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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 83
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Nachtfahrt im Eingebornenviertel

Um abends noch dem Sonntag zu entgehen, wollt' ich im Eingebornenviertel
Die schönste Bajadere tanzen sehen.
Die Droschke hielt nach langen Winkelfahrten.
Der indische Kutscher aber schien verwirrt, als habe er sich im Gedräng' verirrt,
Und sagte englisch mir, ich möchte warten.
Wie dunkle Scheiterhaufen, daran die Funken starrten,
Sahn mich die Eingebornen-Straßen an.
Viel bunte Lampen brennen auf Altanen,
Und offene Feuer rennen in die Luft wie helle, seidene Fahnen.
Es ist ein Duft der Lichter und vom Ambrarauch,
Und die Gesichter, sie saßen sich ganz nah', eng zwischen Liebesblick und Scherzen.
Verliebte Frauen waren da, wie dunkle Leuchter vollbesteckt mit Kerzen.
Indisches Sterngewimmel, das in der Nacht durch offene Häuser geht,
War eben aufgewacht, und selbst das Pflaster schien ein Stückchen Himmel.
Wie Stufen, die sich höher hoben, hörte ich Stimmen singen, lachen, rufen.
Als ob sie niemals Feierabend geben, rannten in kleinen Läden
Englische Nähmaschinen in Händen von gewandten Indiern,
Die noch bei Nacht von Arbeitseifer brannten.
Als darf das Leben nachts nicht mal verschnaufen,
War noch ein Laufen und Verkaufen in allen Gassen her und hin.
Auf Füßen, die stets schuhlos sind, die nur in seidenen Pantoffeln gehen,
Kommen sie lautlos, eilig um die Ecken, gleichwie der Wind, um spurlos wieder zu verwehen.
Ich sah mich in dem Wagen, in einem dunkeln Tanz still stehen
Und sah den Kutscher dann beraten in einem Kranz lautloser Schatten,
Als müßte er das Leben wagen und nach dem Weg ins Jenseits fragen.
Manch' Weib lehnte indes den Kopf auf ihre Hand
Und stand versteckt von einem Blumentopf und hat von lampenheller Galerie,
Wo Affen sprangen und Zikaden sangen, wie Boten ihre Augen still herabgesandt.
Der Kutscher aber kam und sprach, ich hätte nichts zu hoffen,
Aus Höflichkeit für England sei am Sonntag gar kein Tanzplatz offen.
Und mit ihm nickten alle Schatten, die ihm Berater waren.
Ich aber dachte: ich will und muß noch ins Theater fahren.
Und mein Gedanke, mehr als Worte, still auf die Schatten Eindruck machte.
»Ja, ist's Euch gleich,« sprach da ein Mann, »dann seht Euch eine Kulibajadere an.
Nur eine Kuli heute vor Euch tanzen kann, sonst keine in dem ganzen Indisch-englisch großen Reich.«
Ich zauderte und dachte wieder still, daß zwischen meinem Tanzgelüste
Und einem Kuliweib ein Unterschied bestehen müßte,
Doch hielt der Indier jeden Zweifel mir vom Leib.
Er pries und er verhieß, daß ich dort sehen könnte,
Was nie sonst sich ein Europäer gönnte.

 

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