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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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13

Ohne auf den fluchenden, keuchenden Snyder zu hören, der ihn aufforderte, weiterzukämpfen, knöpfte er sich seine Jacke zu und entfernte sich nach dem Hause. An der Küchentür zögerte er und trat dann kurzentschlossen ein. Mit dem Hut in der Hand beobachtete er, an den Türpfosten gelehnt, die Köchin. Da sie gerade beim Brötchenbacken war, waren ihre Hände mehlig. Sie säuberte sie und brachte ein Glas Wasser.

»Ich will kein Wasser. Wegtragen! Ich will nicht trinken – verstehst du?«

Endlich schien sie ihn zu verstehen und ging. Templar setzte sich in die Ecke neben dem Abwaschtisch und sagte: »Ich möchte mich ein wenig mit dir unterhalten. Erstens mal – nein, nein, auch keine Milch! Ich will mit dir reden.«

»Reden, reden«, echote die Köchin mit ihrer singenden Stimme. Dann schlug sie ihre Mandelaugen zu Templar auf, zu der Welt, von der er nur ein Teil war. »Nicht verstehen«, sagte sie.

»Du wirst schon bald verstehen«, grinste er. »Wenn du nicht Englisch sprichst, was sprichst du dann? Du mußt doch noch etwas anderes als Chinesisch verstehen, wenn du das überhaupt verstehst!«

Sie knickste zweimal vor ihm und ging wieder an ihre Arbeit.

Er winkte ihr und sagte: »Hör mal zu! Wie heißt du?«

»Heißen?« fragte das Mädchen und sah ihn verständnislos an.

»Ja. Name, Rufname. Verstehst du nicht? N – a – m – e?«

»Oh«, sagte sie und zeigte ihre prachtvollen weißen Zähne. »Ich Köchin. Schwere Arbeit. Arbeiten viel schnell. Ich Köchin. Ich gute Köchin, billige Köchin.«

Während sie das sagte, stand eine tiefe Furche zwischen ihren Augen, das Zeichen geistiger Anstrengung; dann faltete sie ängstlich die Hände, neigte den Kopf zur Seite und wartete.

»Du bist eine gute Köchin und arbeitest schnell«, gab er zu. »Die beste Köchin, die ich bis jetzt erlebt habe. Aber was bist du sonst noch? Wer bist du? Wo bist du geboren?«

Ihre Augen leuchteten auf. Sie hatte ihn verstanden.

»Ich geboren allesamt Hongkong.«

»Wo?«

Sie wiederholte den Namen. Jetzt erst verstand er ihren Singsang; das Wort war so schnell von ihren Lippen gekommen, daß es kaum zwei Silben gewesen waren – nur ein einziger melodischer Klang.

»Hongkong – ach nee«, sagte John Templar. »Eher schon in Richmond, Virginia oder in Atlanta, Georgia oder gar in New Orleans. Ich will dir mal was sagen, mein Schatz. Ich bin ein gutmütiger Kerl. Das glaubst du vielleicht nicht, weil du gesehen hast, wie ich den großen Snyder verwalkt habe, aber der hatte es verdient. Jetzt jedoch wollen wir mal Ernst machen und alle Faxen lassen: wo bist du wirklich geboren?«

Sie lächelte ihn wieder ungläubig an.

»Ja. Sie wissen. Geboren Hongkong, ich. Viel schnell! Ja. Danke!«

»Viel schnell mag stimmen«, parodierte er, »aber von gestern bist du nicht. Du bist prachtvoll. Du bist ein Lämmchen. Ein unschuldiges, goldiges Lämmchen, aber du bist weder von gestern noch von vorgestern. Nein, ganz bestimmt nicht!«

Ihre Augen leuchteten auf. Sie goß eine Tasse Kaffee ein und brachte sie ihm. Knicksend hielt sie ihm, bezaubernd lächelnd, mit beiden Händen die Tasse hin.

