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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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16

Snyder kam wenige Minuten später auf die Veranda und fragte, ob er Templar sprechen könne. Als Templar aufstand, sagte er: »Herr Templar, ich möchte Sie um Entschuldigung bitten. Ich habe mir das, was heute nachmittag passierte, zu sehr zu Herzen genommen. Man vergißt leider, daß die Zeit vergeht, und daß man älter wird, ist für einen Mann, wie ich es bin, nicht angenehm. Also – entschuldigen Sie, bitte, mein Benehmen!«

»Das genügt«, sagte Templar. »Sie haben mich sehr grob behandelt. Vielleicht habe auch ich Sie etwas grob behandelt. Vergessen wir das Vergangene! Ich habe Sie gewarnt, und ich hoffe, wir werden uns jetzt besser vertragen.«

»Das hoffe ich auch. Herr Condon möchte Sie gerne noch sprechen.«

Templar ging hinauf. Sein Chef saß aufrecht im Bett, sog an seinem Zigarrenstummel und hatte ein Magazin in der Hand.

Er sagte: »Tragen Sie das Snyder nicht nach! Ich habe ihn verhört und ordentlich 'runtergemacht. Er war wütend, daß Sie ihn heute nachmittag vor den Augen Munroes besiegt haben. Das war alles – Sie können es mir glauben.«

Templar beobachtete ihn scharf. Er glaubte Condon ebensowenig, wie er Snyders Entschuldigung für aufrichtig hielt. Im Gegenteil. Endlich schien er den Beweis dafür zu haben, daß die beiden Hand in Hand arbeiteten.

Aber er wurde sofort wieder irre, als Condon ihn zu sich heranwinkte und ihm zuflüsterte: »Templar, der Schuft hat die ganzen letzten Tage auch mich belauert, aber ich kann ihn leider aus gewissen Gründen nicht entlassen. Hüten Sie sich vor ihm wie vor Gift! Ich tue das seit Wochen. Fortjagen kann ich ihn nicht. Fragen Sie nicht, warum!«

Dann fügte er laut hinzu, als ob er fürchte, daß selbst die Pausen in ihrem Gespräch belauscht würden: »Ich habe Sie recht schlecht behandelt, mein Junge. Ich glaube wahrhaftig, ich habe mich bei Ihnen nicht einmal für die Rettung vor Larrys Kugeln bedankt. Na, der Dank kommt erst nach dem letzten Akt, dann ist immer noch Zeit genug. Doch etwas kann ich jetzt schon tun. Es ist eigentlich sinnlos, daß Sie hier vor meiner Tür schlafen. Deshalb habe ich Snyder angewiesen, Ihnen ein anderes Zimmer zu geben – das beste im ganzen Haus. Vielleicht entschädigt Sie das einigermaßen.«

Templar wünschte gute Nacht und ging. Snyder war schon dabei, seine Sachen umzuräumen. Sein neues Zimmer lag am anderen Ende des Korridors. Es war ein großer, freundlicher Raum mit der Aussicht auf die Ställe und Scheunen und die dahinterliegende Hügelkette. Templar fing an, sich auszuziehen, um sofort schlafen zu gehen.

Noch nie war er so nachdenklich gewesen wie heute abend; die ganze Sache schien von Minute zu Minute verwickelter zu werden. Halb entkleidet, lehnte er sich aus dem Fenster, damit die kühle, reine Nachtluft seine dummen Gedanken verjage. Da hörte er Condon und Lister in aufgeregtem Gespräch. Condon fluchte, und Listers Antworten waren in derselben Tonart. Wahrhaftig eine zärtliche Familie!

Er kehrte zu seinem Bett zurück, aber er konnte sich nicht hinlegen. Hunderte von Motten und andere Insekten umkreisten seine Lampe. Er blies die Lampe aus, zündete sich eine Zigarette an, ließ sie aber bald wieder ausgehen, weil sie ihm nicht schmeckte. Er saß im Dunkeln auf dem Bett, und wieder kamen die wirren Gedanken und wirbelten durch seinen Kopf. Je länger er nachdachte und grübelte, um so größer wurde seine Verwirrung.

Der Mond ging auf, warf einen silbernen Streifen auf den Fußboden, und allmählich verblichen die Sterne.

Templar stand wieder auf und ging ans Fenster. Da glaubte er einen Schatten wahrzunehmen, der um die Ecke des Holzstalles huschte. Eben wollte er zurücktreten, da sah er ihn abermals. Jetzt bewegte er sich schnell vom Holzstall dem Walde zu. Deutlich sah Templar, daß der Schatten Hosen anhatte – aber keine Männerhosen; sie flatterten zu leicht um die Fußgelenke. Sieh da, also Hongkong!

Er dachte nicht lange nach – schon war er aus dem Fenster, rutschte die Dachrinne hinunter und rannte, so schnell er konnte, um den Holzstall herum. Vor ihm lief der Schatten, und er folgte hinterdrein. Jetzt hatte er den Wald erreicht, und schnell legte Templar sich flach auf die Erde. Sicherlich würde der Schatten oder, besser gesagt, Hongkong – denn zweifellos war sie es – sich umsehen. Aber sie tat es nicht, lief auch nicht in den Wald, sondern huschte am Rande entlang. Schnell sprang Templar auf und folgte.

