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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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10

War Templar zweifellos bis jetzt alles andere als ein Kavalier gewesen, so wurde er nun richtig grob. Mit seiner stahlharten Faust schlug er die Hand des Mädchens von ihren Lippen weg; Brot und Fleisch schlitterten auf dem Fußboden entlang und verschwanden unter dem Küchenofen.

»Bei Gott«, fauchte Templar, »wenn Sie unschuldig sind, wer ist dann der Täter?«

Die Köchin schwieg. Vielleicht war ihr alles, was er gesagt und getan hatte, völlig dunkel. Jetzt sah sie jedenfalls nur auf ihre Hand, deren Rücken gerötet war und anzuschwellen begann.

Da wurde Templar auf einmal sehr bescheiden.

»Es tut mir leid«, sagte er. »Furchtbar leid. Brot vergiftet, verstehen Sie? Essen vergiftet. Tötet ziemlich schnell. Haben Sie denn keine Ahnung?«

»Nicht wissen«, sagte die Köchin, sah ihn mit ihren schwarzen Augen an und wartete.

»Wenn Sie es nicht gewesen sind, wer war es dann?« fragte Templar unter wilden Gebärden.

Er suchte die beschmutzten Überreste des Butterbrotes unter dem Küchenofen hervor, wickelte sie in Papier ein und ging in das Dienerzimmer. Dort fand er Snyder beim Silberputzen. Der Diener stand nicht auf, sondern begrüßte Templar mit einem vertraulichen Kopfnicken.

»Snyder«, sagte der junge Mann, »haben Sie der Köchin heute früh beim Zurechtmachen meiner Butterbrote geholfen?«

»Das ist doch wohl ihre Arbeit und nicht meine«, sagte Snyder.

»Sie haben die Brote nicht angerührt?«

»Warum sollte ich denn?«

»Ich richte eine Frage an Sie! Wollen Sie antworten?«

Snyder stand ganz langsam auf; man merkte ihm an, daß er vor Wut kochte.

»Sie – – –«, fing er an und machte eine Pause, um sich seine Worte zu überlegen. »Wenn Herr Condon zugegen ist, Templar, muß ich Ihnen gegenüber bescheiden sein. Ich muß Sie bei Tisch bedienen. Das muß sein. Sonst bin ich genau so gut wie Sie, vielleicht noch besser. Vor Ihnen und Ihren Revolvern habe ich keine Angst. Sollten Sie sich unterstehen, einen davon gegen mich zu ziehen, würde Ihnen das schlecht bekommen. Lassen Sie sich hier nicht mehr sehen, Sie aufgeblasener Kerl! Verstanden? Jetzt scheren Sie sich 'raus!«

Templar ging.

Er wunderte sich über sich selber, aber die Verachtung und der Stolz des Mannes hatten immerhin Eindruck auf ihn gemacht. Außerdem: besaß er denn irgendwelche Beweise? War Snyder schuftig genug, das Essen zu vergiften, so war er sicherlich auch geschickt genug, alle Spuren zu verwischen. Hätte er die Butterbrote selbst vergiftet, so würde er der letzte sein, der zugab, sie überhaupt in der Hand gehabt zu haben. Selbst wenn die Köchin ihn beschuldigen wollte, würde sie mit ihrer geringen Kenntnis der englischen Sprache wohl kaum fähig sein, ihre Anklage zu vertreten.

Er lief in den Garten und ging dort auf und ab. Sooft er an der Bibliothek vorüberkam, sah er Lister, wie immer, andächtig hinter seinen Büchern sitzen. Nach ungefähr einer halben Stunde kehrte Condon zurück und hörte ernst und ruhig den Bericht seines Wächters an.

»Das war sicher die Chinesin«, erklärte er. »Snyder –? Ich weiß nicht recht, aber ich glaube nicht, daß er es gewesen ist. Sie dagegen – –«

»Sie kommt gar nicht in Frage«, sagte Templar. »Ich sagte Ihnen doch: sie hatte das Brot bereits an den Lippen, und ich hatte gerade noch Zeit, es ihr aus der Hand zu schlagen.«

Im selben Augenblick erschien sie mit einem Wäschekorb im Hof, um Wäsche zum Trocknen aufzuhängen. Dabei sang sie irgendeine fremdartige Melodie vor sich hin, die dem Hörer jedoch recht wenig melodisch vorkam.

