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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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12

Templar erging es wie einem Boxer, dem sein Trainer mitten in der Arbeit für eine Meisterschaft sagt, er solle sich ausruhen und sein Training eine Zeitlang unterbrechen. Das brachte er nicht fertig, da er nun wußte, daß bald der Teufel los sein sollte. Kann ein Matrose sich ausruhen, wenn die Wellenberge gegen sein Schiff heranbrausen? Und sie waren wie Seeleute, ewig von Stürmen bedroht und nur für den Augenblick durch eine Windstille treibend.

Alles Grübeln war zwecklos. Das Durcheinander war so groß, daß Templar beschloß, gar nicht mehr nachzudenken, sondern einfach die Dinge an sich herankommen zu lassen. Um sich zu beschäftigen, ritt er am nächsten Tage wieder in den Wald. Von dem Gipfel eines Hügels sah er plötzlich in einem Tal, wo Rinderherden weideten, einen einsamen Reiter. Schnell nahm er sein Glas zur Hand und erkannte Condon, der offenbar in einer bestimmten Absicht geradeswegs nach Norden ritt. Templar glaubte die Absicht zu erraten. Da er die Gefahr nicht abwenden konnte, versuchte Condon, ihr zu entgehen.

Ein Gefühl des Mitleids stieg in Templar auf. Auf dem Rückweg dachte er über seinen Chef nach, über seine Energie, seine Schlauheit und seinen Reichtum, den er sicherlich nicht ererbt, sondern selbst erworben hatte. Dieser großen, gewaltigen Menschenmaschine drohte Zerstörung.

Zweifellos steckte hinter der ganzen Geschichte irgendein Verbrechen. Daß Condon über seine persönlichen Angelegenheiten so beharrlich schwieg, war der beste Beweis dafür, daß er keine sauberen Hände hatte. Trotz alledem aber hätte Templar gerne die ganze Last auf seine starken Schultern genommen.

Da Lister in die Stadt gefahren war und Condon erst gegen Abend zurückerwartet wurde, aß Templar allein. Snyder zeigte ihm beim Servieren ganz offen seine Verachtung. Zuerst beachtete Templar das nicht weiter; schließlich aber übermannte ihn sein Ärger, und er sagte: »Sie bedienen mich wohl nicht gern?«

»Fabelhaft, wie schlau Sie sind!« höhnte der Diener. »Sie merken auch alles!«

»Zeigen Sie mir doch mal Ihre Hand!« sagte Templar.

Snyder hielt ihm seine Faust hin. »Da, sehen Sie sich die mal an!« sagte er stolz.

»Großartig«, nickte Templar. Dann tippte er auf den niedrigen, stumpfen Rücken der Faust und sagte: »Alle Mittelknochen gebrochen, wie?«

Der Diener riß seine Hand zurück und sagte: »Was, zum Teufel, geht Sie das an?«

»In der wievielten Runde ist Ihnen das passiert?« fragte Templar neugierig. »Und wer war der Bursche, der Sie besiegt hat?«

Snyder machte eine finstere Miene. »Was bilden Sie sich eigentlich ein, Sie Hohlkopf?«

»Ich bilde mir ein, daß Sie ein ehemaliger Preisboxer sind, mein Freund. Diese Knochen haben Sie sich entweder an einem starken Kinnbacken oder an einer besonders festen Rippe gebrochen. Kann auch sein, daß Sie einen Ellbogen trafen. Sie müssen ein ziemlich plumper Boxer gewesen sein, Snyder.«

»Das lügen Sie!« schrie Snyder mit puterrotem Gesicht.

»Ich lüge nicht. Ein harter Kämpfer, aber ein schlechter Boxer.«

»Junger Mann«, schrie der Diener, bebend vor Wut, »ich bin in meinem ganzen Leben nicht k. o. geschlagen worden!«

»Das glaube ich gern«, sagte Templar. »Ich kenne die Sorte. Wenn sie den k. o. kommen sehen, flüchten sie sich in einen Tiefschlag.«

Snyder warf einen verlangenden Blick auf das große, scharfe Tranchiermesser, dann beherrschte er sich aber und sagte: »Das ist ja alles Unsinn. Sie klopfen bloß auf den Busch und wissen gar nichts.«

»Ich werde sehr bald Bescheid wissen«, log Templar. »Ich habe eine Momentaufnahme von Ihnen an einige Sportredakteure geschickt. Vielleicht erkennt man Sie wieder!«

Snyder wollte antworten, aber der Boden schien ihm zu heiß zu werden, und schweigend verschwand er in die Küche. Er kehrte auch nicht mehr zurück, sondern die Köchin brachte den Nachtisch herein. Während sie ihn bediente, beobachtete er ihre lange, schmale Hand und saß, nachdem sie gegangen war, mit halbgeschlossenen Augen nachdenklich da.

Plötzlich erschien Snyder in der Tür und sagte: »Sogar eine ordinäre Chinesin ist viel zu gut dazu, Sie zu bedienen!«

Templar war sich völlig klar darüber, daß es töricht sei, sich mit diesem gefährlichen Kerl einzulassen, aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Stier zu reizen.