Plötzlich war sie verschwunden; dann aber kam sie wieder zum Vorschein, und er rannte weiter. Sie lief einen schmalen Weg entlang. Jetzt erreichte sie eine Gabelung. Eben wollte er nach rechts einbiegen, da sah er einen Schimmer in den Büschen, sprang nach links und hielt Hongkong in seinen Armen. Sie hatte ihm entwischen wollen, aber die List war mißlungen. Verzweifelt wehrte sie sich und entfaltete dabei ganz außergewöhnliche Kräfte.

Da nahm er ihre beiden Handgelenke fest in seine Hand und sagte: »Hongkong, du kommst jetzt mit mir ins Licht! Ich habe mit dir zu reden.«

Willenlos folgte sie ihm. Als sie im vollen Mondlicht standen, sah er, daß sie ziemlich erschöpft war, aber ihre Augen waren dunkel und ausdruckslos, wie immer.

»Hongkong«, sagte Templar, »du siehst, du hast dein Spiel verloren. Du hast deine Rolle gut durchgeführt, aber du hattest Pech dabei. Jetzt ist es genug mit der Schauspielerei. Zuerst: wie heißt du wirklich?«

Hongkong legte den Kopf zur Seite und sah ihn nachdenklich an, als ob sie den Sinn seiner Worte nicht verstände.

»Du willst nicht? Na, gut, dann komm mit zu Condon, und du wirst ja sehen, was dann passiert. Er ist nicht gerade sehr zart besaitet und macht sich gar nichts draus, wenn der Sheriff dich einsperrt. Eine Anklage braucht er nicht, denn der Sheriff frißt ihm aus der Hand. Das weißt du doch?«

»Nicht verstehen«, sagte Hongkong mit ihrer süßen, tiefen Stimme.

»Dann also vorwärts!«

Er machte ihr ein Zeichen, und langsam schien sie ihn zu verstehen. Beide Hände in die Ärmel steckend, ging sie vor ihm her.

Als sie zur Küchentür kamen, blieb er stehen und sagte: »Hongkong, willst du jetzt vernünftig sein und mir antworten?«

Schweigend wartete sie. Da riß ihm die Geduld.

»Eigentlich sollte ich dich in die Küche bringen und dir die gelbe Farbe abwaschen«, sagte er. »Bei Gott, das ist ein guter Gedanke! Das werde ich tun!«

Er winkte ihr, voranzugehen. Sie öffnete die Tür, ging hinein und versuchte, sie ihm vor der Nase zuzuschlagen. Aber er war zu schnell und sprang hinter ihr her. Rasch lief sie nach der andern Tür, doch mit einem Satz hatte er sie erreicht. Da griff sie nach etwas Glitzerndem auf dem Tisch. Es war ein scharfgeschliffenes Hackmesser. Kräftig schwang sie es gegen ihn, konnte aber nicht zuschlagen, denn wie der Blitz hatte er sie beim Handgelenk und zog sie ins helle Mondlicht. Ein erschrockenes, wutverzerrtes Gesicht blickte ihm entgegen.

»Du verfluchte kleine Wildkatze!« fauchte Templar.

Das Messer entglitt ihrer Hand und fiel zu Boden. Ihr Ärger war verflogen, und während sie sich zu befreien versuchte, leuchtete aus ihrem Gesicht nur noch verzweifelte Angst.

Er dachte nach. Was sollte er mit ihr machen? Condon würde schon wissen; was. Aber Condon war ein herzloser Kerl, und selbst wenn sie eine Art Hexe war – – –

Seine Gedanken verwirrten sich. Ein Hauch von Lavendel erinnerte ihn an einen monddurchleuchteten Garten. Ein leises Zittern ließ ihn erbeben – es war der Schlag ihres Herzens.

Da ließ er sie los, und hilflos sank sie auf einen Stuhl. Ihr Kopf fiel hintenüber; verzweifelt hingen ihre Blicke an seinem Gesicht.

»Beruhige dich!« sagte Templar. »Sieh mich nicht so an! Ich tue dir nichts. Ich überlege mir nur, was ich mit dir machen soll.«

Die Küchentür stand offen; die kühle Nachtluft verwehte den letzten warmen Hauch ihres Körpers, der ihn noch umspielte, und ernüchterte ihn.

»Was soll ich bloß mit ihr anfangen?« murmelte er.

Da richtete sie sich langsam auf. Der Bann war gebrochen; sie hatte ihre Selbstbeherrschung zurückgewonnen. Sie stand vor ihm und sah ihn mit einem dunklen, undurchdringlichen Blick an, halb Kind, halb Weib, aber es war etwas Neues in ihrem Blick. Eigentlich hätte das seine Gedanken klären müssen, doch er wurde noch verwirrter und näherte sich der Tür.

Sie folgte ihm und ging ruhig an ihm vorbei, schritt über das mondbeschienene Feld, genau wie zuvor. Er machte eine kraftlose Bewegung, sie aufzuhalten; dann stand er wie verzaubert da und blickte ihr nach.

»Ich werde sie nie wiedersehen«, murmelte er. »Nie mehr!«

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