»Sie hat mein rohes Benehmen längst vergessen«, sagte Templar impulsiv. »Aufrichtig gesagt, Condon, das arme Mädel tut mir leid! Schwere Arbeit – im fremden Land – eine fremde Sprache – keine Freunde – – –!«

Der kalte Blick, mit dem Condon ihn ansah, störte ihn in seinen Gefühlen und in seiner Rede.

»Das wollen wir lieber lassen«, meinte Condon, und Templar errötete.

»Sie ist doch nur eine arme Chinesin«, verteidigte er sich.

»Ich habe noch nie bemerkt«, erwiderte Condon, »daß bei den Frauen die Nationalität eine wesentliche Rolle spielt.«

Dann erzählte er ihm von Larrys Begräbnis. Es war kurz und einfach gewesen. Condon selbst hatte einen schlichten Fichtensarg gekauft, Männer besorgt, die das Grab gruben, und selbst die Inschrift auf das Brett geschrieben, das den Grabstein darstellen sollte, nämlich: »Hier ruht Lawrence Harmon, der hier in der Stadt eines plötzlichen Todes starb.«

Condon lächelte bei diesen Worten.

»Sie kannten seinen Namen?« fragte Templar.

»Ich fand einen Brief in seiner Tasche«, sagte Condon. Dabei sah er Templar ganz merkwürdig an, als ob er versuchte, die Gedanken des jungen Mannes zu erraten.

»Alles andere ist mir gleich«, sagte Templar endlich, »aber diese Giftgeschichte finde ich doch etwas reichlich.«

»Ich werde die Köchin sofort in die Stadt schicken. Wir könnten Anklage gegen sie erheben, und der Sheriff würde sie vielleicht für einige Monate einsperren.«

»Tun Sie das nicht! Ich werde sie beobachten«, schlug Templar vor.

»Wie wollen Sie das machen?«

»Ich werde schon eine Möglichkeit finden.«

Er fand auch eine, und zwar eine ganz einfache.

Neben seinem Zimmer waren zwei leere Räume, und einer davon lag direkt über der Küche. In dem oberen Fußbodenbelag war ein Knorren lose geworden. Als er ihn herauszog, konnte er durch einen unmittelbar darunter befindlichen Spalt in der zweiten Bretterschicht in die Küche sehen. Das Gesichtsfeld war allerdings sehr klein, umfaßte glücklicherweise aber einen Spiegel, der gerade der Tür gegenüber angebracht war. Dieser Spiegel war in die Wand eingelassen, denn ursprünglich war dieser Raum ein Eßzimmer gewesen. Als er später in eine Küche umgewandelt wurde, blieb der Spiegel und gab Templar jetzt die Möglichkeit, einen großen Teil der Küche im Spiegelbilde zu sehen. So sah er die Tür und, wenn sie offenstand, einen Teil des dahinterliegenden Hofes und den Garten. Den Küchenofen und Abwaschtisch sah er ganz deutlich in der Mitte des Spiegels. Für Templars Zwecke hätte der Spiegel gar nicht besser angebracht sein können.

Er konnte, auf dem Bauche liegend, jede Bewegung der Köchin am Abwaschtisch und am Küchenofen genau verfolgen. Jetzt schob sie gerade eine Pfanne in den Ofen, und in der Pfanne lagen Pasteten, die mit feingewiegtem Hühner- und Schweinefleisch gefüllt waren. Der Duft stieg ihm in die Nase; das Wasser lief ihm im Mund zusammen.

Nein, eine solche Köchin konnte keine Giftmischerin sein!

Als sie sich aufrichtete, besah sie sich ihre Hand, die Templar mit so unnötiger Härte beiseitegeschlagen hatte, zuckte die Achseln und ging zum Abwaschtisch. Am liebsten hätte er sie laut um Verzeihung gebeten.