»Gut. Dir zu Gefallen will ich den Kaffee trinken«, sagte Templar, »aber ich will keinen Zucker. Danke. Keinen Zucker. Verstehst du denn nicht?«

Endlich kapierte sie und ging ängstlich und beleidigt weg. Nachdenklich sah Templar sie an.

»Wenn ich mich irre«, sagte er, »dann blamiere ich mich unsterblich. Aber ich glaube nicht, daß ich mich irre. Denn – finden in Hongkong Boxkämpfe statt? Soviel ich weiß, nicht. Gibt es dort Interessenten für so etwas? Davon habe ich auch nichts gehört. Wie du aber vorhin aus dem Fenster zugesehen hast, da warst du ganz begeistert.«

Er zeigte auf das Fenster, und die Köchin trippelte hin und brachte ihm ein Stück Fliegenpapier, das dort auf dem Fensterbrett lag.

»Nein«, sagte Templar. »Nein, nein. Leg das zurück! Ich will es nicht.«

Sie brachte das Papier wieder an seinen Platz und sah Templar über die Schulter an. Dann kehrte sie zu ihrem Brötchenteig zurück und bat mit einem Knicks um die Erlaubnis, ihre Arbeit wiederaufzunehmen.

Templar nickte; sie fing an, die Brötchen zu formen, aber nach jedem einzelnen blickte sie schnell und verstohlen zu ihm hin, ob er vielleicht etwas von ihr wolle.

»Entweder bist du bloß vergoldet«, sagte Templar, »oder du bist vierundzwanzigkarätig echt, und ich glaube, du kleine Schauspielerin, du bist echt. Du verstehst jedes Wort, das ich sage, und wenn ich weg bin, wirst du dich totlachen. Lache ruhig, mein Schatz! Du hast allen Grund dazu. Aber auch mich kann niemand hindern, mir meine eigenen Gedanken zu machen. Du bist nicht das erste Chinesenmädel, das mir über den Weg läuft. Die anderen stanken alle nach Opium und Tabak, genau wie ihre Väter. Du aber bist sauber und duftest nach guter Seife und Lavendelwasser. Bevorzugt man neuerdings Seife und Lavendelwasser in Hongkong?«

»Hongkong? Gefallen dir?« fragte die Köchin und sah sich um.

»Sicher gefällst du mir, Hongkong«, sagte er, »sogar sehr gut. Wenn ich bloß eine Bürste und Seife nehmen könnte, würdest du in fünf Minuten eine Farbe haben, die mir noch viel besser gefiele.«

»Nicht verstehen«, sagte sie ängstlich.

Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ob sie von der Anstrengung, ihm zu folgen und ihn zu verstehen, ermüdet wäre.

»Gut«, sagte er und stand auf. »Ich war zwar in der ersten Runde immer im Angriff, aber ich glaube, du gewinnst trotzdem nach Punkten. Auf Wiedersehen, Hongkong!«

Er ging zur Tür. Sie folgte ihm trippelnd und hielt ihm nachdenklich lächelnd die unberührte Tasse Kaffee hin.

Er nahm sie. Sie beobachtete ihn, als er die Tasse hob, und lachte vergnügt, während er trank.

»Du bist goldig, Hongkong«, sagte er und gab ihr die Tasse zurück. »Vierundzwanzigkarätiges Feingold, mein Schatz, mit lebenslänglicher Garantie und einem Schweizer Werk.«

»Du gern haben?« sagte sie eifrig.

»Ich habe dich so gern, Hongkong«, sagte er. »Du machst mich ganz verwirrt. Hast du mich auch gern?«

»Viel schnell«, sagte sie und lief an den Herd zurück. Er sah, wie sie die Tasse wieder füllte, und nun ergriff er die Flucht.

Aber er floh mit einem Lächeln auf den Lippen und mit heißem Gesicht. In seinem Herzen perlte die Freude wie junger Wein.

