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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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11

Nur einen Augenblick lang blieb Condon so sitzen. Dann richtete er sich auf und blickte wie ein Lokomotivführer, der seinen Zug durch dichten Nebel führt, mit suchenden Augen starr vor sich hin. Irgendwo vor ihm war ein rotes Gefahrensignal, das er hoffentlich rechtzeitig sehen würde ...

Endlich stand er auf und winkte Templar zu, mit ihm das Zimmer zu verlassen. Templar erhob sich, warf einen letzten Blick auf Lister, der gerade in aller Ruhe einen zweiten Fleischklops verzehrte, und folgte ihm.

»Sind Sie bereit, Templar?« fragte Condon.

»Jawohl!«

Condon nickte und eilte nach oben. Wozu Templar bereit sein sollte, blieb unausgesprochen, aber er wußte genau, daß er sich mit seiner ganzen Vorsicht und Schlauheit und mit seinem ganzen Mut würde wappnen müssen. Er benutzte die wenigen Minuten, um seine beiden Revolver nachzusehen und seine Winchesterbüchse aus dem Gewehrschrank zu holen. Ein Zweisitzer fuhr vor. Da kam auch Condon schon wieder herunter. Starr vor sich hinblickend, schlüpfte er hastig in seinen Mantel.

»Es ist zwecklos, noch länger zu warten«, sagte er zu Templar. »Wir wollen den Stier bei den Hörnern packen – dabei ist Schnelligkeit besser als Zaudern und sofort besser als später. Meinen Sie nicht auch?«

Es war ganz klar, daß er kaum wußte, was er eigentlich sagte, und nicht minder klar war, daß er in Todesängsten schwebte. Eigentlich war das nicht das richtige Wort für seinen Zustand, nein, er war von lähmendem Schrecken erfüllt, suchte ihn tapfer zu bezwingen, und es gelang ihm gerade noch, sich aufrecht zu halten. In rasendem Tempo fuhren sie davon. Es war stockdunkel, und der Himmel hing voller Regenwolken.

»Sehen Sie sich den Himmel an!« befahl Condon.

»Er hängt voller dunkler Wolken«, antwortete Templar.

»Nehmen Sie die Zügel! Ich will selbst sehen.«

Templar tat es gern. Es machte ihm Spaß, die feurigen Vollblüter zu lenken. Jedenfalls war das besser, als tatenlos zu grübeln und sich ohne jeden Anhaltspunkt die Zukunft auszumalen.

»Er hängt voller Wolken«, echote Condon, »und ich glaube, es wird dunkel bleiben. Was meinen Sie, Templar: wird der Mond durchkommen?«

»Ich glaube nicht; vielleicht, wenn der Wind sich dreht.«

»Wird er sich drehen?«

»Voraussichtlich nicht. Er kommt von Süden, und Südwind hält gewöhnlich zwei bis drei Tage an.«

»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« murmelte Condon.

Dieser letzte Seufzer wurde nur geflüstert und war nicht für Templars Ohr bestimmt. Aber da sie gerade in diesem Augenblick auf den Sommerweg kamen und so der laute Hufschlag der Pferde und das Rattern des Wagens leiser wurden, hatte Templar ihn gehört.

Es gibt verschiedene Gründe, die Dunkelheit herbeizusehnen, aber sie sind meistens weder gut noch ehrenhaft. Gewöhnlich tun dies nur Wegelagerer, Diebe, Räuber und Mörder. Ehrliche Leute lieben das Licht. Templar war ein solcher Mann. Jeder Zoll an ihm war ehrlich, und die Freude darüber, der Stolz darauf, erfüllten sein starkes, junges Herz. Nicht einmal die Spitzen seiner Finger waren besudelt, nicht das leiseste ließ sich gegen ihn sagen, und so sollte es auch bis an sein Ende bleiben. In stolzem Selbstgefühl, voller Verachtung für die Welt – denn alle ehrlichen Menschen sind hart und grausam – saß er neben Condon und trieb die Pferde zu schnellerem Lauf an.

Doch Condon ging es noch nicht schnell genug. Er entriß ihm die Zügel und schrie: »Junger Mann, wir fahren nicht zum Vergnügen spazieren, sondern wollen ein bestimmtes Ziel erreichen.« Er hieb auf die Pferde ein, und natürlich liefen sie im Galopp. Jetzt riß er an den Zügeln und versuchte, zum Trab zu kommen.

»Nicht einmal fahren können Sie, Templar!« fuhr er ihn an. »Das war Ihre Schuld!«

Templar schwieg – so, wie man schweigt, wenn ein kleines Kind jammert. Condon wollte fliegen, und Pferde sind keine Vögel. Als sie sich Last Luck näherten, waren die Gäule schaumbedeckt und halb ausgepumpt.

»Ich glaube, hier sind wir richtig«, sagte Condon und mäßigte das Tempo. »Passen Sie jetzt gut auf, Templar! Ich gehe diesen Weg entlang bis zu den beiden großen Bäumen dort vor dem halbfertigen Hotel. Können Sie das sehen?«

»Jawohl.«

»Gut. Steigen Sie ab und halten Sie die Pferde bei den Köpfen! Sollten sie unruhig sein und tänzeln, so schadet es nichts, wenn Sie dadurch etwas näher herankommen. Sie müssen aber jeden Augenblick gerüstet sein. Ich stelle mich zwischen die beiden Bäume und werde mit einem, kann sein auch mit mehreren, sprechen. Sehen Sie jetzt geradeaus! Im Vergleich mit den Schatten der Bäume ist es hier auf der Straße ziemlich hell. Der Mond scheint nicht, Gott sei Dank, aber es ist gerade hell genug, um zu sehen. Passen Sie auf, Templar: passiert irgend etwas Außergewöhnliches, hören Sie einen lauten Schrei, oder sollte ich plötzlich hinfallen, geben Sie sofort Feuer. Verstanden?«

»Fällt mir nicht im Traume ein«, sagte Templar verächtlich. »Greift einer Sie an, werde ich alles tun, was ich kann, um Sie zu verteidigen. Nur dann werde ich in Aktion treten. Condon, ich bin kein Mörder!«

»Sie – Sie – –« stammelte Condon.

