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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 65
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Lotos und Pest

In engen Gassen weiße Tempel lagen,
Die, wie die runde Frucht von einer Riesenananas, mit Wucht zum blauen Himmel ragen.
Auf allen Kuppeln walten, gleichwie Zwerge, Gestalten kleiner Götter, aufsteigend, wie auf einem weißen Berge.
Bei jedem Tempel ist ein Tempelteich, dort badet alt und jung und arm zugleich.
Sie fragen nicht: Ist dieses braune Wasser klar? Ihr Glaube wäscht sie wunderbar.
Sie tauchen ein und gehen rein aus diesen steifen Jauchen fort,
Vertrauen nicht zuviel auf alle Seifen und bauen auf der heiligen Bücher reinigend Wort.
Auch sind geheimnisvolle Zeichen an den Türen der Häuser, wo die Pest nie weicht,
Die aus den Tempelpfuhlen, als giftiger Schatten, den Reinen bis ins Haus nachschleicht.
Die Pest kann keinen hier erschrecken. Sie baden täglich, wie zum Fest,
Im Tempelteich, wo Lotoskelche weiß den Schwarzen Tod mit Blüten überdecken.
Die armen Indier sind, wie die Verliebten, reich, denen das Leben und das Sterben gleich.

 

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