»Ich bleibe, weiß Gott, kein Junggeselle«, sagte John Templar. Als er um die Ecke bog, stieß er auf Munroe Lister, der einen hochroten Kopf hatte und völlig außer Atem war.

»Das verdanke ich Snyder. Er hat mich ordentlich verarztet, als Sie weg waren«, sagte Lister. »Ich versuchte es so zu machen wie Sie, aber das gelang mir nicht. Dabei habe ich Unterricht gehabt, und in der Halle konnte ich ganz gut meinen Mann stehen. Aber Snyder gegenüber bin ich ein reines Kind, und Sie erledigten Snyder. Templar, Sie haben sicher im Ring gestanden. Beichten Sie – haben Sie im Ring gestanden?«

Seine Augen leuchteten vor neugierigem Vergnügen. Der verächtliche, hochmütige Ausdruck war verschwunden. Vor Templar stand ein einfacher, offener, hübscher, gutmütiger Junge. Templar war starr.

»Im Ring habe ich nie gestanden«, sagte er, »aber ich bin sehr oft in den Traininglagern gewesen.«

»Was haben Sie für eine wundervolle Linke, und wie großartig ist Ihre Rechte!« rief Lister. »Wie vernichtend sind Ihre rechten Haken! Mein Leben würde ich dafür geben, könnte ich nur die Hälfte von dem, was Sie können. Ich glaube beinahe, Sie hätten ihn noch härter treffen können?«

»Nein«, sagte Templar offen, »das war unmöglich. Er hat ein eisernes Kinn.«

»Eisernes Kinn? Mensch, Sie müssen ihn doch kennen! Das ist doch ›Kid Snyder‹! Hat acht Jahre im Ring gestanden, ist nie k. o. gewesen, und Sie hatten ihn in zwei Sekunden groggy. So was habe ich noch nicht erlebt! Das habe ich mir wahrhaftig nicht träumen lassen!«

»Er wird eben alt«, erklärte Templar. »Im Alter wird man langsamer und spröder. Snyder ist mindestens Mitte Dreißig, und das macht sich bemerkbar. Über Dreißig zählen, wenigstens im Ring, die Jahre doppelt.«

»Ja«, nickte Lister, »da haben Sie ganz recht.«

Schweigend gingen sie weiter. In dämmernder Ferne schienen ihnen noch nebelhaft die Dreißig zu liegen, der erste Eckstein auf dem Wege zum Alter.

Als sie vor der Haustür standen, sagte Lister: »Ich möchte Ihnen gern noch etwas sagen. Ich habe mich neulich abend ziemlich töricht benommen. Bitte, fassen Sie das nicht falsch auf! Ich würde mir natürlich von keinem etwas gefallen lassen – nur – – –«

Templar reichte ihm die Hand, und Lister schüttelte sie herzlich.

»Ich muß Ihnen das mal näher erklären«, sagte der Student. »Könnten wir uns nicht mal aussprechen?«

»Herzlich gern«, sagte Templar. »Ich bin wieder hier unten, wenn Sie sich umgezogen haben.«

Sie trennten sich, und Templar ging auf sein Zimmer.

Sowie er eingetreten war, schlich er sich auch schon wieder hinaus, begab sich auf seinen Spionierposten, legte sich auf den Bauch und nahm vorsichtig den Knorren aus dem Astloch.

Hongkong hatte gerade nach ihren Brötchen gesehen, schloß den Backofen und verschwand aus seinem Gesichtskreis. Er hörte ein knarrendes Geräusch. Sie schloß das Fenster. Dann erschien sie wieder und hatte das Fliegenpapier in der Hand. Einen Augenblick lang blieb sie stehen. Sie hatte den Kopf etwas zurückgeworfen, in ihrer Kehle spielte ein lautloses Lachen, und sie war wunderschön anzusehen.

Schnell steckte Templar den Knorren zurück. »O Gott!« flüsterte er. »Sie hat jedes Wort verstanden!«

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