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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 68
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Die Parsentürme

Drei Sehenswürdigkeiten sind im weiten Bombay:
Die Parsentürme draußen vor der Stadt in einem Garten, wo die Geierscharen hausen und auf die Leichenmahlzeit warten;
Die Felsentempel auf dem Eiland Elephanta kühl im Meer;
Und dann die Eingeborenenstadt, mit ihrem indischen Gewühl und mit Basaren und Verkehr.
Ich bin zuerst zu Leichen hingefahren, nachher zum Götterheer, zu altem Glanz in jenem Inselhain,
Und dann zu fröhlichem Dasein und zum Tanz, – zu einer Bajadere ohnegleichen. –
Die Parsentürme liegen im grünen Parkgehege; durch Palmgestäude liefen Wege von purpurrotem indischem Sand,
Und frische Blumen, in gebauchten großen Krügen, standen in langen Zügen an der Wege Rand,
Und Blumentische schön, aus Steingefügen, reihten sich in den Garten tief hinein.
Zu hohen Gruppen scharten sich dort Palmen und Riesenfarne, die sich stolz dir zeigen;
Und stille Treppen laufen marmorweiß, darüber sich die Blumenhaufen neigen,
Als brauchte man die Marmorstufen, um immer höher hier im Glück zu steigen.
Doch manchmal brach das Schweigen furchtbar ab.
Die hellen Himmelstücke, in mancher Lücke zwischen Palmenzweigen, die wurden plötzlich schwarz wie Nacht,
In dürren Schäften hat es laut gekracht, und mit Geschwirr schoß, mit den Kräften von einem wilden Mann,
Ein schwarzer Vogel groß hervor, schlug wild um sich, mit Hast gleich einem, der vor Hunger rast;
Sein Schatten fällt von seinen schwarzen Flügeln wie eine Trauerlast. Im Weitergehen,
Im Dickicht, wirst du dann die weiße Wand von einem Turme sehen.
Denn mitten in der Blumen Feier und in dem Gartenland in finsteren Reihen um des Turmes Rand
Pechschwarze Geier kauern. Sie lauern, Kopf an Kopf, wie schwarzvermummte Menschen, um die Mauern.
Für jene Ungeheuer bringen Bombays Parsen, die zu der Sonne und zum Feuer beten,
Zum Futter ihre Leichen auf das Turmgemäuer.
Stets sitzt der Tod dort um das flache Dach mit seinem Geierhunger wach
Und läßt die Knochen kaum von grausiger Mahlzeit nach.
Die Knochen, die zerstäuben in der Tropensonne. Und zweimal fegen dann im Jahr die Tropenregen alle Türme vom Staube klar.
Den Parsen ist geboten, Luft, Erde, Wasser, Feuer von Leichen rein zu halten und zu schonen.
Darum sie ihren Toten in dem Garten hier Türme bauen, wo die Geier wohnen ganz allein,
Und diese unheimlichen Vögel müssen den Leichen Grab und Totengräber sein.

 

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