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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 51
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Schiffswahnsinn

Sechs Tage ging es so noch hin durch Meer und Blau. Die Tage wurden mir so lang, als müßt' ich Jahre altern schon und würd' in meinem Sinn und meinen Haaren grau.
Seltsame Dinge mußte ich dabei erfahren, daß Schiffe Wesen, herrisch wie die Menschen waren.
Lebst du auf einem Schiffe Tag und Nacht, so hat es dich gar arg in seiner Macht.
Du wirst nicht sehr nach deiner eigenen Meinung mehr gefragt.
Es sagt: Du bist ein Narr, und keiner ihm zu widersprechen wagt.
Die Menschen stecken ihm in seinem Holz verschmolzen, wie Nägel in den Bolzen und den Planken;
Und Schiffe wollen Menschen zwingen zu tollen und erschreckendsten Gedanken.
Im Wandern, auf den schmalen Promenaden, entladen alle sich verstohlen die Gemüter bei tiefstem Atemholen.
Und Menschen reden da, wie sie gern schaden, und viele sich in Grausamkeiten baden;
Denn alle wachsen über Grenzen und Gewissen, vom Schiff tief ausgehorcht und fortgerissen.
Wohl jeden Morgen kam zu mir ein Trupp bejahrter Damen.
Stets ihr Gespräch nach einer Weile mit gleichem Wunsch anfing, daß einen alten Herrn, der harmlos um des Schiffes Schornstein spazieren ging,
Der Tod recht bald ereile.
Die Damen, die sonst keine Fliege töten könnten, gönnten dem Alten seine Tage nicht,
Weil ihnen, ach, ein Wunsch der Neugier an ihre Herzen stündlich sticht:
Wie wunderbar bei Mondscheinlicht im Meere ein wirklich Schiffsbegräbnis wäre!
Sonst hatten diese Damen auf Erden alles schon gesehen, nur dieser Todesfall, der sollte noch geschehen. –
Und andere, die taten einen andern harmlosen Menschen scharf ins Auge fassen,
Und sie begannen diesen einen wie eine Mißgeburt zu tadeln und zu hassen.
Sie maßen ihn mit Blicken wie mit Ruten, und möchten ihn gepeitscht am Fockmast bluten lassen.
Die Rassen stoßen auf den engen Treppen und in den Korridoren, mit Augen und mit Ohren, die verdammen,
Gereizt zehn Tage auf dem kleinen Raum zusammen, und alle Bitterkeiten einer Hölle müssen vor diesem Schiffswahnsinn erblassen.
Auf einem spätern Schiff, auf einem andern Ozean, erzählte mir ein Herr, stolz wie ein Hahn,
Wie er in Kanton sich für ein paar Pfund, vier Sträflinge mal ausgesucht und auch erstund.
Ich fragte, ob er sie auch freigelassen. Er lachte über alle Maßen:
»Wo denken Sie denn hin! Das Kopfabhauen wollt' ich mir mal für gutes Geld anschauen.
Ich ließ die vier in einer Straße niederknieen und klipp und klar und auf der Stell' das Köpfen schnell vollziehen.
Was meinen Sie, wie weit der Blutstrahl da aus manchem Rumpfe schoß? Dick wie ein Arm und weit im Bogen,
Wie eine halbe Schiffsläng' groß.« So schloß der Herr und hat mit seiner Hand einen gar weiten Kreis begeistert in die Luft gezogen.
Und vielen ging jetzt, unbemeistert, auf der Mund,
Sie sprachen gern im Schiffswahnsinn von ihrem Blutdurst jede Stund'.
Denn treibt man so zehn Tage durch gesalzte Flut und sieht nicht Welt und nicht Kultur
Und ist im Seeraum, unter Fischen, das einzige warme Wesen nur, tut man sich darauf was zu gut;
Rennt um den Mastbaum stets, zu wärmen sich, und aus Gesundheitswut,
Dünkt sich als Mensch von einer ganz besondern Brut und spricht gar laut vor allen Haien und den Stören,
Damit's die kalten, großen Fische hören, von seinem tadellosen heißen Blut.
Wohl stieg auch mir mein Blut hoch in die Krone, doch drängte es nach meiner Heimatzone;
Mein Blut wär' gern in weitem Bogen zu Füßen meiner Liebsten hingeflogen;
Denn kopflos macht erst recht die Liebe sehr, wie Beil und Meer.

 

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