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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 89
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Stall der alten Götter

Zwei wunderliche Ställe hat die Eingebornenstadt in Bombay,
In einem sind die alten Götterbilder, die abgelegt und außer Mode,
Im andern Tiere, alte und marode, die gern der Indier bis zum Tode pflegt.
In einer Gasse, eng, verdeckt, halten die beiden Ställe sich versteckt,
Wohl über hundert Götterbilder, wie Puppen und wie buntgemalte Schilder
Standen in einem langen Schuppen.
Es hielt die Göttin Kali, groß, zerfleischte Offiziere,
Engländer, nackt und bloß, in ihrem Schoß.
Statt Hände hat die Göttin Krallen von einem wilden Tiere.
Aus ihrem Mund, verzerrt von Wut, floß gutgemaltes Blut wie rote Bänder.
Sie hielt ihr Opfer festgepackt und fraß die bunten Eingeweide.
Manch General in ihrem Arm lag totenblaß und blutzerhackt.
Mit grünen Augen, grell, aus Glas, und kühnen Bärten, auch aus echtem Haar,
Mit echter Tigerkralle saß hier die alte Götterschar in ihrer Götterhalle,
In diesem Folterstalle nur Blut und kein Erbarmen war.
Mitleidig aber lag, wie Milde und wie die Asche der gestillten Wut,
Staub überm roten Blut, Staub über jedem toten Götterbilde.
Und diese Götter, die den Fremden hassen, mehr als es selbst der Indier tut,
Erscheinen einmal doch im Jahr zu einem Feste noch auf allen Straßen.
Erblassen muß sogar die Sonne, kommt dann bluttriefend diese Puppenschar
In Prozessionen mit den Pilgerzügen durch die Gassen,
Und glänzt das angemalte Blut hell zum Vergnügen.
Da sitzt der Affengott, braunblau, und fletscht die Zähne,
Und er erdrosselt eine weiße Frau.
Ein Elefantenbild zerdrückt, zerstampft Matrosen
Und dampft von Blut, geschmückt gleichwie mit Rosen.
Der Tigergott mit seinen Zähnen, gräßlich großen, kaut Därme englischer Soldaten,
Und jeder Gott stößt um sich, tobt und haut
Und ist von Scharlach aufgeregt umflossen.
Und diese schwache Puppenschar sitzt, wie die indische Rache, im staubigen Stalle eingeschlossen,
Doch furchtbar wird es sein, wenn diese Puppen alle mit Flügeln aus der Halle fliegen
Und wie die Schmetterlinge, mit grassen Totenköpfen auf den Rücken,
Sich, überm Lande freigelassen, wie ein Signal zum Töten wiegen.
Unheimlicher war mir die Straße, als ich den Götterstall verließ
Und all die Indier sah, die sanfter scheinen als die Schafe, von denen keiner einen Hund anstieß, lag der im Schlafe.
Dieselben Indier aber warfen alle
Geldstück um Geldstück schnell in eine Kasse als Opfer für den Tigergott, der da rot
Am Eingang zu dem Götterstalle nah' bei der Straße sitzt und droht. –
Das Menschenblut, dacht' ich, bald ist es honigsüß und gut
Und bald zerreißt es dich wie eine Tigerkralle.

 

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