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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 87
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Der Tanz

Unter der Bogenlampe war die Frau, die tief verhüllte,
Die endlich sich zur Rampe mit wenigen Schritten nur bewegte,
Als ob ein Geist aufstand und unter Lumpen aus dem Grab
Die Ferne von dem Tod zum Leben hinter sich still legte
Und nun den ganzen Raum mit seinem Odem füllte,
So wie ein großer Blütenbaum, der angewachsen auf den Wurzeln steht.
Und mit dem Duft, wenn ihn die Luft erregte,
Durch Meilen Land hin zu dir geht.

 

So tat das Weib den Rhythmus jetzt verbreiten,
Sie nahm den einen Arm vom Haupt und hat die Hand gestreckt und tat die Finger spreiten,
Sie biegt den Leib nicht viel, der blieb fast still.
Und nur die Hand bewegte sie im Tanz, als ob die Seele ganz zu ihren Fingern kam
Und biegsam still, wie eine Schlange, sich entrollen will.
Allmählich auch enthüllt sie vom Gesicht sacht eine Wange
Und sendet, unterm Schleier halb versteckt, stumm lange Blicke,
Und wie die Schatten einer Nacht weit ausgestreckt.
Sie folgt mit leisem Gange und gebückt dem Sange ihrer wild entbrannten Musikanten,
Die eng und nah im Kreise, wie verzückt, rings um die Tanzende wie um ein Feuer rannten.
Die eine Hand stets an der Stirn, die andere gedehnt gestreckt,
Hat sie sich in das Bühnendunkel wie in ein Bett zurückgelehnt
Und hat die Augen, wie zwei Messer, am Rhythmus voll Genuß geschliffen,
Hat mit der Hand zur Luft gegriffen und wand sich unterm Lustgeheule
Von jedem Musikant, wie eine Säule, die sich dreht,
Wie Rauch, der senkrecht aus dem Brand aufgeht und wie von allen Aschen frei.
Dann aber stieß sie einen raschen Schrei aus ihrer Kehle, als riß sie sich das Herz entzwei,
Ließ sich zur Erde, fiel ins Knie mit einer furchtbesessenen Gebärde
Und kauert wie bedroht, als wär's ihr Tod und nicht ein Tanz und Spiel.
Dann wieder schnellte sie empor, hoch springend, die noch eben ohne Leben hockte,
Und tanzte liedersingend und hingegeben wie zuvor,
Ganz Heiterkeit, ganz seliges Entschweben.
Sie lockte unter Beben mit den Schultern, als sollten alle das Geleite
Ihr durch den letzten Himmel geben.
Dann hat sie plötzlich rückwärts umgeguckt,
Hat ihren Betel, den sie stets mit Wollust unterm Tanz gekaut,
Mit einem Schnalzlaut über ihre Schulter fortgespuckt.
Ganz unbewußt ist das geschehen, als könnt' es keiner in dem Rausche sehen.
Zur Trommel hat die Flöte mitgegluckt.
Die Tanzende legte im Weitergehen sacht ihre Lumpen von den Schultern und den Brüsten
Und gab in Freiheit sich den Lüsten der Töne und dem Tanztakt hin
Und stand bald nackt und blank, wie nur die Dunkelheit in einem Weiher.
Vom wilden Taumel immer heftiger gepackt, tat sie sich drehen,
Sie tanzte wie in zärtlichem Vergehen und ließ den letzten Schleier an den Hüften schon lockerer wehen.
Da trat von ihren Musikanten einer an sie heran
Und legt ihr aus Orangenblüten sacht eine weiße Blumenkette an.
Die weiße Kette auf dem dunklen Leib war statt der Lumpen dann
Wie eine Kleidung einer Königin dem armen Tänzerweib.
Und so geschmückt glitt sie auf rauhen Bühnenlatten
Stumm und glückselig wie ihr eigner Schatten,
Als hielt sie heilig Schritt mit vielen weißen Tempelpfauen,
Mit allen Göttern fern auf körperlosen Auen.

 

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