Plötzlich sprang er aus dem Wagen, steckte seine Hände in die Manteltaschen und ging gesenkten Hauptes den Weg entlang. Es war so dunkel, daß er fast sofort verschwand und erst wieder sichtbar wurde, als er nahe bei den beiden Bäumen war. Condon hatte recht gehabt. Es war dort heller, und das halbfertige Hotel bildete einen guten Hintergrund.

Templar stieg gleichfalls aus, ging zu den Pferden, faßte mit der linken Hand die Zügel dicht am Gebiß und blickte lauschend geradeaus. Er sah deutlich, daß Condon stehengeblieben war. Nichts rührte sich, kein Laut war zu hören. Da ließ er sich auf ein Knie nieder und verblieb lauschend in dieser Stellung. Sollte es notwendig werden zu schießen, hatte er so einen Stützpunkt für seinen Arm und konnte sicherer zielen.

Nach etwa einer Viertelstunde trat ein großer, starker Mann aus dem Schatten der Bäume hervor. Dumpf hallte seine Stimme durch die Nacht. Dann antwortete Condon. Mit aufgeregter, hastender Stimme – die Worte überstürzten sich beinahe – sprach er ziemlich lange. Nach einer Pause hörte Templar wieder einige tieftönende, gemurmelte Worte. Dann wieder Condon. Es klang wie ein heftiger Protest.

Die ganze Zeit über beobachtete Templar scharf den Wald und spähte sogar unter den Wagen, ob sich vielleicht jemand von hinten herangeschlichen hätte.

Endlich kam Condon in größter Eile zurück.

»Steigen Sie ein!« schrie er, sprang auf den Wagen und war bereits im Umkehren, ehe Templar seinen Platz einnehmen konnte. Dann ging es in sausender Fahrt den Seitenweg entlang zur Landstraße.

Die Rückfahrt dauerte länger. Sowie sie erst einmal auf der Landstraße waren, ließ Condon die Pferde laufen, wie sie wollten. Vornübergeneigt saß er da und ließ die Zügel schleifen. Ein einziges Mal, als sie beinahe zu Hause waren, brach er das Schweigen.

»Templar«, sagte er, »hätte ich mich auf Sie verlassen können, hätte ich auf Ihren treffsicheren Revolver zählen können, hätten Sie zu mir gehalten wie – wie ein Mann, dann wäre heute nacht alles erledigt gewesen. Morgen wären Sie ein reicher Mann gewesen. Ich hätte Sie dazu gemacht. Jawohl, ich würde Sie reich gemacht haben. Aber Sie haben Ihre Chance verpaßt – Sie haben mich im Stich gelassen – Sie haben mein Lebenswerk verpfuscht, weil Sie sich scheuten, einen verfluchten – – –«

Die Worte erstarben in einem Gemurmel. Templar konnte sie nicht verstehen und wollte es auch nicht. Sie stiegen vor dem Stall aus, und während sie auf das Haus zugingen, sagte Templar: »Herr Condon, Sie scheinen unzufrieden mit mir zu sein, und, offen gesagt, meine Tätigkeit sagt auch mir nicht zu. Am besten wäre es, wir trennten uns. Sie schulden mir nichts, und ich kehre in die Stadt zurück. Mein Pferd steht ja hier im Stall.«

Condon kicherte.

»Bilden Sie sich ein, daß ich Sie gehen lasse?« zischte er. »Nein, mein Junge, ich habe Ihr Wort, und ich halte Sie fest. Sie bleiben hier. Hier, bei Gott, bis zu dem letzten der dreißig Tage!«

Das war alles, aber Templar kochte vor Wut und Ekel. Kaum je hatte er einen Menschen so tief gehaßt wie diesen kaltherzigen Geldraffer.

In der Diele fing Condon noch einmal an. Templar war froh, daß hier eine Lampe brannte und er das Gesicht des Mannes sehen konnte. Noch nie hatte er eine so steinerne Verzweiflung gesehen.

»Sie haben jetzt drei oder vier, vielleicht auch fünf Tage Ruhe. Erholen Sie sich gut und sparen Sie Ihre Kräfte! Stählen Sie Ihre Nerven! Während dieser Zeit wird nichts passieren, nicht das mindeste. Verstanden? Aber dann ist der Teufel los, Templar. Rüsten Sie sich für den Teufel!«

Condon legte sich gleich zu Bett, und Templar ging ins Wohnzimmer und setzte sich an den schwelenden Kamin. Der unermüdliche Lister saß, wie immer, bei seinen Büchern.

»Wenn Sie so weitermachen«, sagte Templar trocken, »werden Sie noch Präsident, ehe Sie dreißig Jahre alt sind.«

»Möglich«, grinste Lister und las weiter.

Plötzlich, lautlos wie ein Schatten, stand Lister am Kamin.

»Der Alte pfeift wohl aus dem letzten Loch, wie?« fragte er.

Templar blickte auf und schwieg.

»Und Sie wollen mit ihm durchhalten bis zum Ende?« fuhr er fort.

Templar zuckte die Achseln.

»Sie armer Narr!« sagte Lister und kehrte zu seinen Büchern zurück.

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