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Die geheimnisvolle Ranch

Max Brand: Die geheimnisvolle Ranch - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie geheimnisvolle Ranch
publisherTh. Knaur Nachf. Berli
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180131
projectid20b5c588
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9

Als Templar am nächsten Morgen aufstand, waren bereits neue Leute im Hause. Am bemerkenswertesten war der neue Hausdiener, ein Mexikaner, mit freundlich lächelndem Gesicht, dienstwillig bis zum äußersten, aber mit dem Fluch völliger Unfähigkeit belastet. So wenigstens schilderte ihn Condon, als Templar herunterkam. Dann schlug er vor, den neuen Küchenchef zu begutachten.

»'s ist eine Köchin«, sagte Condon. »Als Snyder in die Stadt kam, erfuhr er, daß die Neger so viel Schauermärchen erzählt hatten, daß sich niemand in die ›Mordfalle‹ verdingen wollte. So nannten sie nämlich mein Haus gestern, ehe sie von Ihren nächtlichen Taten gehört hatten. Wie werden sie es wohl heute nennen?«

Trotzdem war es Snyder gelungen, als Köchin eine Chinesin zu mieten, die allerdings keine Zeugnisse hatte und nur ein paar Worte Kolonial-Englisch radebrechen konnte. Auch den jungen Mexikaner hatte er nur darum erwischt, weil er noch nicht lange genug in der Stadt gewesen war, um den ganzen Klatsch zu hören.

Sie durchquerten den Garten und klopften an die Hintertür. Condon stieß sie auf und verlangte ein paar Fleischreste für seinen Hund.

Ein hochgewachsenes junges Mädchen trat ihnen entgegen. Sie war bis zum Kinn in eine weiße Schürze gehüllt und sah nicht gerade sehr weiblich aus. Nur ihre schlanken, rundlichen Handgelenke verrieten die Frau; ihre Unterarme dagegen waren kräftig genug, eine Axt zu schwingen oder einen zweijährigen Gaul zu bändigen. Sie hatte eine schöne goldgelbe Haut und die undurchdringlichen Züge der Asiatin.

Sie reichte Templar eine Holzschüssel mit einigen Fleischstücken darin und blickte dabei mit ihren mandelförmigen Augen zu ihm auf. Eigentlich sah sie aber nicht ihn an, sondern eher die Welt im allgemeinen, von der er zufällig ein Teil war. Templar hatte den Eindruck, als seien ihre Augen völlig ausdruckslos und tot, wie gemalte und noch dazu schlecht gemalte Augen.

Als er sich mit Condon entfernt hatte, fragte er ihn rundheraus: »Was halten Sie von dieser Köchin?«

»Sieht ganz gut aus, nicht?« antwortete Condon zerstreut. »Ich habe auch die Küche noch nie so sauber gesehen. Sie ist eine Nordchinesin. Die Chinesen aus Hongkong sind besser als die aus Schanghai. Wenn sie allerdings unsauber sind, sind sie es gleich richtig; sind sie aber sauber, dann blitzt und blinkt alles. Ich glaube, sie wird sich machen.«

»Sie sieht beinahe wie ein Mann aus«, sagte Templar ernst.

»Unsinn!« sagte Condon. »Sie dürfen auch nicht zu argwöhnisch sein. Bei mir ist das was anderes, ich bin nun mal so. Ich muß offen sagen, daß sie mich, als ich sie zuerst sah, an jemanden erinnert hat. Aber da können Sie sehen, wie blödsinnig man durch diese beständige Angst wird. Derjenige, an den sie mich erinnerte, ist ein Weißer und war nie in China.«

Er machte eine Pause, faßte Templar unter und sagte ernst: »Mein Freund, diesen Mann fürchte ich; vor ihm habe ich die allergrößte Angst. Ehe die dreißig Tage um sind, wird dieser Mann hierherkommen und dieses Haus wieder verlassen. Ich hoffe zu Gott, daß ich am Leben bin, wenn er kommt, und – daß ich nicht tot bin, wenn er gegangen ist.«

Offenbar meinte er den Mann, an den die Köchin ihn erinnerte. Gern würde Templar mehr erfahren haben, aber er war überzeugt, daß weiteres Fragen völlig nutzlos sei.

Tagsüber machte sich Templar mit dem Haus mehr und mehr vertraut und vertrieb sich am Nachmittag die Zeit damit, einige kühne Neuigkeitsjäger zu vertreiben und ihnen die Photoapparate, mit denen sie soeben Momentbilder des »Desperados John Templar« aufgenommen hatten, zu zerschlagen.

Der Abend verlief ruhig. Das einzige Ereignis war ein vorzügliches Abendbrot, das Snyder aus der Küche holte und servierte.

»Endlich haben wir mal eine gute Köchin«, sagte Condon. »Eine wertvolle Erwerbung, Snyder. Können Sie sich eigentlich mit ihr verständigen?«

»Durch Gesten und Zeichen. Dann antwortet sie: ›Viel schnell.‹ Viel mehr kann sie nicht sagen, aber sie ist eine Perle.«

Nach dem Abendbrot saßen sie am Kamin, Lister natürlich wieder bei seinen Büchern. Templar und Condon entdeckten zu ihrer Freude, daß sie beide gern Sechsundsechzig spielten. Der Abend verlief ereignislos; nur ein merkwürdiger Vorfall blieb Templar im Gedächtnis. Condon fragte nämlich ganz plötzlich: »Sagen Sie mal, wie benahm sich eigentlich mein teurer Neffe, als Sie feuerten und ich wie ein alter Narr ohnmächtig wurde?«

Lister sah auf und kniff hinter seinen Brillengläsern die Augen zusammen.

