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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 81
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Asiatischer Sonntag

Ich konnte mich von diesen Göttern, die glücklich wie die Stubenfliegen
Und wollüstig wie nur die Blinden, gar leicht hienieden zu den Menschen wiederfinden.
Viel schwerer war mir's damals, als, vor Wochen, ich aus den Pyramiden müd' herausgekrochen
Und dann herabgestiegen zu den Wüsten, da war tief eine Kluft von jener Totengruft
Hin zu den Lebenslüsten. Doch nicht hier zwischen Menschen- und den Götterbrüsten,
Denn beider Lungen brauchen Liebesluft.

 

In Bombay war es Sonntag im Hotel, und dieser Tag, in europäischen Räumen,
Ging niemals von der Stell'.
Doch vor den Fenstern stand, am indischen Land und Meer, ein Werkeltag umher.
Zum erstenmal in meinem Leben empfand ich mich, als Christ, ganz sektenhaft
Und saß mit meinem Sonntag außer Kraft daneben.
Denn Asien hat sich keinen Sonntag angeschafft. Es lärmt und pafft
Tagaus, tagein wie alles Leben stets voll Lebenssaft.
Denn die Natur stellt auch nicht stets am siebten Tag das Wachsen ein,
Sie wächst aus voller Brust vergnügt und nicht mit Plag'
Und will nicht jährlich zweiundfünfzig Tag' für ihre Lebenslust belohnt noch sein.
Den Göttern aber huldigt man am besten, packt man das Leben froh und stündlich an.
Von Bombay bis nach Honolulu feiert der halbe
Erdteil keine Sonntagsruh'.
Man einigt sich mit der Natur zu großen Festen,
Doch betet nicht zu seinen Göttern nach der Uhr.
Und kommt ein Christ zum erstenmal in jene Heidenwelt hinein,
Fühlt er sich mit dem Sonntag in ein' Eck' gestellt
Und sitzt mit seiner Faulheit dumm allein.
Ich hätte mich im Sonntagsmüßiggang mit meinem Liebesheimweh nur gequält
Und stellte darum kalt die Sonntagsfeier ein
Und merkte bald, daß sie mir gar nicht fehlt.

 

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