Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dauthendey >

Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 95
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
Schließen

Navigation:

Neumondnacht in Jeypore

Mit weißen, blendenden Kuppeln sind die Stationen am Schienenstrang hingestellt,
Als fährt man von Tempel zu Tempel in der indischen Eisenbahnwelt.
Manchmal der Zug auch anhält, wenn es einem Elefanten oder Tiger einfällt,
Daß er den Bahndamm als Lagerplatz wählt.
Dann pflegen mit Pfeifen und Rufen Maschinenführer und Heizer unerschreckt
Das Tier zum Respekt zu bewegen.
Unterm indischen Sternhimmel, wie unter silbernem Metallregen,
Kam ich abends an in Jeypore. Die Tore der Stadt sind dann längst verschlossen,
Und der Fremde beinahe bei den Sternen zu übernachten hat,
Wäre da nicht ein indischer Kastrat, der ein Haus vor die Tore stellen tat,
Dort macht er die europäischen Reisenden satt und bietet Bäder und Lagerstatt.
Ein jeder die Ruhe liebt, kommt er vom Reisen endlich in eine Stadt,
Und der Schlaf kaum sich dann noch verschiebt.
Ich lag im weißgekalkten Zimmer beim Schein einer Petroleumlampe,
Heimatlich um mich Schrank, Tisch und Stühle,
Damit sich der Leib, wie in Europa, zu Hause fühle.
Fremd war nur der Zikaden Geklag' in den Palmenständen hinter den Hauswänden,
Und die Luft lag in lauwarmen Schwaden, gleich Händen auf meinen Händen,
Voll Klingen ist die schwirrende Tropennacht, als ob in Sträuchern klirrende Messer singen.
Um die Geister im Neumond zu scheuchen, machte heut' auch die indische Stadt
Mit Metall, Streichen von Saiten und Klappern von Holz ein Geschall,
Das hörte ich im Haus von weitem vor den Toren.
Das braute sich mir in die Ohren wie ein Spuk, und ich baute mir unter Rumoren von jedem Laut
Die Stadt auf, die ich noch niemals geschaut:
Menschenmengen, die sich um tanzende Feuer drängen,
Tänzer auf flammenbeschienenem Dach, Menschen, verzückt und weit fortgerückt,
An allen Straßenecken Flammen, die Holzstöße fraßen,
Und Geheimes schoß heraus wie aus Verstecken,
Schatten, die bis an die Hausdächer saßen, Schatten, die über Hauswände fuhren, ohne Spuren zu lassen.
Wie eine Albmare saß mir die Stadt, die unsichtbare, auf meines Bettes Decken,
Und das Schlafen, das wachsen wollte und zu meinem Bett herankam, um sich zu strecken,
Sah mich blöde an, halb ausgewachsen, wie ein Kalb.
Ich mußte vor dem Lärm in meiner Öde erschrecken,
Als wären die Neumondnächte eine Herde Ratten. Der Neumondgeist ließ es geschehen,
Daß ich im Unsichtbaren Einzug hielt in die Stadt, die jeden Fremden zur Nacht fortweist.
Ich konnte mich sehen auf der Einsamkeit großem Schattenpferde,
Auf dem ich, wie nackt und bloß, um die Erde gereist.

 

 << Kapitel 94  Kapitel 96 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.