Über eine Stunde lang brachte er damit zu, die Köchin zu beobachten. Einmal wollte er soviel wie möglich über sie erfahren, dann aber fesselten ihn auch die graziösen Bewegungen ihres Körpers und ihrer starken, schlanken Hände. Sehr bezeichnend war ihre Schnelligkeit. Kaum hatte sie das Messer an eine Kartoffel angesetzt, so fiel diese auch schon, sauber geschält, in den Kochtopf. Das Putzen und Kleinschneiden der Mohrrüben grenzte an Zauberei. So genau er sie auch beobachtete, konnte er doch keine Bewegung entdecken, die nicht zu einer fleißigen, geschickten Köchin gepaßt hätte.

Als er das Beobachtungsloch wieder verstopfte, schämte er sich beinahe und nahm sich vor, sie nicht mehr zu belauschen. Dann stand er auf, um sich geräuschlos nach seinem Zimmer zu begeben. Leise, ganz leise schlich er durch den leeren Raum – legte vorsichtig die Hand auf die Türklinke – öffnete vorsichtig die Tür – und – sah Snyder vor sich.

Snyder fuhr nicht etwa zurück. Im Gegenteil. Mit zornrotem Gesicht sah er ihn an und sagte beißend: »Sie schnuppern und spionieren also wieder herum! Wahrhaftig, Sie sind mehr ein Spürhund als ein Mann!«

Templars gefürchtete rechte Faust ballte sich mit eiserner Kraft, aber sie schlug nicht zu. Die Feinde mit Revolvern, Messern und Gift waren zahlreich genug, – da lohnte es sich wahrhaftig nicht, sich über die Gegnerschaft eines törichten Hausangestellten aufzuregen.

Es dauerte jedoch gar nicht lange, da hörte er mehr über diese Begegnung, denn vor dem Essen erzählte ihm Condon, Snyder habe sich bei ihm über Templars Umherschleichen im Hause beschwert.

»Trauen Sie dem Mann?« fragte Templar gereizt.

»Ich traue niemandem«, sagte Condon ziemlich doppelsinnig. »Snyder aber vielleicht doch mehr als andern.«

»Dann will ich Ihnen meine Ansicht sagen. Snyder hat die Butterbrote vergiftet! Snyder, Herr Condon, ist ein gedungener Mann, aber nicht Sie haben ihn gedungen!«

Er hatte gehofft, damit auf Condon Eindruck zu machen. Der aber nickte einfach und sagte: »Sie haben vielleicht recht, aber wir können doch nicht alle entlassen. Kochen, Templar, und Bedienen ist keine angenehme Beschäftigung. Sie würden keins von beiden tun; hab' ich recht?«

Damit war die Unterhaltung beendet, und sie gingen ins Eßzimmer. Lister kam wie gewöhnlich zu spät und steckte schnell noch einige Notizen, die er sich gemacht hatte, in seine Taschen. Bis auf eine unheimliche Neuerung verlief die Mahlzeit ziemlich heiter. Condons Lieblingshund saß neben dessen Stuhl, und von jedem Gericht, das aufgetragen wurde, bekam der Hund eine Probe zu fressen. Nach einer kurzen Pause, wenn sich keine Vergiftungserscheinungen zeigten, ließen die andern der Kochkunst der neuen Köchin volle Gerechtigkeit widerfahren. Mitten in der angeregten Unterhaltung – selbst Lister war gesprächig geworden uno erzählte eine Ruderergeschichte – ertönte ein lautes Klopfen an der Haustür. Snyder lief hin und kam mit einem Streifen Papier zurück.

»Niemand da. Nur das da!«

Condon sprang auf, riß ihm das Papier aus der Hand und entfaltete es. Während er noch las, fiel er auf seinen Stuhl zurück. Als er zu Ende war, beugte er sich vor, faßte die Tischkante und schloß die Augen, als ob er einer unangenehmen Vision entrinnen wollte.

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