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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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14

Als Templar wieder hinunterkam, wartete Munroe Lister schon auf ihn. Unruhig lief er auf der Veranda auf und ab und rauchte eine kurze Studentenpfeife. Mit echt jungenhafter Offenheit steuerte er direkt auf sein Ziel los und gab nur folgende kurze Einleitung: »Als Sie gegangen waren, sagte Snyder, er hätte nur so getan, als ob er groggy wäre, um Sie irrezuführen. Ich glaubte ihm natürlich nicht, und Snyder wußte das – deshalb wollte er sich an mir schadlos halten. Das glückte ihm auch ziemlich gut. Doch das macht nichts. Mir gefiel nicht nur, was Sie taten, sondern beinahe noch besser, was Sie nicht taten. Sie hatten Snyder so weit, daß Sie ihn bequem k. o. schlagen konnten, aber Sie taten es nicht, und das imponierte mir!«

Er machte eine Pause und zog an seiner halberloschenen Pfeife.

»Das gefiel mir sehr gut«, wiederholte er, »und damit komme ich zu dem, was ich eigentlich sagen wollte. Ich bin, seitdem Sie hier sind, Ihnen gegenüber ungerecht gewesen. Jetzt möchte ich Ihnen sagen, warum. Onkel Condon fühlt sich von Gefahren bedroht und hat Sie darum als seinen speziellen Beschützer engagiert. Ich konnte das nicht begreifen, denn schließlich waren wir ja beide da, ich und Snyder, zwei kräftige Leute. Daher mein Benehmen! Aber ich habe mich geirrt. Sie sind ein anständiger Kerl. So. Das mußte ich Ihnen sagen.«

Templar nahm das dankend zur Kenntnis. Seit seinem Erlebnis mit Hongkong war er sich unglaublich jung und töricht vorgekommen. Jetzt fühlte er sich Lister gegenüber als der ältere und erfahrene Mann, und das schmeichelte ihm.

»Das wäre also erledigt, und wir fangen von vorne an«, sagte Templar. »Ich habe keine Ahnung, was eigentlich los ist, und tappe vollständig im Dunkeln. Condon sagt mir nichts, gar nichts. Ich weiß nur, was passiert ist, seit ich hier bin.«

»So ist er immer«, sagte Lister. »Er ist alt und schrullenhaft. Ich will Ihnen erzählen, was ich weiß; viel ist es allerdings auch nicht. Vor ungefähr fünfzehn Jahren trat mein Onkel zum erstenmal in Erscheinung. Ich war damals acht Jahre und hatte kaum von ihm gehört. Er besuchte uns. Wir waren arme Leute. Mein Vater, ein kleiner Rechtsanwalt, hatte ein Lungenleiden. Er verdiente kaum genug für sich selbst und mußte doch für meine Mutter und für mich sorgen. Sie können sich wohl vorstellen, wie es da bei uns zuging. Schon als Sechsjähriger hatte ich Angst, vor jedem Monatsersten, weil da immer Rechnungen kamen. Ich will nicht weitschweifig werden und Sie zu sehr mit Einzelheiten langweilen – ich will Ihnen nur zeigen, aus welcher Lage uns dieser Onkel befreit hat, damit Sie verstehen, daß er mir wie der liebe Gott selbst vorkam. Ich wollte ihn verehren und gab mir die größte Mühe, aber es ging nicht. Er verschaffte meinem Vater ein sorgenloses letztes Lebensjahr. Ehe mein Vater starb, rief er mich an sein Bett und schickte meine Mutter hinaus. Dann sagte er, er habe für sich und für mich alles bezahlt. Das verstehen Sie wohl nicht? ... Ich verstand es auch nicht, wenigstens damals nicht. Mein Vater gab mir einen versiegelten Brief, den ich erst lesen sollte, wenn ich achtzehn Jahre alt wäre.

Ich habe ihn gelesen. Meine Mutter war längst tot. Condon gab mir eine gute Erziehung. Auf der Schule brauchte ich mich nicht vor den anderen Jungens zu schämen. Dafür bin ich ihm dankbar, das können Sie mir glauben. Doch – da war noch der Inhalt jenes Briefes!