»Sie können ruhig knurren und die Zähne fletschen, Snyder«, sagte er. »Sie sind ja zu alt, um selbst durch ein Foul zu gewinnen!«

»Ich habe ein Paar Boxhandschuhe da«, fauchte Snyder. »Bei Gott, ich möchte Sie nur für zwei Minuten vor mir haben. Nur eine Zwei-Minuten-Runde, mein Jungchen!«

Aber Templar lachte und verließ das Zimmer. Der wütende Verwalter schrie hinter ihm her: »Sie feiger Hund! ... Sie kneifen ja, Sie feiger Hund!« Eigentlich war es gar nicht so verwunderlich, daß Snyder ihn haßte, denn manche Menschen sind eben wie Bulldoggen und fletschen immer gleich die Zähne. Templar suchte sich einzureden, es tue ihm leid, den Mann so gereizt zu haben – im Grunde aber war er doch mit sich zufrieden. Er wußte genau: ehe hier alles entwirrt wäre, würde er einen Gang mit Snyder austragen müssen. Er würde dann diesen plumpen, halbzerschlagenen Fäusten ausweichen und nach dem stumpfen Kinn zielen!

Nach dem Essen legte er sich aufs Sofa und döste im Halbschlaf vor sich hin, bis ihn das Knirschen von Rädern vor dem Haus aufhorchen ließ. Durch das Fenster sah er, daß Lister zurückgekehrt war.

Da draußen die Sonne noch hell und warm schien, während über dem Hause schon ein düsterer Schatten hing, schlenderte er ins Freie hinaus. Auf dem Rasen hinter dem Hause fand er Lister, der mit Snyder boxte. Es war ein recht guter Kampf. Lister schlug tapfer drauflos, während Snyder sich zurückhielt und mit seiner professionellen Technik alle Angriffe Listers durch gerade linke Haken abwehrte oder so auszuweichen wußte, daß sein Gegner ganz lächerlich ins Straucheln kam. Als Snyder Templar bemerkte, hob er die behandschuhte Rechte, um den Kampf zu unterbrechen.

»Da kommt ein junger Herr, der vielleicht gerne mitmachen möchte!« rief er.

»Ganz und gar nicht!« erwiderte Templar. »Nein, wirklich nicht, Snyder. Sie sind mir viel zu geschickt.«

Dabei lachte er höhnisch. Der verächtliche Ton in seiner Stimme fachte Snyders Wut von neuem an.

»Ziehen Sie die Handschuhe an!« bat er. »Herr Lister, so helfen Sie mir doch! Wir haben ja so viel von seinen Heldentaten gehört!«

Lister grinste boshaft. »Der hat genug gesehen, der wird sich hüten!«

Da konnte Templar der Versuchung nicht länger widerstehen. Im Nu lag sein Rock auf der Erde.

»Ich wollte es nicht«, sagte er, während er sich die Handschuhe festschnürte. »Wenn Sie noch in Ihrer Vollkraft wären, Snyder, dann wäre das ein Kampf gewesen; heute aber nicht mehr. Doch ich will es kurz machen.«

Das alles sagte er ganz ruhig und spöttisch, bis Snyder plötzlich wie ein Bulle auf ihn losging.

»Achtung! ... Snyder, warten Sie doch, bis er fertig ist!« rief Lister zornig.

Aber Templar brauchte nicht gewarnt zu werden, denn in diesem Spiel war er unumschränkter Herrscher. Revolver sind manchmal ganz gut, und ein Ringkampf ist auch nicht schlecht, aber ein Faustkampf Mann gegen Mann – das war für ihn ein Göttergeschenk, eine echte, reine Freude ...

Er duckte den Haken ab und trieb seine Linke mit mächtigem Schwung in Snyders Rippen. Dann trat er zurück und betrachtete seines Gegners schmerzverzerrtes Gesicht. Lister tanzte vor Begeisterung um sie herum.

»Allmächtiger, was war das für ein Schlag! ... Templar, Sie sind mir der Richtige ... Los, Snyder, kämpfen!«

»Ich schlage ihn tot!« brüllte Snyder und machte eine Finte. Doch da traf ein mächtiger Linker seine Stirn, sein Kopf flog zurück, und ein kurzer Rechter landete auf seinen Rippen wie auf einer Trommel. Snyder taumelte und sackte zusammen.

»Merken Sie sich das für die Zukunft!« sagte Templar freundlich. »Wenn Sie tiefschlagen, gibt es keinen Schiedsrichter mehr außer einem Sechsschüssigen!«

»Gemeiner Hund!« zischte Snyder.

Plötzlich sprang er vor und schlug einen Haken von oben, der Templars Backe streifte. Hätte der richtig gesessen, würde Templar, das wußte er, ins Land der Vergessenheit hinübergedämmert sein. Aber er hatte den Kopf zur Seite gebeugt und antwortete mit einem Rechten von unten, der unter dem Kinnbacken saß und Snyder, dessen Arme kraftlos in der Luft herumfuhren, förmlich auf die Zehenspitzen hob.

»Jetzt könnte ich, wenn ich wollte, ein Ende machen«, sagte Templar mit zusammengebissenen Zähnen, seine furchtbare Rechte in Bereitschaft. »Aber ich will nicht, Snyder; ich achte Ihr Alter.«

Snyder wich zurück und wankte, als ob er betrunken wäre.

»O herrliche Linke, o göttliche, wunderbare Rechte!« schrie Munroe Lister. »Templar, um Gottes willen, bringen Sie mir das bei, bitte, bitte! ... Sie – Sie könnten ein Meister sein! So was hab' ich noch nicht gesehen.«

»Snyder ist alt geworden«, sagte Templar grausam. »Erzählen Sie ihm das, wenn er zu sich kommt! Da, nehmen Sie die Handschuhe!«

Während er die Handschuhe auszog, blickte er über seine Schulter und sah am Küchenfenster das strahlende Gesicht der neuen Köchin. Kaum hatte er sie bemerkt, war sie aber auch schon verschwunden.

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