soeben gekommen war.

»Halt!« rief Templar und feuerte beide Revolver ab.

Es war kein leichtes Zielen, denn die Tür schnellte in die Schußlinie, und der Mann sprang über die Schwelle. Aber er hörte das Holz splittern und außerdem ein dumpfes Stöhnen.

Überzeugt, daß er den Kerl getroffen habe und ihn bald fassen würde, rannte er den Flur entlang, stürzte durch die zersplitterte Türe seines ehemaligen Schlafzimmers und stieß gegen Condons Zimmertür.

Nirgends woanders konnte der Flüchtling sich versteckt haben; und plötzlich durchzuckte Templar der unheimliche Gedanke, daß das vielleicht die Nacht sei. Vielleicht befand sich in dem Zimmer nur noch der Verbrecher, und Condon lag tot da – – –

»Condon!«

Die Antwort war ein verschlafenes Grunzen, und Condon öffnete einen Spalt in der Tür.

»Condon, ein Mann lief soeben in Ihr Zimmer.«

»Den Teufel auch!«

»Haben Sie ihn nicht gesehen?«

»Ich hörte zwei Schüsse. Gesehen habe ich nichts.«

»Allmächtiger«, stöhnte Templar, »das ist doch unmöglich! Wo sollte er denn stecken?«

Er trat zurück.

»Vielleicht durchs Deckenfenster!« meinte Condon.

Templar starrte nach oben. Selbst ein kräftiger Mann, wie er, hätte nur mit Mühe im Sprung das Fenster erreichen können, um so aufs Dach zu gelangen.

»Niemand kam in Ihr Zimmer?« fuhr Templar auf.

»Niemand.«

Schnell steckte er seine Revolver in die Tasche, nahm einen kurzen Anlauf und faßte den Fensterrahmen. Aber das Fenster war zu schmal. Er blieb mit den Schultern stecken.

Er ließ sich wieder auf den Boden zurückfallen.

»Ausgeschlossen, daß er so entkommen ist!« sagte Templar. »Dazu war er nicht kräftig genug. Condon, er muß in Ihrem Zimmer sein!«

Er machte einen Schritt auf die Tür zu, um sich den Eintritt zu erzwingen, aber da packte Condon seinen Arm und rief: »Sie bleiben draußen, Templar. Hören Sie? Das ist mein Ernst!«

»Und Sie – hören Sie denn, was ich sage?« schrie Templar. »Ich habe ihn getroffen! Ich kann ihn nicht beide Male verfehlt haben. Irgendwo muß eine Blutspur sein. Ehe Sie richtig aufwachten, Condon, kam er in Ihr Zimmer, und er ist jetzt vielleicht längst durchs Fenster entkommen – –«

»Zurück!« schrie Condon, rasend vor Wut. »Hände weg von meiner Tür!«

Da kamen Snyder und Lister den Flur entlang gerannt.

»Alles in Ordnung!« schrie Condon wild. »Dieser Narr hier hat Gespenster gesehen und auf sie geschossen und behauptet, sie wären in meinem Zimmer. Bringt ihn fort von hier!«

Bereitwillig faßte der kräftige Snyder Templar bei der Schulter. Lister stand mit offenem Munde da.

»Condon«, zischte Templar hervor, »Sie riskieren ziemlich viel!«

»Ich verfluche den Tag, an dem ich Sie in mein Haus gebracht habe!« schrie Condon. »Sie hätten nie hierherkommen dürfen. Von allen Idioten, denen ich zu begegnen das Pech hatte, sind Sie der größte und dümmste!«

»Das bedeutet wohl«, sagte Templar, »daß unser Vertrag gelöst ist?«

»Gelöst? Ich wünschte, er hätte nie bestanden! Fort aus meinen Augen!«

Er drehte sich um, lief in sein Zimmer und warf die Tür hinter sich zu.

Snyder lachte zufrieden.

»Ja, ja, so geht's, wenn man seine Nase in alles steckt.« Dann setzte er, immer noch lachend, hinzu: »Geschieht Ihnen ganz recht.«

Templar ging in den Flur zurück. Seine Finger zuckten nach dem Revolver. Er war wie ein Bluthund auf frischer Fährte und wäre am liebsten in Condons Zimmer eingebrochen. Doch dazu war es jetzt zu spät; zuviel wertvolle Zeit war verstrichen. Es hatte ja auch keinen Zweck. Condon mußte den Mann gesehen haben, und wenn er das leugnete, gab es nur eine Erklärung dafür: er wollte ihn decken. Warum aber?

»Na, Gott sei Dank, daß ich mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun habe!« sagte Templar zu sich selbst und wußte doch, daß das nicht wahr sei. Am liebsten wäre er so lange geblieben, bis auch die dunkelsten Ecken dieser geheimnisvollen Angelegenheit völlig durchleuchtet waren.

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