Condon fragte mich oft, ob mein Vater mir irgend etwas erzählt hätte. Ich habe es ihm nie gesagt; aber der Inhalt jenes Briefes ist der Grund, weshalb ich das Studium der Rechte ergriffen habe. Ich arbeite beständig.«

Templars Interesse war wach. Der junge Lister fuhr fort: »Onkel und ich, wir vertragen uns nicht sehr gut. Sie haben wohl auch gemerkt, daß es leicht ist, Respekt vor ihm zu haben, aber daß man ihn sehr schwer gern haben kann. So geht es jedem. Ich weiß wohl, daß er ein bedeutender Mann ist, und es tut mir leid, ihn von Gefahren bedroht zu sehen. Aber, Templar, ich kenne den Grund dieser Gefahren. Ich glaube, ich kenne den Grund.«

Er stand auf und machte eine Pause, dann sagte er: »Mehr darf ich nicht verraten, denn ich weiß nur eine Menge verschiedener Einzelheiten, aber keine bestimmten Tatsachen. Schön sind sie jedenfalls nicht – soviel kann ich noch sagen! Templar, Sie sind ein anständiger Kerl, und ich möchte gern offen zu Ihnen sein, aber ich darf es nicht. Eins aber will ich noch verraten: mag mein Benehmen meinem Onkel gegenüber unnatürlich und undankbar erscheinen, ich habe meine guten Gründe dafür. Verdammt, jetzt habe ich schon zuviel geschwatzt! Und dabei weiß ich, daß es noch lange nicht genug ist.«

»Es genügt jedenfalls«, sagte Templar, »um mir manches Rätsel zu lösen, und das ist in meiner Lage natürlich sehr viel wert.«

Mit gerunzelter Stirn fuhr der andere fort: »Ich hatte immer gehofft, ich würde bei dieser ganzen Geschichte unbeteiligt bleiben. Jetzt aber glaube ich beinahe, daß ich mit hineingerissen werde. Kann sein, daß ich eines Tages was ganz Abscheuliches tue – was ganz Abscheuliches! Tag für Tag spukt es in mir herum. Und – ach, Templar, lassen wir das! Ich will jetzt lieber spazierengehen.«

Auf der ersten Stufe der Veranda blieb er stehen und drehte sich um. »Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß ich ein Herz in der Brust habe und keine Giftschlange bin!« Sprach's und ging eilenden Schrittes davon.

Nachdenklich blieb Templar sitzen. Die Lage wurde immer verwickelter. Allerdings, über Lister war er sich nun klar: der wenigstens war ein offener, ehrlicher, mutiger junger Mann. Dafür wurde es um Condon selbst immer dunkler. Mitten in diesen Gedanken sah er Lister plötzlich zurückkehren, verschwitzt und atemlos.

»Beinahe hätte ich etwas vergessen«, keuchte er. »Es ist in vieler Hinsicht besser, wenn wir beide nicht zu freundschaftlich miteinander verkehren. Vermutet mein Onkel, daß wir anfangen, uns zu verstehen, dann droht uns beiden Gefahr, und für Sie ist die Sache vielleicht noch viel ernster als für mich.«

Er ging ins Haus, und Templar hörte ihn dicht hinter der Tür rufen: »Nanu, Snyder, was machen Sie denn hier?«

»Ich fege den Staub zusammen«, brummte Snyder. »Hier ist es immer staubig, weil kein Mensch die Haustür zumacht.«

Templar war überzeugt, daß das nicht stimmte, sondern daß Snyder wieder einmal gehorcht hatte. Da Lister eine von Natur laute und deutliche Stimme besaß und nicht besonders leise gesprochen hatte, hatte er sicherlich alles gehört.

Falls es gefährlich war, wenn Condon von ihrer Aussprache erfuhr, konnten sie dieser Gefahr nicht mehr entgehen ...

Den Rest des Nachmittags bummelte er in der Umgebung des Gehöftes umher. Als er gegen Abend in die Nähe des Stalles kam, hörte er, wie ein galoppierendes Pferd plötzlich durchpariert wurde. Dann kamen laute, kurze, bestimmte Befehle: das Pferd solle gut abgerieben und herumgeführt werden, ehe es gefüttert würde. Dann kam Condon in der Dämmerung auf ihn zu.

»Wandern Sie hier so planlos herum, Templar?«

»Jawohl.«

»Gut. Das ist gerade die richtige Zeit, um schwache Augen – und Ohren zu üben.«

Er lachte rauh auf und eilte dem Hause zu.

Templar blieb halb beleidigt zurück. Condons Stimme hatte gar nicht verzweifelt geklungen. Im Gegenteil! So sprach ein Mann, der kämpfen wollte um jeden Preis, ein Mann, der seines Erfolges sicher war.

Langsam schlenderte Templar zur Stalltür und betrachtete den Rappen, den Condon geritten hatte. Schweißtriefend, schaumbedeckt und vollkommen fertig stand das arme Tier da.

Der Mann, der es abrieb, sagte: »Leute, die ein Tier so nach Hause bringen, verdienen kein Vollblut. Für die ist ein halblahmer Schinder oder eine hergelaufene alte Stute gerade gut genug. Wenn es noch einen Zweck gehabt hätte! Aber wahrscheinlich hat er das arme Tier nur zum Vergnügen so 'runtergehetzt. Das können Sie ihm ruhig wiedererzählen, Herr Revolverheld, mit einem schönen Gruß von mir.«

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