»Er erschrak, aber nicht allzusehr. Die Kugeln flogen nur einige Zentimeter an seinem Kopf vorbei.«

Condon drehte sich um und sah seinen Neffen kalt an.

»Das konnte ich mir eigentlich denken«, sagte er. »Ja, ja, das hätte ich mir denken können.«

Es klang, als ob der junge Mann irgend etwas Unehrenhaftes oder Abscheuliches begangen hätte.

So verging der Abend. Immer noch in Gedanken an die gute Mahlzeit folgte Templar seinem Chef nach oben, wartete, bis er seine Schlafzimmertür geschlossen hatte, und ging dann selbst zu Bett.

Die Nacht verlief ruhig. Am nächsten Morgen ging Templar in den Stall und suchte sich ein Pferd aus. Sie hatten verabredet, daß er, während Condon in dringenden Geschäften in Last Luck weilte, sich mit dem Tal und den umliegenden Hügeln vertraut machen solle, um für eine etwa nötige Flucht oder Verfolgung gerüstet zu sein.

Nach dem Frühstück ließ sich Templar von der Köchin einige belegte Butterbrote geben und ritt auf einem gutgefütterten, sehr stallmutigen Braunen davon. Ehe es Mittag wurde, waren seine Arme von dem fortwährenden Zurückhalten des vorwärtsdrängenden Pferdes halb gelähmt. Bei seinem Ritt durch den Wald fand er auf dem Gipfel eines Hügels eine große Tanne, zwischen deren starken Wurzeln ein kleiner Quell hervorsprudelte. Er beschloß, hier zu rasten und sein Frühstück zu verzehren. Nachdem er seinem Pferd die Gurte gelockert hatte, setzte er sich mit dem Rücken gegen die Tanne, legte seine Flinte zu seinen Füßen hin und nahm das Paket mit den Butterbroten auf den Schoß. Da fiel ihm ein, daß man aus Baumrinde nette, kleine Trinkbecher machen könne. Er stand wieder auf, um sich ein passendes Stück Rinde zu suchen. Als er zurückkam, flitzte gerade ein Eichhörnchen mit einem Stückchen Brot den Baumstamm hinauf.

»Hast wohl Hunger?« lachte Templar und beobachtete den entschlüpfenden Räuber. »Ja, ja, nicht einmal Nüsse gibt's für einen ehrlichen Arbeiter!«

Der Becher war noch nicht ganz gebrauchsfertig, und ohne sich weiter zu beeilen, bastelte er daran herum, bis er ihm gelungen schien. Dann setzte er sich endlich wieder hin, um sein Frühstück zu verzehren.

Das kleine Tierchen sprang dabei auf einem dünnen Ast aufgeregt hin und her. Plötzlich ließ es sich fallen. Es war der typische Sprung eines Eichhörnchens. Den dicken, buschigen Schwanz als Fallschirm gebrauchend, streckte es alle viere weit von sich, um der Luft möglichst großen Widerstand entgegenzusetzen. Es landete ziemlich sanft.

Templar setzte sich erstaunt und beinahe erschrocken auf. Das Eichhörnchen mußte verrückt sein, einen Menschen anzugreifen! Aber nicht er war das Ziel des Sprunges, sondern der Quell. Bis zu den Augen steckte es den Kopf hinein und trank, verschnaufte sich und trank wieder. Dann fiel es plötzlich auf die Seite, strampelte mit den Beinchen, wie in einer Tretmühle, stieß einen schrillen Schmerzensschrei aus und verendete.

Er bückte sich, um es zu untersuchen, und fand in den Barthaaren des kleinen Tieres, dicht bei seinem Maul, ein paar Brotkrumen.

Ein furchtbarer Verdacht stieg in ihm auf.

Schnell packte er sein Frühstück zusammen und ritt durch den Wald, bis er an den Rand einer offenen Wiese kam. Dort hielt er an und betrachtete düster das entfernt liegende Haus.

Der Tod des Eichhörnchens war eigentlich noch kein Beweis. Da krächzte eine Krähe über ihm, und etwa ein halbes Dutzend ihrer Gefährten stieg schwerfällig aus den nächsten Bäumen auf. Schnell warf er zwei Butterbrote auf die Erde und ritt dann ein Stückchen abseits.

So etwas ließen sich die Krähen nicht entgehen. Sie kamen zurück, ließen sich nieder und verschlangen unter beständigem Krächzen gierig die Beute.

»Ich Narr habe mir dummes Zeug eingebildet«, sagte Templar zu sich. Da flog eine der Krähen auf den nächsten Baum zu. Plötzlich schien sie das Gleichgewicht zu verlieren und fiel durch die Äste zu Boden, flatterte wieder auf und verschwand über die nächsten Bäume. Templar ritt wie ein schuldbewußter Mörder hin. Er fand die Krähe verendet, nur die Muskeln zuckten noch. Jetzt hatte er einen Beweis, der sogar vor Gericht Stich gehalten hätte.

Wutschnaubend ritt er nach Hause. Ihn schauderte. Mit Fäusten, Messern und Revolvern hatte er gekämpft – aber das da –! Im Galopp erreichte er das Haus, sprang ab und warf seinem Pferd die Zügel über den Kopf. Der Braune kannte das nicht und lief, sich seiner Freiheit freuend, davon. Templar selbst stieß die Küchentür auf und trat ein.

»Hier!« befahl Templar. »Iß!« Er nahm das letzte der Butterbrote und wiederholte: »Nimm – iß!«

Er trat dicht an die Köchin heran und fuchtelte mit den Händen. Endlich verstand sie.

»Viel schnell!« sagte sie und hob das vergiftete Brot zum Mund.

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